Archive for the 'Allmende' Category

Von Tomaten und Piraten

Versteckt hinter Rosenstrauch und Distelkraut liegt die kleine Tomatenplantage.

Nicht ganz legal reifen auf einer Brache in Dresden-Löbtau seit einem Monat ein paar Tomaten. Denn Gott Lob hat uns der Grundstücksnachbar, der uns beim Pflanzen “erwischte”, darüber aufgeklärt, dass uns das Land, das wir da gerade umgegraben hatten, ja gar nicht gehört. Noch bevor ich ihn fragen konnte, was er mit “gehören” meint, kam mir seine schnelle Linke zuvor, der ich allerdings mühelos ausweichen konnte: Er: “Und überhaupt, was pflanzen Sie denn da eigentlich?” – Ich: “Tomaten.” – Er (mein Gesicht mit zusammengekniffenen Augen musternd): “Tomaten, ja?”  … Continue reading ‘Von Tomaten und Piraten’

Gibt es öffentliche Güter jenseits von Glauben, Wünschen und Hoffen?

Meine neulich geäußerte Verärgerung über das Fehlen der Reflexion der Methoden, mit denen die frisch gekürte Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften Elinor Ostrom ihre Arbeiten verfasst hat, hat mich auf die Frage aufmerksam gemacht, ob die Wirtschaftswissenschaftler, die ja den Anspruch haben aufgrund ihrer empirischen Forschungsergebnisse Manager oder Politiker zu beraten, überhaupt mal darüber nachdenken, dass ihre Forschungsergebnisse ganz anders aussehen könnten, wenn ihre Forschungsmethoden ganz anders wären.

Könnte es z.B. sein, dass die in vielen wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchungen vorgenommene Unterteilung von Gütern ganz wesentlich vom Forscher abhängt, der aufgrund seiner Vorannahmen darüber entscheidet, ob ein Leuchtturm oder ein Deich nun ein öffentliches, ein privates Gut, ein Klubgut oder gar ein Allmendegut ist?

Gibt es öffentliche Güter "in der Realität"?

Wie lassen sich Dinge diesen Kategorien zuordnen? Und zählen Mauszeiger wirklich zu den Allmendegütern? Bildquelle:Wikipedia

Leuchttürme werden zusammen mit der Landesverteidigung oft als DAS Standardbeispiel für öffentliche Güter verwendet. Doch m.E. ist es gar nicht so eindeutig zu sagen, ob ein Leuchtturm oder die Landesverteidigung nun ein öffentliches Gut ist.

Was genau ist an diesem Leuchtturm öffentlich?

Was genau ist an diesem Leuchtturm in Travemünde öffentlich? Bildquelle:Wikimedia Commons

Welcher Leuchtturm ist überhaupt gemeint und woran kann man erkennen, ob der Leuchtturm öffentlich oder privat ist? – Aha, da muss man schon unterscheiden: das Gebäude ist keineswegs öffentlich, d.h. da kann nicht jeder rein. Nur das vor Klippen oder Untiefen warnende Licht ist öffentlich in dem Sinne, das kaum ein Schiff, welches in den Einzugsbereich des Leuchtturmes gelangt, technisch davon ausgeschlossen werden kann.

Der Fall von Warschau - rechts im Vordergrund ein öffentliches Gut

Der Fall von Warschau 1939 - rechts im Vordergrund ein öffentliches Gut. Bildquelle:Wikimedia Commons

Und welche Landesverteidigung meint man, wenn man davon spricht, dass sie ein öffentliches Gut ist? Nehmen wir zum Beispiel die Landesverteidigung Deutschlands von 1933 bis 1945, die Wehrmacht. Kam deren Nutzen denn auch den deutschen Juden oder Kommunisten zu gute? Öffentliches Gut heißt doch, dass niemand von dessen Nutzung ausgeschlossen werden kann. Aber nicht nur, dass eine Menge von Leuten von dem Nutzen ausgeschlossen wurden, den die Wehrmacht schuf, viele waren sogar negativ davon betroffen. War die Wehrmacht also soetwas wie die Umweltverschmutzung – ein öffentliches Übel?

