VoKüs als Antwort auf die Krise des Wohlfahrtsstaates?

Resümee des ersten Kapitels meiner Diplomarbeit zum Thema „Kollektives Handeln in VoKüs“:

What the fridge sind VoKüs?

In ihrem Wirken könnten Volxküchen auf den ersten Blick eine etwas chaotische Ergänzung oder Konkurrenz zu den Suppenküchen darstellen, einer Einrichtung der Wohlfahrt, in denen sogenannte Bedürftige für wenig Geld eine warme Mahlzeit bekommen können.
Auch zu den meist in pulsierenden Stadtvierteln großer Städte gelegenen Suppenbars, welche Suppe für etwa 3 bis 5 Euro verkaufen, ließe sich über die Suppenküchen eine Verbindung zu den Volxküchen herstellen.
Während Suppenküchen jedoch in der Regel von klassischen Institutionen der Wohlfahrt wie der „Volkssolidarität“, der „Caritas“, der „Arbeiterwohlfahrt“ oder kleineren Institutionen, wie Klöstern, Kirch- oder Stadtgemeinden betrieben werden und somit von staatlichen, kirchlichen oder kommunalen Förderungen abhängig sind und Suppenbars marktwirtschaftlich arbeitende Privatunternehmen darstellen, scheinen Volxküchen – geschrieben mit „x“ – weder von staatlichen noch marktwirtschaftlichen Einflüssen und Prinzipien geleitet zu sein.
Vielmehr scheint es das freiwillige Engagement und der Spaß junger Leute einer bestimmten Szene oder Subkultur zu sein, denen die Existenz und die Form dieser Nahrungsversorgung zu verdanken ist.
Mit den warmen Mahlzeiten, die in Volxküchen für ein geringes Entgelt verkauft werden, gelingt es somit scheinbar unabhängig von staatlichen, kirchlichen oder privaten Fördergeldern etwas herzustellen, das zumindest vom Aspekt des Nährwertes und Preises betrachtet mit Produkten der Wohlfahrt vergleichbar ist.

Was hat Sozialpädagogik damit zu tun?

Der Staat scheint sich seit einiger Zeit verstärkt aus der Organisation des Sozialen und der Wohlfahrt zurückzuziehen. Die freiwerdenden Räume werden scheinbar zunehmend von Anbietern gefüllt, die privatwirtschaftlich organisiert sind, oder von öffentlichen Einrichtungen, die sich nach mehr und mehr marktwirtschaftlichen Werten und Prinzipien orientieren. Dabei wird Soziale Arbeit zunehmend verwickelt in eine zunehmend an Kraft gewinnende Kommodifizierung (d.h. in ein zur Ware-Machen von bisher nicht Warenförmigem) des Sozialen. Effizienz, Qualitätsmanagement, Kostensenkung etc. sind Begriffe die in diesem Rahmen in der Sozialen Arbeit an Bedeutung zu gewinnen scheinen.

Einige der in Praxis und der Theorie der Sozialen Arbeit beschäftigten Menschen beklagen diese Entwicklung, die aus ihrer Perspektive zu einer Privatisierung und Re-Familiarisierung gesellschaftlicher Probleme,1 einer Spaltung der Gesellschaft und einem damit verbundenen Ausschluss von Menschen führt, die den Zugang zu Arbeit, Ressourcen und Partizipation verlieren.2 Soziale Arbeit und Pädagogik scheinen sich dabei immer stärker an organisatorischen Anforderungen und Interessen zu orientieren, als an denen von Menschen3 sowie „zu einem Erfüllungsgehilfen konkurrierender Wachstumsphantasien individueller Lebensläufe“ zu werden.4 Ebenso scheint Soziale Arbeit ihrem Anspruch nicht mehr gerecht zu werden, aus dem kapitalistischen System Herausgefallene zu unterstützen5 und sogar, ihre grundlegenden Aufgaben wie Schutz und Ausbau der Menschenrechte aufzugeben und dabei ihre Fähigkeit zu opfern, sich mit ihren zentralen Fragen zu beschäftigen.6 Teilweise trägt Soziale Arbeit in diesem Prozess sogar zur Verdrängung von so genannten Randgruppen aus bisher öffentlichen und zunehmend privatisierten Räumen bei.7

So what?

