Obwohl der Begriff “Feldforschung” sicher kein geschütztes Markenzeichen ist, war ich doch etwas enttäuscht, als ich in der Dissertation von Elinor Ostrom, die ja in letzter Zeit sehr für ihre Feldforschungen zu Allmenden gelobt und mit dem Nobelpreis geehrt wurde, danach suchte, wie sie ihre Feldforschung durchgeführt hat.
Ich habe bisher nicht viel über empirische Methoden in den Wirtschaftswissenschaften gehört und da ich in meiner Diplomarbeit zu kollektivem Handeln in VoKüs selber empirisch forschen möchte, dachte ich mir, dass mir die Dissertation einer feldforschenden Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften, bei der Planung meiner Untersuchung helfen kann.
Seltsamerweise konnte ich in der ganzen 628-seitigen Dissertation – einer Fallstudie zur Rolle öffentlicher Unternehmen bei der Verwaltung von Grundwasserbecken im südkalifornischen West Coast Groundwater Basin – nur einen einzigen Satz finden, der sich damit auseinandersetzt, worin ihre Feldforschungen bestehen und wie sie diese durchführt.
“The study was based primarily upon the use of documentary materials.”
Was mit “documentary materials” gemeint ist, bleibt dabei ziemlich unklar. Ich kann nur vermuten, dass sie Interviews, Zeitungsartikel, Gesetztestexte und teilweise von anderen Autoren verfasste Berichte über das West Coast Groundwater Basin meint. Ebenso mysteriös bleibt, wie sie dieses Material erhoben hat und wie sie damit umgeht. – Mein Prof. würde mich mit so einer winzigen Bemerkung zur Forschungsmethode wahrscheinlich durch die Diplomprüfung durchfallen lassen.
Ihre “Fallstudie” besteht darin, diese “documentary materials” widerzugeben, statistisch aufzubereiten, sowie in Untersuchungsanordnungen umzuformen in deren Rahmen dann weitere Experimente durchgeführt und statistisch ausgewertet werden.
Sie verliert kein Wort zum Problem der sozialen Erwünschtheit von Aussagen der von ihr interviewten Personen. Kein Wort zur Rolle des Forschers bei der Interaktion mit Zu-Erforschenden. Keine Reflexion darüber, ob und wie die Ergebnisse ihrer Arbeit durch die Art der Datenerhebung beeinflusst wurden.
Ein ähnliches Bild bot sich mir nach der Lektüre ihres fast schon zum Klassiker gelobten Buches “Die Verfassung der Allmende”. Ich konnte absolut keine Angaben dazu finden, wie sie die von ihr interpretierten Daten erhebt oder warum sie diese Daten auf diese und nicht auf jene Weise interpretiert.
In dem Buch “Soziologische Handlungstheorie: Eine Einführung Von Bernhard Miebach” wird die von Ostrom durchgeführte “Methode” sogar mit einem eigenen Namen geehrt – “Methode der empirischen Fallbeispiele” – allerdings ist damit weniger eine Methode gemeint, mit der man als Forscher Daten erhebt und analysiert, sondern eine Methode mit Daten in ein Modell eingefügt werden. Finde ich sehr problematisch, weil man dabei so tut, als ob Prozesse menschlichen Handelns vom Forscher völlig unbeeinflusst blieben.
Feldforscher mit denen ich mich bisher bekannt gemacht habe, setzen sich recht intensiv mit den Methoden auseinander, mit denen sie sich das Feld zugänglich gemacht und Daten erhoben haben (z.B. Munch, Chantal: Die Effektivitätsfalle. Bürgerschaftliches Engagement und Gemeinwesenarbeit zwischen Ergebnisorientierung und Lebensbewältigung).
Nicht dass ich Ostroms Arbeit klein reden will. Aber mir scheint, dass sich Feldforscher, die das Handeln von Menschen verstehen und erklären wollen – und ich denke mal, das ist Ostroms Anspruch als Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin -, auch mit diesen Menschen und deren Handeln und mit ihrer Rolle als Forscher, in der sie Menschen und Handeln beeinflussen, auseinandersetzen sollten. Schade, dass ausgerechnet eine Nobelpreisträgerin, die auch für ihre Feldforschungen ausgezeichnet wurde, auf dem Gebiet der Feldforschung so dünne Bretter gebohrt hat.
Falls ich da was übersehen habe, bitte in den Kommentaren ergänzen.
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