Im vorigen Beitrag dieses Blogs wurde vermutet, dass Social Software ein Kollektivgut sein kann, mit dessen Hilfe wiederum weitere Kollektivgüter hergestellt werden können – also Güter, die von allen genutzt werden, ohne dass sich deren Wert verringert. Wenn das tatsächlich so ist, dann müssten sich ja auch irgendwo Spuren von Kollektivgütern finden lassen, die mittels Social Software hergestellt wurden.
Dabei ist es natürlich erstmal interessant zu schauen, welche Güter das sein könnten. Die Frage lautet also kurz: Wozu ist Social Software gut?
Da es mich als angehenden Sozialpädagogen natürlich besonders interessiert, ob es gelingen kann mittels Social Software solche Güter herzustellen, die für die Soziale Arbeit relevant sind (z.B. Soziale Gerechtigkeit, Lebenszufriedenheit, Integration, Partizipation, Soziales Kapital, Gesundheit u.s.w.), möchte ich versuchen herauszufinden, ob mit Hilfe von Social Software politische Forderungen in diese Richtung gestellt und durchgesetzt werden können.
Der Weg zur Antwort “Ist Social Software ein Kollektivgut mit dessen Hilfe sich weitere Kollektivgüter herstellen lassen?” geht also über den Umweg “Gibt es Kollektivgüter, die mit Social Software hergestellt wurden?” und – um es für Sozialpädagogen interessanter zu machen – “Können für Soziale Arbeit relevante Kollektivgüter hergestellt werden, etwa indem mittels Social Software die Politik beeinflusst wird”?
In den nächsten vier Postings dieses Blogs, die in der nächsten Zeit hier erscheinen werden, soll also (zumindest versuchsweise) die Frage beantwortet werden, ob Social Software ein Werkzeug ist, mit dem sich Politik machen lässt und wie dieses Werkzeug am besten eingesetzt werden kann. Das wird mit Hilfe einiger Beiträge der “Politics: Web 2.0: an international conference”, die von der Royal Holloway University of London (RHUL) Anfang des Jahres 2008 organisiert wurde und eigenen Untersuchungen zum Einsatz von Social Software in den Diskussionen um den Bau der Waldschlösschenbrücke in Dresden geschehen.
Um allzugroße Verwirrung zu vermeiden, möchte ich im heutigen Posting zunächst definieren was unter Politik und was unter Social Software verstanden werden soll. Danach werde ich einen Beitrag von Häyhtiö und Rinne vorstellen, der sich der Frage widmet, ob und wie das Internet die Politik und die politische Kultur beeinflusst. Am Ende dieses Postings soll der Beitrag von Häyhtiö und Rinne nach Antworten auf die Frage abgeklopft werden, ob Social Software verwendet werden kann, um Politik zu beeinflussen und was dabei die Herausforderungen sind.
Was ist Politik?
Auch auf die Gefahr hin, nicht die elaborierteste Definition zu nutzen, halte ich mich hier der Einfachheit halber an Meyers Taschenlexikon. Laut diesem ist Politik
“berechnendes, auf Durchsetzung bestimmter Vorstellungen (Ziele) gerichtetes Verhalten”.
Was ist Social Software?
„Social Software unterstützt das Informations-, Identitäts- und/oder Beziehungsmanagement, indem sie Verbindungen zwischen Texten und Menschen zumindest für eine Teilöffentlichkeit sichtbar macht.”1
“Dabei wirkt Social Software als Kollektivgut, mit dessen Hilfe, die beim Informations-, Identitäts- und/oder Beziehungsmanagement entstehenden individuellen Güter so aggregiert werden, dass weitere Kollektivgüter entstehen.“
Den ersten und vom Kommunikationssoziologen Schmidt stammenden Teil der Definition halte ich für einen guten Ausgangspunkt um weitere Untersuchungen anzustellen. Er ist spezifisch genug um gewisse Arten von Internet-Anwendungen auszuschließen (z.B. Online-Banking, E-mail, Skype) und noch breit genug um unterschiedliche Internet-Anwendungen zu einem Typ zusammenfassen zu können.
