Dresdner Meta-Debatte

Das tolle am Internet ist, dass sich jedeR über alleS auslassen kann. Da ich nicht viel von Versuchen halte, E-Partizipation zentral und von oben nach unten aufzubauen, finde ich es auch bei Weitem interessanter, die in Blogs und Foren ausgetragenen Debatten über die sog. „Dresdner Debatte“ zu Gestaltung des Neumarktes zu verfolgen, als die Debatte an sich.

Einstiegspunkte zum Debattieren über die Debatte:

Eine Befürchtung, die sich durch viele der Beiträge über die Dresdner Debatte zieht, ist …  Continue reading

I’m a dedicated follower of Ulises

Mit Ulises ist weder Odysseus noch das langweilige Buch von James Joyce gemeint, sondern Ulises Mejias, Professor für neue Medien an der SUNY in Oswego (New York), dessen Blog ich seit etwa zwei Jahren verfolge. Aufmerksam geworden bin ich auf den Blog von Ulises Mejias durch seinen Beitrag zum Open-Ijtihad, in dem er darüber nachdachte, wie Muslims den Islam hacken können. Sowas ist doch abgefahren oder? Ich war schon deswegen begeistert, weil es ein Professor ist, der sich Gedanken über sowas macht und kein Psychopath. Wobei sich das ja nicht ausschließen muss.

All in all gefallen mir seine theoretischen Beiträge schon deswegen, weil sie sich mit der Frage beschäftigen, … Continue reading

Links ein Baum, rechts ein Blog und dazwischen, huch: ein Buch

Im Prinzip ist dieser Beitrag ein Literaturtipp, eine Blogempfehlung und auch ein Aufruf dazu, einfach mal einen Baum zu pflanzen.

Die Reisterrassen der Ifugao auf den Philippinen: eine 2000 Jahre alte Allmende? – Bild gefunden auf Wikimedia Commons

Gleich zuerst möchte ich auf das Thema mit den Bäumen zu sprechen kommen:

Pflanze hin und wieder mal einen Baum!

So und jetzt zum „Rest“ dieses Postings:

Angefangen hat es damit, dass ich mich gestern abend mit einem Freund in der VoKü über das Ende des Planeten Erde unterhalten habe und wir uns ausmalten, wie das wohl aussehen könnte. Wir fragten uns, ob sich dieses Ende, von dem wir natürlich annehmen, dass es anthropogen ist, also auf die Kappe der Menschen geht, irgendwie chillig gestalten lässt, oder ob es für viele Leute einfach nur schrecklich sein wird.

Anlass unseres Gespräches waren Berichte über die steigenden Meeresspiegel, die Klimaerwärmung, die Verknappung von Lebensräumen und meinerseits auch ein subjektiv empfundenes Unwohlsein über ein weit um sich greifendes Verschwinden nicht-marktfähiger Werte. Nun ja, man kennt das ja.
So fragten wir uns, ob wir am Ende alle im Stile von Mad Max mit übelsten Kanonen durch die Gegend laufen würden, um uns im Kampf um immer knapper werdende Ressourcen gegenseitig niederzumetzeln. Meine Theorie dazu war, dass sich das vermeiden lässt, wenn eine globale Ökodiktatur installiert wird, die zumindest für eine bestimmte Zeit dafür sorgt, dass nicht jeder ständig die Umwelt verpestet und alle Ressourcen verbraucht. Benzin wird in dieser Diktatur verboten, der individuelle Energieverbrauch wird streng begrenzt und pro Familie darf nur noch ein Kind gezeugt werden. Der Chef des Ladens (i.e. der Diktator) wird wahrscheinlich einen chinesischen Nachnamen tragen.

In eine ähnliche Richtung liefen die Vorschläge des Biologen Garret Hardin vor mehr als 40 Jahren auch schon, als er in seinem wohl bekanntesten Aufsatz The Tragedy of the Commons vor den Folgen eines unkontrollierten Zuganges zu Gemeingütern und einer Übervölkerung warnte. (Im Original hier im Volltext lesbar)

Laut Hardins Argumentation führt die Nutzung von Gemeingütern (z.B. Meeren, Wäldern) nämlich dazu, dass sich jeder soviel davon nimmt, wie er kriegen kann. Oft ist das mehr als benötigt und die Gemeingüter gehen so binnen kurzer Zeit vor die Hunde. Das bekannteste Beispiel ist in diesem Zusammenhang die Allmende, auf die Bauern ihre Kühe zum Grasen treiben können. Da die Nutzung dieser Allmende kostenlos sei und man als Bauer je mehr Profit macht, je mehr seiner Kühe man zum Sich-dick-Fressen auf die Allmende schickte, würde jeder Bauer versuchen so viele seiner Kühe wie möglich auf die Allmende zu treiben. Das führe dann laut Hardin dazu, dass sich saftige Allmendewiesen binnen kürzester Zeit in übergraste und nutzlose Wüsten verwandeln. Dieses Bild von der Tragik der Allmende wird häufig benutzt um einer Privatisierung von Gemeingütern den Steigbügel zu halten.

