Über Susanne Elsens „Ökonomie des Gemeinwesens“

In Ergänzung zu einer bereits vorhandenen Rezension zu Susanne Elsens im Jahr 2007 bei Juventa erschienenem Buch „Die Ökonomie des Gemeinwesens. Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung“ soll hier vor allem auf die entbettete Ökonomie und Susanne Elsens Versuch der Rückbettung durch die Förderung und Schaffung von Ökonomien der Gemeinwesen eingegangen werden. Außerdem soll, ausgehend von der Kritik der Autorin an den klassischen Wohlfahrtsorganisationen, eine Erweiterung der sozialpädagogischen Perspektive um Theorien des kollektiven Handelns und der Gemeingüter vorgeschlagen werden.

Ich möchte die Autorin als eine Art Pionierin der deutschsprachigen Gemeinwesenökonomie bezeichnen und bin ihr recht dankbar dafür, dass sie mit ihrer Arbeit eine (wenn auch noch etwas wacklige) Brücke zwischen den Theorien der öffentlichen Güter und Theorien der Sozialen Arbeit schlägt.

Kurz zur Struktur des Buches: Dieses nimmt seinen Ausgang in der Beschreibung eines umfassenden Problems, mit dem sich die Autorin im ersten Teil zunächst theoretisch auseinandersetzt und für welches sie im Zweiten Teil konkrete praktische Lösungen nennt und sich kritisch mit diesen Lösungen auseinandersetzt. So möchte ich auch die Kritik zu Susanne Elsens Buch in zwei Teile teilen:

Zu Teil 1 – Makro

Das Problem mit dem sich die Autorin im ersten Teil des Buches beschäftigt, wird von ihr, in Anlehnung an den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi, entgrenzte Ökonomie genannt. Mit entgrenzter oder “entbetteter” Ökonomie wird ein von seinen sozialen Funktionen und Zusammenhängen losgelöstes Funktionieren eines Wirtschaftssystems bezeichnet. Ein solches System selbst und auch seine Produkte dienen, laut Kritkern wie Polanyi, Bordieu oder Negt nicht mehr der Gesellschaft, die es entwickelt hat, sondern lasse im Gegenteil die Gesellschaft ihre Werte dem Automatismus dieses Wirtschaftssystems unterordnen und zwinge dazu, dass sich immer mehr Vorgänge des gesellschaftlichen Lebens nach den Logiken dieses Wirtschaftssystems organisieren. Dabei attestiert Elsen – man ahnt es schon – dem gegenwärtige dominierenden Wirtschaftssystem genau diese Merkmale: das real-existierende marktwirtschaftliche System unterwerfe mehr und mehr Lebensvorgänge der Logik des Wettbewerbes, des Profits und des monetären Gewinns und definiere Begriffe wie Vernunft, Rationalität, Zweckmäßigkeit und Nutzen dabei ausnahmslos auf der Basis dieser Logik.

Sie kritisiert eine solche Art des Wirtschaftens, dessen Ziel nicht mehr die Erwirtschaftung des menschlichen Lebensunterhaltes sei, sondern das Wachstum von Geld um des Wachstums des Geldes willen und weißt darauf hin, dass diese Art der Ökonomie die Folgekosten, die für die Systeme Gesellschaft und Ökologie entstehen, ignoriere und diese Systeme damit entwerte.

Sie stellt dar, dass die Ökonomie (Wirtschaft) als solche und die momentan dominante, entbettete Ökonomie (Wirtschaftssystem) zwei unterschiedliche Sachen sind: – erstere meint die Gesamtheit der Handlungen, die zur Deckung des menschlichen Lebensunterhaltes nötig sind, während letzteres ein Konstrukt darstellt, das Realität wurde, als man Modelle der Neoklassik mit der Realität gleichsetzte, die man eigentlich mit Hilfe der Modelle zu erklären versuchte.1

Hin und wieder würzt sie ihre Argumentation mit dem Verweis auf Probleme, die sie als Folge des gegenwärtig dominanten, von den Sozialbeziehungen entbetteten Wirtschaftssystems sieht: Die Zerstörung sozialer, ökonomischer, kultureller und ökologischer Vielfalt durch die Unterdrückung gemeiner Rechte, das Verschwinden und die Entwertung alternativer, nicht-marktförmiger Formen von Produktion und Konsumtion, Raubbau an globalen Gemeingütern, etc. pp.
Erfreulicherweise kommt sie dabei ohne Schuldzuweisungen aus, verfällt nur hin und wieder etwas ins Plädoyer-Hafte:

Die Erhaltung und Erschließung der Pluralität ökonomischer Tätigkeiten auch jenseits marktvermittelter Erwerbsarbeit und eine bewusste Stärkung der Vielfalt der Ökonomien, die der sozialen Integration, Bedarfsdeckung und Existenzsicherung der lokalen Bevölkerung und der Zukunftsfähigkeit der Gemeinwesen dienen, ist eine vorrangige gesellschaftspolitische Aufgabe. 2

Ausgehend von der Annahme, „dass das westliche Wachstumsmodell aufgrund der physischen Grenzen der Ausbeutbarkeit und Belastbarkeit des Planeten keine Zukunft hat“3 und einem allgemeinen Misstrauen in die ganzheitlichen Selbstregulierungskräfte des Marktes versucht sie Alternativen zu den Denkfiguren der Neoklassik, zum Primat der Ökonomie und damit zum System einer entgrenzten Ökonomie zu beschreiben und mit Leben zu füllen.
Dabei geht sie auf die Modelle des homo cooperativus und homo oecologicus ein und erklärt die Ansichten und Theorien von Wirtschaftswissenschaftlern, die das Paradigma des homo oeconomicus kritisieren, wie dem Wirtschaftsnobelpreisträger und Chefökonom der Weltbank Joseph Stieglitz, (der in Re-regulierung zugunsten eines selbstorganisierten kollektiven Handelns statt Deregulierung die Lösung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme sieht) , Herman Daly (einem Ökonom, der meint, dass steigender Wohlstand auch mit einem sinkenden BIP vereinbar sein kann) oder „Mikrokrediterfinder“ Muhammad Yunus.

Zu Teil Zwei – Mikro

Nachdem die Autorin im ersten Teil des Buches die Funktionen und die Folgen des gegenwärtig dominanten, entbetteten Wirtschaftssystems schildert, damit das Bild einer allgegenwärtigen und alles durchdringenden dysfunktionalen Wirtschaft zeichnet und sich mit Alternativen auf der Makro-Ebene beschäftigt, pickt sie sich im zweiten Teil kleinere Aspekte dieses Wirtschaftssystems heraus und versucht Alternativen für diese zu finden und zu beschreiben.

Dabei geht sie insbesondere auf Tauschringe, Lokalgeld und Komplementärwährungen, Genossenschaften und die Schwierigkeiten des Genossenschaftswesens in Deutschland sowie auf Alternativen zur Erwerbsarbeit, Mikrokredite und auf die Entstehung neuer sozialer Bewegungen (insbesondere in Lateinamerika) ein, die sie mit vielen Beispielen illustriert. Oft gelingt es ihr, die Geschichte und die Gegenwart dieser Institutionen recht spannend zu schildern und obwohl sie dabei hin und wieder ein bisschen ins Schwärmen gerät und manchmal den Eindruck erweckt, diese Beispiele einer Alternativökonomie ein wenig zu rosig und enthusiastisch zu sehen, weißt sie immer wieder auf Widersprüche und dunkle Seiten dieser Alternativen hin. So meint sie z.B. zu den Mikrokrediten der vom bengalischen Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus gegründeten genossenschaftlichen Grameen-Bank, die sie als eine von vielen möglichen Lösungen für die Verschuldung armer Menschen der sog. Dritten Welt sieht:

Neben allen positiven Effekten müssen potenzielle Gefahren berücksichtigt werden, die mit diesem Lösungsansatz verbunden sind. Es besteht z.B. die Gefahr, dass traditionelle gemeinschaftszentrierte Formen des Wirtschaftens und noch bestehende Subsistenzstrukturen zugunsten der Produktion für den Markt vernachlässigt und zerstört werden. Das Programm bietet die Möglichkeit, sich als Kleinkapitalistin zu bewähren und dies zieht naturgemäß Wettbewerb, Verdrängung, Marktengpässe und Preiszusammenbrüche nach sich.4

Sehr gut gefällt mir, dass die Autorin immer wieder auf die zweifelhafte und systemstützende Rolle der Sozialen Arbeit und der klassischen Wohlfahrtsorganisationen hinweist. Diese seien mitverantwortlich für die Verhinderung kooperativer Selbstorganisation:

Die Selbstorganisation im Sozialbereich und damit die Emanzipation der AdressatInnen stehen dem Interesse der Vertreter der organisierten Lobby der Benachteiligten entgegen – eine scheinbar absurde Situatuion. Bis heute gibt es keine Voraussetzungen für kooperative Selbsthilfe im Sozialbereich, z.B. in Form von Sozialgenossenschaften als eigenständige Alternativen zu den Angeboten der Wohlfahrtsverbände.5

Eine große Leistung der Autorin ist es an dieser Stelle, auf Sozialgenossenschaften hinzuweisen und damit etwas zu zeigen, das es nicht gibt und es damit überhaupt erstmal denkbar zu machen.