Da sich der Staat aus der Schaffung von Wohlfahrt und Sozialer Arbeit also zurückzuziehen scheint und nur noch lenkt, wie andere Wohlfahrt und Soziale Arbeit organisieren (man spricht davon, dass der Staat nicht mehr rudert, sondern nur noch am Steuer steht) und einige Autoren die zunehmende Ausrichtung von Wohlfahrt und Sozialer Arbeit an marktwirtschaftlichen Prinzipien als problematisch empfinden, gibt es Überlegungen Soziale Arbeit und Wohlfahrt unabhängig von Staat und Markt zu organisieren.

Interessant!

Ein Resultat dieser Überlegungen ist das Nachdenken über und Schaffen von Wirtschafts- und Lebensformen, die unabhängig vom Staat und nicht nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionieren. Genannt werden diese Ansätze u.a. solidarische Ökonomie,8 Gemeinwesenökonomie,9 alternative Ökonomie,10 oder lokale Ökonomie11.
Die Autoren erhoffen sich von diese Ansätzen, dass Wirtschaften in anderem Maße zu einer anderen Art von Wohlstand beitragen kann, als das im Rahmen der Marktwirtschaft möglich zu sein scheint. Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie die von Markt und Staat produzierten Mängel und Schwächen in der Sicherung des Sozialen zu bewältigen versuchen, indem sie nach nicht vom Staat vorgegebenen und nicht-marktwirtschaftlichen Prinzipien zu funktionieren trachten.
Für Kunstreich z.B. stellen Sozialgenossenschaften eine Möglichkeit dar, „das Ökonomische vom Sozialen her zu denken“,12 d.h., von der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen individuelle und kollektive Verfügungsmacht über Ressourcen zugänglich zu machen, die ihren Ausschluss aufheben und zwar auf eine Art und Weise, die „nicht mit dem Zwang zu hegemonialer ’Normalität’ verbunden sind, sondern die soziale Eigensinnigkeit dieser Menschen und ihre Teilhabe an den universellen Rechten sichern.“13
Weitere Beispiele solcher nicht-staatlich und nicht-marktwirtschaftlich organisierter Lebens- und Wirtschaftsformen sehen die Autoren in Genossenschaften, wie z.B. in der Trierer „Wohnungsgenossenschaft Am Beutelweg“ oder der weltgrößten Genossenschaft Mondragon.

Die ZENTRALE Frage

(Trommelwirbel) Die zentrale Frage die sich mit diesen nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaflichen Wirtschaftsformen verbindet, ist: Was lässt sie gelingen und was lässt sie scheitern? Die empirischen Untersuchungen dazu sind recht dünn, bzw. nicht vorhanden.14 Was schade ist, da es für ein paar Leute vielleicht interessant wäre zu wissen, warum denn jetzt dieses oder jenes Projekt an den Baum gegangen ist.
Für mich heißt das: VoKüs als eine Form der selbstorganisierten, nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Ökonomie zu betrachten und versuchen herauszufinden, was VoKüs gelingen lässt und unter welchen Bedingungen sie scheitern.

Wie soll das gehen?

Um herauszufinden wie und warum solche Formen der selbstorganisierten, nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Ökonomien scheitern bzw. gelingen, sollen VoKüs

  1. unter dem Gesichtspunkt von Mancur Olsons „Logik des kollektiven Handelns“15 und
  2. unter dem Aspekt der Analyse von Allmenderessourcen wie sie von Elinor Ostrom diskutiert wird16

betrachtet werden.

Mit anderen Worten

Um herauszufinden wie VoKüs in Zeiten eines sich zurückziehenden Wohlfahrtsstaates als eine Form der selbstorganisierten nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Form sozialer Sicherung funktionieren, betrachte ich VoKüs als Resultat kollektiven Handelns und als Allmende. Mit den Modellen dieser beiden Ansätze hoffe ich das Scheitern bzw. Gelingen von VoKüs und damit auch von unabhängig von Markt und Staat funktionierenden Wirtschaftsformen erklären zu können. Wäre toll, wenn dabei was rauskäme, was auch für Leute die VoKüs machen oder machen wollen interessant ist.