Um das “Soziale” in der Definition von Social Software nicht zu kurz kommen zu lassen, habe ich die Definition um den zweiten Teil erweitert. Die Bezeichnung von Social Software als Kollektivgut möchte ich damit begründen, dass der Witz von Social Software genau darin liegt, dass sich prinzipiell niemand von der Verwendung von Social Software ausschließen lässt und der Nutzen von Social Software mit steigender Nutzerzahl nicht abnimmt – sondern sogar steigt – und genau diese beiden Kriterien, nämlich die Nicht- Ausschließbarkeit und die Nicht-Rivalität, sind die konstituierenden Elemente eines Kollektivgutes.
Wenn Social Software tatsächlich solche Multifunktions-Übertools sind, so wollen wir jetzt einmal schauen, ob diese Werkzeuge auch einen Einfluss auf die Politik haben können.
Häyhtiö und Rinne (2008) – BIDIRECTIONAL CIVIC ACTIVITIES: Reflexivity in administrational and actionist approaches
Die Autoren stellen in Ihrem Aufsatz fest, dass Informations- und Kommunikationstechnologie wie Internetforen und YouTube tatsächlich einen Einfluss auf die politische Kultur haben und unseren Begriff von Politik verändern:
“Die erweiterte Kommunikation, die sich digitale Technologien sowie leicht zugängliche öffentliche Sphären und asynchrone Zeitlichkeit zunutze macht, verwandelt die politische Kultur und die Wahrnehmung des Politischen ansich.”2
Diese Veränderung ermöglicht laut Häyhtiö und Rinne ein in zwei Richtungen verlaufendes interaktives Engagement sowie eine Beteiligung an politischen Angelegenheiten. Die Autoren sprechen dabei von einer “reflexiven Politik”, welche die klassische formal-institutionelle Politik herausfordert.
Wie sieht diese Veränderung aus? Die Autoren beobachten, dass sich diese Veränderung momentan durch folgende zwei gegensätzliche Diskurse auszeichnet:
Einerseits versuchen Regierungen (und damit sind auch lokale Regierungen wie Stadt- oder Stadtteilparlamente gemeint) mittels CMC (Computer mediated communication) den Bürgern im Rahmen formal institutioneller Politik (also dem bürokratischen Regieren) mehr Foren für mehr Entscheidungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Diese administrationalen Diskurse streben danach, solche Praktiken der Partizipation zu rationalisieren, die vor allem von oben nach unten wirken, z.B. bei der Landnutzungsplanung oder der Stadtplanung.3
Die Autoren vermuten vor allem die sinkende Wahlbeteiligungen in vielen westlichen Demokratien und den Gedanken der “good governance” als Auslöser für die Entscheidung von Regierungen solche Foren einzurichten. Ein Beispiel für diesen Ansatz sehen die Autoren im Partizipationsportal der finnischen Stadt Tampere, mit dessen Hilfe versucht wird, die Einwohner von Tampere in lokale Entscheidungsprozesse einzubinden um gerechtere und legitimere Entscheidungen zu finden.
