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Anybody up for Probelesen?

Anybody else?

Nachdem im letzten Jahr unzählige Liter Sterni, Fattigauer und Weiß-der-Geier was noch durch meinen Körper durchgeflossen sind, ihm in Kooperation mit veganen Mahlzeiten eine etwas neue Form gegeben haben (ja, Feldforschung ist gefährlich) und mein Kopf beim Nachdenken und Schreiben über Voküs glücklicher Weiße mehrere Male ordentlich außer Kontrolle geriet, … Continue reading ‘Anybody up for Probelesen?’

Why do they do what they do (to me)?

Wenn ich in eine VoKü komme, so bin ich nach wie vor erstaunt darüber, dass sich dort wieder Menschen an den Herd gestellt und hinter die Theke geklemmt haben um anderen einen wunderbaren Abend zu ermöglichen. Und ich frage mich immer noch, warum sie das eigentlich tun.

In einem ersten organisationstheoretischen Anlauf habe ich behauptet, dass die Aneignung von Ressourcen und die Gewährung eines aus diesen Ressourcen entstehenden Nutzens ein zentraler Punkt des Gutes VoKü sind. Nachdem ich mir nun diese erste Theorie über VoKüs gebildet habe, möchte ich dieses “Warum” nun zur Hauptfrage meiner Diplomarbeit machen. Warum tun die VoKü-MacherInnen das eigentlich?

Mein Eindruck ist, dass bisherige Theorien kollektiven Handelns – wie z.B. Garret Hardins Tragik der Allmende, Mancur Olsons Logik des Kollektiven Handelns oder Elinor Ostroms Verfassung der Allmende eine Vielzahl von spieltheoretischen, sozialpsychologischen oder rational entscheidungstheoretischen Erklärungen für Probleme anbieten, die bei der Erstellung und Erhaltung von Gemeingütern entstehen. Diese Erklärungen unterstellen den Handelnden dabei oft ganz selbstverständlich ein bestimmtes Handlungsmuster – das des Homo oeconomicus nämlich.

Ich gehe aber mal davon aus, dass sich die Motive zur Schaffung von Gemeingütern aus eine Unmenge persönlicher Erklärungen, Handlungsmotive und Sinnzusammenhänge speisen, die über eigennutzmaximierendes Verhalten weit hinausgehen.
Mich interessiert dabei, was diese persönlichen Erklärungen, Handlungsmotive und Sinnzusammenhänge sind. Wie begründen es VoKü-MacherInnen vor sich selbst und vor anderen, dass sie das tun, was sie da tun, wenn sie heute Abend wieder “VoKü machen”? Welcher Sinn und Gewinn entsteht für die VoKü-MacherInnen dadurch, dass sie es tun? Welche Selbstkonzepte haben sie, die ihnen das Leisten von Beiträgen in VoKüs erlauben? Und unter welchen Umständen hat es für die VoKü-MacherInnen keinen Sinn mehr sich in einer VoKü zu engagieren?

Interessant finde ich auch herauszufinden, welche sozialen Praktiken und Vorstellungen eine VoKü hervorbringt. Wie verändern sich diese Vorstellungen und Praktiken? Wie verändern sich die Erklärungen und die Selbstkonzepte der VoKü-MacherInnen im Laufe der Zeit?

Diese Fragen lassen sich möglicherweise durch das Konzept der Subjektiven Theorien beantworten. Da ich mich schon eine Weile mit Problemen kollektiven Handelns beschäftigt habe, interessiert mich natürlich am meisten, ob und wie diese Probleme auch in den subjektiven Theorien kollektiv Handelnder wahrgenommen werden und wie subjektive Theorien der kollektiv Handelnden zur Lösung von Problemen kollektiven Handelns beitragen.

In der subjektiven Theorie, die ich zum Schreiben meiner Diplomarbeit gebildet ;) habe heißt das: Literatur zum Forschungsfeld der subjektiven Theorien ausfindig machen und lesen.

Wem gehören die VoKüs?