  1. vgl. Notz, Gisela. 2009. Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen. In: Kessl, Fabian und Otto, Hans-Uwe (Hrsg.), Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven. Weinheim und München: Juventa Verlag. []
  2. Thiersch, Hans. 2002. Positionsbestimmungen der Sozialen Arbeit : Gesellschaftspolitik, Theorie und Ausbildung. Edition Soziale Arbeit. Weinheim: Juventa-Verlag. S.22 []
  3. vgl. Herrmann, Peter. 2005. Social Services under economic threat. Pages 215–225 of: et. al. [Hrsg.] Thole, Werner (Hrsg.), Soziale Arbeit im öffentlichen Raum : Soziale Gerechtigkeit in der Gestaltung des Sozialen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.215 []
  4. Böhnisch, Lothar, & Schröer, Wolfgang. 2001. Pädagogik und Arbeitsgesellschaft : Historische Grundlagen und theoretische Ansätze für eine sozialpolitisch reflexive Pädagogik. Weinheim und München: Juventa Verlag. S.173 []
  5. vgl. Notz (2009) S.207 []
  6. Elsen, Susanne. 2007. Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag, Weinheim und München. S.11 []
  7. Simon, Titus. 2006. Öffentlichkeit und öffentliche Räume – wem gehört die Stadt? []
  8. Notz, Gisela. 2009. Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen. In: Kessl, Fabian und Otto, Hans-Uwe (Hrsg.), Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven. Weinheim und München: Juventa Verlag. []
  9. Elsen, Susanne. 2007. Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag, Weinheim und München. []
  10. Daviter, Jürgen. 1995. Alternative Ökonomien und Kollektivgüter. In: Flieger, Burghard (Hrsg.), Gemeinsam mehr erreichen : Kooperation und Vernetzung alternativökonomischer Betriebe und Projekte. Beiträge zur Demokratieentwicklung von unten ; Materialien der AGSPAK ; 123. München: AG-SPAK-Bücher. []
  11. Sahle, Rita (Hrsg.). 2001. Lokale Ökonomie : Aufgaben und Chancen für die soziale Arbeit. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit ; 8. Freiburg i. Br.: Lambertus. []
  12. Kunstreich, Timm. 2006. Klientin – Kundin – Nutzerin – Genossin?!
    Pages 241–259 of: Böllert, Karin [Hrsg.] (Hrsg.), Die Produktivität des Sozialen – den sozialen Staat aktivieren : Sechster Bundeskongress Soziale Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.250 []
  13. ebd. []
  14. vgl. Notz S.218f. []
  15. Olson, Mancur. 1998. Die Logik des kollektiven Handelns – Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen. Tübingen: Mohr Siebeck. []
  16. Ostrom, Elinor. 1999. Die Verfassung der Allmende : jenseits von Staat und Markt. Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften ; 104. Tübingen: Mohr Siebeck. []

Volksküchen in Peru & Traditionen kollektiven Handelns

Eine andere Art der Volksküchen als die VoKüs, die es hier in Deutschland gibt, stellt Cornelia Schweppe in Ihrer Dissertation „Überleben und verändern: Volksküchen in Lima, Frauen der Armutsviertel organisieren sich“ aus dem Jahr 1991 vor.

„Qichwa-Indianer aus Conchucos (Ancash), Peru“ – gefunden auf Wikimedia Commons

Die Autorin hat in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts mehrere Jahre in Peru gelebt – einem im Vergleich zu Deutschland recht armen Land – und eine Volksküche in der Hauptstadt Lima über mehrere Jahre beobachtet sowie deren Betreiberinnen interviewt. Dabei untersucht sie auch die Voraussetzungen und die Bedingungen unter denen die Volksküchen in Peru entstanden sind. In einem recht gut lesbaren Stil beschreibt die Autorin die Geschichte und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sehr detailliert. Dabei fielen mir an der peruanischen Gesellschaft folgende Besonderheiten auf:

  • die krassen sozialen Unterschiede zwischen Arm und Reich sowie Stadt und Land
  • der rasante Wirtschaftsabschwung – inklusive Inflation von bis zu 7000% und Arbeitslosigkeit von bis zu 80% – den Peru in den Jahren zwischen 1960 und 1990 durchgemacht hat
  • (infolge dessen?) die hohe Anzahl der Leute, die im informellen Sektor arbeiteten. Informeller Sektor „heißt, daß man sich selbst einen Arbeitsplatz schafft, man wird also ’selbständig‘, ohne dies jedoch offiziell anzumelden oder dafür Steuern zu bezahlen.“1
  • seit der Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts eine Parteinahme der katholischen Kirche für die Belange der Armen, (Stichwort „Befreiungstheologie„) in deren Folge die katholische Kirche für arme Bevölkerungsteile zu einer vertrauenswürdigen Institution wurde
  • häufige Landbesetzungen (bei denen es auch zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt) durch Familien und Gruppen. Aus diesen Landbesetzungen sind die Armenviertel der Großstädte entstanden.

