Alimentäre Praxen

In letzter Zeit wurde ich per E-Mail ab und zu von mir unbekannten Studierenden nach meiner Diplomarbeit gefragt. Okay, es war seit Anfang des Jahres drei Mal.

Viele der Anfragenden (um genau zu sein: zwei) haben einen Hintergrund im Bereich der Sozialen Arbeit und versuchen die Idee der Commons für die Soziale Arbeit nutzbar zu machen. Das freut mich, da ich die Auseinandersetzung mit Gemeingütern in der Sozialen Arbeit für eine wichtige Sache halte. Noch mehr freuen mich diese Anfragen, weil ich in meiner Diplomarbeit durch empirisches Arbeiten zeigen konnte, dass Gemeingüter, deren Diskurs sehr stark durch die Wirtschaftswissenschaft geprägt ist, nicht das non plus Ultra des sozialen Denkens darstellen, sondern, dass Gemeingüter eine wirtschaftswissenschaftlich geprägte Form des Denkens und Sprechens über Soziales darstellen, neben denen viele andere Formen des Denkens und (Nicht-) Sprechens existieren, (Kunst, Soziales, Wahnsinn, politischer Aktivismus, Punk … ) die jedoch mitunter durch wirtschaftliches Denken und Sprechen (z.B. Denken in Gemeingütern, Sprechen über Gemeingüter) kolonisiert werden.

Gerne würde ich meine Diplomarbeit hier veröffentlichen, um den Informationsbeschaffungsaufwand für Neugierige und Interessierte gering zu halten. Bisher habe ich mich allerdings gescheut, das zu tun, weil es trotz Anonymisierung möglich ist, Rückschlüsse auf meine Untersuchungsgegenstände zu ziehen und mir meine Paranoia sagt, dass es da draußen Leute geben könnte, die diese Informationen aus politischen Gründen nutzen.

Damit das nicht passiert und vielleicht dennoch ein bisschen klar wird, worum es in der Arbeit ging und was rauskam, möchte ich hier ein kurzes Essay veröffentlichen:

Continue reading

Interdisziplinär – yeah yeah yeah!

Bei einer Podiumsdiskussion werden meine KollegInnen und ich heute vermutlich etwas über unser Verständnis von Interdisziplinarität erzählen. Ich muss zugeben, dass meine bisherige Vorstellung von „Interdisziplinarität“ (nämlich: viele Köche scheitern an der Zubereitung eines zähflüssigen Gerichtes) eher von einer leichten Skepsis gegenüber diesem Konzept gekennzeichnet ist. Auch fiel mir gestern beim Überlegen, wie ich meine momentane Arbeit in einem interdiziplinären Projekt beschreiben kann, der Begriff „Interdisziplinarmaßnahme“ ein – alles eher Besorgnis erregende Zeichen für einen Interdisziplinauten in spe.

Also habe ich mich hingesetzt und überlegt, was so toll an der Interdisziplinarität ist.

Bei der Suche nach Berichten von gelungenen interdisziplinären Projekten fiel mir zunächst das Märchen „Sechse kommen durch die ganze Welt“ ein, in dem es einer Gruppe von fünf Spezialisten unter Anleitung eines selbst ernannten Chefs gelingt, ihre Fähigkeiten – jede für sich zwar interessant und bei „Wetten, dass…“ abräumverdächtig, aber für sich genommen relativ nutzlos – so zu bündeln, dass es ihnen gelingt, einen König zu ihren Gunsten zu enteignen. Möglicherweise geht dieses Märchen auf Motive der Argonautensage zurück1, fest steht, dass es auch den Argonauten nur Dank der Spezialkräfte einzelner Gruppenmitglieder gelang, ihre Abenteuer zu bestehen.

Blechmann, Scheuch, Dorothy und Löwe (v.l.n.r.) - stark im gemeinsamen Kampf gegen das Böse - ein Beispiel gelungener Interdisziplinarität. Copyrighthinweise auf: http://bit.ly/USPl5x

Doch auch in der zeitgenössischen Popkultur werden immer wieder Geschichten über gelungene Interdisziplinarität erzählt: die Fantastischen Vier, die X-Men, Asterix und Obelix oder die in der DDR beliebten Comics Die Digedags und Die Abrafaxe. In den beiden Ost-Comics wurde zwar weniger auf spezielle Fähigkeiten, als auf besondere Charaktereigenschaften gesetzt,2 aber auch hier sind es genau diese, manchmal auch negativen Eigenschaften, welche, so sie im richtigen Momenten auf geschickte Art und Weise gebündelt werden, zu Erlösung und allgemeinem Glück führen. Und wie diese Comics so zeugen auch die Abenteuer der Helden von Kinderbüchern wie „Der Zauberer von Oz und dessen sowjetische Nach- und Weiterdichtung „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ oder ausgewachsene Romane wie Die drei Musketiere von geglückter Interdisziplinarität. Und was wäre Star-Trek ohne sein Universum seltsamer Spezien, die sich zusammenfinden und ihre Stärken gegenseitig verstärken?

All diesen Geschichten ist gemein, dass es den Experten gelingt, ihre Partikularinteressen zu Gunsten einer guten Sache zu vergessen und im richtigen Moment ihre Spezialfähigkeiten  zu einer Superkraft zusammenzufügen (Synergie, ick hör Dir trapsen) und so dem anfangs scheinbar übermächtigen Bösen den Garaus zu machen.