Adieu, VEB! – Bild gefunden auf Wikimedia Commons

Der Zusammenhang zwischen der gemeinschaftlichen Nutzung einer Ressource und ihrem schlechten Zustand klingt erstmal ganz vernünftig und scheint auch irgendwie common sense zu sein. Ich kenne aus der DDR-Endzeit z.B. noch das Urteil, dass Volkseigentum deswegen den Bach runterginge, weil es allen gehörte und sich eben genau deswegen niemand persönlich für dessen Pflege zuständig fühlte. Dort scheint Garret Hardins „Tragik der Allmende“ voll zugeschlagen zu haben.

Das Verrückte ist nur, dass ein großer Teil der für die Menschen lebensnotwendigen Ressourcen (Regenwälder, Meere, der Boden) Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende lang Gemeingut waren und nicht übernutzt wurden. Stattdessen wurden diese Ressourcen nachhaltig genutzt, also so, dass die Ressource auch noch viele Generationen später intakt und gleichermaßen nutzbar wie nützlich war. Noch seltsamer ist, dass viele solcher Gemeingüter mit der Ausbreitung des Kapitalismus privatisiert wurden und binnen relativ kurzer Zeit völlig runtergewirtschaftet wurden.

Das dürfte ja laut Hardins These eigentlich aber nicht passieren, sondern es hätte genau umgedreht sein müssen. Die Gemeingüter, welche über Jahrtausende in einem erbärmlichen Zustand hätten sein müssen, hätten durch die Einhegung der Gemeingüter plötzlich erblühen und gedeihen müssen.

Wieso ist gerade das Gegenteil der Fall? Was Hardin nicht bedacht hat, ist, dass viele Gemeingüter seit Jahrhunderten lokal verwaltet und genutzt werden und die Leute, die von den Früchten des Waldes, Baches oder Meeres leben, an und mit dem sie leben, ein großes Interesse daran haben, dieses Gemeingut zu erhalten.
Sobald diese Gemeinschaft aber enteignet wird, d.h. die Rechte zur Nutzung und Verwaltung der Ressource verliert, weil sie privatisiert oder an jemand Dritten übertragen werden, fällt das Interesse an der langfristigen Existenz der Ressource weg. Folglich geht man nicht mehr schonend mit der Ressource um, sondern nutzt sie, was das Zeug hält, da man an dem kurzfristtigen Gewinn interessiert ist, der sich aus der Ressource (lies: Wald, Meer, Atmosphäre, See …) schöpfen lässt. Ergo kommt es zur Vernichtung der Arten, Überfischung der Meere, Abholzung der Regenwälder, zum Ansteigen der Meeresspiegel, zur Überbevölkerung – am Ende gar zu Mad Max oder zur Ökodiktatur. Alles recht unerfreuliche Aussichten.

Aber wir wollen mal nicht so schwarz sehen, denn zum Glück herrscht ja nicht überall auf der Welt Kapitalismus. Damit meine ich jetzt nicht Kuba, China oder Nord-Korea, sondern die Existenz einer Vielzahl von Formen der gemeinsamen, nichtmarktförmigen Verwaltung von Gemeingütern.

Einige der in Europa existierenden Formen nicht-kapitalistischen Wirtschaftens werden in Friederike Habermanns neuestem Buch „Halbinseln gegen den Strom – Anders leben und wirtschaften im Alltag“ vorgestellt, das ich mir gestern gekauft habe. Die Autorin wurde zu diesem Buch vom Freitag interviewt und die Palette der von ihr geschilderten Beispiele reicht von Nichtkommerzieller Landwirtschaft, über Guerilla Gardening, Wikipedia, Umsonstläden bis hin zu Gastgebernetzwerken, die von Leuten genutzt werden um in fremden Städten bei anderen Menschen zu übernachten.

Auch wenn mir (als altem Gemeingüter-Hasen ;) das Buch etwas zu oberflächlich und aufzählend bleibt, kann ich es jedem empfehlen, der sich für Beispiele nicht-marktförmiger Wirtschaftsformen interessiert oder schlechte Laune hat, weil der böse, böse Kapitalismus alles auffrisst.

Ebenso möchte ich an dieser Stelle auf den Commonsblog von Silke Helfrich aus Jena hinweisen, der in gut verständlichem Deutsch aus der Welt der Gemeingüter berichtet.

