Demokraten, seid paranoid!

Irgendwann im Geschichtsunterricht der 8. Klasse hatte ich mal was von der wachsamen Demokratie gehört. Diese sollte vor allem wachsam gegenüber Gruppen, Initiativen, Parteien oder Einzelpersonen sein, die eine Abschaffung der Demokratie anstrebten.

Ich bin mir nicht sicher, ob diese wachsame Demokratie wachsam genug ist, wenn der Staat nun Vereine und Personen dazu anhält, sich gegenseitig zu überwachen. Das wird nämlich dank einer Initiative des Bundesfamilienministeriums in Zukunft endlich von allen Initiativen, Vereinen und Einzelpersonen gefordert, die Fördergelder vom Bund erhalten.

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Dresdner Meta-Debatte

Das tolle am Internet ist, dass sich jedeR über alleS auslassen kann. Da ich nicht viel von Versuchen halte, E-Partizipation zentral und von oben nach unten aufzubauen, finde ich es auch bei Weitem interessanter, die in Blogs und Foren ausgetragenen Debatten über die sog. „Dresdner Debatte“ zu Gestaltung des Neumarktes zu verfolgen, als die Debatte an sich.

Einstiegspunkte zum Debattieren über die Debatte:

Eine Befürchtung, die sich durch viele der Beiträge über die Dresdner Debatte zieht, ist …  Continue reading

coloradio weg …

Die Zeiten in denen linke Chaoten (im Bild zwei Coloradio-Moderatoren mit einem Karl-Marx-Gedächtnis-Propagandaapparat) die sächsischen Haushalte mit falschen Botschaften schikanierten, sind erstmal vorbei!

… und mit Radio T aus Chemnitz und Radio Blau aus Leipzig wurden die anderen beiden sächsischen Bürgerradios auch gleich noch vom Sender genommen. Autsch!

Wie das passieren konnte nachdem Coloradio erst kürzlich von der Stadt Dresden finanzielle Mittel zugesagt bekam, kann man vielleicht am besten auf dem Blog von Coloradio rausbekommen. Vielleicht auch nicht, aber auf alle Fälle ist das großer Murks. Nicht nur, weil ich vor längerer Zeit auf Coloradio mit einem Kollegen selber Sendungen über frei lizenzierte Musik gemacht habe, sondern auch weil ich gerne Coloradio gehört habe, z.B. wegen des albernen Frühstücks/x/ks(?)sradios oder wegen solch wunderbarer Musiksendungen wie der The Sold Out Show und Cuts & Mouse.

Was kann man da machen?

Gibt es weitere Blogs, Webseiten oder Medien, die über die aktuelle Entwicklung bei den drei sächsischen Bürgerradios berichten? Würde mich interessieren, falls jemand was weiß, wäre ich für einen Kommentar dankbar.

Foto: Eugen Nosko – Gefunden auf: Wikimedia Commons – Lizensiert unter: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany

Über öffentliche Güter, private Übel, Straßen und Soziale Arbeit

Über den Jahreswechsel habe ich mit dem Bus ein paar Ausflüge in und um Dresden gemacht. Dabei fielen mir auf der Grundstraße – der stark befahrenen sächsischen Staatsstraße 167 im Dresdner Osten – dutzende von Plakaten auf, mit denen Anwohner gegen Gebühren protestieren, die sie für den Ausbau der Straße bezahlen sollten. Ich stieg aus und sah mir die Sache mal von Näherem an. Folgendes Plakat hat dabei als erstes meinen Blick gefangen:

Global denken, lokal protestieren

Global denken, lokal protestieren

Da vor dem Haus gerade ein Mann auf dem Bürgersteig Schnee schippte, habe ich ihn gefragt, … Continue reading

Volksküchen in Peru & Traditionen kollektiven Handelns

Eine andere Art der Volksküchen als die VoKüs, die es hier in Deutschland gibt, stellt Cornelia Schweppe in Ihrer Dissertation „Überleben und verändern: Volksküchen in Lima, Frauen der Armutsviertel organisieren sich“ aus dem Jahr 1991 vor.

„Qichwa-Indianer aus Conchucos (Ancash), Peru“ – gefunden auf Wikimedia Commons

Die Autorin hat in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts mehrere Jahre in Peru gelebt – einem im Vergleich zu Deutschland recht armen Land – und eine Volksküche in der Hauptstadt Lima über mehrere Jahre beobachtet sowie deren Betreiberinnen interviewt. Dabei untersucht sie auch die Voraussetzungen und die Bedingungen unter denen die Volksküchen in Peru entstanden sind. In einem recht gut lesbaren Stil beschreibt die Autorin die Geschichte und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sehr detailliert. Dabei fielen mir an der peruanischen Gesellschaft folgende Besonderheiten auf:

  • die krassen sozialen Unterschiede zwischen Arm und Reich sowie Stadt und Land
  • der rasante Wirtschaftsabschwung – inklusive Inflation von bis zu 7000% und Arbeitslosigkeit von bis zu 80% – den Peru in den Jahren zwischen 1960 und 1990 durchgemacht hat
  • (infolge dessen?) die hohe Anzahl der Leute, die im informellen Sektor arbeiteten. Informeller Sektor „heißt, daß man sich selbst einen Arbeitsplatz schafft, man wird also ’selbständig‘, ohne dies jedoch offiziell anzumelden oder dafür Steuern zu bezahlen.“1
  • seit der Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts eine Parteinahme der katholischen Kirche für die Belange der Armen, (Stichwort „Befreiungstheologie„) in deren Folge die katholische Kirche für arme Bevölkerungsteile zu einer vertrauenswürdigen Institution wurde
  • häufige Landbesetzungen (bei denen es auch zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt) durch Familien und Gruppen. Aus diesen Landbesetzungen sind die Armenviertel der Großstädte entstanden.

