Nachrichten sind …

… wie Herrmann-Hesse-Gedichte für Leute die McDonalds-Filialen „Restaurant“ nennen.

Sonntag Nachmittag, schön bequem auf meinem roten Küchensofa, ich mache eine Übung aus Pat Pattisons Lehrbuch „Songwriting without boundaries“. Es geht um das Bilden von Metaphern, im konkreten Fall um das Finden von Eigenschaften die typisch für einen Polizisten sind; im Anschluss muss ich Dinge finden, die diese Eigenschaften teilen.
Ich überlege gerade, was eine Gnu-Mutter neben ihrer Opferbereitschaft mit einem Polizisten gleich haben könnte, als die Radio-Nachrichten aus dem Hintergrund zu einem unangemeldeten und ungelegen kommenden Kurzbesuch bei meinem Grübeln einfallen und mir klar wird: Diese Nachrichten fassen mehr Metaphern als jedes Herrmann-Hesse-Gedicht: Platzende Gespräche, ergriffene Macht, angerichtete Blutbäder, Aufschwünge, Rücktritte, Verschleppungen und das Alles im Sekundentakt.

Das hat mich ein bisschen überrascht … Metaphern dienen beim Songwriting oft dazu, von dem oft genug banalen Fall („Ich liebe sie und sie liebt mich nicht.“) abzulenken, und die Zuhörer mit Hilfe zusätzlicher Bilder emotional an die Geschichte zu binden. Ich vermute also jetzt, dass Journalisten primär gar nicht informieren, sondern gehört und gelesen werden möchten. Stimmt das?

Lustig? Traurig? – Wissenschaftlich!

Glaubensfragen – Was passiert, wenn Wissenschaft, die zur Lösung innerstädtischer Nutzungskonflikte beitragen soll, mehr Fragen aufwirft, als sie beantworten kann?

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Die letzten Nebelschwaden auf der Hufewiese. Foto: Hufewiesen Trachau e.V.

Die Eigentümer der Hufewiesen in Dresden-Trachau, die MBG Trachau GmbH & Co KG., haben neulich vor geladenen Journalisten und Politikern im exklusiven Hotel Steigenberger am Dresdner Neumarkt eine Studie zu ihrem 10 Hektar großen und seit zwei Jahren gesperrten Stück Grün vorgestellt.1 Dazu gereicht wurden Getränke und Kanapees.

In der Studie kommt man nun zu Ergebnissen, die einer Untersuchung vom Januar 2014 zu eben jener Hufewiese stark widersprechen. Während beispielsweise die vom Verein Hufewiese Trachau e.V. durchgeführte Januarstudie herausgefunden hat, dass nur 2% der Dresdner Bürger für eine Bebauung der Hufewiese sind, kommt nur wenige Monate später der Eigentümer zu dem Ergebniss, dass 67% der Elbestädter für eine Bebauung der Fläche sind.

Die Studie des Vereins Hufewiese Trachau konstatiert:

„Die Menschen sehen mit deutlicher Mehrheit die Hufewiesen als eine grüne Oase an. Nur 2% aller Befragten konnten sich eine Bebauung vorstellen. Viele möchten, daß die Hufewiesen wieder so werden wie vor der Absperrung. Das betonte immerhin jeder Vierte – ohne Aufforderung durch die Fragestellung in der Umfrage!“2

Wohingegen die neue, von infratest dimap durchgeführte, Studie so interpretiert wird:

„Die Dresdener Bürger haben über die Zukunft der Hufewiesen, der ca. 11 Hektar großen, ehemals landwirtschaftlichen Fläche mitten in Dresden-Trachau mit großer Mehrheit entschieden: Exakt zwei Drittel der Befragten, die eine Angabe machten, wollen eine Bebauung der Fläche mit vorrangig günstigem Wohnraum, viel offenem Grün und wenig Gewerbe.“3

Die Eigentümer der Wiese und die Vertreter der Anwohner haben hier beide viel Geld, Nerven, Hirnschmalz und Arbeit in die Durchführung zweier vermeintlich objektiver Studien gesteckt: Sozialwissenschaftler haben monatelang konzipiert, befragt und ausgewertet und jetzt: The drugs don’t work! Beide Studien kommen zu gegenteiligen Ergebnissen.

