Mein Wiki gegen Deinen Blog

Zusammen mit einem Kollegen plane ich gerade eine Live-Diskussion mit Studiogästen auf coloRadio, in der wir gemeinsam die Möglichkeiten der sog. neuen Medien für die Gestaltung von Politik beleuchten wollen.

Vor längerer Zeit hatte ich mich hier im Blog ja auch schon mal mit der Frage beschäftigt, wie Social Software genutzt werden kann, um politische Ziele zu erreichen. Aus dieser Zeit ist mir noch die Zyprexa-Kills-Kampagne in Erinnerung geblieben, bei der die unethischen Geschäftspraktiken der Arzneimittel-Firma Eli Lilly mittels Wiki und Blogs öffentlich gemacht und diskutiert wurden, mit der Konsequenz, dass die Firma 1.2 Milliarden US-$ für Vergleiche an Betroffene zahlen musste. Und auch den StudiVZ-Nutzern ist es seinerzeit gelungen, die Änderung der AGBs von StudiVZ zu ihren Ungunsten mittels StudiVZ rückgängig zu machen. Damals, im Jahr 2008, schien Social Software eine politische Wunderwaffe zu sein: Mit ihrer Hilfe konnte man Korruption aufdecken, Politiker zur Verantwortung ziehen oder sogar absetzen und wichtige Gesetze auf den Weg bringen, kurz: mittels Social Software konnte man das Gute erreichen und das Böse bekämpfen. Alles direkt vom Wohnzimmer-Sessel aus.

Drei Jahre später scheint die Euphorie der Nüchternheit gewichen zu sein: Diskussionen können auch dann unübersichtlich werden und endlos lange dauern, wenn sie mittels Liquid Feedback geführt werden. 100.000 Facebook-Likes führen nicht automatisch dazu, dass Innenstädte lebenswerter werden. Bürger-Blogger konnten den Krieg in Syrien nicht verhindern.1 Und was ist eigentlich aus der Petition geworden, bei der binnen 3 Tagen scheinbar halb Deutschland gegen… äh tja, was war es eigentlich nochmal … gestimmt hat?

Wie steht es im Jahr 2013 mit dem Versprechen, dass die neuen Medien zu einer besseren, bürgerfreundlicheren und partizipativeren Politik führen könnten? Was sind Eure Erfahrungen mit neuen Medien und Politik? Habt ihr mit neuen Medien schon mal Einfluss auf die Politik genommen? Was hat sich durch Euren Blog, Euer Facebook-Konto in der Welt zum Besseren gewendet? Wie konntet ihr durch Kurznachrichten auf Twitter positiv auf Eure Umwelt einwirken?

Oder lenken Euch soziale Netzwerke & Co. eher von sinnvollem und wirkungsvollem Engagement ab? Fühlt ihr Euch von den neuen Medien als Bürger vielleicht sogar unter Druck gesetzt?

Schreibt doch mal, was ihr so denkt und für Erfahrungen gemacht habt. Vielleicht habt ihr ja auch Lust, als Studiogast an der Sendung teilzunehmen? Oder anzurufen?2

  1. Haben sie den Krieg, ohne es zu wollen, in dieser Form vielleicht erst ermöglicht, weil sie die zwischen den Kriegsparteien vermittelnde Beobachtermission der Arabischen Liga mit kritischen Kommentaren unterwanderten? []
  2. Der Termin der Sendung steht zwar noch nicht fest, aber ich würde nochmal Bescheid sagen. []

8 thoughts on “Mein Wiki gegen Deinen Blog

  1. ich hab die woche erst mit meiner schwester darüber diskutiert, dass gerade facebook, aber auch blogs in autoritären staaten ne waffe sind, die weniger den aufständischen nützt als den unterdrückern, wenn die daten genutzt werden, um leute aufzuspüren und gegen sie vorzugehen. und wer weiß, an wen facebook seine daten vertickt… ich vertrau dem verein nicht.

