Links ein Baum, rechts ein Blog und dazwischen, huch: ein Buch

Im Prinzip ist dieser Beitrag ein Literaturtipp, eine Blogempfehlung und auch ein Aufruf dazu, einfach mal einen Baum zu pflanzen.

Die Reisterrassen der Ifugao auf den Philippinen: eine 2000 Jahre alte Allmende? – Bild gefunden auf Wikimedia Commons

Gleich zuerst möchte ich auf das Thema mit den Bäumen zu sprechen kommen:

Pflanze hin und wieder mal einen Baum!

So und jetzt zum „Rest“ dieses Postings:

Angefangen hat es damit, dass ich mich gestern abend mit einem Freund in der VoKü über das Ende des Planeten Erde unterhalten habe und wir uns ausmalten, wie das wohl aussehen könnte. Wir fragten uns, ob sich dieses Ende, von dem wir natürlich annehmen, dass es anthropogen ist, also auf die Kappe der Menschen geht, irgendwie chillig gestalten lässt, oder ob es für viele Leute einfach nur schrecklich sein wird.

Anlass unseres Gespräches waren Berichte über die steigenden Meeresspiegel, die Klimaerwärmung, die Verknappung von Lebensräumen und meinerseits auch ein subjektiv empfundenes Unwohlsein über ein weit um sich greifendes Verschwinden nicht-marktfähiger Werte. Nun ja, man kennt das ja.
So fragten wir uns, ob wir am Ende alle im Stile von Mad Max mit übelsten Kanonen durch die Gegend laufen würden, um uns im Kampf um immer knapper werdende Ressourcen gegenseitig niederzumetzeln. Meine Theorie dazu war, dass sich das vermeiden lässt, wenn eine globale Ökodiktatur installiert wird, die zumindest für eine bestimmte Zeit dafür sorgt, dass nicht jeder ständig die Umwelt verpestet und alle Ressourcen verbraucht. Benzin wird in dieser Diktatur verboten, der individuelle Energieverbrauch wird streng begrenzt und pro Familie darf nur noch ein Kind gezeugt werden. Der Chef des Ladens (i.e. der Diktator) wird wahrscheinlich einen chinesischen Nachnamen tragen.

In eine ähnliche Richtung liefen die Vorschläge des Biologen Garret Hardin vor mehr als 40 Jahren auch schon, als er in seinem wohl bekanntesten Aufsatz The Tragedy of the Commons vor den Folgen eines unkontrollierten Zuganges zu Gemeingütern und einer Übervölkerung warnte. (Im Original hier im Volltext lesbar)

Laut Hardins Argumentation führt die Nutzung von Gemeingütern (z.B. Meeren, Wäldern) nämlich dazu, dass sich jeder soviel davon nimmt, wie er kriegen kann. Oft ist das mehr als benötigt und die Gemeingüter gehen so binnen kurzer Zeit vor die Hunde. Das bekannteste Beispiel ist in diesem Zusammenhang die Allmende, auf die Bauern ihre Kühe zum Grasen treiben können. Da die Nutzung dieser Allmende kostenlos sei und man als Bauer je mehr Profit macht, je mehr seiner Kühe man zum Sich-dick-Fressen auf die Allmende schickte, würde jeder Bauer versuchen so viele seiner Kühe wie möglich auf die Allmende zu treiben. Das führe dann laut Hardin dazu, dass sich saftige Allmendewiesen binnen kürzester Zeit in übergraste und nutzlose Wüsten verwandeln. Dieses Bild von der Tragik der Allmende wird häufig benutzt um einer Privatisierung von Gemeingütern den Steigbügel zu halten.

Adieu, VEB! – Bild gefunden auf Wikimedia Commons

Der Zusammenhang zwischen der gemeinschaftlichen Nutzung einer Ressource und ihrem schlechten Zustand klingt erstmal ganz vernünftig und scheint auch irgendwie common sense zu sein. Ich kenne aus der DDR-Endzeit z.B. noch das Urteil, dass Volkseigentum deswegen den Bach runterginge, weil es allen gehörte und sich eben genau deswegen niemand persönlich für dessen Pflege zuständig fühlte. Dort scheint Garret Hardins „Tragik der Allmende“ voll zugeschlagen zu haben.

