Sozialpädagogik und Öffentliche Güter II: Solidarische Ökonomien

Gisela Notz: Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen

Einen weiteren Anknüpfungspunkt zwischen Theorien der Sozialpädagogik und Theorien der öffentlichen Güter erkenne ich in Gisela Notz’ Beitrag “Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen”.1 der etwas verschämt fast ganz ans Ende des Buches “Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? – Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven” gerückt worden zu sein scheint.
Nichtsdestotrotz ist mir ihr Beitrag sehr sympathisch: Ausgehend von Klagen und Diskussionen aus Theorie und Praxis sozialer Arbeit über die Folgen einer zunehmenden Ökonomisierung Sozialer Arbeit und Bezug nehmend auf eine verstärkte Privatisierung und Familiarisierung von Sozialleistungen, Sozialarbeit und sozialen Problemlagen sucht die Autorin das Heil nicht nur in einer aus dieser Position oft gebetsmühlenartig geforderten Politisierung Sozialer Arbeit sondern auch in der Betrachtung kooperativer Arbeits- und Lebensformen.
Mit Blick auf Gemeinschaften in denen eine, mit den Worten der Autorin, “solidarische Ökonomie” praktiziert wird, meint sie:

Die Möglichkeit der gegenseitigen Versorgungen macht die vom “Vater Staat” geleisteten wohltätigen Unterstützungen und die Inanspruchnahme staatlicher “Einrichtungen” beinahe unnötig.2

Diese Gemeinschaften werden von der Autorin “Kommunen” genannt – ein Begriff den ich erstmal etwas schräg fand, erinnert er mich doch an Berichte über die wilde Kommune 1 – für mich ein Symbol des Scheiterns der 68er-Bewegung. Kommune ist vielleicht aber auch gar nicht so schlecht, schließlich stammt Kommune von lat. communis und das heißt so viel wie “allgemein, gemeinschaftlich”.
Notz verliert sich dann ein bisschen in von ihr für gültig gehaltenen Allgemeinplätzen wie:

Denn viele Betriebe und Projekte der solidarischen Ökonomie scheitern bereits in der Anfangsphase. Oft geschieht dies, weil die Illusionen, die mit dem anderen Leben verbunden sind, so unermesslich groß sind, dass sie einfach nicht eingelöst werden können. Oder weil soziale Qualifikationen und Verantwortung, die zur Übernahme kollektiver Entscheidungsstrukturen notwendig sind, innerhalb der herrschenden Sozialisationsinstanzen nicht gelernt werden.3

Woher sie dieses Wissen nimmt und auf wen sie sich dabei beruft, bleibt ihr kleines Geheimnis, am Ende hat die Autorin gar persönliche Erfahrungen in einer wilden Kommune machen können ;)
Für mich ist jedoch folgender Satz der Autorin interessant:

Was dringend notwendig wäre, ist eine Auseinandersetzung mit der breiten Empirie des Scheiterns und der Barrieren, die diesen Erfolgen im Weg stehen. Daraus könnten die lernen, die nicht alle schon einmal gemachten Fehler selbst wiederholen wollen.4

Das sehe ich auch so. Man kann schlecht einen Slogan wie “Eine andere Welt ist möglich” propagieren ohne sich zu fragen warum eine andere Welt bisher noch nicht vorhanden ist, bzw. woran deren Einführung bisher scheiterte.
Wie nahe Notz mit ihrer Forderung nach einer Auseinandersetzung mit den Barrieren und dem Scheitern kollektiven Handelns Mancur Olsons Beitrag zur Logik des kollektiven Handelns und Elinor Ostroms Arbeiten zur Verfassung der Allmende kommt, ahnt die Autorin wahrscheinlich nicht einmal. Was sehr schade ist, tragen doch gerade diese Autoren eine Menge zu Erklärungen für kollektives Handeln und Gründe für dessen Scheitern und Gelingen bei.

Anyway: Ich stimme mit der Autorin darin überein, dass sich Theorien der Sozialpädagogik mehr mit Theorien kollektiven Handelns auseinandersetzen müssen, wenn die Arbeit der SozialpädagogInnen und das von ihnen bearbeitet Leben der KlientInnen unabhängiger von den Inputs von Staat und Wirtschaft werden soll.

Sehr wichtig erscheint es mir dabei, nicht nur von einer Utopie zu reden und dieser den Namen “Solidarische Ökonomie” oder “Kommune” zu geben, sondern auch zu schauen, wo und wie solche von Staat und Wirtschaft unabhängigen Gemeinschaften bereits erfolgreich leben und arbeiten.

  1. Notz, G. (2008) Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen. in: Kessl, F. & Otto H.-U.: Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? – Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven. Weinheim, Juventa. []
  2. ebd. S.218 []
  3. ebd. []
  4. ebd. S.218 f. []

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