Es wird wieder einmal Zeit für ein grafisches Zwischenspiel. Dazu gibt es noch soetwas wie eine Erklärung, mit der ich zu beschreiben versuche, welche Besitzrechte ich in VoKüs erkenne.
Dabei werde ich vor allem Begriffe und Modelle verwenden, die Elinor Ostrom prägte um die Nutzung und Verwaltung von Allmenden zu erklären. Auch wenn VoKüs nach meinem bisherigen Verständnis keine reinen Allmendegüter sind, sondern – da Menschen auf mehreren Ebenen von deren Nutzung ausgeschlossen werden können – eine Mischung aus Allmende- und Klubgut, will ich Ostroms Begriffe und Modelle zunächst einmal verwenden, da sie helfen zu bestimmen, wo VoKüs wie Allmenden funktionieren und wo VoKüs eher wie Klubs funktionieren. Dabei werde ich die VoKü zunächst einmal als eine Ressource betrachten, welche sich aus einer Vorratsvariablen, also dem zu erhaltenden Bestand, und einer Flussvariablen, also den aufbrauchbaren Nutzungseinheiten, zusammensetzt.1,2

Doch zunächst:

Zur Typologie von MacherInnen, MitmacherInnen, Gästen und Aussenstehenden:

VoKü-Schema 0.1 – erstellt mit Hilfe von Inkscape

  • Die Aussenstehenden, das sind alle, die nicht in VoKüs gehen. Entweder weil sie noch nie etwas von VoKüs gehört haben, nicht wissen, wo welche sind, keine Lust darauf haben VoKüs zu besuchen oder es nicht dürfen.
    Sie können daher weder die Vorratsvariablen, d.h. den Bestand der VoKü (Räumlichkeiten, Inventar, Kochtöpfe) selbst, noch die Flussvariablen, d.h. die aufbrauchbaren Nutzungseinheiten der VoKü (Essen, Bier, Konversationen, Kultur) nutzen.
  • Die Gäste sind diejenigen, die gelegentlich oder regelmäßig in VoKüs gehen um sich zu unterhalten, ein oder zwei Bier zu trinken und/oder etwas zu essen, zu diskutieren oder Kultur zu konsumieren. Sie haben also Zugang zu den Flussvariablen der VoKü, welche sie – teilweise gegen geringe Bezahlung (1€ pro Bier und 1,50€ pro Essen) – komplett verbrauchen dürfen. Sie haben auch Zugang zu Vorratsvariablen (Toiletten, Aufenthaltsräume, Geschirr) welche sie jedoch nicht aufbrauchen sollten.
    Da es in manchen VoKüs Usus ist, dass Gäste ihre Teller nach dem Essen selber abwaschen, wofür Ihnen von den VoKü-MacherInnen oder -MitmacherInnen entsprechendes Equipment (Abwaschbecken gefüllt mit heißem Wasser, Lappen) zur Verfügung gestellt wird, unterscheiden sie sich in Gäste mit Abwaschpflicht und privilegierte Gäste. Erstere tragen damit zur Erneuerung von Ressourcen (nutzbares Geschirr) innerhalb der Ressource VoKü bei.
  • Die MitmacherInnen sind eine Gruppe, die es nur in einigen VoKüs gibt. Sie dürfen für die Gäste kochen bzw. andere Aufgaben übernehmen, wie z.B. die Theke führen und – innerhalb der Richtlinien der MacherInnen – auch darüber entscheiden, was gekocht und welche Musik in den Räumlichkeiten oder an der Theke gespielt wird. Der Ausdruck “innerhalb der Richtlinien” deutet schon darauf hin, dass MitmacherInnen sich an diätische3 Vorgaben halten müssen. So werden die MitmacherInnen in einer VoKü, deren MacherInnen entschieden haben, dass nur veganes Essen gekocht wird, wahrscheinlich Probleme mit den MacherInnen und (wahrscheinlich auch einigen Gästen) bekommen, wenn sie einen Rinderrollbraten bereiten. Auch bei der Auswahl der Musik, die MitmacherInnen abspielen dürfen, so sie Thekendienst haben, kann es (nach meinen Beobachtungen implizite) Vorgaben der MacherInnen an die MitmacherInnen geben. MitmacherInnen dürfen für Ihre Verdienste mitunter kostenlos essen und Biertrinken.
    Sie können damit sowohl Vorratsvariablen, (also den Bestand) der VoKü nutzen (Kochtöpfe, Ofen, Gewürze, Wasser, Zutaten), die den Gästen i.d.R. verwehrt bleiben, als auch erschöpfliche Flussvariablen (Essen, Bier) zu besonderen Konditionen bekommen.
  • Die MacherInnen sind meist miteinander befreundet bzw. konstituieren ein enges soziales Netzwerk, wie etwa einen Freundeskreis oder ein Hausprojekt.
    Entweder mieten oder pachten die MacherInnen die Immobilie, in der die VoKü stattfindet und erwerben dadurch das Recht auf den Zugang zu einer der kritischsten Vorratsvariablen in VoKüs nämlich dem Haus in dem alles stattfindet. Dies berechtigt sie weiterhin zur Entnahme von Flussvariablen (z.B. dort wohnen, Inventar und Infrastruktur nutzen und ggf. Veranstaltungen durchführen) und zur Verwaltung. D.h. sie dürfen interne Nutzungsmuster regeln (z.B. indem sie entscheiden, ob es MitMacherInnen gibt, was diese kochen dürfen, ob diese an der Theke Musik spielen dürfen) und die Ressource verbessern (Verschönerungen, Wartungen am VoKü-Gebäude).
    Falls die VoKü-MacherInnen das Gebäude, in dem die VoKü stattfindet, nicht selber mieten oder pachten, dann werden ihnen die Rechte auf Zugang und Entnahme von anderen, ihnen gesonnenen Menschen (meist Leute aus dem Freundes-/Bekanntenkreis), gestattet, die das Recht haben die Immobilie zu verwalten oder diese gar besitzen oder eignen.
    Oder sie nehmen – im Falle von besetzten Häusern, deren Nutzung und Verwaltung ihnen vom jeweiligen Besitzer und/oder Eigentümer nicht zugestanden wird – die Risiken in Kauf, die mit einer illegalen/illegalisierten Nutzung verbunden sind (Räumung und damit den Verlust weiterer Fluss- und Vorratsvariablen, wie Kochuntensilien, Bereitschaft zu weiterem Engagement …). Diese Konstellation an Rechten ermöglicht es ihnen natürlich auch selber zu kochen, sowie ein paar ausgefallene Sachen zu machen, wie Konzerte, Diskussionsabende, Vorträge, Filmabende u.s.w. zu organisieren.
  • Dann gibt es auch noch den theoretischen Fall, dass die VoKü-MacherInnen die Eigentümer sämtlicher Vorratsvariablen (d.h. des Bestandes) sind, die zum Betrieb einer VoKü nötig sind, d.h. dass sie auch Eigentümer der Immobilie sind, in der die VoKü stattfindet und diese Vorratsvariable (z.B. das Haus) auch verkaufen/vermieten können. Sowas konnte ich bisher allerdings noch nicht beobachten, das Maximum meiner Beobachtungen ist eine VoKü, die einen Erbpachtvertrag mit der Gemeinde geschlossen hat und die Immobilie in der u.a. eine VoKü stattfindet, für ein paar Jahrzehnte nutzen kann.