Das Verrückte ist nur, dass ein großer Teil der für die Menschen lebensnotwendigen Ressourcen (Regenwälder, Meere, der Boden) Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende lang Gemeingut waren und nicht übernutzt wurden. Stattdessen wurden diese Ressourcen nachhaltig genutzt, also so, dass die Ressource auch noch viele Generationen später intakt und gleichermaßen nutzbar wie nützlich war. Noch seltsamer ist, dass viele solcher Gemeingüter mit der Ausbreitung des Kapitalismus privatisiert wurden und binnen relativ kurzer Zeit völlig runtergewirtschaftet wurden.

Das dürfte ja laut Hardins These eigentlich aber nicht passieren, sondern es hätte genau umgedreht sein müssen. Die Gemeingüter, welche über Jahrtausende in einem erbärmlichen Zustand hätten sein müssen, hätten durch die Einhegung der Gemeingüter plötzlich erblühen und gedeihen müssen.

Wieso ist gerade das Gegenteil der Fall? Was Hardin nicht bedacht hat, ist, dass viele Gemeingüter seit Jahrhunderten lokal verwaltet und genutzt werden und die Leute, die von den Früchten des Waldes, Baches oder Meeres leben, an und mit dem sie leben, ein großes Interesse daran haben, dieses Gemeingut zu erhalten.
Sobald diese Gemeinschaft aber enteignet wird, d.h. die Rechte zur Nutzung und Verwaltung der Ressource verliert, weil sie privatisiert oder an jemand Dritten übertragen werden, fällt das Interesse an der langfristigen Existenz der Ressource weg. Folglich geht man nicht mehr schonend mit der Ressource um, sondern nutzt sie, was das Zeug hält, da man an dem kurzfristtigen Gewinn interessiert ist, der sich aus der Ressource (lies: Wald, Meer, Atmosphäre, See …) schöpfen lässt. Ergo kommt es zur Vernichtung der Arten, Überfischung der Meere, Abholzung der Regenwälder, zum Ansteigen der Meeresspiegel, zur Überbevölkerung – am Ende gar zu Mad Max oder zur Ökodiktatur. Alles recht unerfreuliche Aussichten.

Aber wir wollen mal nicht so schwarz sehen, denn zum Glück herrscht ja nicht überall auf der Welt Kapitalismus. Damit meine ich jetzt nicht Kuba, China oder Nord-Korea, sondern die Existenz einer Vielzahl von Formen der gemeinsamen, nichtmarktförmigen Verwaltung von Gemeingütern.

Einige der in Europa existierenden Formen nicht-kapitalistischen Wirtschaftens werden in Friederike Habermanns neuestem Buch „Halbinseln gegen den Strom – Anders leben und wirtschaften im Alltag“ vorgestellt, das ich mir gestern gekauft habe. Die Autorin wurde zu diesem Buch vom Freitag interviewt und die Palette der von ihr geschilderten Beispiele reicht von Nichtkommerzieller Landwirtschaft, über Guerilla Gardening, Wikipedia, Umsonstläden bis hin zu Gastgebernetzwerken, die von Leuten genutzt werden um in fremden Städten bei anderen Menschen zu übernachten.

Auch wenn mir (als altem Gemeingüter-Hasen ;) das Buch etwas zu oberflächlich und aufzählend bleibt, kann ich es jedem empfehlen, der sich für Beispiele nicht-marktförmiger Wirtschaftsformen interessiert oder schlechte Laune hat, weil der böse, böse Kapitalismus alles auffrisst.

Ebenso möchte ich an dieser Stelle auf den Commonsblog von Silke Helfrich aus Jena hinweisen, der in gut verständlichem Deutsch aus der Welt der Gemeingüter berichtet.

Wer sich für fundiertere Studien zur Geschichte und Gegenwart aller möglichen Formen der Gemeingüter interessiert, dem sei die Digital Library Of The Commons empfohlen, die superinteressante Studien zu Gemeingütern enthält. Alles schön im Volltext lesbar und auch wenn es in Englisch und wissenschaftlich anspruchsvoll ist, so wird man hin und wieder durch übelst erstaunliche Erkenntnisse entlohnt.

Wer hätte beispielsweise gedacht, dass die Reisterrassen der Ifugao auf den Philippinen seit mehr als 2000 Jahren gemeinschaftlich verwaltet werden und den Menschen dieser Region seit dieser Zeit das Überleben sichern?

Bauern pflanzen Reis auf den steingestützten Terrassen der Provinz Ifugao– gefunden auf Wikimedia Commons

So, und schließlich nochmal zur Erinnerung:

Baum pflanzen! Baum pflanzen! Baum pflanzen!