Die Autorin zeigt, dass die Geschichte Perus zwei Arten von Volksküchen hervorgebracht hat. Die comedores populares (Volksmensa) und die cocinas del pueblo (Küchen des Volkes). Erstere sind von Frauen organisierte Basisorganisationen, deren Ziel es ist Essen preisgünstiger zuzubereiten, als dies alleine zu Hause möglich ist. Die Entstehung dieser comedores populares lässt sich bis in das Jahr 1978 zurückdatieren.

Zweitere sind Mitte der achtizger Jahre im Rahmen der beiden Regierungsprogramme Programa de Empleo Temporal und Programa de Asistencia Directa entstanden. Ziel dieser Regierungsprogramme war es Armut zu lindern und Arbeitsplätze zu schaffen. Von verschiedenen Seiten wurden diese Programme jedoch dafür kritisiert, Einfluss auf das politische (Wahl-) Verhalten der Hilfeempfänger zu nehmen, sowie die Autonomie von Basisorganisationen zu beschneiden.2

Sehr interessant im Zusammenhang mit der Entstehung von Volksküchen in Peru sind die von der Autorin beschriebenen Institutionen der faena, der ayni und der minka, die sie auf alte inkaische Traditionen der Gemeinschaftsarbeit zurückführt. Bei der faena erledigen die Bewohner eines Dorfes in gemeinschaftlicher Arbeit eine bestimmte Sache, die allen Bewohnern zugute kommt, wie z.B. das Säubern einer Straße oder eines Flusslaufes. Die faena dient somit offenbar der Herstellung öffentlicher Güter. Solche faenas, die ein bis mehrere Male pro Jahr stattzufinden scheinen, verlaufen nach der Beschreibung der Autorin hoch ritualisiert. Da werden z.B. geschmückte Kreuze aufgestellt, eine lange Pause gemacht in der miteinander diskutiert wird, zusammen Alkohol getrunken wird, etc. Die Teilnahme der Dorfbewohner an einer faena scheint recht verbindlich zu sein. Die Nichtteilnahme wird negativ sanktioniert, zumindest muss man Rechenschaft darüber ablegen:

Jetzt ist der Zeitpunkt, wo der eine erklärt, warum er in der letzten Faena nicht erschienen ist…3

Mit der sog. ayni beschreibt die Autorin eine weitere traditionelle Form der gemeinschaftlichen Aktion – die ayni scheint dabei die kleine Schwester der faena zu sein. Diese ayni wird demzufolge bei der Herstellung nichtöffentlicher Güter praktiziert, zum Beispiel wenn eine Familie ein Haus baut und die anderen Dorfbewohner dabei helfen. Die Teilnahme ist zwar freiwillig, aber wer nicht mitmacht, kann dann eben auch nicht darauf hoffen, dass man ihm/ihr beim Hausbau hilft. Die ayni scheint soetwas wie Nachbarschaftshilfe zu sein.
Die minka schließlich scheint eine Form der gegenseitigen Hilfe zwischen nur zwei Personen zu sein. Dabei wird z.B. ein bestimmter Dienst wie der eines Heilpraktikers durch ein bestimmtes Gut, z.B. eine Mahlzeit vergolten.4

Im weiteren Verlauf des Buches führt die Autorin die Existenz der peruanischen Volksküchen auf diese alten inkaischen und immernoch praktizierten Formen kollektiven Handelns zurück. Genausowas interessiert mich bei den VoKüs auch: was sind die Traditionen an die VoKüs anknüpfen und durch welche Riten wird kollektives Handeln erreicht?

„Suchaktion des Kartoffelkäfers in Mecklenburg-Vorpommern – Die Schuljugend wird zum Absuchen der Pflanzen eingesetzt (eine angenehme Pflicht).“ – gefunden auf Wikimedia Commons

Bei meinen ersten Recherchen zum Thema Voküs habe ich irgendwo gelesen, dass sich diese aus der Westberliner Hausbesetzerszene über Ostberlin vor allem nach Ostdeutschland ausgebreitet haben. Leider finde ich die entsprechenden Quellen gerade nicht mehr. Dennoch finde ich es eine spannende These die Existenz von VoKüs speziell in Ostdeutschland auf Formen kollektiven Handelns zurückgehen zu lassen, welche in der sozialistischen DDR praktiziert wurden. Da fällt mir beispielsweise der Subbotnik ein.