Wenn sich Leuchttürme und die Landesverteidigung, die beiden Standardbeispiele für öffentliche Güter, einer Einordnung in obige Kategorien schon entziehen, was ist dann mit anderen Phänomenen? Um in der Geschichte zu bleiben: wie sieht es eigentlich mit Konzentrationslagern aus? Waren die ein öffentliches Übel? Oder – weil sie ja nicht jeden vernichtet haben – nur ein Klubübel? Die Staatssicherheit der DDR, der deutsche Verfassungsschutz, die Berliner Mauer? Wer legt auf Grund welcher Kriterien fest, ob etwas als ein öffentliches Gut oder als öffentliches Übel bezeichnet wird? Lässt sich das überhaupt empirisch erfassen?

Okay, man könnte jetzt darüber streiten, ob und inwiefern jener Leuchtturm oder diese Landesverteidigung öffentliche Güter sind oder waren und ob meine Beispiele nicht überhaupt viel zu überspitzt, unrealistisch und ideologisch sind. Ich könnte damit kontern, dass es durchaus reale Beispiele sind und dass Wirtschaftswissenschaftler, die den Anspruch haben, sich mit realen Phänomenen zu beschäftigen, mal darüber Gedanken machen sollten, ob es vielleicht sie sind, die einer Ideologie folgen, wenn sie so tun als ob es ganz einfach wäre, einen Leuchtturm oder die Landesverteidigung als öffentliches Gut zu bezeichnen.

Was bleibt, ist die Frage auf welche Art und Weise man zu empirischen (d.h. auf Erfahrungen basierenden) Aussagen über öffentliche Güter kommen kann. Ostrom, die schon mal als diejenige Feldforscherin der Wirtschaftswissenschaftler dargestellt wird, welche die Realität in die Wirtschaftswissenschaften zurückgeholt hat,1 hat da leider, wie in meinem letzten Posting bemeckert, auch nicht so viel zu bieten.

Gibt es in den Wirtschaftswissenschaften überhaupt sowas wie Empirie – also auf Erfahrungen basierende Aussagen? Ich wage zu behaupten: nein. Das einzige “Werk” zu diesem Thema, das ich in der Sächsichen Landes- und Universitätsbibliothek zu Dresden finden konnte, trägt den Titel “Empirische Forschung in den Wirtschaftswissenschaften : Ein Überblick”2 und hat sage und schreibe 36 Seiten.

Wenn ein Überblick über die empirische Forschung der Wirtschaftswissenschaften 36 Seiten hat, worauf basieren die Modelle und Theorien der Wirtschaftswissenschaften dann? Was bedeutet es, wenn sich die Methodendiskussion der Dissertation der aktuellen Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften auf den folgenden einen Satz beschränkt?

“The study was based primarily upon the use of documentary materials.”3

Wie, wenn nicht über Erfahrungen und die Reflexion der Methoden mit denen sie zu diesen Erfahrungen gelangen, gewinnen Wirtschaftswissenschaftler also Erkenntnisse über die Gegenstände ihres Faches? Mmm….mir fällt momentan nur Glauben ein. Sind Wirtschaftswissenschaftler also nicht mehr und nicht weniger als die Astrologen des 21. Jahrhunderts? Dann stellt sich mir die Frage: Gibt es öffentliche Güter an sich oder ist die Kategorisierung von Phänomenen in öffentlich und nicht-öffentlich nicht eher Ausdruck menschlichen Glaubens, Wünschens und Hoffens?

  1. Elinor Ostrom and a Nobel Reality Check for the Economics Field []
  2. Gebhard Kirchgässner and Marcel Savioz (1997) Empirische Forschung in den Wirtschaftswissenschaften: Ein Überblick []
  3. Ostrom, Elinor. 1965. Public Entrepreneurship: A Case Study in Ground Water Basin Management. Ph.D. thesis, University of California, Los Angeles. S.17 []

Gibt es empirische Allmendeforschung?