3 thoughts on “Links ein Baum, rechts ein Blog und dazwischen, huch: ein Buch

  1. N’abend,

    ich hab nur mal einen kurzen Einwurf zu deinem Eintrag, das zentrale Argument ist ja, früher hat dass alles total super geklappt mit der gemeinsamen Nutzung und dann kam der böse Kapitalismus und es ging alles kaputt, weil niemand mehr an Nachhaltigkeit sondern jeder nur noch an seine Profitmaximierung dachte.

    Du schreibst dann aber selbst, dass Hardin vor einem unkontrollierten Zugang zu Allgemeingütern und Überbevölkerung warnt. Hardin thematisiert damit einen relevanten Punkt, nämlich die steigenden Bevölkerungszahlen. Der Versuch Hardin mit Beispielen aus früheren, vorkapitalistischen Zeiten zu widerlegen erscheint mir deshalb ein wenig unschlüssig. So fehlt mir im Moment noch die überzeugende Darlegung, dass die Allmende früher wirklich so sinnvoll und zurückhaltend genutzt worden ist. Eventl. liegt der Grund dafür, dass die Allgemeingüter solange genutzt werden konnten, ja auch daran, dass die öffentlichen Güter noch nicht von so vielen Menschen geteilt werden mussten.

    Ich denke, die damalige Bevölkerung war weder technisch noch von ihrer Anzahl her in der Lage die Allgemeingüter so nachhaltig zu zerstören, wie wir es heute tun (Regenwaldrodung, überfischte Meere etc.).

  2. Du hast mein Argument schön auf den Punkt gebracht, auch wenn ich jetzt als Kapitalismus-basher enttarnt bin :(

    ja stimmt, irgendwie ist es etwas unschlüssig gegen Hardins Überbevölkerungsthese mit 2000 Jahre alten gut funktionierenden Allmenden zu argumentieren. Aber zum Glück ist mir gerade aufgefallen, dass Hardin scheinbar 2 Sachen gesagt hat.

    1. Alle Allmenden gehen immer den Bach runter
    2. Die Erde geht durch Überbevölkerung den Bach runter

    Mein Argument mit den Allmenden, die durch lokales Wirtschaften erhalten und gepflegt werden, war hauptsächlich gegen Punkt 1 gerichtet. Ostrom meint z.B. dass Allmenden dort gut in Schuß bleiben, wo lokale Akteure einfach miteinander kommunizieren können und Regeln über die Nutzung und Sanktionsmechanismen aufstellen können.

    Mit Punkt 2 kenne ich mich nicht so gut aus, aber, wenn Hardin meint, dass die überlebenswichtigen Ressourcen der Erde Allmendecharakter haben (Meere, Regenwälder) und deswegen kaputt gehen, weil er davon ausgeht, dass alle Allmenden immer kaputt gehen, kann man ihn erstmal wieder darauf hinweisen, dass Kommunikation lokaler Nutzer über Regeln und Sanktionen dazu führen kann, dass auch diese Ressourcen nicht übernutzt werden.

    Ich denke mit Emissionshandel/Skytrust wird sowas gerade versucht, nämlich die globale Allmende namens Atmosphäre lokal verwaltbar zu machen. Spannend wird es, wie das dann den einzelnen Menschen in Bad Honnef und Springfield beigebracht wird. Vielleicht durch Environmentalität? Eine sanfte Ökodiktatur also?

    Mmh… krieg ich Kapitalismus jetzt noch irgendwie ins Spiel? Mmmh… naja zumindest mehr Wirtschaftswachstum kann in einer sanften Ökodiktatur nicht mehr so einfach durch eine Steigerung der Produktion in Industrie und Landwirtschaft erreicht werden. Wirtschaftswachstum, wenn es dann noch diese Rolle spielt, wird dann wahrscheinlich eher durch die komplette Verdienstleistisierung der Gesellschaft erreicht. Wir bezahlen uns für gegenseitiges Nasenputzen oder so =)

    Mm… ein Überleben auf dem Planeten Erde scheint also auch mit Kapitalismus möglich? Hätte ich jetzt nicht gedacht. Das muss ich erstmal verarbeiten – wo ist der Schnaps?

  3. ach ja und ich kann mir auch gut vorstellen, dass es dann sowas wie Emmissionshandel nicht nur für Co2 sondern auch für Kinder gibt. Wer mehr als die zur nachhaltigen Bewirtschaftung der Erde benötigten Nachkommen zeugen möchte, zahlt Geld an Menschen, die weniger Kinder bekommen.

    Mit Kinderlosigkeit Geld verdienen – Jippie! Her mit der Knete! =)

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