VoKü-MacherInnen, -MitmacherInnen, (privilegierte) VoKü-Gäste und Aussenstehende unterscheiden sich also durch die Besitzrechte an solchen Ressourcen, die es in VoKüs gibt, bzw. die durch VoKüs produziert werden. Gäste dürfen z.B. nicht darüber entscheiden, wer wann in der VoKü was kocht oder welche Musiken gespielt bzw. welche Filme gezeigt werden. Dass dürfen, sofern sie existieren nur MitmacherInnen, gegen die sich allerdings auch die VoKü-MacherInnen durchsetzen können. Diese entscheiden übrigens auch darüber, ob es überhaupt VoKü-MitmacherInnen gibt.
MacherInnen unterscheiden sich von MitmacherInnen weiterhin darin, dass erstere über die Verwendung der VoKü-Einnahmen entscheiden und die Nutzung der Räumlichkeiten und des Inventars gestatten/verwehren können.
Je weiter drinnen man ist (“inner circle”) desto mehr Nutzungsrechte an der Ressource hat man einerseits, desto mehr ist man allerdings auch für den Erhalt des Bestandes – also der Vorratsvariablen – zuständig, all dessen also, was unbedingt benötigt wird um eine VoKü am Laufen zu halten. Je weiter man draußen ist, desto geringere Besitzrechte hat man, was oft auf das Recht am privaten Genuss der Flussvariablen Bier, Gemüse-Gusgus und Unterhaltung hinausläuft.