  1. Schweppe, C. (1992) Überleben und verändern : Volksküchen in Lima, Frauen der Armutsviertel organisieren sich. Frankfurt am Main, Peter Lang. S.78 []
  2. vgl. ebd. S.160 []
  3. Aus der Schilderung eines Dorfbewohners. in: Schweppe, C. (1992) Überleben und verändern : Volksküchen in Lima, Frauen der Armutsviertel organisieren sich. Frankfurt am Main, Peter Lang. S.110 []
  4. vgl.: Schweppe, S. 111 ff []

Was zur Hecke ist Social Software?

… ist die Frage, die im autonomen Seminar „Soziale Arbeit und Social Media“ immer wieder auftaucht. So eine ungefähre Vorstellung hat man ja und denkt dabei an StudiVZ, Wikipedia, Delicious, Blogs und so weiter. Aber gibt es vielleicht auch eine genaue Definition, auf der sich weitere Untersuchungen aufbauen lassen?

Auf den ersten Klick ist das Problem ja leicht zu lösen: man muss ja nur „Social Software“ bei Wikipedia nachschlagen.

„Soziale Software (englisch social software) ist ein Modewort für Software, die der menschlichen Kommunikation und der Zusammenarbeit dienen … Eine einheitliche Definition existiert nicht, je nach Auslegung wird die soziale Software enger oder breiter gefasst.“

Wikipedia wird ja oft als unseriöse Informationsquelle bezeichnet, aber manchmal, wie in diesem Fall, kann man an den Informationen einfach nichts aussetzen. Denn dass keine einheitliche Definition von Social Software existiert, ist mir ja auch schon aufgefallen. Da mir Wikipedia hier allerdings nicht mit den Auskünften hilft, die ich haben wollte (und mich damit tröstlicherweise auch nicht falsch informiert), muss ich mir was Anderes einfallen lassen.

Okay, wir schauen einfach mal nach, wie andere Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen, den Begriff „Social Software“ definieren. Thomas N. Burg meint dazu:

„Nach den Großrechnern, den Personal Computers (PCs) und den in diesem Kontext geschaffenen Softwaretools, die der individuellen Produktivitätsoptimierung gewidmet waren – wie z.B. Textverarbeitung, Buchhaltung, Grafik, etabliert sich zunehmend Software, deren Hauptaugenmerk auf der Verbindung von Menschen mit Menschen und Menschen mit Maschinen liegt. Diese, eine der wichtigsten rezenten Entwicklungen an der Schnittstelle Softwareentwicklung/Multimedia und Mensch, fasst man unter dem Schlagwort “Social Software” oder “Social Computing” zusammen.“

Während „klassische“ Software also von einzelnen nicht miteinander zusammenhängenden Akteuren bedient wird und deren individuelle Produktivität erhöht, erlaubt Social Software die Verbindung von Akteuren untereinander bzw. von Akteuren und Maschinen. Wie funktioniert jedoch diese Verbindung? Ulises A. Mejias erklärt:

Social software is „software that allows people to interact and collaborate online or that aggregates the actions of networked users.“

Deutlich wird also, dass Social Software online – also mit Hilfe über das Internet verbundener Computer – funktioniert und es so den Nutzern erlaubt ein Netzwerk zu bilden, dass zur Interaktion und Zusammenarbeit genutzt werden kann.

Was genau macht Social Software aber zu einem Phänomen, dass von Millionen von Menschen während ihrer Freizeit genutzt wird? Wollen diese Leute wirklich zusammenarbeiten? Wenn ja, weshalb? Jan Schmidts Social Software-Definition aus dem Bereich der Kommunikationssoziologie liefert einen Erklärungsansatz:

„Social software assists information-, identity- and/or relationship management by making connections between texts and people visible, at least to partial publics.“

