Obdach

Das hätte ich beim gestrigen Schreiben des Artikels „Obacht“ nicht gedacht, was mich heute früh unter der Dresdner Marienbrücke überrascht: ein ehemaliger Mitbewohner lag im Schlafsack verpackt auf einer Iso-Matte keine zwei Meter neben dem Elbradweg. Er sah verdammt verwildert aus. Ich habe mich vorbeigemogelt, hoffe unentdeckt geblieben zu sein.

Was hätte ich sagen sollen? Zufällige Begegnungen und Gespräche mit ihm, von denen es in den letzten fünf Jahren etwa zwei gab, waren nicht unangenehm, aber doch geprägt von seiner besonderen Weltsicht. Ich wusste, dass er immer mal wieder ohne festen Wohnsitz ist.

In dem Moment am Elbradweg wäre es ja sicher nicht auf die Qualität der Gesprächsführung angekommen, aber ich hab absolut keine Idee, worauf es angekommen wäre. Mich ballert sowas einfach weg. Mist.

Häusliche Gewalt

Mm…. letzte Woche bin ich Ohren-Zeuge häuslicher Gewalt geworden. Anfangs dachte ich, da reißt jemand eine Wand raus. Dann wurde aber auch noch geschrien, so dass ich mitbekam, dass da jemand über jemand anderen herfällt und auch weswegen.

Bisher habe ich sowas noch nie so intensiv miterlebt, jedenfalls hatte ich weder Kraft, noch Mut oder Phantasie einzugreifen. Ich vermute, das lag vor allem daran, dass ich sehr über die m.E. ungewöhnliche Verteilung der Geschlechterrollen bei diesem Zwischenfall irritiert war: Wäre es die Frau gewesen, die Dresche bekommen hätte, wäre ich (da bin ich mir relativ sicher) aktiv geworden.

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Let’s translate – Heute: “Adam Curtis – The Century of the Self” #3 und Ende

Es ist geschafft: Die deutschsprachigen Untertitel für „The Century of the Self“ – Adam Curtis‘ spannende Doku über Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg der Psychologie in Politik und Wirtschaft – sind fertig. Zwar haben Brigitte, David, Sebastian und ich die Wörterbücher schon vor einem halben Jahr bei Seite gelegt, aber das Probelesen hat noch etwas gedauert und dann mussten die Texte noch ein paar Monate auf meinem Desktop reifen.

Die Untertitel sind hier zu finden und die dazugehörigen Filme findet man dort, bei archive.org.1
Hat man beides (entpackte Untertitel als *.ssa-Datei und Filme als z.B. *.avi) auf dem Rechner, kann man wie folgt vorgehen um die Untertitel mit dem Film abzuspielen:

  • Videodatei (z.B. *.avi) und die Untertiteldatei (*.ssa) in den selben Ordner legen;
  • der Untertiteldatei den selben Namen geben, wie der Videodatei (bis auf die Dateiendung)
  • die Videodatei mit VLC öffnen,
  • die Untertitelspur in VLC öffnen mit dem Menü: „Video“ -> „Untertitelspur“ -> „Datei öffnen…“

Noch zwei Infos zur legalen Situation:

  • Obwohl die Doku auf Archive.org als Creative Commons lizenziertes Werk gekennzeichnet ist2, liegen die Rechte der Serie, die geistiges Eigentum von Adam Curtis ist, bei der BBC. Da diese die Filme nicht unter eine CC-Lizenz gestellt hat (und das auch niemand anderes tun kann) ist es illegal, Untertitel für diese Serie anzufertigen und hier zur Verfügung zu stellen.3
  • Für die Darstellung der Untertitel habe ich die Schriftart Kaffeesatz genutzt. Diese großartige Schrift hat der Typograph Yanone geschaffen und unter der SIL Open Font License veröffentlicht.

Danke nochmal an Brigitte, Sebastian und David, die mit mir zusammen übersetzt, gegrübelt und koordiniert haben.

