Was ist blos mit Rafik los?

Ich bin etwas enttäuscht von dem Kommentar “Verblendung gepaart mit Eitelkeit – Ein Selbstgespräch“, den Rafik Schami in der aktuellen taz zum Thema Syrien abgibt.
In den 90ern besuchte ich einen Freund, der im schrecklich biederen und betonierten baden-württembergischen Un-Kaff Bietigheim-Bissingen wohnte. Auf einem dortigen Flohmarkt, der in einer kuschligen Tiefgarage stattfand, kaufte ich Schamis Buch “Erzähler der Nacht”. Seine Worte erweckten damals das in mir, was ich bis heute meine “arabische Sehnsucht” nenne. Neben der Trostlosigkeit des Städtchens und meinem Wunsch, mich so schnell wie möglich von dort zu verpissen, wurde diese Sehnsucht vor allem von der klaren und warmen Sprache des Romans zum Blühen gebracht.

In der taz greift Rafik Schami nun die Publizisten Scholl-Latour und Todenhöfer an, deren Worte zur Lage in Syrien in den letzten Wochen meine Hoffnung genährt haben, dass die journalistische Beschreibung der Vorgänge in Syrien von Interesse und Skepsis geprägt sein kann und nicht von (verständlichen aber unprofessionellen) Gefühlen wie Abscheu, Mitleid und Furcht. …
Teilweise stimme ich Schami ja zu: Journalisten, die kein Wort Arabisch können, haben es zweifellos schwerer, sich ein Bild über die Lage in Syrien zu machen, als Journalisten, die Arabisch können. Allerdings: es ist nicht rassistisch, wie Schami meint, als nicht-arabisch-sprachlicher Journalist öffentlich Analysen über Syrien anzustellen.1 Dass er an dieser Stelle mit der “ismus”-Keule um sich schlägt, macht mich traurig. Außerdem stimmt es auch nicht, dass Latour oder Todenhöfer, die sich in letzter Zeit recht skeptisch und abwägend über die Lage in Syrien geäußert haben, kein Wort Arabisch sprechen, wie Schami andeutet.2
Schamis Vorwürfe an Latour und Todenhöfer, sie seien verblendet und eitel, scheinen mir eher auf verletzte Eitelkeit und Wut auf Seiten Schamis zu schließen. Außerdem macht mich Schamis Vokabular misstrauisch. Zu oft verwendet er emotional besetzte Begriffe wie “ausbluten, Regime, unterjocht”, zu oft benutzt er Bilder, in denen abgeschnittene oder herausgetrennte Körperteile vorkommen, zu doll drückt er auf die Tränendrüsen, zu oft zeiht er Latour und Todenhöfer der Lüge, zu strikt beharrt er auf einer ontischen Wahrheit, die natürlich er, Schami, vertritt. Todenhöfers und auch Meyers Formulierungen zum Thema Assad scheinen mir da bei weitem interessanter, sachlicher, ausgewogener und zugleich zweifelnder zu sein.
An Schamis Sprache in diesem Selbstgespräch muss ich hier den Vorwurf machen, den er an Assad macht: sie ist radikal und absolutistisch. Außerdem, und das sollte ihn als Schriftsteller am meisten treffen, langweilt nervt sie mich unendlich.

  1. Ich verstehe nicht, welches Rassismuskonzept Schami für diese Argumentation verwendet. []
  2. Übrigens: meine Eltern sprechen mehrere Worte Arabisch. Liste deutscher Wörter aus dem Arabischen []

6 Responses to “Was ist blos mit Rafik los?”


  • Ich fand den Artikel im Ganzen ganz gelungen, liegt aber wohl auch daran, dass ich mir nicht einzelnen Stellen raussuche, die nicht meine Meinung widerspiegeln oder die ich für fragwürdig halte.

    Zum “Rassismuskonzept”:
    An keiner Stelle nennt es Rafik so, da steht

    Zunächst einmal ist es purer Rassismus, wenn einer nicht einmal ein arabisches Wort spricht, aber Analysen über die arabischen Aufständischen im Untergrund anstellt. Es erinnert an Marco Polo, der auch kein Wort Arabisch oder Persisch sprach und die bis heute hartnäckig sich haltende Lüge über die Haschaschin (Assassinen) verbreitet hat. Solche Behauptungen implizieren, dass die Araber unfähig seien zwischen Freiheit und Sklaverei zu unterscheiden, dass sie wie Marionetten aus dem Ausland bewegt würden.