  2. ohne dass mir eine Begründung auf der Zunge liegt, sehe ich die Gestaltungschance der „neue-Medien-Nutzer“ nicht in der Beeinflussung der bestehenden Politikstrukturen, sondern in Parallelstrukturen dazu. Über „neue Medien“ publiziert kann reales Verhaltes beeinflusst werden.
    Mir kommt gerade die Staatsquote von ca. 50% in den Sinn – die Verwendung dieses Geldes ist für die „Neuen“ nicht erreichbar. Bleiben die anderen 50%, natürlich nur ein Bruchteil davon. Und das Handeln der „neu“ Beeinflussten, wenn dies nicht durch Geld gebunden ist.
    Ich glaube, das ist der Punkt, es braucht Handlungsspielraum, der geldfrei verfügbar ist. Wenn dieser größer wird (freie Software als kleiner Beitrag), kann auch der Einfluss „neuer Medien“ größer werden.
    Oder sollte man doch auf die etablierte Politik zielen? Könnte schneller Einfluss bringen, aber was ist dann neu? Neue Köpfe, okay. Neue Inhalte in der Köpfen? Ein entpersonalisierter Kopf, dessen Inhalt über flüssiges Feedback gefüllt wird? Als Experiment finde ich eigentlich durchaus interessant, aber ist es nicht doch eine Industrialisierung der Gemeinschaft, eine Huxleyfizierung? Dieter-Bohlen-Pop statt Musik?

    • Parallelstrukturen kann ich auch erkennen, frage mich nur, welche Kraft und welchen Einfluss sie auf Strukturen haben.

      „Über “neue Medien” publiziert kann reales Verhaltes beeinflusst werden.“ – Der Glaube daran, geht mir gerade etwas verloren. z.B. gab es m.E. dieses Jahr auf der Münchener Sicherheitskonferenz sowenig Gegendemonstranten wie lange nicht. Ich vermute, viele haben auf Facebook am Event „Großdemonstration“ teilgenommen. Aber ob das so wirkungsvoll ist? (Andererseits: welche Wirkungen hatten die „realen“ Demos?).

      Ansonsten finde ich, dass Huxley und Bohlen doch gut zusammen passen: als Kritiker und als Kritisierter. Ach, das sind dann doch zwei Zeilen.

      Aber Huxleyfizierung, was ist das? Mir kam als erstes die Assoziation „Tittytainment“, im Fall der Kritik sozialer Medien umgewandelt in „Klickytainment“. Klingt doch gut, oder? Lass ich mir patentieren.
      Klickytainment: soviel wie „Der Glaube durch Klicken die Welt verändern zu können.“

  3. Ich kaue gerade an der Frage, was „reales“ Verhalten ist, wie dies beeinflusst werden kann, wie durch Medien (ist die Beeinflussung eine Mediation?), und wie genau „neue“ Medien definiert sind. Ich befürchte, es braucht längere Begriffsaufbereitung, um das eventuell vorhandene Weiterdenken verständlich zu machen. Oje. Ach ja, Huxleyfizierung, ich meine damit die Reduzierung der Wahrnehmung des anderen Individuums auf seine Funktion in der Gemeinschaft. Auch MAschinen üben eine Funktion in der Gemeinschaft aus. Der Glaube, dass die maschinisierte Welt eine bessere Welt wird, das verbinde ich mit „dem Buch“ von Huxley. Schöne neue Welt. Schöne neue Medien.

    • Der Glaube, dass die maschinisierte Welt eine bessere Welt wird, das verbinde ich mit “dem Buch” von Huxley. Schöne neue Welt. Schöne neue Medien.

      Aber wer steckt dahinter? Bei Huxley ist es wohl eine Elite, die den Glauben hat, dass Konsum zur Verbesserung / Befriedung des Lebens beiträgt (Oder?) Und ist es nicht hier und jetzt auch so? Jedenfalls vermutet es Foucault, wenn er in „Die Geburt der Biopolitik“ zum Einzug einer neuen Regierungsform äußert (ich sags jetzt mal platt), dass die Schrecken von Nationalsozialismus/WK2/Stalinismus den Neo-/Ordoliberalismus nach dem Krieg im Westen als vermeintlich ideologiefreie Gesellschaftsidee so attraktiv und populär gemacht haben, dass wir und alle die wir kennen, heute gerne konsumierend leben.