Soll man die Diskrepanz zwischen den Ergebnissen nun bloß lustig oder auch ein bisschen traurig finden? – Ich finde sie wissenschaftlich, denn beide Studien liefern ein schönes Beispiel für die von Karin Knorr-Cetina postulierte These, daß die Produkte der Wissenschaft durch die indexikalische Logik ihrer Erzeugung gezeichnet sind. Das heißt, das Forschungsergebnisse durch die beim Forschungsprozess wirksam werdenden persönlichen Präferenzen, Bequemlichkeiten, Ergebniserwartungen, Arbeitslogiken und Vorstellungen der beteiligten Personen geformt wird.4

Mit anderen Worten: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass wissenschaftliche Studien zu Ergebnissen kommen, die viel über die an ihrer Erstellung beteiligten Personen verraten, möglicherweise mehr als über die von ihnen untersuchten Gegenstände. Kein Wunder – unter diesen Umständen:

Um noch schnell zur Ausgangsfrage zurückzukommen:

Was passiert denn nun, wenn Wissenschaft, die zur Lösung innerstädtischer Nutzungskonflikte beitragen soll, mehr Fragen aufwirft, als sie beantworten kann? – Im Falle des Streites um die Hufewiesen in Dresden Trachau machen sich einige der am Konflikt beteiligten Gruppen nun gegenseitig ihre Statistiken madig. Wissenschaft hat hier nicht zu einem Ende des Konfliktes geführt, sondern zu einer Erhöhung des Abstraktsionsniveaus auf dem der Streit geführt wird.

Und um ehrlich zu sein: vermutlich kam es keiner der beiden Parteien mit ihrer Studie drauf an, den Streit zu beenden. Ziel dürfte viel mehr gewesen sein, im Streit um die künftige Nutzung der Trachauer Hufewiesen Deutungshoheit zu gewinnen.

Mit der neuen Studie haben die Eigentümer nun ausgeglichen.

  1. Die Hufewiese an sich ist 14 Hektar groß, der MBG Trachau GmbH & Co KG. gehören davon 10 Hektar. []
  2. Fett im Original. 03.02.2013: Ergebnisse der Umfrage Hufewiese Trachau e.V. []
  3. 17.06.2014 Zwei-Drittel aller Dresdener wollen Bebauung der Hufewiesen In: DEAL, das „Wirtschaftsmagazin rund um Real Estate, Investment und Finance“ []
  4. Eine ausführlichere Zusammenfassung ihrer These findet sich hier auf den Seiten 4-9: www.boag-online.de/pdf/boagap07.pdf []

Bedeutungsgeschichten erzählen

Ich gehe gerade ziemlich auf Etymologie fest. Erstens, weil sie oft sehr unterhaltsam ist. Wem ginge angesichts einer Volksetymologie, wie der des Wortes „Fisimatenten“ nicht das Herz auf?

„Als Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts weitgehend unter französischer Besetzung stand, versuchten die in Berlin stationierten französischen Soldaten immer wieder, deutsche Mädchen zum ‚Zeitvertreib‘ in ihr Lager zu locken, z. B. mit der Einladung: «Visitez ma tente» (dt. „Besuchen Sie mein Zelt.“). Stand also abendlicher Ausgang an, wurde den jungen Frauen von ihren Müttern gerne ein ‚mach‘ aber keine Fisi ma tenten‘ mit auf den Weg gegeben“1

Dr. Rolf-Bernhard Essigs Erklärung auf dem SWR, wie das Wort „Fisimatenten“ aus seiner Sicht entstanden, ist, klingt nicht ganz so spannend, ist aber auch noch ganz okay:2

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Neben einer unterhaltenden Wirkung kann Etymologie und ihr großer Bruder die Diskursanalyse jedoch auch zu mehr (Deutungs-)Macht führen. Gerade habe ich dazu etwas gefunden, das mir sehr plausibel erscheint:

„Die Aufhellung der Bedeutungsgeschichte eines Wortes ist deshalb auch eine Aufhellung des Zusammenhanges seiner gegenwärtigen Bedeutungsmöglichkeiten. Die Verfügung über einen historischen Raum sprachlicher Artikulationen bedeutet daher zugleich Verfügung über eine präsente Bedeutungsvielfalt wie die Möglichkeit, vergangene Bedeutungen wieder aus der Latenz zu heben und zu gegenwärtigen Bedeutungsmöglichkeiten zu machen“3

Gar nicht auszudenken, wie viel Deutungsmacht ich bekomme, wenn ich meine Diskursanalysetools anwerfe, um die ökonomische Versautheit der Wörter „Kompetenz“ oder „Lebenslanges Lernen“ aufzudecken. Haarr harr harr …. (Das Lachen ist nur zum Teil ironisch gemeint. Ich kann mir tatsächlich vorstellen, dass eine gut gemachte Diskursanalyse der Begriffe „Kompetenz“ oder „lebenslanges Lernen“ öffentliche Diskussionen anstoßen kann.)