Damit ließe sich erklären, warum sich Menschen die Mühe machen bei StudiVZ ein Profil zu erstellen oder bei Wikipedia Artikel zu editieren: die Verwendung von Social Software hat für den jeweiligen Anwender scheinbar einen ganz individuellen Nutzen. So kann man sein soziales Netzwerk in einer Art und Weise aufbauen und managen, die ohne eine Seite wie StudiVZ nicht möglich wäre (Beziehungsmanagement). Bei Wikipedia widerrum kann man das eigene Wissen in bis dato völlig unbekannten Formen teilen, überprüfen, vertiefen und sogar noch Anerkennung dafür bekommen (Wissensmanagement). Blogs widerrum werden oft genutzt, da sich mit ihnen Aspekte der eigenen Identität (Ideen, Ereignisse) präsentieren lassen (Identitätsmanagement). Offenbar ist es für den Nutzer/die Nutzerin von Social Software sehr attraktiv ein Online-Profil zu erstellen oder einen Blog einzurichten da ihm/ihr dadurch Möglichkeiten eröffnet werden, die er/sie sonst nicht hat.

Einen wichtigen Aspekt berücksichtigen die obigen Definitionen jedoch nicht. So wird in der Diskussion um Social Software nur am Rande bemerkt, dass der Wert der Social Software

vor allem in den durch das System geschaffenen, gesammelten und kategorisierten Inhalten“ [1]

liegt. Natürlich muss man dabei anerkennen, dass es nicht das System ist, welches diese Inhalte schafft, sondern dessen Nutzer. Social Software jedoch dient den Nutzern dabei als Werkzeug zum Sammeln und Ordnen von Inhalten und zur Herstellung weiterer Werte, die wiederum einen Nutzen für andere Akteure haben können. Kurz: Mit Hilfe von Social Software lassen sich Kollektivgüter herstellen, d.h. Güter, die nur durch gemeinsame Anstrengungen mehrerer Akteure geschaffen werden können.

Während dem Konzept „Social Software“ in den bisherigen Definitionen lediglich Funktionen der Vernetzung von Menschen sowie der Interaktion und Zusammenarbeit und des Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagements zugestanden werden, lässt sich feststellen, das mit Hilfe von Social Software über diese individuellen Nutzen hinausgehende Werte geschaffen werden können.

Man könnte sagen, dass Social Software dabei hilft, soziale Dilemmata zu umschiffen. (Ein soziales Dilemma ist z.B. wenn jeder einen sauberen Stadtpark will, aber keiner Lust hat nach dem Grillen im Stadtpark seinen Müll aus dem Stadtpark wieder mit nach Hause zunehmen. Eine klassische Hilfe zur Umgehung sozialer Dilemmata sind Normen und Gesetze, die verhindern dass jeder seinen Müll einfach auf die Straße schmeißt.)

Den oben zitierten uneinheitlichen Definitionen des Begriffes „Social Software“ möchte ich nun meine hinzufügen:

Indem Social Software einzelnen Akteuren Werkzeuge zu deren Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagements bietet, macht es die Verwendung von Social Software für diese Akteure attraktiv. Neben den dabei für die Nutzer entstehenden individuellen Vorteilen werden bei der Anwendung von Social Software Kollektivgüter geschaffen. Somit kann Social Software als Kollektivgut zweiten Grades betrachtet werden, welches soziale Akteure dabei unterstützt Kollektivgüter ersten Grades zu erstellen.[2]


[1] Komus, Ayelt: Social Software als organisatorisches Phänomen – Einsatzmöglichkeiten in Unternehmen, S. 36

[2] Für eine einführende Übersicht über die Kollektivgutproblematik siehe: Esser, Hartmut: Soziologie – Spezielle Grundlagen – Band 3: Soziales Handeln, S. 199 ff

Social Media and „The Logic of Collective action“

After I read how social networks can sometimes undermine themselves (see below), the idea came to my mind that social software like Wikipedia or social networks like Facebook or StudiVZ, can be seen as facilitators of the production of public goods, as the design of the underlying software provides second-order public goods. A second-order public good is a system that solves social dilemmas, e.g. by rewarding people who contribute to the production of public goods or by punishing free-riders. By providing such a second-order public good, social software increases peoples willingness to cooperate in providing public goods.

