VoKüs als Antwort auf die Krise des Wohlfahrtsstaates?

Resümee des ersten Kapitels meiner Diplomarbeit zum Thema „Kollektives Handeln in VoKüs“:

What the fridge sind VoKüs?

In ihrem Wirken könnten Volxküchen auf den ersten Blick eine etwas chaotische Ergänzung oder Konkurrenz zu den Suppenküchen darstellen, einer Einrichtung der Wohlfahrt, in denen sogenannte Bedürftige für wenig Geld eine warme Mahlzeit bekommen können.
Auch zu den meist in pulsierenden Stadtvierteln großer Städte gelegenen Suppenbars, welche Suppe für etwa 3 bis 5 Euro verkaufen, ließe sich über die Suppenküchen eine Verbindung zu den Volxküchen herstellen.
Während Suppenküchen jedoch in der Regel von klassischen Institutionen der Wohlfahrt wie der „Volkssolidarität“, der „Caritas“, der „Arbeiterwohlfahrt“ oder kleineren Institutionen, wie Klöstern, Kirch- oder Stadtgemeinden betrieben werden und somit von staatlichen, kirchlichen oder kommunalen Förderungen abhängig sind und Suppenbars marktwirtschaftlich arbeitende Privatunternehmen darstellen, scheinen Volxküchen – geschrieben mit „x“ – weder von staatlichen noch marktwirtschaftlichen Einflüssen und Prinzipien geleitet zu sein.
Vielmehr scheint es das freiwillige Engagement und der Spaß junger Leute einer bestimmten Szene oder Subkultur zu sein, denen die Existenz und die Form dieser Nahrungsversorgung zu verdanken ist.
Mit den warmen Mahlzeiten, die in Volxküchen für ein geringes Entgelt verkauft werden, gelingt es somit scheinbar unabhängig von staatlichen, kirchlichen oder privaten Fördergeldern etwas herzustellen, das zumindest vom Aspekt des Nährwertes und Preises betrachtet mit Produkten der Wohlfahrt vergleichbar ist.

Was hat Sozialpädagogik damit zu tun?

Der Staat scheint sich seit einiger Zeit verstärkt aus der Organisation des Sozialen und der Wohlfahrt zurückzuziehen. Die freiwerdenden Räume werden scheinbar zunehmend von Anbietern gefüllt, die privatwirtschaftlich organisiert sind, oder von öffentlichen Einrichtungen, die sich nach mehr und mehr marktwirtschaftlichen Werten und Prinzipien orientieren. Dabei wird Soziale Arbeit zunehmend verwickelt in eine zunehmend an Kraft gewinnende Kommodifizierung (d.h. in ein zur Ware-Machen von bisher nicht Warenförmigem) des Sozialen. Effizienz, Qualitätsmanagement, Kostensenkung etc. sind Begriffe die in diesem Rahmen in der Sozialen Arbeit an Bedeutung zu gewinnen scheinen.

Einige der in Praxis und der Theorie der Sozialen Arbeit beschäftigten Menschen beklagen diese Entwicklung, die aus ihrer Perspektive zu einer Privatisierung und Re-Familiarisierung gesellschaftlicher Probleme,1 einer Spaltung der Gesellschaft und einem damit verbundenen Ausschluss von Menschen führt, die den Zugang zu Arbeit, Ressourcen und Partizipation verlieren.2 Soziale Arbeit und Pädagogik scheinen sich dabei immer stärker an organisatorischen Anforderungen und Interessen zu orientieren, als an denen von Menschen3 sowie „zu einem Erfüllungsgehilfen konkurrierender Wachstumsphantasien individueller Lebensläufe“ zu werden.4 Ebenso scheint Soziale Arbeit ihrem Anspruch nicht mehr gerecht zu werden, aus dem kapitalistischen System Herausgefallene zu unterstützen5 und sogar, ihre grundlegenden Aufgaben wie Schutz und Ausbau der Menschenrechte aufzugeben und dabei ihre Fähigkeit zu opfern, sich mit ihren zentralen Fragen zu beschäftigen.6 Teilweise trägt Soziale Arbeit in diesem Prozess sogar zur Verdrängung von so genannten Randgruppen aus bisher öffentlichen und zunehmend privatisierten Räumen bei.7

So what?