Die Autorin zeigt, dass die Geschichte Perus zwei Arten von Volksküchen hervorgebracht hat. Die comedores populares (Volksmensa) und die cocinas del pueblo (Küchen des Volkes). Erstere sind von Frauen organisierte Basisorganisationen, deren Ziel es ist Essen preisgünstiger zuzubereiten, als dies alleine zu Hause möglich ist. Die Entstehung dieser comedores populares lässt sich bis in das Jahr 1978 zurückdatieren.

Zweitere sind Mitte der achtizger Jahre im Rahmen der beiden Regierungsprogramme Programa de Empleo Temporal und Programa de Asistencia Directa entstanden. Ziel dieser Regierungsprogramme war es Armut zu lindern und Arbeitsplätze zu schaffen. Von verschiedenen Seiten wurden diese Programme jedoch dafür kritisiert, Einfluss auf das politische (Wahl-) Verhalten der Hilfeempfänger zu nehmen, sowie die Autonomie von Basisorganisationen zu beschneiden.2

Sehr interessant im Zusammenhang mit der Entstehung von Volksküchen in Peru sind die von der Autorin beschriebenen Institutionen der faena, der ayni und der minka, die sie auf alte inkaische Traditionen der Gemeinschaftsarbeit zurückführt. Bei der faena erledigen die Bewohner eines Dorfes in gemeinschaftlicher Arbeit eine bestimmte Sache, die allen Bewohnern zugute kommt, wie z.B. das Säubern einer Straße oder eines Flusslaufes. Die faena dient somit offenbar der Herstellung öffentlicher Güter. Solche faenas, die ein bis mehrere Male pro Jahr stattzufinden scheinen, verlaufen nach der Beschreibung der Autorin hoch ritualisiert. Da werden z.B. geschmückte Kreuze aufgestellt, eine lange Pause gemacht in der miteinander diskutiert wird, zusammen Alkohol getrunken wird, etc. Die Teilnahme der Dorfbewohner an einer faena scheint recht verbindlich zu sein. Die Nichtteilnahme wird negativ sanktioniert, zumindest muss man Rechenschaft darüber ablegen:

Jetzt ist der Zeitpunkt, wo der eine erklärt, warum er in der letzten Faena nicht erschienen ist…3

Mit der sog. ayni beschreibt die Autorin eine weitere traditionelle Form der gemeinschaftlichen Aktion – die ayni scheint dabei die kleine Schwester der faena zu sein. Diese ayni wird demzufolge bei der Herstellung nichtöffentlicher Güter praktiziert, zum Beispiel wenn eine Familie ein Haus baut und die anderen Dorfbewohner dabei helfen. Die Teilnahme ist zwar freiwillig, aber wer nicht mitmacht, kann dann eben auch nicht darauf hoffen, dass man ihm/ihr beim Hausbau hilft. Die ayni scheint soetwas wie Nachbarschaftshilfe zu sein.
Die minka schließlich scheint eine Form der gegenseitigen Hilfe zwischen nur zwei Personen zu sein. Dabei wird z.B. ein bestimmter Dienst wie der eines Heilpraktikers durch ein bestimmtes Gut, z.B. eine Mahlzeit vergolten.4

Im weiteren Verlauf des Buches führt die Autorin die Existenz der peruanischen Volksküchen auf diese alten inkaischen und immernoch praktizierten Formen kollektiven Handelns zurück. Genausowas interessiert mich bei den VoKüs auch: was sind die Traditionen an die VoKüs anknüpfen und durch welche Riten wird kollektives Handeln erreicht?

„Suchaktion des Kartoffelkäfers in Mecklenburg-Vorpommern – Die Schuljugend wird zum Absuchen der Pflanzen eingesetzt (eine angenehme Pflicht).“ – gefunden auf Wikimedia Commons

Bei meinen ersten Recherchen zum Thema Voküs habe ich irgendwo gelesen, dass sich diese aus der Westberliner Hausbesetzerszene über Ostberlin vor allem nach Ostdeutschland ausgebreitet haben. Leider finde ich die entsprechenden Quellen gerade nicht mehr. Dennoch finde ich es eine spannende These die Existenz von VoKüs speziell in Ostdeutschland auf Formen kollektiven Handelns zurückgehen zu lassen, welche in der sozialistischen DDR praktiziert wurden. Da fällt mir beispielsweise der Subbotnik ein.

  1. Schweppe, C. (1992) Überleben und verändern : Volksküchen in Lima, Frauen der Armutsviertel organisieren sich. Frankfurt am Main, Peter Lang. S.78 []
  2. vgl. ebd. S.160 []
  3. Aus der Schilderung eines Dorfbewohners. in: Schweppe, C. (1992) Überleben und verändern : Volksküchen in Lima, Frauen der Armutsviertel organisieren sich. Frankfurt am Main, Peter Lang. S.110 []
  4. vgl.: Schweppe, S. 111 ff []