How social networks undermine themselves

Sociologist Jan Schmidt describes in one of his recent contributions how networking platforms sometimes happen to undermine themselves. He watched that users of StudiVZ (a German version of Facebook) use this network to formulate their oppositions towards the introduction of new ‚terms and conditions‘ for the StudiVZ network. The protests arose some months after StudiVZ had been bought by one of the bigger German publishing houses, the Holtzbrink-Gruppe for 85 million Euros and, in order to get some of the money back, decided to make the StudiVZ users sign new ‚terms and conditions‘ that should allow the company to sell user profiles to third parties. Since there seem to be enough companies and institutions some users wouldn’t want to let know too much about their addresses, former employers or political attitudes there were some negative remarks by users about the new terms and conditions. What Jan Schmidt finds so remarkable in here is, that the unwillingness to turn transparent in StudiVZ was expressed within the StudiVZ network. Groups like „New StudiVZ terms and conditions – I am out!!“ or „Stop the data stealing! Acting against new terms and conditions!“ were created by the means of the network and used to express and publish dissense with the new „privacy sell out“ terms and conditions. And indeed: the new terms and conditions that should have been imposed on the users had to be modified and the operators of the service had to clarify that users private data were never meant to be sold. Schmidt watched similar phenomenons on other social networking sites like „Facebook“ or „Xing“ after their owners tried to impose changes in the privacy policy of the networks. There is nothing new about people expressing their likes or dislikes via Internet, so what is the excitement all about?

Wait and read what Schmidt observed:

„Users utilize the tools of the actual platforms for expressing their attitude and for mobilizing like-minded persons. This applies at most to opponents of the changes but also to their advocates and to the ‚indifferent’… The owners of social network sites give networking and communication tools, which actually can be used against themselves, into the hands of their users. In opposition to protests via e-mail or feedback-forms such groups and forums are (platform-) public and can thus gain a stronger impact. … The use of platform utilities in order to protest against decisions of the owner is an expression of a certain creative potential, it represents a form of unintended use. (emphasis in italics by me – T.P.)

So what is said here is, that social networking sites provide people with tools they can use to create certain things even if these tools were not made for the creation of those things in the first place (what Schmidt calls unintended use). In the case of StudiVZ the tools that were made available to the users were not used only for intended use like „to make real friends online and furthermore to find out who the friends of their friends are and what interests they have“ (citation from StudiVZ) but for empowerment, emancipation and for self- and peer-provision with certain resources, like information or inspiration, that are important for these processes. Consequently the users grew above the heads of the people who gave them exactly the tools they needed for that.

What interests me most here is the potential of a social networking site to facilitate the creation of things it actually should not facilitate a) because it has never been intended to facilitate the production of those things (so let’s call them side-products) and because b) the owners and producers of the social networking side have to suffer a direct loss due to the production of those side-products (so let’s call them unwanted side products then).
I think the pressure that was put on the company to take back their new ‚terms and conditions‘ is such an unwanted side product and I am curious how it could have been produced under such unfavourable circumstances. As I will try to show, those circumstances will get even more unfavourable, cause according to the „Logic of Collective Action“ it is close to impossible that a group as big as the StudiVZ-users can produce anything than frustration. So what is „The Logic of Collective Action“ about?

The Logic of Collective Action

In 1965 Mancur Olson’s first edition of his evergreen theory in economy has been published: „The Logic of Collective Action: Public Goods and the Theory of Groups“. In this book Olson describes how certain groups use to fail to produce so called public goods while others manage to produce such things.

So Olson has found out that a big group of pacifists can for some strange reason not produce the public good of a lobby that has similar strength and influence like the lobby of the few casual warmongers. Another example for failing production of a public good is, how consumers won’t manage to oppose or fight tendencies of some companies towards monopolisation or forcing up of prices.

In sociology and economy the results of a groups work, like influence on political decisions or prevention of excessive prices, can be called public goods, if those products 1.) they cannot be kept back from others (e.g.: in case the pacifists should manage to talk politicians into destroying all weapons of mass destruction, all people and not only pacifists would live without the big bombs,) and 2.) the consumption of the product won’t make it smaller (e.g.: how much ever I enjoy the fearlessness due to luck of atomic bombs doesn’t decrease other peoples chances to feel the same fearlessness.). Now what is the problem behind that inability to create public goods for certain groups? According to Olson it is the size and the structure of the groups. In small groups where everybody knows everybody you can be made responsible for your actions, whereas in big groups you can’t.

Suppose for example you are in a group of let’s say 25 students that aims at forcing all cafeterias on your campus to sell fair traded coffee additional to the regular coffee.
Now in that group of 25 people your fellows could hardly oversee if you were actively dedicated in the coffee campaign or if you were a rather passive potato who hardly showed some interest in the whole project. So the knowledge that the others know if you were busy or lazy, creates moral pressure on you to rather become active than staying passive. And exactly that „knowledge that the others know what you have (or haven’t) done“ is one of the advantages smaller groups have over bigger ones and the secret of their success in actually achieving what they aim for.