P.S. Ich kann mich noch an die ersten Olympischen Spiele erinnern, an der Tennis-Profis teilnehmen durften. Das war wahrscheinlich Südkorea 1988. Ich hatte das Wort „Profis“ damals beim Fernsehen am Abendbrottisch zum ersten Mal gehört. Wahrscheinlich auf mein Nachfragen erklärte mir mein Vater, dass Sport-Profis Leute sind, die für Geld Sport machen. Obwohl meine Eltern nicht besonders kommunistisch oder in der SED waren, hat das Wort „Profi“ durch diese Erklärung von vor 20 Jahren eine immer noch mitgefühlte abwertende Bedeutung für mich. Meine Helden können auch heute selbstverständlich nur aus den Reihen der echten Amateure stammen.
Im allgemeinen Sprachgebrauch jedoch scheint mir „Amateur“ heute ein Schimpfwort zu sein (Anfänger, zweitklassig) und die positiven Konnotationen von Profi (Kenner, zuverlässig) scheinen zu überwiegen.

Oh Mann: ein biographisch-etymologisches Wörterbuch voller Geschichten, darüber, wann und unter welchen Umständen Leute welches Wort zum ersten Mal gehört haben und wie sie es sich erklärt haben, oder erklärt bekommen haben – das wäre toll!

  1. so ähnlich bei Wikipedia/Fisimatenten []
  2. http://www.swr.de/blog/1000antworten/antwort/11969/%E2%80%9Emach-keine-fisimatenten-woher-kommt-der-ausdruck/ []
  3. Stierle (1979) Historische Semantik und die Geschichtlichkeit der Bedeutung. „S. 167 []

Bildgebende Textanalysen

Oder
Wie ich um zwei Ecken plötzlich die Weather Girls verstand

Wem es schwer fällt, in Texten enthaltene Begriffe, Konzepte oder Themen nach Bedeutungen zu filtern, zu sortieren oder zu ordnen, weil (aus irgend einem Grund) irgendwie alles gleich bedeutend oder unbedeutend zu sein scheint, dem könnte es helfen, unter der Oberfläche von Texten nach verdeckten und möglicherweise tieferen Bedeutungen zu suchen. Genau für solche Sherlock-Holmesiaden habe ich gerade einen kleinen Werkzeugkasten entdeckt. Der heißt „Voyant tools“ und kann dabei helfen, Texte zu analysieren um Strukturen, Deutungsmuster oder irgendwie anders interessantes Zeug rauszufinden. Ich weiß noch nicht so recht, wie nützlich mir diese Werkzeuge bei meiner Arbeit im Bereich E-learning werden können, habe aber schon festgestellt, dass es Spaß macht, damit rumzuspielen.

So habe ich mit dem „Collocate Cluster“ – einem der Werkzeuge der „Voyant tools“ – mal meinen letzten Blog-Artikel „Häusliche Gewalt“ analysiert und kam zu dem überraschenden Ergebnis, dass es darin hauptsächlich um eine Person ging:

Was macht das Werkzeug? Es stellt die Wörter eines Textes so dar, dass man erkennen kann, Continue reading

Interdisziplinär – yeah yeah yeah!

Bei einer Podiumsdiskussion werden meine KollegInnen und ich heute vermutlich etwas über unser Verständnis von Interdisziplinarität erzählen. Ich muss zugeben, dass meine bisherige Vorstellung von „Interdisziplinarität“ (nämlich: viele Köche scheitern an der Zubereitung eines zähflüssigen Gerichtes) eher von einer leichten Skepsis gegenüber diesem Konzept gekennzeichnet ist. Auch fiel mir gestern beim Überlegen, wie ich meine momentane Arbeit in einem interdiziplinären Projekt beschreiben kann, der Begriff „Interdisziplinarmaßnahme“ ein – alles eher Besorgnis erregende Zeichen für einen Interdisziplinauten in spe.

Also habe ich mich hingesetzt und überlegt, was so toll an der Interdisziplinarität ist.