Zwar auch mittels Social Software, jedoch außerhalb institutionell organisierter Formen, versuchen andererseits Bürger die normalen Grenzen und Zwänge formaler Politik zu transzendieren. Das bedeutet, dass Social Software von Bürgern genutzt wird um neue, bisher unbekannte Formen und Modelle von Politik zu praktizieren. Dieser von den Autoren aktionistisch genannte Diskurs strebt danach, alternative Bedeutungen und Praktiken von unten zu entwickeln, z.B. durch die Kritik offizieller Einflussmöglichkeiten, durch Initiativen und Pläne der Einwohner und durch öffentliche Bürgeraktionen.4
Es ist eben diese so praktizierte Art der Politik, die lt. Häyhtiö und Rinne die klassische formal-institutionelle Politik herausfordert, da sie im Vergleich zu den administrationalen Bestrebungen das Internet vor allem nutzt um horizontale Wirkungen zu entfalten.5 Als Beispiel für diesen Diskurs weisen die Autoren auf eine lose organisierte Gruppe von Tierrechtsaktivisten hin, die in finnischen Tierzuchtanlagen Videos von den schlechten Lebensbedingungen der dort gehaltenen Tiere machten und diese auf YouTube hochluden um die Aufmerksamkeit der Mainstream-Medien und der Öffentlichkeit für dieses Thema zu erhöhen.6
Die Autoren des Beitrages weisen dabei ausführlich auf die Ambivalenzen des administrativen Diskurses hin: Die Praktiken dieses neuen öffentlichen Eingebundenseins versuchen zwar einerseits die Legitimität von Entscheidungen zu erhöhen indem sie Bürgern die Möglichkeit gibt sich an Entscheidungsfindungsprozessen zu beteiligen, andererseits geht es bei den Entscheidungen, in die Bürger per E-Government eingebunden werden, oft nur um unbedeutende und harmlose Angelegenheiten, die gerade in den Kontext der repräsentativen politischen Regierung passen.7 Die Autoren weißen darauf hin, dass die paradoxe Situation entstehen kann, dass solche Projekte, die der Stärkung politischer Partizipation dienen, zu einer Schwächung der Partizipationsbereitschaft führen können, wenn die Bürger die Themen nicht bestimmen können über die diskutiert und entschieden wird, und ihre Meinungen von den eigentlichen Entscheidern zwar gehört aber nicht berücksichtigt werden.8
Die Autoren schließen mit dem Hinweis, dass das Internet als Instrument zur oft debattierten Verbesserung und Stärkung der politischen Partizipation nur taugt, wenn sich a) die Einstellung der regierenden Eliten in Bezug auf das Teilen der politischen Macht ändert und b) anerkannt wird, dass neben der institutionalen Politik noch andere Formen und Modi der Politik existieren.9
Die Beobachtung, dass politische Eliten unfähig oder unwillig sind, Macht zu teilen, obwohl Social Software ihnen Mittel dafür liefern würde, wird auch durch Lilleker und Jackson und Ihrem Beitrag “Politicians and Web 2.0: the current bandwagon or changing the mindset?” gestützt, der ebenfalls im Rahmen der oben schon erwähnten Politics: Web 2.0: an international conference” veröffentlicht wurde.
Sie untersuchten wie britische Parteien und deren Vorsitzende die Werkzeuge des Web 2.0, wie z.B. Weblogs, Social Nezworking Sites oder YouTube nutzen und stellen fest, dass sie nur einen relativ schmalen Bereich der interaktiven Möglichkeiten des Web 2.0 nutzen. So bieten die Parteien und Politiker auf Ihren Social Networking Profilen oder Blogs zwar eine sogenannte Architektur der Partizipation an, deren Eckpfeiler sogenannte Gästebücher sind, auf denen Nutzer öffentliche Nachrichten hinterlassen können. Allerdings beobachten die Autoren, dass selbst wenn viele Nutzer Einträge im Gästebuch von Politikern (wie z.B. dem Vorsitzenden der britischen Liberal-Demokraten Nick Clegg, der sich ein Facebook-Profil eingerichtet hat) hinterlassen haben, die Politiker selber dort keine Antworten geben, sondern ihre Profile hauptsächlich nutzen um ihre Nachrichten zu verbreiten. Lilleker und Jackson können dabei keine Machtverschiebung zwischen politischen Parteien und Bürgern bemerken.
Ihre Feststellung, dass Parteien
“die Wichtigkeit erkennen, den Bürgern die Gelegenheit zur Meinungsäußerung zu geben, aber die Strukturen in denen das geschieht kontrollieren wollen”10,
bestätigt den auch von Häyhtiö und Rinne vermuteten Unwillen der politischen Eliten zum Teilen der Macht. In diesem Zusammenhang prägen Lilleker und Jackson den Begriff des Web 1.5.
