Sozialpädagogik und Öffentliche Güter I: Berliner Szenetreffpunkt Bahnhof Zoo

Wie ich bereits kritisiert habe, gibt es nur sehr wenige Berührungspunkte zwischen Theorien der Sozialpädagogik/Sozialarbeit und Theorien der öffentlichen Güter.

Ich werde in einigen der folgenden Beiträge versuchen, ein paar dieser wenigen Berührungspunkte zu beleuchten:

Stefan Thomas: Berliner Szenetreffpunkt Bahnhof Zoo – Alltag junger Menschen auf der Straße

Der Autor hat die “Szene” am Bahnhof Zoo in Berlin einige Monate lang beobachtet und Interviews mit den dort lebenden Jugendlichen durchgeführt.

In seinem Beitrag kann ich Ansätze für ein Denken entdecken, das eine Beziehung zwischen öffentlichen Gütern und sozialen Problemen herstellt.
So z.B. wenn der Autor schreibt, dass sich neben der Armutsproblematik der Jugendlichen „eine weitere Herausforderung aus der Verknappung des öffentlichen Raums in den Innenstädten [ergibt]“1 und ergänzt:

Die Menschen können sich auf den privatisierten Stadtflächen nicht nach Belieben aufhalten, indem sie über die vorgegebenen Nutzungskonzepte hinaus diese Räume zu einem Teil ihrer Lebenswelt machen. Damit werden in der städtischen Öffentlichkeit der individuelle Entfaltungsraum auf eine konforme Normalität hin verengt.
Gerade junge Menschen haben darunter zu leiden, dass der öffentliche Raum einer zunehmenden Verknappung unterworfen ist.2

An und für sich finde ich den Hinweis auf die Probleme, die sich aus einer zunehmenden Verknappung des öffentlichen Raumes für junge Menschen ergeben schonmal ganz wertvoll. Mir fehlt hier allerdings eine Ausweitung des Problembewusstseins auf die zunehmende künstliche Verknappung bzw. die unzureichende Versorgung mit anderen öffentlichen Güter, wie Informationen, Wasser, wissenschaftlichen Errungenschaften (Stichwort: Generika), Saatgut, Gene, Landschaften u.s.w.

Demzufolge sind auch die Konsequenzen die der Autor aus der von ihm beobachteten Armut zweigleisig:

Einerseits fordert er zu einer Wiederaneignung der Öffentlichkeit auf und weißt auf die Probleme hin, die mit der Einführung von Hartz IV für die Jugendlichen verbunden sind, bzw. sein werden (das Buch ist von 2005 – Erfahrungen mit Hartz IV konnten deshalb nicht in die Studie eingehen).
Dabei ruft der Autor die Sozialarbeiter auf, ihre „Funktion als Interessenvertreter der jungen Menschen auch auf politischer Ebene auszuüben, um die Öffentlichkeit über die Folgen der prekären Lebenslage und die Bedeutung des sozialen Treffpunkts aufzuklären3“, was ich nicht schlecht finde. Allerdings frage ich mich ob die Sozialarbeiter, die ja (nicht nur finanziell) oft selber von der Existenz prekärer Lebenslagen abhängen, wirklich die Richtigen dafür sind.
Auch die Einführung einer sozialen Grundsicherung hält der Autor für sinnvoll um die prekäre Lebenssituation der betroffenen Menschen zu entschärfen.4

Andererseits fordert er die Armen auf, sich um verbesserte Integration in die Gesellschaft zu bemühen. Die Lebenssituation der am Bahnhof Zoo lebenden jungen Menschen könne dabei für ihn durch Ansätze der psychosozialen Intervention (Drogenberatung, Schulungs- und Bildungsmaßnahmen, Therapieangebote) verbessert werden, der er ein ganzes Unterkapitel seines Buches widmet. Das enttäuscht mich ganz schön. Zwar mögen diese Mittel hier und da ein paar Probleme zu lösen, aber solche Vorschläge sind Wasser auf die Mühlen derer, die gesellschaftliche Probleme durch Pathologisierung und Therapie von Individuen zu lösen versuchen. Therapie und Beratung sind denkbar ungeeignete Mittel um die Verdrängung junger Menschen aus sich immer weiter schließenden öffentlichen Räumen zu beenden.

Ein Blick auf historische oder zeitgenössische Ideen und Bewegungen des (selbst-)organisierten Widerstandes gegen Privatisierung und Einschließung öffentlicher Räume und Güter, wie die der Levellers und Diggers oder wie sie mitunter von sozialen Bewegungen, wie Attac praktiziert werden, hätte der Aufzählung von Lösungsvorschlägen an dieser Stelle gut gestanden. Andererseits ist der Autor Diplom-Psychologe und da finde ich es schon bewundernswert, dass er bei dem Thema „Berliner Treffpunkt Bahnhof Zoo – Alltag junger Menschen auf der Straße“ nicht nur nach der totalen Therapie für die Betroffenen ruft.

All in all finde ich es großartig, dass mal jemand aus der „Psycho-Ecke“ auf die Idee kommt, einen Zusammenhang zwischen der Einhegung von Gemeingütern und der Entstehung und Verstetigung individueller Armutslagen herzustellen.

  1. Thomas, S. (2005) Berliner Szenetreffpunkt Bahnhof Zoo : Alltag junger Menschen auf der Straße. Wiesbaden, VS Verl. für Sozialwissenschaften S.224 []
  2. ebd. S.225 []
  3. ebd. S.226 []
  4. ebd. S.222 []