  1. Es gibt auch andere Versionen der Filme (geringfügig länger oder kürzer), allerdings stimmen die mit der Länge der hier zur Verfügung gestellten Untertitel nicht überein. []
  2. z.B. hier als CC-BY-NC-SA oder hier als CC-BY-NC-ND []
  3. Eine ausführliche und relativ nachvollziehbare juristische Begründung findet sich hier []

Let’s translate – Heute: „Adam Curtis – The Century of the Self“

Ich halte Adam Curtis für einen gleichermaßen durchtriebenen wie genauen Dokumentarfilmer. Seine Filme sind mir immer wieder willkommene Steine des Anstoßes und ich würde seine vierteilige BBC-Serie „The Century of the Self“ (2002) nun gerne mal mit deutschen Untertiteln (ver)sehen. Die englische Origninalserie ist bei archive.org stream- und downloadbar und die englischen Untertitel gibt es hier im SRT-Format.

Was ich jetzt tue ist Folgendes: … Continue reading

VoKüs als Antwort auf die Krise des Wohlfahrtsstaates?

Resümee des ersten Kapitels meiner Diplomarbeit zum Thema „Kollektives Handeln in VoKüs“:

What the fridge sind VoKüs?

In ihrem Wirken könnten Volxküchen auf den ersten Blick eine etwas chaotische Ergänzung oder Konkurrenz zu den Suppenküchen darstellen, einer Einrichtung der Wohlfahrt, in denen sogenannte Bedürftige für wenig Geld eine warme Mahlzeit bekommen können.
Auch zu den meist in pulsierenden Stadtvierteln großer Städte gelegenen Suppenbars, welche Suppe für etwa 3 bis 5 Euro verkaufen, ließe sich über die Suppenküchen eine Verbindung zu den Volxküchen herstellen.
Während Suppenküchen jedoch in der Regel von klassischen Institutionen der Wohlfahrt wie der „Volkssolidarität“, der „Caritas“, der „Arbeiterwohlfahrt“ oder kleineren Institutionen, wie Klöstern, Kirch- oder Stadtgemeinden betrieben werden und somit von staatlichen, kirchlichen oder kommunalen Förderungen abhängig sind und Suppenbars marktwirtschaftlich arbeitende Privatunternehmen darstellen, scheinen Volxküchen – geschrieben mit „x“ – weder von staatlichen noch marktwirtschaftlichen Einflüssen und Prinzipien geleitet zu sein.
Vielmehr scheint es das freiwillige Engagement und der Spaß junger Leute einer bestimmten Szene oder Subkultur zu sein, denen die Existenz und die Form dieser Nahrungsversorgung zu verdanken ist.
Mit den warmen Mahlzeiten, die in Volxküchen für ein geringes Entgelt verkauft werden, gelingt es somit scheinbar unabhängig von staatlichen, kirchlichen oder privaten Fördergeldern etwas herzustellen, das zumindest vom Aspekt des Nährwertes und Preises betrachtet mit Produkten der Wohlfahrt vergleichbar ist.

Was hat Sozialpädagogik damit zu tun?

Der Staat scheint sich seit einiger Zeit verstärkt aus der Organisation des Sozialen und der Wohlfahrt zurückzuziehen. Die freiwerdenden Räume werden scheinbar zunehmend von Anbietern gefüllt, die privatwirtschaftlich organisiert sind, oder von öffentlichen Einrichtungen, die sich nach mehr und mehr marktwirtschaftlichen Werten und Prinzipien orientieren. Dabei wird Soziale Arbeit zunehmend verwickelt in eine zunehmend an Kraft gewinnende Kommodifizierung (d.h. in ein zur Ware-Machen von bisher nicht Warenförmigem) des Sozialen. Effizienz, Qualitätsmanagement, Kostensenkung etc. sind Begriffe die in diesem Rahmen in der Sozialen Arbeit an Bedeutung zu gewinnen scheinen.