Doch – weil man sowas nicht allzu oft liest – nochmal zurück zu ihrer Kritik an den bestehenden Formen der westlichen Wohlfahrt:

Die zumeist individualisierenden Diagnosen und Bearbeitungsweisen gesellschaftlicher Exklusionsfolgen, die Soziale Arbeit auf den Plan rufen, degradieren AdressatInnen zu Objekten, ohne dass […] Ziele und Lösungswege entwickelt werden können. Mit dieser professionellen Haltung verstärkt Soziale Arbeit die Folgen systembedingter Exklusionseffekte.6

Sie erklärt unter Verweis auf die individualisierenden „Lösungsansätze“ von Wohnungslosigkeit vieler v.a. kirchlich getragener Hilfesysteme, dass soziale Einrichtungen vom Elend derjenigen leben, welches von dem gegenwärtig dominierenden Wirtschaftssystem produziert wird, dass sich klassische Wohlfahrtsorganisationen in diesem System eingerichtet haben und dass man daher von klassischen Wohlfahrtsorganisationen keinen Beitrag zu sozialpolitischer Innovation erwarten könne.7

Das ist starker Tobak, mit dem sich die Autorin bei den VertreterInnen der Sozialen Arbeit und der Wohlfahrtsträger nicht unbedingt Freunde machen wird, aber das ist wahrscheinlich auch nicht ihr Anliegen.

Die Autorin weist jedoch darauf hin, dass es auch im Bereich der Sozialen Arbeit Möglichkeiten gibt, Prozesse der Selbstorganisation zu unterstützen: Im Rahmen der Gemeinwesenarbeit, insbesondere in den Formen des community organizing, die Saul Alinsky formte und aufbaute und der „Pädagogik der Unterdrückten“, wie sie von Paolo Freire proklamiert und gelehrt wurde, sieht sie Möglichkeiten für sozialarbeiterisch Interessierte als Professionelle Community-Organizer Benachteilige dazu mobilisieren, sich wieder für eigene Belange zu interessieren und sich zu organisieren um ihre Interessen zu vertreten. Professionelle Community-Organizer können zu Empowerment und Emanzipation derjenigen Menschen beitragen, die von einem global agierenden System der ungerechten Umverteilung von Ressourcen, Macht und Einflussnahme hilflos gemacht wurden.

Damit gibt die Autorin den SozialpädagogInnen durchaus die Chance „auch in den Industriestaaten auf der Basis der Analyse der veränderten sozialökonomischen Bedingungen zukunftsfähige Alternativen zu finden und Residuen [Reste – d.A.] sozial eingebundenen Wirtschaftens im lokalen Raum als Zukunftsmodelle zu erkennen.“8 und darauf aufbauend „Ansätze der Arbeit in und mit Gemeinwesen, die in den letzten Jahrzehnten und in vielen Weltregionen entwickelt wurden, […] für die Suche nach einer zeitgemäßen Handlungstheorie zu adaptieren.“9

Dass mehr als eine Handvoll der sozialarbeiterisch Beschäftigten diese Hoffnungen in der Praxis erfüllen können und wollen, wage ich zu bezweifeln. Zu stark scheint mir ihr Streben nach dem Wohlstand der bürgerlichen Mitte zu sein, um sich für alternative Ökonomien zu engagieren. Dank Susanne Elsens Buch können sie nun aber nicht mehr sagen, sie hätten nicht gewusst, Funktionäre eines Systems zu sein, welches nach neoklassischen und neoliberalen Prinzipien arbeite und dafür den Verfall von Gemeinwesen, die Behinderung von Selbstorganisation und die Zerstörung der Vielfalt sozialer, ökonomischer, ökologischer und kultureller Formen in Kauf nehme.