Obwohl der Begriff “Feldforschung” sicher kein geschütztes Markenzeichen ist, war ich doch etwas enttäuscht, als ich in der Dissertation von Elinor Ostrom, die ja in letzter Zeit sehr für ihre Feldforschungen zu Allmenden gelobt und mit dem Nobelpreis geehrt wurde,1 danach suchte, wie sie ihre Feldforschung durchgeführt hat.
Ich habe bisher nicht viel über empirische Methoden in den Wirtschaftswissenschaften gehört und da ich in meiner Diplomarbeit zu kollektivem Handeln in VoKüs selber empirisch forschen möchte, dachte ich mir, dass mir die Dissertation einer feldforschenden Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften, bei der Planung meiner Untersuchung helfen kann.

Seltsamerweise konnte ich in der ganzen 628-seitigen Dissertation – einer Fallstudie zur Rolle öffentlicher Unternehmen bei der Verwaltung von Grundwasserbecken im südkalifornischen West Coast Groundwater Basin – nur einen einzigen Satz finden, der sich damit auseinandersetzt, worin ihre Feldforschungen bestehen und wie sie diese durchführt.

“The study was based primarily upon the use of documentary materials.”2

Was mit “documentary materials” gemeint ist, bleibt dabei ziemlich unklar. Ich kann nur vermuten, dass sie Interviews, Zeitungsartikel, Gesetztestexte und teilweise von anderen Autoren verfasste Berichte über das West Coast Groundwater Basin meint. Ebenso mysteriös bleibt, wie sie dieses Material erhoben hat und wie sie damit umgeht. – Mein Prof. würde mich mit so einer winzigen Bemerkung zur Forschungsmethode wahrscheinlich durch die Diplomprüfung durchfallen lassen.

Ihre “Fallstudie” besteht darin, diese “documentary materials” widerzugeben, statistisch aufzubereiten, sowie in Untersuchungsanordnungen umzuformen in deren Rahmen dann weitere Experimente durchgeführt und statistisch ausgewertet werden.
Sie verliert kein Wort zum Problem der sozialen Erwünschtheit von Aussagen der von ihr interviewten Personen. Kein Wort zur Rolle des Forschers bei der Interaktion mit Zu-Erforschenden. Keine Reflexion darüber, ob und wie die Ergebnisse ihrer Arbeit durch die Art der Datenerhebung beeinflusst wurden.

Ein ähnliches Bild bot sich mir nach der Lektüre ihres fast schon zum Klassiker gelobten Buches “Die Verfassung der Allmende”. Ich konnte absolut keine Angaben dazu finden, wie sie die von ihr interpretierten Daten erhebt oder warum sie diese Daten auf diese und nicht auf jene Weise interpretiert.

In dem Buch “Soziologische Handlungstheorie: Eine Einführung Von Bernhard Miebach” wird die von Ostrom durchgeführte “Methode” sogar mit einem eigenen Namen geehrt – “Methode der empirischen Fallbeispiele” – allerdings ist damit weniger eine Methode gemeint, mit der man als Forscher Daten erhebt und analysiert, sondern eine Methode mit Daten in ein Modell eingefügt werden. Finde ich sehr problematisch, weil man dabei so tut, als ob Prozesse menschlichen Handelns vom Forscher völlig unbeeinflusst blieben.

Feldforscher mit denen ich mich bisher bekannt gemacht habe, setzen sich recht intensiv mit den Methoden auseinander, mit denen sie sich das Feld zugänglich gemacht und Daten erhoben haben (z.B. Munch, Chantal: Die Effektivitätsfalle. Bürgerschaftliches Engagement und Gemeinwesenarbeit zwischen Ergebnisorientierung und Lebensbewältigung).