Einige der in Praxis und der Theorie der Sozialen Arbeit beschäftigten Menschen beklagen diese Entwicklung, die aus ihrer Perspektive zu einer Privatisierung und Re-Familiarisierung gesellschaftlicher Probleme,1 einer Spaltung der Gesellschaft und einem damit verbundenen Ausschluss von Menschen führt, die den Zugang zu Arbeit, Ressourcen und Partizipation verlieren.2 Soziale Arbeit und Pädagogik scheinen sich dabei immer stärker an organisatorischen Anforderungen und Interessen zu orientieren, als an denen von Menschen3 sowie „zu einem Erfüllungsgehilfen konkurrierender Wachstumsphantasien individueller Lebensläufe“ zu werden.4 Ebenso scheint Soziale Arbeit ihrem Anspruch nicht mehr gerecht zu werden, aus dem kapitalistischen System Herausgefallene zu unterstützen5 und sogar, ihre grundlegenden Aufgaben wie Schutz und Ausbau der Menschenrechte aufzugeben und dabei ihre Fähigkeit zu opfern, sich mit ihren zentralen Fragen zu beschäftigen.6 Teilweise trägt Soziale Arbeit in diesem Prozess sogar zur Verdrängung von so genannten Randgruppen aus bisher öffentlichen und zunehmend privatisierten Räumen bei.7

So what?

Da sich der Staat aus der Schaffung von Wohlfahrt und Sozialer Arbeit also zurückzuziehen scheint und nur noch lenkt, wie andere Wohlfahrt und Soziale Arbeit organisieren (man spricht davon, dass der Staat nicht mehr rudert, sondern nur noch am Steuer steht) und einige Autoren die zunehmende Ausrichtung von Wohlfahrt und Sozialer Arbeit an marktwirtschaftlichen Prinzipien als problematisch empfinden, gibt es Überlegungen Soziale Arbeit und Wohlfahrt unabhängig von Staat und Markt zu organisieren.

Interessant!

Ein Resultat dieser Überlegungen ist das Nachdenken über und Schaffen von Wirtschafts- und Lebensformen, die unabhängig vom Staat und nicht nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionieren. Genannt werden diese Ansätze u.a. solidarische Ökonomie,8 Gemeinwesenökonomie,9 alternative Ökonomie,10 oder lokale Ökonomie11.
Die Autoren erhoffen sich von diese Ansätzen, dass Wirtschaften in anderem Maße zu einer anderen Art von Wohlstand beitragen kann, als das im Rahmen der Marktwirtschaft möglich zu sein scheint. Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie die von Markt und Staat produzierten Mängel und Schwächen in der Sicherung des Sozialen zu bewältigen versuchen, indem sie nach nicht vom Staat vorgegebenen und nicht-marktwirtschaftlichen Prinzipien zu funktionieren trachten.
Für Kunstreich z.B. stellen Sozialgenossenschaften eine Möglichkeit dar, „das Ökonomische vom Sozialen her zu denken“,12 d.h., von der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen individuelle und kollektive Verfügungsmacht über Ressourcen zugänglich zu machen, die ihren Ausschluss aufheben und zwar auf eine Art und Weise, die „nicht mit dem Zwang zu hegemonialer ’Normalität’ verbunden sind, sondern die soziale Eigensinnigkeit dieser Menschen und ihre Teilhabe an den universellen Rechten sichern.“13
Weitere Beispiele solcher nicht-staatlich und nicht-marktwirtschaftlich organisierter Lebens- und Wirtschaftsformen sehen die Autoren in Genossenschaften, wie z.B. in der Trierer „Wohnungsgenossenschaft Am Beutelweg“ oder der weltgrößten Genossenschaft Mondragon.

Die ZENTRALE Frage

(Trommelwirbel) Die zentrale Frage die sich mit diesen nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaflichen Wirtschaftsformen verbindet, ist: Was lässt sie gelingen und was lässt sie scheitern? Die empirischen Untersuchungen dazu sind recht dünn, bzw. nicht vorhanden.14 Was schade ist, da es für ein paar Leute vielleicht interessant wäre zu wissen, warum denn jetzt dieses oder jenes Projekt an den Baum gegangen ist.
Für mich heißt das: VoKüs als eine Form der selbstorganisierten, nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Ökonomie zu betrachten und versuchen herauszufinden, was VoKüs gelingen lässt und unter welchen Bedingungen sie scheitern.