Was ist an diesen Beiträgen für Sozialpädagogen interessant?
Erstens wird festgestellt, dass Social Software einen Einfluss auf Politik, auf unsere Wahrnehmung der Politik und damit auch auf Sozialpolitik und unsere Wahrnehmung von Sozialpolitik hat. So kann Social Software einerseits verwendet werden um Entscheidungen die im Rahmen der klassisch-institutionellen Politik getroffen werden mehr Legitimität zu geben und andererseits um das Wirken dieser formalen Politik stärker zu kritisieren und zu transzendieren.
Zweitens halte ich es für interessant, dass es sich bei Initiativen, welche von “oben” wirkend die Partizipation der Bürger erhöhen sollen, durchaus um “heuchlerische” Versuche handeln kann, die den Anschein erwecken, dass Bürger verstärkt an demokratischen Prozessen beteiligt sind, dabei jedoch hauptsächlich die Bedeutungslosigkeit von Bürgerentscheidungen verschleiern.
Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Sozialpädagogen in die Konzeptionierung und Durchführung solcher administrativen Initiativen einbezogen werden bzw. es schon tun, wie z.B. in den Bürgerhaushalt von Berlin-Lichtenberg oder das Projekt der E-Bürgerbeteiligung bei der Parkgestaltung des Gleisdreiecks in Berlin, und so die von Häyhitö und Rinne ansgesprochenen Ambivalenzen solcher administrativen Diskurse mittragen werden.
Die Frage ob sozialpädagogisch Professionelle auf der anderen Seite auch Initiativen des aktionistischen Diskurses bereichern können, traue ich mir nicht zu beantworten, halte es nach dem Lesen des Beitrages von Häyhtiö und Rinne umgekehrt aber für möglich, dass solche Initiativen sozialpolitisches und damit auch sozialpädagogisches Wirken beeinflussen und transzendieren.
Und wie lautet nun die Antwort auf die Frage aller Fragen? – Nun, Social Software scheint tatsächlich verwendet werden zu können um politische Forderungen (z.B. das Schaffen einer kritischen Berichterstattung über bestimmte Themen) durchzusetzen. Indem sie dabei die Grenzen der institutionell formalen Politik transzendiert schafft sie neue Formen und Modi der Beteiligung.
Andererseits jedoch kann Social Software, wie von den Autoren gezeigt wurde, auch ein Werkzeug sein, dass dazu dient, die institutionell formale Politik mit den Kommunikationsmitteln des Internet fortzuführen.
Zum Schluss noch die Vorschau auf das das nächste und zweite Posting unserer kleinen Reihe “Wird die Revolution mit Social Software aggregiert?”: Während Häyhtiö und Rinne daran zweifeln, dass Internet und Social Software per se Instrumente zur Stärkung der politischen Partizipation sind und Lilleker und Jackson vermuten, dass das an der Angst der politischen Eliten vor Machtverlust liegt, wird im nächsten Posting ein Beitrag vorgestellt, der zeigt, dass die Demokratie auch im Zeitalter von E-Government und E-Votings nicht vom Machthunger der Eliten geschwächt wird, sondern von einem Mangel an bedeutungsvollem Engagement der Bürger.
- Schmidt (2007) – “Social Software: Facilitating information-, identity- and relationship management” S. 34 [↩]
- Häyhtiö und Rinne (2008) – “BIDIRECTIONAL CIVIC ACTIVITIES: Reflexivity in administrational and actionist approaches” S. 1 [↩]
- ebd., S. 4 [↩]
- ebd. [↩]
- ebd., S. 17 [↩]
- ebd., S. 17 [↩]
- ebd., S. 7 [↩]
- ebd., S. 14 [↩]
- ebd., S. 27 f [↩]
- Lilleker und Jackson (2008) – “Politicians and Web 2.0: the current bandwagon or changing the mindset?” S. 26 [↩]
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