In zwei Wochen werde ich meine zweite mündliche Abschlussprüfung haben – nein, ich bin der Prüfling, nicht der Prüfer, ha bloody ha! - und ein Thema der Prüfung wird “Politische Bildung im Kontext von E-Partizipation” sein.
Nun dämmere ich seit fünf Tagen über Folianten und Atlanten (aka PDF-Dokumenten und Lehrbüchern) und nach fünftägigem Lesen kann ich folgende sechs Thesen hier anschlagen:
- Politische Bildung steckt durch die zunehmende Verbreitung des Internet in einer existentiellen Krise. Diese wird vor allem dadurch verursacht, dass Inhalt und Begriff der Politik von einer zunehmenden Anzahl von Akteuren beeinflusst und gedeutet werden, und bisher unmögliche oder abweichende Formen von Politik nun möglich und vom Mainstream anerkannt … und genutzt werden.1
- Politische Bildung im Bereich der E-Partizipation ist ein Paradox, da die Urheber der politischen Bildung weniger über E-Partizipation wissen, als die Adressaten. Meiner Meinung nach bestimmen alte, machtgeile und technophobe Fuzzies die Agenden jener Verbände und Institutionen, welche bisher als Träger politischen Bildung auftraten. Ob in Gewerkschaften, Parteien, parteinahen Stiftungen oder Schulen - im Vergleich zu den Lernenden wissen Chefs und Lehrende über das Internet im Allgemeinen und E-Partizipation im Speziellen: Nichts.2
- Da bisherige Akteure der politischen Bildung aus Gründen der politischen Kontrolle und Disziplinierung dennoch bestrebt sind, politische Bildung zu betreiben sowie Form und Inhalt der politischen Bildung zu bestimmen, werden sie politische Bildung zunehmend aus ihren großen Institutionen auslagern und an kleinere Agenturen, Vereine und private sowie kollektive Träger vergeben, die dafür Leistungen von diesen großen Akteuren empfangen. Im Bereich der E-Partizipation werden dazu die Wikimedia-Foundation die Electronic Frontier Foundation, die Open Software Initiative, Creative Commons, Netzpolitik.org, StudiVZ und Facebook gehören.
- Da diese Akteure auch aufgrund ihrer internen Strukturen jüngere und internet-affinere Mitarbeiter haben als die “großen Tanker”, werden diese die Adressaten der politischen Bildung künftig auch über unkonventionelle Aktivitäten unterrichten, die bisher nicht als politisch galten (z.B. die Gründung von Gruppen, das Schreiben interessanter Blogs und Online-Nachrichten, der Umgang mit geistigem Eigentum, der Umgang mit Privatheit und Öffentlichkeit, die technische und soziale Administration eines Wikis, das Moderieren eines Forums).
- Diese Themen, die heute bereits informell und außerhalb solcher Institutionen der politischen Bildung erlernt werden – nämlich durch learning by doing beim Surfen – , fließen künftig stärker in Form und Inhalt von Politik ein. Dadurch wird sich Politik künftig einerseits mehr um internet-relevante Themen drehen. Andererseits werden sich dadurch auch “internettypische” sowie neoliberale Formen der Governance miteinander paaren und zum potentiell ständig politisch-aktiven und sich mehr und mehr vernetzenden Bürger führen.
- Aufgabe politische Bildung wird es künftig auch sein, diesen Prozess von außerhalb des Netzes kritisch zu betrachten, damit wir nicht eines Tages alle als Borg enden.
- Siehe z.B. Häyhtiö und Rinne (2008) – “BIDIRECTIONAL CIVIC ACTIVITIES: Reflexivity in administrational and actionist approaches”, die meinen, dass das Internet auch bislang unorganisierten Akteuren ermöglicht, sich mit relativ geringen Kosten zu organisieren um ihre Interessen zu vertreten oder Bossewitch (2008) – “The ZyprexaKills Campaign: Peer Production and the Frontiers of Radical Pedagogy”, der annimmt, dass Social Media es erleichtert, gemeinschaftliche Interessen gegen private Interessen durchzusetzen, auch oder gerade wenn dies auf illegale Art und Weise geschieht. [↩]
- Siehe z.B. Lilleker und Jackson: Politicians and Web 2.0: the current bandwagon or changing the mindset?(2008), die von Web1.5 sprechen, wenn sie die Nutzung von Social Media durch politische Parteien beobachten und damit meinen, dass konventionelle politische Akteure die Möglichkeiten des Web2.0 aus Angst vor Kritikern und dem politischen Gegner nur sehr eingeschränkt nutzen. [↩]
- Ganz ähnliche Beiträge:
- VoKüs als Antwort auf die Krise des Wohlfahrtsstaates? (0.375)
- Wird die Revolution mit Social Software aggregiert? - Teil 5 von 4 und Schluß (0.340)
- Sozialpädagogik und Öffentliche Güter IV - Gemeinwesenökonomie (0.315)
- Wird die Revolution mit Social Software aggregiert? - Teil 1 von 4 und Einleitung (Zufällig - 0.157)
0 Response to “It’s the end of politische Bildung as we know it (and it’s allright)”