Da sich der Staat aus der Schaffung von Wohlfahrt und Sozialer Arbeit also zurückzuziehen scheint und nur noch lenkt, wie andere Wohlfahrt und Soziale Arbeit organisieren (man spricht davon, dass der Staat nicht mehr rudert, sondern nur noch am Steuer steht) und einige Autoren die zunehmende Ausrichtung von Wohlfahrt und Sozialer Arbeit an marktwirtschaftlichen Prinzipien als problematisch empfinden, gibt es Überlegungen Soziale Arbeit und Wohlfahrt unabhängig von Staat und Markt zu organisieren.

Interessant!

Ein Resultat dieser Überlegungen ist das Nachdenken über und Schaffen von Wirtschafts- und Lebensformen, die unabhängig vom Staat und nicht nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionieren. Genannt werden diese Ansätze u.a. solidarische Ökonomie,8 Gemeinwesenökonomie,9 alternative Ökonomie,10 oder lokale Ökonomie11.
Die Autoren erhoffen sich von diese Ansätzen, dass Wirtschaften in anderem Maße zu einer anderen Art von Wohlstand beitragen kann, als das im Rahmen der Marktwirtschaft möglich zu sein scheint. Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie die von Markt und Staat produzierten Mängel und Schwächen in der Sicherung des Sozialen zu bewältigen versuchen, indem sie nach nicht vom Staat vorgegebenen und nicht-marktwirtschaftlichen Prinzipien zu funktionieren trachten.
Für Kunstreich z.B. stellen Sozialgenossenschaften eine Möglichkeit dar, „das Ökonomische vom Sozialen her zu denken“,12 d.h., von der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen individuelle und kollektive Verfügungsmacht über Ressourcen zugänglich zu machen, die ihren Ausschluss aufheben und zwar auf eine Art und Weise, die „nicht mit dem Zwang zu hegemonialer ’Normalität’ verbunden sind, sondern die soziale Eigensinnigkeit dieser Menschen und ihre Teilhabe an den universellen Rechten sichern.“13
Weitere Beispiele solcher nicht-staatlich und nicht-marktwirtschaftlich organisierter Lebens- und Wirtschaftsformen sehen die Autoren in Genossenschaften, wie z.B. in der Trierer „Wohnungsgenossenschaft Am Beutelweg“ oder der weltgrößten Genossenschaft Mondragon.

Die ZENTRALE Frage

(Trommelwirbel) Die zentrale Frage die sich mit diesen nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaflichen Wirtschaftsformen verbindet, ist: Was lässt sie gelingen und was lässt sie scheitern? Die empirischen Untersuchungen dazu sind recht dünn, bzw. nicht vorhanden.14 Was schade ist, da es für ein paar Leute vielleicht interessant wäre zu wissen, warum denn jetzt dieses oder jenes Projekt an den Baum gegangen ist.
Für mich heißt das: VoKüs als eine Form der selbstorganisierten, nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Ökonomie zu betrachten und versuchen herauszufinden, was VoKüs gelingen lässt und unter welchen Bedingungen sie scheitern.

Wie soll das gehen?

Um herauszufinden wie und warum solche Formen der selbstorganisierten, nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Ökonomien scheitern bzw. gelingen, sollen VoKüs

  1. unter dem Gesichtspunkt von Mancur Olsons „Logik des kollektiven Handelns“15 und
  2. unter dem Aspekt der Analyse von Allmenderessourcen wie sie von Elinor Ostrom diskutiert wird16

betrachtet werden.

Mit anderen Worten

Um herauszufinden wie VoKüs in Zeiten eines sich zurückziehenden Wohlfahrtsstaates als eine Form der selbstorganisierten nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Form sozialer Sicherung funktionieren, betrachte ich VoKüs als Resultat kollektiven Handelns und als Allmende. Mit den Modellen dieser beiden Ansätze hoffe ich das Scheitern bzw. Gelingen von VoKüs und damit auch von unabhängig von Markt und Staat funktionierenden Wirtschaftsformen erklären zu können. Wäre toll, wenn dabei was rauskäme, was auch für Leute die VoKüs machen oder machen wollen interessant ist.