Nicht dass ich Ostroms Arbeit klein reden will. Aber mir scheint, dass sich Feldforscher, die das Handeln von Menschen verstehen und erklären wollen – und ich denke mal, das ist Ostroms Anspruch als Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin -, auch mit diesen Menschen und deren Handeln und mit ihrer Rolle als Forscher, in der sie Menschen und Handeln beeinflussen, auseinandersetzen sollten. Schade, dass ausgerechnet eine Nobelpreisträgerin, die auch für ihre Feldforschungen ausgezeichnet wurde, auf dem Gebiet der Feldforschung so dünne Bretter gebohrt hat.

Falls ich da was übersehen habe, bitte in den Kommentaren ergänzen.

  1. man sprach sogar davon, dass sie die Realität in die Ökonomie zurückgeholt hätte: Elinor Ostrom and a Nobel Reality Check for the Economics Field []
  2. Ostrom, Elinor. 1965. Public Entrepreneurship: A Case Study in Ground Water Basin Management. Ph.D. thesis, University of California, Los Angeles. S.17 []

VoKüs als Antwort auf die Krise des Wohlfahrtsstaates?

Resümee des ersten Kapitels meiner Diplomarbeit zum Thema “Kollektives Handeln in VoKüs”:

What the fridge sind VoKüs?

In ihrem Wirken könnten Volxküchen auf den ersten Blick eine etwas chaotische Ergänzung oder Konkurrenz zu den Suppenküchen darstellen, einer Einrichtung der Wohlfahrt, in denen sogenannte Bedürftige für wenig Geld eine warme Mahlzeit bekommen können.
Auch zu den meist in pulsierenden Stadtvierteln großer Städte gelegenen Suppenbars, welche Suppe für etwa 3 bis 5 Euro verkaufen, ließe sich über die Suppenküchen eine Verbindung zu den Volxküchen herstellen.
Während Suppenküchen jedoch in der Regel von klassischen Institutionen der Wohlfahrt wie der „Volkssolidarität“, der „Caritas“, der „Arbeiterwohlfahrt“ oder kleineren Institutionen, wie Klöstern, Kirch- oder Stadtgemeinden betrieben werden und somit von staatlichen, kirchlichen oder kommunalen Förderungen abhängig sind und Suppenbars marktwirtschaftlich arbeitende Privatunternehmen darstellen, scheinen Volxküchen – geschrieben mit „x“ – weder von staatlichen noch marktwirtschaftlichen Einflüssen und Prinzipien geleitet zu sein.
Vielmehr scheint es das freiwillige Engagement und der Spaß junger Leute einer bestimmten Szene oder Subkultur zu sein, denen die Existenz und die Form dieser Nahrungsversorgung zu verdanken ist.
Mit den warmen Mahlzeiten, die in Volxküchen für ein geringes Entgelt verkauft werden, gelingt es somit scheinbar unabhängig von staatlichen, kirchlichen oder privaten Fördergeldern etwas herzustellen, das zumindest vom Aspekt des Nährwertes und Preises betrachtet mit Produkten der Wohlfahrt vergleichbar ist.

Was hat Sozialpädagogik damit zu tun?

Der Staat scheint sich seit einiger Zeit verstärkt aus der Organisation des Sozialen und der Wohlfahrt zurückzuziehen. Die freiwerdenden Räume werden scheinbar zunehmend von Anbietern gefüllt, die privatwirtschaftlich organisiert sind, oder von öffentlichen Einrichtungen, die sich nach mehr und mehr marktwirtschaftlichen Werten und Prinzipien orientieren. Dabei wird Soziale Arbeit zunehmend verwickelt in eine zunehmend an Kraft gewinnende Kommodifizierung (d.h. in ein zur Ware-Machen von bisher nicht Warenförmigem) des Sozialen. Effizienz, Qualitätsmanagement, Kostensenkung etc. sind Begriffe die in diesem Rahmen in der Sozialen Arbeit an Bedeutung zu gewinnen scheinen.