VoKüs scheinen somit ein komplexes System der Verwaltung und Aushandlung von Besitz- und Nutzungsrechten zwischen VoKü-MacherInnen, Eigentümern der für VoKüs kritischen Ressourcen (den Hauseigentümern), VoKü-MitmacherInnen und VoKü-Gästen zu sein. Wem VoKüs gehören lässt sich da natürlich schwer sagen. Sicher niemandem in Gänze und sicher sind auch keine zwei VoKüs gleich, so dass sich jede VoKü durch die ganz speziellen Verwaltungs- und Aushandlungsprozesse und -fähigkeiten ihrer BesitzerInnen, MacherInnen, MitmacherInnen und Gäste auszeichnet.

  1. Ostrom, E. (1999) Die Verfassung der Allmende : Jenseits von Markt und Staat. Tübingen, Mohr Siebeck. S.38 []
  2. Die Unterscheidung in Vorratsvariablen und Flussvariablen trifft Ostrom und meint folgendes:

    Man stellt sich ein Ressourcensystem am besten als Vorratsvariable vor, die unter günstigen Bedingungen in der Lage ist, ein maximales Quantum einer Flußvariablen zu erzeugen, ohne daß die Bestände oder das Ressourcensystem selbst beeinträchtigt werden. Beispiele solcher Ressourcensysteme sind Fischgründe, Grundwasserbecken, Weideland, Bewässerungskanäle Brücken, Parkhäuser, zentrale Rechenanlagen … aber auch Flüsse, Seen, Ozeane und andere Gewässer. Ressourceneinheiten sind das, was sich die Individuen aus dem Ressourcensystem aneignen oder nutzen. Typische Ressourceneinheiten sind die in einem Fischgrund gefangenen Tonnen Fisch, die aus einem Grundwasserbecken oder Bewässerungskanal entnommenen Kubikmeter Wasser, die von Tieren auf einer Weidefläche verzehrten Tonnen Futter …

    (Ostrom, E. (1999) Die Verfassung der Allmende : Jenseits von Markt und Staat. Tübingen, Mohr Siebeck. S.38) []

  3. zur Etymologie des Wortes “Diät” “from L. diaeta “prescribed way of life,” from Gk. diaita, originally “way of life, regimen, dwelling,” from diaitasthai “lead one’s life,” and from diaitan, originally “separate, select” (food and drink)” siehe: Etymonline []

Gegessen wird, was auf den Müll kommt!

Anfang Mai habe ich im Rahmen meiner teilnehmenden Beobachtungen an zwei Tagen in einer Suppenküche mitgearbeitet. Die meiste Zeit stand ich mit an der Essensausgabe und habe geholfen das Essen aus den Essenskübeln auf die Teller zu befördern, hin und wieder habe ich aber auch mal in der Küche ausgeholfen.

Mein Thema ist ja doch eigentlich die Volxküche, warum also sollte ich mir überhaupt Suppenküchen angucken? Nun, wenn ich, was hin und wieder vorkommt, Leuten erzähle, worüber ich meine Diplomarbeit schreibe – über Volxküchen nämlich -, denken die meisten, dass es sich dabei um Suppenküchen handelt und ich beginne dann immer aus dem Bauch raus zu erklären (das mit dem “aus dem Bauch raus erklären” hier bitte nicht allzu wörtlich nehmen ;), dass Suppenküchen eher so eine Art Armenspeisung sind, wohingegen Volxküchen Orte sind, an denen sich junge Menschen treffen um sich miteinander zu unterhalten bzw. Spaß zu haben.
Auch wenn ich eigentlich gar nicht so recht an ein objektiv vorhandenes “System Suppenküche” und noch weniger an ein objektiv vorhandenes “System Volxküche” glaube, erhoffe ich mir von einer teilnehmenden Beobachtung in einer Suppenküche doch eine Erkenntnis darüber, was eine Suppenküche von einer Volxküche unterscheidet. Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich dabei Kategorien entwickle (arm vs. reich, jung vs. alt …), was bei objektiv nicht vorhandenen Systemen dazu führt, dass ich zu objektiv nicht vorhandenen Kategorien komme, aber irgendwo muss man doch mal anfangen, oder? ;)

Was habe ich in der Suppenküche also beobachtet?