Was ich vermisse

Gerade angesichts des Gedanken, dass es zur weiteren Gemeinwesenentwicklung nötig sei, Ansätze zu adaptieren, die in und mit bestehenden Gemeinwesen entwickelt wurden, fehlt mir die Auseinandersetzung mit Jahrhunderte alten und immer noch existierenden (Resten von) Gemeinwesenökonomien, wie z.B. den Allmenden oder den Gemeinschaftswäldern. Außerdem hätte ich mir die Berücksichtigung von Gemeinwesenökonomien die abseits des sozialpädagogischen Mainstreams liegen gewünscht, wie z.B. Open Source/Freie Software oder die Wissensallmende. Insbesondere die Arbeiten von Ursula Holtgrewe und Charlotte Hess über die Praktiken dieser gut funktionierenden Formen der Gemeinwesenökonomie sind m.E. von unschätzbarem Wert bei der Beantwortung der Frage, ob und wie sich das gegenwärtig dominierende Wirtschaftssystem in seine sozialen und ökologischen Beziehungen rückbetten lässt.

Beachtung hätten meiner Meinung nach auch Mancur Olsons „Logik des kollektiven Handelns“ und Elinor Ostroms Arbeiten über die Selbstverwaltung von Allmenderessourcen finden sollen. Während olle Mancur zu erklären versucht, warum es für manche Gruppen schwierig, ja nahezu unmöglich sein kann, ein angestrebtes Ziel zu erreichen, zeigt sich in Ostroms Arbeiten, wie die internen Problemen der Institutionen gelöst werden könnten, die für Susanne Elsen eine so wichtige Alternative zur globalen Marktwirtschaft schaffen können: die selbstverwalteten und lokalen Betriebe, Gemeinden und Subsistenzsysteme.

Noch zwei eher technische Kritikpunkte:

  1. Ein Sach- und Personenregister würde den LeserInnen des Buches ungemein helfen, spannende Textstellen wiederzufinden und Lust machen, im Buch nach neuen und interessanten Begriffen zu stöbern.
  2. Autoren, die es Ernst meinen mit ihrer Kritik an einem System, welches nur nach der Logik des Marktes funktioniert, sollten Ihre Bücher unter eine freie Lizenz stellen und (z.B. im Rahmen der Open Access-Bewegung) als Volltext im Internet veröffentlichen. Das spart einerseits materielle Ressourcen im Sinne einer nachhaltigen und umweltschonenden Wirtschaftsweise und erleichtert im Sinne von Emanzipierung und Empowerment andererseits vielen Menschen den Zugang und die Teilhabe an nicht materiellen Ressourcen.

Schlussbetrachtung

Susanne Elsen, die sich in ihrem Buch für eine Vielfalt wirtschaftlichen Handelns ausspricht und nach Möglichkeiten sucht alternative Ökonomien zu denken, zu erhalten und auszubauen, bündelt hier Theorien der Sozialpolitik, der Wirtschaftstheorie und des Gemeinwesens und ist somit recht breit angelegt. Für ein „Wirtschaftsbuch“ ist es erstaunlich untheoretisch, für ein „Sozialpädagogikbuch“ sehr Ökonomie-lastig und beides ist an dieser Stelle als Kompliment gemeint.

Dabei bleibt das Werk nicht immer systematisch, ist voller Wiederholungen und mit seinen fast schon dogmatischen Plädoyers für mehr Vielfalt der Wirtschafts-, Organisations- und Lebensformen eigentlich ziemlich unwissenschaftlich (wenn man davon ausgeht, dass Wissenschaft wertfrei ist, was man nicht tun muss).

Ich bin Susanne Elsen für dieses Buch dankbar. Es ist ein gewagter und wichtiger sozialpädagogischer Schritt in das, für die professionellen Helfer bisher scheinbar uninteressante, Feld der Gemeingüter und des kollektiven Handelns.
Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der sich fragt, wie Alternativen zum gegenwärtig dominierenden Wirtschaftssystem gedacht werden und aussehen können. Dem sozialarbeiterisch interessierten Leser zeigt Frau Elsen, dass Sozialpädagogik mehr sein kann, als die Krankenschwester/der Krankenpfleger des Kapitalismus.
Aber auch die kritische Wirtschaftswissenschaftlerin, der interessierte Geograph oder vielleicht sogar der frustrierte Hartz-IV Case-Manager wird in diesem Buch wertvolle Anregungen zu einem Wirtschaftsbegriff finden, der ein Denken und Handeln jenseits von Shareholder-Value, Corporate Social Responsibility, städtebaulicher Aufwertung und Eingliederungsvereinbarung möglich macht.

  1. Vgl. Elsen, Susanne (2007) Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Weinheim und München, Juventa. S.15 []
  2. ebd. S.26 []
  3. ebd. []
  4. ebd. S.253 []
  5. ebd. S.190 []
  6. ebd. S.125 []
  7. Vgl. ebd. S.192 []
  8. ebd. S.315 []
  9. ebd. []