Einige der in Praxis und der Theorie der Sozialen Arbeit beschäftigten Menschen beklagen diese Entwicklung, die aus ihrer Perspektive zu einer Privatisierung und Re-Familiarisierung gesellschaftlicher Probleme,1 einer Spaltung der Gesellschaft und einem damit verbundenen Ausschluss von Menschen führt, die den Zugang zu Arbeit, Ressourcen und Partizipation verlieren.2 Soziale Arbeit und Pädagogik scheinen sich dabei immer stärker an organisatorischen Anforderungen und Interessen zu orientieren, als an denen von Menschen3 sowie “zu einem Erfüllungsgehilfen konkurrierender Wachstumsphantasien individueller Lebensläufe” zu werden.4 Ebenso scheint Soziale Arbeit ihrem Anspruch nicht mehr gerecht zu werden, aus dem kapitalistischen System Herausgefallene zu unterstützen5 und sogar, ihre grundlegenden Aufgaben wie Schutz und Ausbau der Menschenrechte aufzugeben und dabei ihre Fähigkeit zu opfern, sich mit ihren zentralen Fragen zu beschäftigen.6 Teilweise trägt Soziale Arbeit in diesem Prozess sogar zur Verdrängung von so genannten Randgruppen aus bisher öffentlichen und zunehmend privatisierten Räumen bei.7

So what?

Da sich der Staat aus der Schaffung von Wohlfahrt und Sozialer Arbeit also zurückzuziehen scheint und nur noch lenkt, wie andere Wohlfahrt und Soziale Arbeit organisieren (man spricht davon, dass der Staat nicht mehr rudert, sondern nur noch am Steuer steht) und einige Autoren die zunehmende Ausrichtung von Wohlfahrt und Sozialer Arbeit an marktwirtschaftlichen Prinzipien als problematisch empfinden, gibt es Überlegungen Soziale Arbeit und Wohlfahrt unabhängig von Staat und Markt zu organisieren.

Interessant!

Ein Resultat dieser Überlegungen ist das Nachdenken über und Schaffen von Wirtschafts- und Lebensformen, die unabhängig vom Staat und nicht nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionieren. Genannt werden diese Ansätze u.a. solidarische Ökonomie,8 Gemeinwesenökonomie,9 alternative Ökonomie,10 oder lokale Ökonomie11.
Die Autoren erhoffen sich von diese Ansätzen, dass Wirtschaften in anderem Maße zu einer anderen Art von Wohlstand beitragen kann, als das im Rahmen der Marktwirtschaft möglich zu sein scheint. Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie die von Markt und Staat produzierten Mängel und Schwächen in der Sicherung des Sozialen zu bewältigen versuchen, indem sie nach nicht vom Staat vorgegebenen und nicht-marktwirtschaftlichen Prinzipien zu funktionieren trachten.
Für Kunstreich z.B. stellen Sozialgenossenschaften eine Möglichkeit dar, „das Ökonomische vom Sozialen her zu denken“,12 d.h., von der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen individuelle und kollektive Verfügungsmacht über Ressourcen zugänglich zu machen, die ihren Ausschluss aufheben und zwar auf eine Art und Weise, die „nicht mit dem Zwang zu hegemonialer ’Normalität’ verbunden sind, sondern die soziale Eigensinnigkeit dieser Menschen und ihre Teilhabe an den universellen Rechten sichern.“13
Weitere Beispiele solcher nicht-staatlich und nicht-marktwirtschaftlich organisierter Lebens- und Wirtschaftsformen sehen die Autoren in Genossenschaften, wie z.B. in der Trierer “Wohnungsgenossenschaft Am Beutelweg” oder der weltgrößten Genossenschaft Mondragon.

Die ZENTRALE Frage

(Trommelwirbel) Die zentrale Frage die sich mit diesen nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaflichen Wirtschaftsformen verbindet, ist: Was lässt sie gelingen und was lässt sie scheitern? Die empirischen Untersuchungen dazu sind recht dünn, bzw. nicht vorhanden.14 Was schade ist, da es für ein paar Leute vielleicht interessant wäre zu wissen, warum denn jetzt dieses oder jenes Projekt an den Baum gegangen ist.
Für mich heißt das: VoKüs als eine Form der selbstorganisierten, nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Ökonomie zu betrachten und versuchen herauszufinden, was VoKüs gelingen lässt und unter welchen Bedingungen sie scheitern.