  • Als erstes hat mich erstaunt, dass bei der Essensausgabe kein Nachweis über die Bedürftigkeit verlangt wird. Auf meine Nachfrage stellte sich allerdings heraus, dass die Kontrolle der Bedürftigkeit im Prinzip schon durchgeführt wird, aber im Ermessen der Person liegt, die das Essen ausgibt. Mein Eindruck war, dass es dieser Person in dem von mir beobachteten Fall einerseits zu peinlich und zu aufwändig war, die Bedürftigkeit der Essensempfänger zu kontrollieren und sie andererseits schon viele der Suppenempfänger als bedürftige Dauerkunden einzuschätzen wußte.
  • Ebenso verwundert hat mich, dass im Prinzip keine ehrenamtlich beschäftigten Menschen in der Suppenküche arbeiteten. Es gab eine voll festangestellte Kraft: das war der Chef und einen halbtags angestellen Koch. Die restlichen Leute, die in der von mir beobachteten Suppenküche arbeiteten, waren sogenannte Strafstündler und Ein-Euro-Jobber. Das deckt sich mit der Aussage der Chefin einer anderen Suppenküche, die mir das Mithelfen in ihrer Suppenküche verweigerte, da sie mit “Strafstunden und Ein-Euro-Jobbern voll” sei.
  • Das Elend hat mich wirklich umgehauen. Dabei war es nicht das materielle Elend, welches mir zugesetzt hat. Das gab es zwar auch, z.B. in Form verwahrlost wirkender Menschen. Daneben gab es aber auch Leute, die bedeutend mehr Style hatten als ich und die meisten meiner Freunde. Eine relative konstante Form des Elends war aber eine, mmmh… wie soll ich sagen? Vielleicht sozial-kommunikative Verelendung? Viele der Leute, die zum Essen in die Suppenküche kamen, hatten es offenbar verlernt miteinander zu reden. Sie setzten sich erstmal möglichst alleine an einen Tisch. Wenn sie trotzdem an einem Tisch saßen, so sprachen sie nicht miteinander. Wenn Sie miteinander sprachen, so waren es Familien. Man könnte sagen, dass die meisten der Menschen, die ich hier beobachtet habe, alleine sind und diesen Zustand offenbar nicht ändern können oder wollen.
  • Manche Menschen verbringen den ganzen Tag hier. Sie essen eine Portion Mittag, holen sich anschließend eine zweite Portion des selben Essens, verbringen am Tisch sitzend einige Stunden in stummer Agonie um sich dann zum Kaffeetrinken einen Pfefferminztee und ein Stück Kuchen zu holen.
  • Ich empfand die Stimmung als irgendwas zwischen geknickt und surreal: die schweigenden Menschen, die nichts mit sich und ihrer Umwelt anzufangen wissen und die Unmengen an billigem Essen, die manche dieser Menschen essen, passen irgendwie nicht zusammen. Aus meiner Sicht werden viele dieser Menschen mit einer Menge von Ressourcen unterversorgt. Freundschaften, Gesundheit, Freude, Sicherheit beispielsweise. Diese Unterversorgung scheinen einige durch eine Überversorgung einer Ressource, die sie hier leicht bekommen können wettmachen zu wollen: Essen.
  • Der Chef der Suppenküche war der einzige, der keinen geknickten Eindruck machte. Schon vom Auftreten her unterschied er sich in seinem weißen Kittel beträchtlich von den “Angestellten” der Suppenküche, die alle mit roten T-Shirts und Schürzen rumliefen. Dann war er oft recht laut, was nicht bedeutet, dass er unfreundlich war, aber er sprach als einziger so laut, dass man ihn durch den ganzen Speisesaal hören konnte. Und er genoss es den Gönner zu spielen: Einmal standen zwei aufgeweckte etwa 12-jährige Kinder – die übrigens auch einen “ungeknickten” Eindruck machten – vor der Essensausgabe und suchten sich etwas aus der Speisekarte aus, als der Chef hinzutrat und sie laut aber freundlich von oben herab fragte, was sie denn zu Essen haben möchten. Als der Junge meinte, dass sie das noch nicht wüssten, spielte der Chef weiter den guten Onkel und fragte ob sie lieber das eine oder das andere Essen haben wollten. Dass er die Wahl der beiden damit eher störte, schien im nicht aufzufallen.
    Ein andermal nötigte er mit lautem Trara einer Frau eine zusätzliche Schale Kompott für ihren Mann auf- “Ach kommen Sie. Hier haben Sie noch mehr Kompott”. Die Frau wehrte sich mit Worten, der Chef platzierte die Schale trotzdem vor ihr auf dem Tisch – ich fand das wirklich furchtbar und würdelos.
    Ich wurde den Verdacht nicht los, dass er das tat um mir zu zeigen, wie toll es in seiner Suppenküche zugeht.
  • Es scheint durchaus keine Seltenheit zu sein, dass überlagerte Lebensmittel verkocht werden. Am zweiten Tag meiner teilnehmenden Beobachtung machte ein Angestellter einer Pizza-Kette auf seinem Weg zur örtlichen Mülldeponie Halt in der Suppenküche um sechs große Packungen rohe Eier abzuliefern, deren Verfallsdatum seit einem Tag abgelaufen war. Diese wurden den Essensempfängern am nächsten Tag als Spiegeleier zusammen mit Kartoffelsalat für Einsfuffzisch angeboten.
    Auf meine Anfrage, woher die Sachen kommen, die die Kollegen in der Küche zu Essen machen, wurde mir gesagt, dass ein Größteil von den Tafeln stammt. Da diese die Sachen auch für lau an die Suppenküchen weitergeben und die in der Suppenküche Beschäftigten dann für 1 Euro pro Stunde arbeiten, scheint mir 1,50 Euro pro Essen mehr zu sein, als man verlanden müsste um zum Selbstkostenpreis zu wirtschaften.
  • Der Chef wies mich am Anfang an, meine Haare mit einer Haube zu bedecken, die ich von der Küchenchefin bekommen würde. Bei dieser Gelegenheit ermahnte er auch die Haupt-Essensausgeberin, da sie keine solche Haube trug. Als ich die Küchenchefin vor Dienstbeginn auf eine Haube hin ansprach, schüttelte sie nur mit dem Kopf – offenbar hatte hier schon lange niemand mehr eine solche Haube gesehen. Wann immer der Chef an der Essensausgabe vorbeikam, wartete ich auf einen Anranzer, aber er duldete unsere Haubenlosigkeit stillschweigend.