Wer sich für fundiertere Studien zur Geschichte und Gegenwart aller möglichen Formen der Gemeingüter interessiert, dem sei die Digital Library Of The Commons empfohlen, die superinteressante Studien zu Gemeingütern enthält. Alles schön im Volltext lesbar und auch wenn es in Englisch und wissenschaftlich anspruchsvoll ist, so wird man hin und wieder durch übelst erstaunliche Erkenntnisse entlohnt.

Wer hätte beispielsweise gedacht, dass die Reisterrassen der Ifugao auf den Philippinen seit mehr als 2000 Jahren gemeinschaftlich verwaltet werden und den Menschen dieser Region seit dieser Zeit das Überleben sichern?

Bauern pflanzen Reis auf den steingestützten Terrassen der Provinz Ifugao– gefunden auf Wikimedia Commons

So, und schließlich nochmal zur Erinnerung:

Baum pflanzen! Baum pflanzen! Baum pflanzen!

Kreppa …

… ist isländisch und bedeutet, dass Island, einst das Land mit dem höchsten Bildunsstandart, den höchsten Lebens- und Sozialstandarts, den trotz – hohen Selbstmordraten – glücklichsten und schönsten Frauen und Männern ever, seit etwa einem Jahr ziemlich abkackt. Die isländische Finanzkrise hat zu einer starken Entwertung der isländischen Krone, zur Verschuldung privater Haushalte (jeder Isländer ist momentan mit 200.000$ verschuldet)1 und einem Ausbluten der öffentlichen Hand geführt.

Küchengeschirr-Revolution – so nannten die Isländer ihre Proteste in Folge des Zusammenbruches des isländischen Bankensystems. – gefunden auf Wikimedia Commons

Die Konsequenzen der Krise sind u.a.: die Schließung von Museen, die Kürzung von Stipendien, die Verdreifachung der Arbeitslosigkeit auf 4% und am Schlimmsten: der Beitritt Islands zur EU. Ich kann mir vorstellen, dass einige Isländer gerade nicht mehr sehr glücklich sind.

Interessant ist, dass 24 Jahre vor der Krise der liberale Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Milton Friedman in Island zu Besuch war, dort einen Vortrag an der Uni Reykjavík gehalten hat (der in einem sehr interessanten Video auf Youtube dokumentiert ist) und dem späteren Regierungschef David Oddsson ein paar Tipps gegeben hat, wie man zu noch mehr Wohlstand gelangen könne. Diese wurden dann ab 1991 unter Davids Regierung auch brav umgesetzt (Privatisierung, Steuersenkungen für Firmen um 30%, Freihandel, Unabhängigkeit der Zentralbank – das ganze liberale Programm halt) und es gibt Stimmen, die das krasse Abkacken Islands genau darauf zurückführen.2

Letzte Woche, also 25 Jahre nach Friedman, war nun der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz in Island und hat (wie für Wirtschaftswissenschaftler üblich) an der Uni einen Vortrag gehalten und mit Vertretern der isländischen Regierung gesprochen. Nun ist Stiglitz ja eher dafür bekannt auf Re-regulierung und Gemeinwesen zu setzen und ich frage mich, ob und wie Island auf Stiglitz‘ Beiträge reagieren wird, auch wenn man auf Ergebnisse vielleicht noch 24 Jahre warten muss.

Ich schreibe das, weil ich persönlich sehr mit Island verbunden bin, ich war schon einige Male da, u.A. zum Bäumepflanzen und verfolge den isländischen Weg der Krise auf den folgenden Blogs, die ich an dieser Stelle einfach mal weiterempfehlen will:

    The Iceland Weatherreport – Sehr schöner Blog über das Leben in „Niceland“. Momentan berichtet Alda dort fast täglich über die Kreppa, es gibt aber auch Restaurant-Reviews und Beiträge über Beerensammeln, Trolle, Schulvorbereitungen, naive Outdoor-Kunst, die russische Mafia – kurz über das ganze Spektrum des isländischen Lebens und jeder Beitrag endet mit einem kurzen Bericht über das aktuelle Wetter in Reykjavík.

    Economic Disaster Area – Hintergrundberichte über geschrottete Autos von Ex-Bankiers und andere Phänomene der isländischen Krise.

Die Proteste in Island sind übrigens nicht vorbei. Gerade heute finden in Reykjavík wieder Proteste statt, die sich gegen den Verkauf und die Privatisierung von Gebieten richten, die reich an geothermischer Energie sind.

  1. http://www.progressive-economics.ca/2008/10/14/milton-and-the-meltdown-in-iceland/ []
  2. ebd. []