Wie soll das gehen?

Um herauszufinden wie und warum solche Formen der selbstorganisierten, nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Ökonomien scheitern bzw. gelingen, sollen VoKüs

  1. unter dem Gesichtspunkt von Mancur Olsons “Logik des kollektiven Handelns”15 und
  2. unter dem Aspekt der Analyse von Allmenderessourcen wie sie von Elinor Ostrom diskutiert wird16

betrachtet werden.

Mit anderen Worten

Um herauszufinden wie VoKüs in Zeiten eines sich zurückziehenden Wohlfahrtsstaates als eine Form der selbstorganisierten nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Form sozialer Sicherung funktionieren, betrachte ich VoKüs als Resultat kollektiven Handelns und als Allmende. Mit den Modellen dieser beiden Ansätze hoffe ich das Scheitern bzw. Gelingen von VoKüs und damit auch von unabhängig von Markt und Staat funktionierenden Wirtschaftsformen erklären zu können. Wäre toll, wenn dabei was rauskäme, was auch für Leute die VoKüs machen oder machen wollen interessant ist.

  1. vgl. Notz, Gisela. 2009. Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen. In: Kessl, Fabian und Otto, Hans-Uwe (Hrsg.), Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven. Weinheim und München: Juventa Verlag. []
  2. Thiersch, Hans. 2002. Positionsbestimmungen der Sozialen Arbeit : Gesellschaftspolitik, Theorie und Ausbildung. Edition Soziale Arbeit. Weinheim: Juventa-Verlag. S.22 []
  3. vgl. Herrmann, Peter. 2005. Social Services under economic threat. Pages 215–225 of: et. al. [Hrsg.] Thole, Werner (Hrsg.), Soziale Arbeit im öffentlichen Raum : Soziale Gerechtigkeit in der Gestaltung des Sozialen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.215 []
  4. Böhnisch, Lothar, & Schröer, Wolfgang. 2001. Pädagogik und Arbeitsgesellschaft : Historische Grundlagen und theoretische Ansätze für eine sozialpolitisch reflexive Pädagogik. Weinheim und München: Juventa Verlag. S.173 []
  5. vgl. Notz (2009) S.207 []
  6. Elsen, Susanne. 2007. Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag, Weinheim und München. S.11 []
  7. Simon, Titus. 2006. Öffentlichkeit und öffentliche Räume – wem gehört die Stadt? []
  8. Notz, Gisela. 2009. Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen. In: Kessl, Fabian und Otto, Hans-Uwe (Hrsg.), Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven. Weinheim und München: Juventa Verlag. []
  9. Elsen, Susanne. 2007. Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag, Weinheim und München. []
  10. Daviter, Jürgen. 1995. Alternative Ökonomien und Kollektivgüter. In: Flieger, Burghard (Hrsg.), Gemeinsam mehr erreichen : Kooperation und Vernetzung alternativökonomischer Betriebe und Projekte. Beiträge zur Demokratieentwicklung von unten ; Materialien der AGSPAK ; 123. München: AG-SPAK-Bücher. []
  11. Sahle, Rita (Hrsg.). 2001. Lokale Ökonomie : Aufgaben und Chancen für die soziale Arbeit. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit ; 8. Freiburg i. Br.: Lambertus. []
  12. Kunstreich, Timm. 2006. Klientin – Kundin – Nutzerin – Genossin?!
    Pages 241–259 of: Böllert, Karin [Hrsg.] (Hrsg.), Die Produktivität des Sozialen – den sozialen Staat aktivieren : Sechster Bundeskongress Soziale Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.250 []
  13. ebd. []
  14. vgl. Notz S.218f. []
  15. Olson, Mancur. 1998. Die Logik des kollektiven Handelns – Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen. Tübingen: Mohr Siebeck. []
  16. Ostrom, Elinor. 1999. Die Verfassung der Allmende : jenseits von Staat und Markt. Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften ; 104. Tübingen: Mohr Siebeck. []

Foucault und Commons?