“Gegessen wird, was auf den Müll kommt!” – Auch wenn das nicht die Suppenküche ist, in der ich mitgearbeitet habe, so erweckte diese doch einen ähnlich hoffnungsvollen Eindruck wie es auf diesem Foto aus den 30er oder 40er Jahren des 20. Jahrhunderts eine Suppenküche der Winterhilfe Schweiz tut. – gefunden auf Wikimedia Commons

Ich schätze, dass ich mit meiner Arbeit die ich in den beiden Tagen in der Suppenküche geleistet habe, eher dazu beigetragen habe Armut zu verstetigen als sie zu verringern. Weit und breit habe ich nichts erkannt, was darauf hindeutete, dass irgendetwas in dieser Suppenküche diese Menschen dabei unterstützt, von dieser entwürdigenden Versorgung loszukommen. Man speist die Leute eben mal kurz mit was Nahrhaftem ab, wie es den Leuten dabei geht, ist egal. Stattdessen bringt noch jeder seine eigene Armut mitbringt und nimmt die Armut der anderen zusätzlich zu seiner eigenen noch mit nach Hause.
Das nennt sich negatives Sozialkapital: Genauso wie sich positives Sozialkapital bilden kann, wenn sich Menschen kennenlernen, die sich mit bestimmtem Qualifikationen gegenseitig unterstützen können, kann sich negatives Sozialkapital bilden, wenn sich Menschen kennenlernen, die sich mit bestimmten Mängeln gegenseitig runterziehen. Wobei es schon die Ausnahme zu sein scheint, dass sich in Suppenküchen Menschen überhaupt kennenlernen.
Mein Eindruck kann natürlich täuschen, schließlich war ich insgesamt nur sechs Stunden lang als teilnehmender Beobachter anwesend. Vielleicht bilden sich ja hier tatsächlich Netzwerke mit deren Hilfe sich Menschen gegenseitig unterstützen. Vielleicht empfinden die Menschen, die hier essen, das Angebot als eine wichtige Unterstützung bei ihrer Lebensführung, auch wenn man sich für 1,50 € wahrscheinlich besser versorgen kann, wenn man selber kocht. Für mich wirkte das was ich hier miterlebte und mitmachte wie ein Alptraum, in dem ein Teil der Gesellschaft aus stummen Zombies besteht, die in einem Schlaraffenland für Arme solange mit süßem Brei gefüttert werden, bis sie platzen.