    Ich würde mit Schami übereinstimmen, dass es schwierig ist ohne lokale Sprachkenntnisse mehr als subjektiv fundierte Fremdzuschreibungen als journalistische Analyse zu verkaufen (erscheint mir plausibel, dass sich das mit rassistischen Stereotypeen paart).

    Und wozu, diese Passage: “Es ist eine tiefe Verletzung, die ich beim Lesen empfinde” als verletzte Eitelkeit interpretieren?

    Nunja, ich finde den Artikel besonders im Kontrast zu deinem vorherigen Blogbeitrag spannend. Aber worauf ich eigentlich schon länger warte ist ein Bashing der Fatzkes, die gegen Copyright Gesetze auf die Strasse gehen. Willst du nicht mal deine Enttäuschung darüber äußern?

    • Schami zeichnet ein Bild des deutschsprachigen Journalismus, nach dem Assad momentan als zu freundlich, zu harmlos dargestellt wird. Ich sehe ein solches Bild jedoch nicht. Wie hier bereits angedeutet, wird Assad in den Nachrichten (z.B. bei der von Schami als Assad-freundlich kritisierten ARD) eher als grausamer Diktator, denn als freundlicher Regierungschef dargestellt. Da die Mehrzahl der deutschsprachigen Medien nach meiner Wahrnehmung das selbe sagt wie Schami (nämlich: “Assad ist böse”) verstehe ich Schamis Reaktion nicht.

      > Ich fand den Artikel im Ganzen ganz gelungen, liegt aber wohl auch daran, dass ich mir nicht einzelnen Stellen raussuche, die nicht meine Meinung widerspiegeln oder die ich für fragwürdig halte.

      Ich habe mich bei meiner Kritik aber auf seine Medienkritik konzentriert. Und auf seinen Stil und der hielt mich davon ab, den Artikel in Gänze zu lesen.

      > Ich würde mit Schami übereinstimmen, dass es schwierig ist ohne lokale Sprachkenntnisse mehr als subjektiv fundierte Fremdzuschreibungen als journalistische Analyse zu verkaufen.

      Das tat ich in meinem Artikel ja ebenfalls.

      > (erscheint mir plausibel, dass sich das mit rassistischen Stereotypeen paart).

      Mir nicht, da mir die Verbindung zwischen “Beherrschen des Arabischen” und “Rasse” fehlt.

      > Aber worauf ich eigentlich schon länger warte ist ein Bashing der Fatzkes, die gegen Copyright Gesetze auf die Strasse gehen. Willst du nicht mal deine Enttäuschung darüber äußern?

      Würde ich machen, wenn Du mir verrätst, was Copyright Gesetze sind. Wenn Du auf die ungebildeten Piraten abhebst, die noch viel zu selten einen soziokulturellen und geschichtlichen Zugang zur Entwicklung des Urheberrechts haben: Meine Enttäuschung darüber werde ich am Sonntag, den 29.04., von 18:30 bis 21:00 Uhr bekunden. Live in der Sendung “Kunst und Urheberrecht”. Die wird bei coloRadio in Dresden auf 98.4 und 99.3 Mhz oder weltweit im Livestream http://hub.fueralle.org/coloradio160ogg.m3u zu hören sein.

  • > Mir nicht, da mir die Verbindung zwischen “Beherrschen des Arabischen” und “Rasse” fehlt.

    Das ist auch absurd. Aber die Schnittschnelle der subjektiv fundierten Fremdzuschreibung und rassistischer Stereotype dürfte interessant sein und – wie schon gesagt, nur weniger abgeschwächt – könnte dies möglicherweise mit mangelnden Sprachkenntnissen zusammenhängen.

    > Würde ich machen, wenn Du mir verrätst, was Copyright Gesetze sind.

    Yeah. Der Deal ist gebongt. Du basht die Demonstranten gegen ACTA, wenn ich dir verrate was …. ähm, ja was eigentlich soll ich dir verraten? Versteh ich nicht. Das wird dann wohl nichts mit dem Deal. So ein Blogbeitrag hätte aber Potential gehabt.
    Den zehntausenden Ungebildeten könnte man sicherlich so einige enttäuschende Wissenslücken vorhalten. Um nur eine zu nennen: http://www.publikative.org/2010/07/22/krake-200/

  • Deal war: ich bashe, aber im Radio (Datum s.o.) Das werde ich tun und die Krake (Paul?) wird auch mit dabei sein.

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