Wie soll das gehen?

Um herauszufinden wie und warum solche Formen der selbstorganisierten, nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Ökonomien scheitern bzw. gelingen, sollen VoKüs

  1. unter dem Gesichtspunkt von Mancur Olsons „Logik des kollektiven Handelns“15 und
  2. unter dem Aspekt der Analyse von Allmenderessourcen wie sie von Elinor Ostrom diskutiert wird16

betrachtet werden.

Mit anderen Worten

Um herauszufinden wie VoKüs in Zeiten eines sich zurückziehenden Wohlfahrtsstaates als eine Form der selbstorganisierten nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Form sozialer Sicherung funktionieren, betrachte ich VoKüs als Resultat kollektiven Handelns und als Allmende. Mit den Modellen dieser beiden Ansätze hoffe ich das Scheitern bzw. Gelingen von VoKüs und damit auch von unabhängig von Markt und Staat funktionierenden Wirtschaftsformen erklären zu können. Wäre toll, wenn dabei was rauskäme, was auch für Leute die VoKüs machen oder machen wollen interessant ist.

  1. vgl. Notz, Gisela. 2009. Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen. In: Kessl, Fabian und Otto, Hans-Uwe (Hrsg.), Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven. Weinheim und München: Juventa Verlag. []
  2. Thiersch, Hans. 2002. Positionsbestimmungen der Sozialen Arbeit : Gesellschaftspolitik, Theorie und Ausbildung. Edition Soziale Arbeit. Weinheim: Juventa-Verlag. S.22 []
  3. vgl. Herrmann, Peter. 2005. Social Services under economic threat. Pages 215–225 of: et. al. [Hrsg.] Thole, Werner (Hrsg.), Soziale Arbeit im öffentlichen Raum : Soziale Gerechtigkeit in der Gestaltung des Sozialen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.215 []
  4. Böhnisch, Lothar, & Schröer, Wolfgang. 2001. Pädagogik und Arbeitsgesellschaft : Historische Grundlagen und theoretische Ansätze für eine sozialpolitisch reflexive Pädagogik. Weinheim und München: Juventa Verlag. S.173 []
  5. vgl. Notz (2009) S.207 []
  6. Elsen, Susanne. 2007. Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag, Weinheim und München. S.11 []
  7. Simon, Titus. 2006. Öffentlichkeit und öffentliche Räume – wem gehört die Stadt? []
  8. Notz, Gisela. 2009. Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen. In: Kessl, Fabian und Otto, Hans-Uwe (Hrsg.), Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven. Weinheim und München: Juventa Verlag. []
  9. Elsen, Susanne. 2007. Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag, Weinheim und München. []
  10. Daviter, Jürgen. 1995. Alternative Ökonomien und Kollektivgüter. In: Flieger, Burghard (Hrsg.), Gemeinsam mehr erreichen : Kooperation und Vernetzung alternativökonomischer Betriebe und Projekte. Beiträge zur Demokratieentwicklung von unten ; Materialien der AGSPAK ; 123. München: AG-SPAK-Bücher. []
  11. Sahle, Rita (Hrsg.). 2001. Lokale Ökonomie : Aufgaben und Chancen für die soziale Arbeit. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit ; 8. Freiburg i. Br.: Lambertus. []
  12. Kunstreich, Timm. 2006. Klientin – Kundin – Nutzerin – Genossin?!
    Pages 241–259 of: Böllert, Karin [Hrsg.] (Hrsg.), Die Produktivität des Sozialen – den sozialen Staat aktivieren : Sechster Bundeskongress Soziale Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.250 []
  13. ebd. []
  14. vgl. Notz S.218f. []
  15. Olson, Mancur. 1998. Die Logik des kollektiven Handelns – Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen. Tübingen: Mohr Siebeck. []
  16. Ostrom, Elinor. 1999. Die Verfassung der Allmende : jenseits von Staat und Markt. Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften ; 104. Tübingen: Mohr Siebeck. []