Zum Unterschied zwischen Suppenküchen und Volxküchen

In den von mir beobachteten Volxküchen (und das sind bisher sechs Stück)

  1. braucht man nicht bedürftig zu sein um billiges Essen zu bekommen
  2. darf man Rauchen
  3. gibt es keinen Chef, möglicherweise wird hier sogar versucht jegliche Hierarchien zu vermeiden. Ob das gelingt, werde ich im Laufe meiner weiteren Forschungen herausbekommen
  4. schwatzt jeder mit jedem, jedenfalls ist es eher die Ausnahme, dass jemand ohne einen Gesprächspartner dasitzt. Oft geht es dabei um Politik und um momentane Lebensumstände
  5. kostet das Essen auch maximal 1,50 Euro ist m.E. aber frischer als die überlagerten Sachen, die in den Suppenküchen verteilt werden
  6. ist es relativ cool – yoh man! B-)

So, jetzt habe ich erstmal genug von Volxküchen geschwärmt, man könnte ja fast meinen mir fehle die wissenschaftliche Distanz ;)

Lineale und Ideale

Um das Phänomen VoKü beschreiben zu können wurde mir im Rahmen des Diplomandenkolloquiums empfohlen, es in Dimensionen zu zerlegen, wie z.B. “Sozialkapital”, “Freundschaft”, “Netzwerke”, “Soziale Sicherheit”, “Überwindung der Trennung zwischen privat und öffentlich”, “persönliche Entwicklung der Besucher”, “Motive der Macher” u.s.w.

Diese Zerlegung in Dimensionen führt dazu, dass ich eine VoKü operationalisieren, d.h. mit einem Werkzeug messen kann. Das wiederum hat zur Folge, dass ich intersubjektiv überprüfbare Aussagen über VoKüs machen kann. Wissenschaft also. Yeah!

Um beim Beispiel des Sozialkapitals als Dimension der VoKü zu bleiben: Sozialkapital lässt sich mit dem “Namensgenerator”, dem “Positionsgenerator” oder dem “Ressourcengenerator” messen. Der Namensgenerator (tatsächlich generiert er nur ein Messergebnis, nicht tatsächlich Namen) kann beispielsweise helfen herauszufinden, wie viele Kontakte ein regelmäßiger Besucher einer VoKü vor seinen Besuchen und nach seinen VoKü-Besuchen hat, d.h. wieviele Kontakte er durch seine VoKü-Besuche dazugewonnen hat. Wenn ich diesen Namensgenerator auf mehrere VoKü-Besucher anwende um zu messen, wie sehr eine VoKü zur Erhöhung des Sozialkapitals ihrer Besucher beiträgt, könnte ich möglicherweise irgendwann sagen, dass VoKüs das Sozialkapital ihrer Besucher um durchschnittlich 10 Prozent erhöhen.

Die Frage ist allerdings: Will ich das? Denn verbunden mit diesem Messen ist eine Aussage darüber, was VoKüs sollen und jeglichem Messen liegt eine Idealvorstellung zugrunde: Ein Weitspringer, dessen Weite gemessen wird, soll möglichst weit springen, weil dies dem Ideal des Weitspringens entspricht. Ein Mensch, dessen Puls gemessen wird, soll möglichst gesund sein, weil dies dem Ideal des Zustandes von Menschen entspricht.

“Je länger, je lieber.” – Eine Aussage, der sich in diesem Fall wohl die wenigsten Menschen anschließen würden. – Horseshoe Whip Snake, drawing and lithography by Karl Joseph Brodtmann, “Naturgeschichte und Abbildungen der Reptilien” by Heinrich Rudolf Schinz (1777-1861) and Karl Joseph Brodtmann (1787-1862) – gefunden auf Wikimedia Commons

Diese Ideale sind aber keine gottgegebenen Gesetze, sondern sie sind menschengemacht. Sie sind von den Werten einer Gesellschaft und ihrer Mitglieder geprägt und wie diese Werte verändern sie sich mit der Zeit.

Eine VoKü deren Beitrag zur Erhöhung des Sozialkapitals gemessen wird, soll möglichst viel Sozialkapital generieren. Das ist ein Ideal, welches ich als Erziehungswissenschaftler habe, aber können, wollen und sollen VoKüs nach meinen Idealen funktionieren? Natürlich nicht und so muss ich mal rausfinden, welche Werte in VoKüs herrschen. Diese Werte könnten dann Basis für die Dimensionen sein, die ich zur “Vermessung” einer VoKü benutze.