Suppose, on the other hand, you belong to a group of 300 students of medicine. To make their exams easier, that group wants to collect all information that are relevant for their and their fellow students exams in a big folder. In order for that folder to become reality, every student has to deliver questions he has been asked about the human skeleton, muscles and so on by examiners into a letterbox. Now this group of 300 students would be – according to Olson – that big that nobody knows no one and so nobody can be identified and judged by her/his contributions. Not to speak of getting the respecting looks or other rewards one would deserve for giving his share of knowledge or disappointed looks if one doesn’t. Another obstacle the big group faces in gaining the desired product: compared to the big aim of the whole group, individual contributions are so small that giving them or not has no noticeable effect on the big aim. Putting your questions and answers in the letterbox – it’s just like a drop into an ocean, so don’t you worry too much about it!

One could object that students usually are no ego-maniacs but easy going idealists. Well, Olson developed his theory on the assumption that everybody is a more or less (but in Olson’s case rather more) rationalistic homo economicus. The idea of the human as rational maximizer of self-interest and minimizer of self-cost is an axiom Olson’s theory bases on. This axiom is called „Rational choice“ and basically it says, that people wouldn’t move a hand if they hadn’t their egoistic reasons for doing so. So, in the end most of the students have their reasons to think and act according to that rationalistic scheme and all you’ll find in the letterbox are two bats (one of them half deaf) and an old handkerchief, taken the case that the box has not been stolen yet ;)

One could think at first sight, that people in that big group would show more dedication in order to overcome the obstacles and prove those lazy „we always said, you can’t make it“ rationalists wrong. But as mentioned before: in a big group no person has the reason for doing so, as the contributions of one person stay unnoticed by everybody else PLUS these contributions won’t be a significant step towards the public good.

As if that wouldn’t be a proposition bad enough for a big group to work, additional to the unlikeliness to mobilize it’s members, Olson has found out, that big groups have to do more administration work than small groups to get at least a bit organized. E.g. longer and more frustrating meetings must be held to coordinate actions, whereas smaller groups can do their organisational business more spontaneously.

One small shaft of light is there for big groups anyway: a big group can manage to overcome it’s lethargic defects by giving rewards to members who contribute to the wanted public good and by applying punishment to members who don’t. The problem is that finding, identifying and rewarding/punishing such members doesn’t happen by itself. In fact this process is a so called public good of the second order which must be produced before it can be used. And how „easy“ public goods are produced in big groups has already been mentioned.

Social software as tool for producing public goods

Now what is the point? I think social software can make the production of certain collective goods easier for big groups as it would be without social software. Firstly because the software does certain group-specific administrative tasks that formerly some members of big groups had to do. In order to become a member of StudiVZ (or any other social network) you don’t have to have people sitting in offices all day long, welcoming new members and fill out admission forms with them. Instead everybody can just log in by himself and start to contribute to the product ’social network‘. Secondly because the software helps it’s users to find a public, that values their contributions, that would be totally anonymous otherwise. In the case of StudiVZ the sheer membership in a group (which is a question of two mouse clicks) can be used to shine with being informed, interest in politics and social awareness in front of your friends. While this might not be the intended use of StudiVZ it gets people motivated to form and join groups. In a way, the software turns „getting involved“ into a hip part of your lifestyle. Or as Schmidt wrote:

„According to my observations a large number of that groups is not used for discussing but serves as a possibility to complete ones own profile with further information that are important for that person. Identity management instead of relationship management.“

And although those groups didn’t even become very active, they gained some attention in the German blogosphere and mass media. So the sheer existence of groups with names as „Revolution in StudiVZ – against the new ‚terms and conditions'“ with thousands of members, produced attention and public pressure on the owners of the network to take the most unacceptable conditions back. Both attention and pressure can be seen as public goods. This can be achieved when dedication in big groups becomes more attractive as it usually is. As social software can provide collective goods of the second order, that are so important in big groups to get people motivated, higher dedication is exactly what social software can accomplish.

Literature:
Mancur Olson: Die Logik des kollektiven Handelns: Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen. 5. Aufl. Mohr Siebeck, Tübingen 2004. (Originalausgabe: The Logic of Collective Action: Public Goods and the Theory of Groups 1965) ISBN 3-16-148504-1.