Nachdem ich als Sozpäd in spe in meiner wirtschaftswissenschaftlichen WG neulich damit punkten konnte, mich schon lange Zeit vor der Verleihung des Wirtschaftsnobel-Preises an Frau Ostrom mit ihren Arbeiten beschäftigt zu haben, kann man mich in letzter Zeit des öfteren in der WG-Küche dabei belauschen, wie ich die Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises des Jahres 2012 an Michel Foucault vorhersage.
In seinen Vorlesungen zur Governementalität beschäftigt er sich ja damit wie die Konzepte der Regierung, Macht und der Subjektivierung in Zusammenhang gebracht werden können bzw. in Zusammenhang gebracht wurden sein könnten. Der zweite Band in dem diese Vorlesungen veröffentlicht wurde, trägt den Titel “Geschichte der Gouvernementalität II. Die Geburt der Biopolitik” und erlaubt einen Einblick in Foucaults Denken über das Wichtig-werden der Ökonomie als Bestandteil von Regierung im 17. und 18. Jahrhundert und die Entstehung des (Neo-)Liberalismus und seiner Mechanismen (Rationalität, Homo oeconomicus) im 19. und 20. Jahrhundert.

Für meine Diplomarbeit heißt das Folgendes:

In meiner Diplomarbeit versuche ich, die Entstehung und das Funktionieren des Kollektivgutes VoKü mit Theorien der Ökonomie zu verstehen und zu erklären. Mir kommt es dabei darauf an, die Mikroökonomie einer VoKü zu beschreiben um dabei Prozesse des Scheiterns oder Gelingens der Produktion von Kollektivgütern zu erfassen.
Bei diesem Prozess des Verstehens und Erklärens der Mikroökonomie einer VoKü spielen u.a. die Logik des kollektiven Handelns von Mancur Olson, die Institutionenanalyse von Elinor Ostrom, sowie die Erforschung kollektiven Handelns in Kibbutzim wichtige Rollen.
Wenn, wie Foucault sagt, diese von mir verwendeten ökonomischen Theorien und Modelle nicht Naturgesetzen folgend entstanden, sondern Resultat diskursiver Prozesse oder bestimmter Formen von Regierung sind dann heißt das:

  1. dass diese ökonomischen Theorien nicht Naturgesetze beschreiben und erklären, sondern Rückschlüsse auf ihre eigene Entstehung zulassen und
  2. dass ich bei meinem Prozess der Beschreibung von VoKüs ganz klar innerhalb eines ökonomischen Rahmens bleibe, der das Resultat vorangegangener diskursiver Prozesse bzw. Regierungen ist

Was mich an der ganzen Geschichte beunruhigt ist Folgendes:

Wenn VoKüs Resultat eines Handelns sein sollten, welches sich im Wesentlichen weitgehend oder teilweise unbeeindruckt von Formen der Regierung zeigt oder sich den Verstrickungsversuchen von Regierung gegenüber sogar widerständig oder ausweichend verhält, dann werde ich dieses Handeln nicht mit den Theorien von Mancur Olson oder Elinor Ostrom erfassen können. Irgendwie hätte ich dann das Thema verfehlt.

Das würde auch bedeuten, dass das Verschwinden der Allmenden nicht nur Resultat der ursprünglichen Akkumulation ist, sondern auch eines Denkentwurfes, der im 19. Jahrhundert dominant wurde. Das wiederum würde die Beschreibungsversuche von Allmenden mit Hilfe wirtschaftswissenschaftlicher Theorien zu einem Kind unserer Zeit machen, aber nichts darüber aussagen, warum es Allmenden gab/gibt und wie sie funktionier(t)en.

Es wäre toll, wenn es neben den Wirtschaftswissenschaften mehr Disziplinen gäbe, die sich mit Commons beschäftigten. Mmm… vielleicht passiert das ja gerade auf einer Ebene von Experten, die außerhalb von Wirtschafts- und Wissenschaftsbetrieb tätig sind? z.B. Peer2Peer Foundation, Commonsblog, Digitale Allmend ?