In diesen Fantasien werden Probleme der Gruppendynamik selten explizit thematisiert, aber außerhalb dieser Mythen stellt sich Interdisziplinarität nur selten automatisch ein. Selbst wenn Spezialisten die Gelegenheit bekommen, miteinander zu arbeiten, scheint es eine Frage der Organisation zu sein, die, soziologisch betrachtet, sozialen Dilemmata gemeinsam handelnder Menschen zu umgehen. Ich vermute, dass solche Dilemmata auch in interdisziplinären Forschungsprojekten auftreten können, die, wenn sie nicht gestellt werden, eher zu einem Nebeneinander oder im schlimmsten Fall zu gegenseitigem Blockieren führen können.

Es wäre lustig ein Superhelden-Comic zu entwerfen, in dem sich die Helden die ganze Zeit gegenseitig in Schach halten, weil jederR die/der/das OberheldIn sein möchte und es ihnen so eben nicht gelingt, ihre je eigenen Fähigkeiten zum Nutzen des großen Ganzen einzusetzen. Logisch, dass die Welt am Ende dieser Geschichte ex- und implodiert und zwar weil sie gleichzeitig pulverisiert, tiefgekühlt und überhitzt wird.

Aber, ich wollte ja nicht schwarz sehen. Also: Es gibt ja auch eine ganze Armada von interdisziplinären Projekten mit mittelmäßigem Erfolg. Beispielgebend möchte ich auf die Travelin Wilburies verweisen, eine Band die sich aus den besten Songschreibern, Gitarristen, Sängern und Produzenten der Popmusik zusammensetzte und einfach nur so Lala-Musik gemacht hat.

Naja, es scheint, als würde mich die Vorstellung interdisziplinär zu Arbeiten immer noch nicht 100%ig euphorisch machen.  Mal sehen wie es nach der Podiumsdiskussion aussieht.

 

UPDATE vom Tag danach:

Interdisziplinär – das ist eine Mär

Interdis-Simulanz erstrahlt in hellem Glanz

 

  1. behauptet an dieser Stelle jedenfalls das Märchenlexikon der edition amalia []
  2. Ist die Abschwächung von Expertentum ein Zugeständnis der  Comic-Autoren an Denkmuster oder -vorgaben kollektivistischer Gesellschaftsordnungen? []

Let’s translate – Heute: “Adam Curtis – The Century of the Self” #3 und Ende

Es ist geschafft: Die deutschsprachigen Untertitel für „The Century of the Self“ – Adam Curtis‘ spannende Doku über Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg der Psychologie in Politik und Wirtschaft – sind fertig. Zwar haben Brigitte, David, Sebastian und ich die Wörterbücher schon vor einem halben Jahr bei Seite gelegt, aber das Probelesen hat noch etwas gedauert und dann mussten die Texte noch ein paar Monate auf meinem Desktop reifen.

Die Untertitel sind hier zu finden und die dazugehörigen Filme findet man dort, bei archive.org.1
Hat man beides (entpackte Untertitel als *.ssa-Datei und Filme als z.B. *.avi) auf dem Rechner, kann man wie folgt vorgehen um die Untertitel mit dem Film abzuspielen:

  • Videodatei (z.B. *.avi) und die Untertiteldatei (*.ssa) in den selben Ordner legen;
  • der Untertiteldatei den selben Namen geben, wie der Videodatei (bis auf die Dateiendung)
  • die Videodatei mit VLC öffnen,
  • die Untertitelspur in VLC öffnen mit dem Menü: „Video“ -> „Untertitelspur“ -> „Datei öffnen…“

Noch zwei Infos zur legalen Situation:

  • Obwohl die Doku auf Archive.org als Creative Commons lizenziertes Werk gekennzeichnet ist2, liegen die Rechte der Serie, die geistiges Eigentum von Adam Curtis ist, bei der BBC. Da diese die Filme nicht unter eine CC-Lizenz gestellt hat (und das auch niemand anderes tun kann) ist es illegal, Untertitel für diese Serie anzufertigen und hier zur Verfügung zu stellen.3
  • Für die Darstellung der Untertitel habe ich die Schriftart Kaffeesatz genutzt. Diese großartige Schrift hat der Typograph Yanone geschaffen und unter der SIL Open Font License veröffentlicht.

Danke nochmal an Brigitte, Sebastian und David, die mit mir zusammen übersetzt, gegrübelt und koordiniert haben.

  1. Es gibt auch andere Versionen der Filme (geringfügig länger oder kürzer), allerdings stimmen die mit der Länge der hier zur Verfügung gestellten Untertitel nicht überein. []
  2. z.B. hier als CC-BY-NC-SA oder hier als CC-BY-NC-ND []
  3. Eine ausführliche und relativ nachvollziehbare juristische Begründung findet sich hier []

Wenn ich Richard Stallmann eine Frage stellen könnte

… dann wäre das nach wie vor:

“Kann Richard M. Stallman ein Programm coden, das so frei ist, dass es noch nicht einmal Apple gelingt, es den Leuten als etwas zu verkaufen, das ihre persönliche Freiheit vergrößert?”

Dank Slashdot konnte ich RMS diese Frage tatsächlich gerade stellen.1 Wenn meine englische Übersetzung nicht zu miserabel ist und die Frage als RMS-würdig betrachtet wird, erhalte ich in den nächsten Tagen eine Antwort, die ich dann natürlich auch hier wiedergeben werde.

  1. und zwar hier []