Bei der Suche nach Berichten von gelungenen interdisziplinären Projekten fiel mir zunächst das Märchen „Sechse kommen durch die ganze Welt“ ein, in dem es einer Gruppe von fünf Spezialisten unter Anleitung eines selbst ernannten Chefs gelingt, ihre Fähigkeiten – jede für sich zwar interessant und bei „Wetten, dass…“ abräumverdächtig, aber für sich genommen relativ nutzlos – so zu bündeln, dass es ihnen gelingt, einen König zu ihren Gunsten zu enteignen. Möglicherweise geht dieses Märchen auf Motive der Argonautensage zurück1, fest steht, dass es auch den Argonauten nur Dank der Spezialkräfte einzelner Gruppenmitglieder gelang, ihre Abenteuer zu bestehen.

Blechmann, Scheuch, Dorothy und Löwe (v.l.n.r.) - stark im gemeinsamen Kampf gegen das Böse - ein Beispiel gelungener Interdisziplinarität. Copyrighthinweise auf: http://bit.ly/USPl5x

Doch auch in der zeitgenössischen Popkultur werden immer wieder Geschichten über gelungene Interdisziplinarität erzählt: die Fantastischen Vier, die X-Men, Asterix und Obelix oder die in der DDR beliebten Comics Die Digedags und Die Abrafaxe. In den beiden Ost-Comics wurde zwar weniger auf spezielle Fähigkeiten, als auf besondere Charaktereigenschaften gesetzt,2 aber auch hier sind es genau diese, manchmal auch negativen Eigenschaften, welche, so sie im richtigen Momenten auf geschickte Art und Weise gebündelt werden, zu Erlösung und allgemeinem Glück führen. Und wie diese Comics so zeugen auch die Abenteuer der Helden von Kinderbüchern wie „Der Zauberer von Oz und dessen sowjetische Nach- und Weiterdichtung „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ oder ausgewachsene Romane wie Die drei Musketiere von geglückter Interdisziplinarität. Und was wäre Star-Trek ohne sein Universum seltsamer Spezien, die sich zusammenfinden und ihre Stärken gegenseitig verstärken?

All diesen Geschichten ist gemein, dass es den Experten gelingt, ihre Partikularinteressen zu Gunsten einer guten Sache zu vergessen und im richtigen Moment ihre Spezialfähigkeiten  zu einer Superkraft zusammenzufügen (Synergie, ick hör Dir trapsen) und so dem anfangs scheinbar übermächtigen Bösen den Garaus zu machen.

In diesen Fantasien werden Probleme der Gruppendynamik selten explizit thematisiert, aber außerhalb dieser Mythen stellt sich Interdisziplinarität nur selten automatisch ein. Selbst wenn Spezialisten die Gelegenheit bekommen, miteinander zu arbeiten, scheint es eine Frage der Organisation zu sein, die, soziologisch betrachtet, sozialen Dilemmata gemeinsam handelnder Menschen zu umgehen. Ich vermute, dass solche Dilemmata auch in interdisziplinären Forschungsprojekten auftreten können, die, wenn sie nicht gestellt werden, eher zu einem Nebeneinander oder im schlimmsten Fall zu gegenseitigem Blockieren führen können.

Es wäre lustig ein Superhelden-Comic zu entwerfen, in dem sich die Helden die ganze Zeit gegenseitig in Schach halten, weil jederR die/der/das OberheldIn sein möchte und es ihnen so eben nicht gelingt, ihre je eigenen Fähigkeiten zum Nutzen des großen Ganzen einzusetzen. Logisch, dass die Welt am Ende dieser Geschichte ex- und implodiert und zwar weil sie gleichzeitig pulverisiert, tiefgekühlt und überhitzt wird.

Aber, ich wollte ja nicht schwarz sehen. Also: Es gibt ja auch eine ganze Armada von interdisziplinären Projekten mit mittelmäßigem Erfolg. Beispielgebend möchte ich auf die Travelin Wilburies verweisen, eine Band die sich aus den besten Songschreibern, Gitarristen, Sängern und Produzenten der Popmusik zusammensetzte und einfach nur so Lala-Musik gemacht hat.

Naja, es scheint, als würde mich die Vorstellung interdisziplinär zu Arbeiten immer noch nicht 100%ig euphorisch machen.  Mal sehen wie es nach der Podiumsdiskussion aussieht.

 

UPDATE vom Tag danach:

Interdisziplinär – das ist eine Mär

Interdis-Simulanz erstrahlt in hellem Glanz

 

  1. behauptet an dieser Stelle jedenfalls das Märchenlexikon der edition amalia []
  2. Ist die Abschwächung von Expertentum ein Zugeständnis der  Comic-Autoren an Denkmuster oder -vorgaben kollektivistischer Gesellschaftsordnungen? []