  4. Zurück zum Anfang. Die neue Chance im neuen Medium ist erstmal, dass der Zugang unreguliert ist, ich also einfach Informationen reinstellen kann, anders bei Rundfunk oder Fernsehen oder Zeitung. Damit dass so bleibt, ist die eine Phobie vor allen Ansätzen zur Regulierung erstmal angemessen. Bei den Digitalophilen ist diese Phobie ja auch durchaus verbreitet.
    Eine Regulierung des Informationsflusses findet trotzdem statt, z.B. via Google, wenn die Ursprungsdaten erhalten bleiben, bleibt aber auch die ewige Hoffnung auf Nachregulierung.
    Wenn ich meinen Willen jetzt und heute zu Politik machen will, ist das Warten auf Gefundenwerden aber eine miese Option. Muss ich den Leuten auf den Kranz gehen. Geht das mit neuen Medien leichter als vorher? Scheint erstmal so. Ein zusätzlicher, neuer Weg ist kein Hindernis.
    Konkrete Erfahrung? Ja, da war mal so eine Petition, ne 2 waren es. Die mit dem Pillnitzer Park hat’s nicht gebracht. Dann war da was wegen Pflichtrentenversicherung für Selbstständige. Was wurde daraus? Ich glaube das Gesetz hängt noch irgendwo. Ich gebe zu, ich habe es aus den Augen verloren. Ha, dann war da noch Waldschlösschenbrücke, aber das kam ja in eine Abstimmung über den alten Weg.
    Ich habe keinen echten Erfolg zu melden. Auf alte Weise habe ich schon mal den Kanzler gewählt. Ich war’s!
    Ich kommentiere manchmal bei einer Freitagszeitung online. Ob man da einen Effekt zählen kann? Einem einzelnen Artikel einen Effekt zuzuschreiben wird sicher sowieso nur selten gelingen. Bei einem Kommentar wird das noch schwieriger. Aber ja, es fühlt sich besser an als ohne. Trägt also zur Verbesserung/Befriedung des Lebens bei.

    • Muss ich den Leuten auf den Kranz gehen. Geht das mit neuen Medien leichter als vorher? Scheint erstmal so. Ein zusätzlicher, neuer Weg ist kein Hindernis.
      – Ein Hindernis wird es dann, wenn zu viele Menschen oder Institutionen diesen Weg gehen und jeder jedem ständig auf den Kranz geht. Alle plappern dann ganz viel durcheinander, aber die Qualität dieser Gespräche tendiert gegen null.

      Ich habe keinen echten Erfolg zu melden. Auf alte Weise habe ich schon mal den Kanzler gewählt. Ich war’s!
      – Und ich hatte mich damals schon gefragt, wer das wohl wieder gewesen ist …

      Ja, da war mal so eine Petition, ne 2 waren es. Die mit dem Pillnitzer Park hat’s nicht gebracht.
      – Meine 3 oder 4 Bundestags-E-Petitionen sind mir auch aus den Augen verschwunden. Ob das ein gutes Zeichen ist? Aber (oder und?): die Kesselsdorfer Straße in Dresden wird jetzt zur Zentralhaltestelle, obwohl ich nur halbherzig dafür E-petierte.
      Vielleicht kann man mit dem neuen Medium trotz seines globalen Anspruches eher im Lokalen wirken?

      Aber ja, es fühlt sich besser an als ohne. Trägt also zur Verbesserung/Befriedung des Lebens bei.
      -Nennt sich, glaube ich, Selbstwirksamkeit. Mm… scheint mir auch eine positive Wirkung des neuen Mediums zu sein. Jedenfalls kurzfristig. Langfristig hält es uns vielleicht davon ab, nett mit den Nachbarn zu plauschen. Oder zu demonstrieren.

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