  1. vgl. Notz, Gisela. 2009. Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen. In: Kessl, Fabian und Otto, Hans-Uwe (Hrsg.), Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven. Weinheim und München: Juventa Verlag. []
  2. Thiersch, Hans. 2002. Positionsbestimmungen der Sozialen Arbeit : Gesellschaftspolitik, Theorie und Ausbildung. Edition Soziale Arbeit. Weinheim: Juventa-Verlag. S.22 []
  3. vgl. Herrmann, Peter. 2005. Social Services under economic threat. Pages 215–225 of: et. al. [Hrsg.] Thole, Werner (Hrsg.), Soziale Arbeit im öffentlichen Raum : Soziale Gerechtigkeit in der Gestaltung des Sozialen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.215 []
  4. Böhnisch, Lothar, & Schröer, Wolfgang. 2001. Pädagogik und Arbeitsgesellschaft : Historische Grundlagen und theoretische Ansätze für eine sozialpolitisch reflexive Pädagogik. Weinheim und München: Juventa Verlag. S.173 []
  5. vgl. Notz (2009) S.207 []
  6. Elsen, Susanne. 2007. Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag, Weinheim und München. S.11 []
  7. Simon, Titus. 2006. Öffentlichkeit und öffentliche Räume – wem gehört die Stadt? []
  8. Notz, Gisela. 2009. Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen. In: Kessl, Fabian und Otto, Hans-Uwe (Hrsg.), Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven. Weinheim und München: Juventa Verlag. []
  9. Elsen, Susanne. 2007. Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag, Weinheim und München. []
  10. Daviter, Jürgen. 1995. Alternative Ökonomien und Kollektivgüter. In: Flieger, Burghard (Hrsg.), Gemeinsam mehr erreichen : Kooperation und Vernetzung alternativökonomischer Betriebe und Projekte. Beiträge zur Demokratieentwicklung von unten ; Materialien der AGSPAK ; 123. München: AG-SPAK-Bücher. []
  11. Sahle, Rita (Hrsg.). 2001. Lokale Ökonomie : Aufgaben und Chancen für die soziale Arbeit. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit ; 8. Freiburg i. Br.: Lambertus. []
  12. Kunstreich, Timm. 2006. Klientin – Kundin – Nutzerin – Genossin?!
    Pages 241–259 of: Böllert, Karin [Hrsg.] (Hrsg.), Die Produktivität des Sozialen – den sozialen Staat aktivieren : Sechster Bundeskongress Soziale Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.250 []
  13. ebd. []
  14. vgl. Notz S.218f. []
  15. Olson, Mancur. 1998. Die Logik des kollektiven Handelns – Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen. Tübingen: Mohr Siebeck. []
  16. Ostrom, Elinor. 1999. Die Verfassung der Allmende : jenseits von Staat und Markt. Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften ; 104. Tübingen: Mohr Siebeck. []

Von der ungeahnten Schwierigkeit einer Suppenküche zu helfen

Weil ich mit meiner Arbeit über VoKüs gerade nicht so recht vorankomme – ich kann momentan nur 1x pro Monat an einer VoKü teilnehmen, was sehr wenig ist, wenn die Arbeit auf teilnehmender Beobachtung basiert – und auch um den Fokus ein wenig von den VoKüs weg und mehr auf die sozialen, ökonomischen und organisatorischen Fragen von Sozialer Arbeit bzw. „Sozialer Arbeit von unten“ zu legen, habe ich mich entschlossen auch in Suppenküchen als teilnehmender Beobachter tätig zu werden. Ich möchte Suppenküchen untersuchen um herauszufinden, wie sie funktionieren, wie sie organisiert sind, wo sie ihr Geld herbekommen und welche Funktionen sie erfüllen. Ich denke, auch wenn Suppenküchen eher so ein Klassiker der Armenversorgung sind und ich ihnen erstmal instinktiv Armutserhaltung unterstelle, könnte mir dieses Wissen über Suppenküchen helfen herauszufinden was VoKüs sind, bzw. was sie nicht sind.

Gestern Vormittag bin ich also mal zu einer Suppenküche hier in der Stadt geradelt und habe nachgefragt ob ich mithelfen kann. Die Chefin meinte:

„Ohh, nee! Wir haben hier so viele 1-Euro-Jobber, die sind in der Küche und überall und da sind wir echt voll mit Leuten.“
„Da lässt sich gar nichts machen?“
„Nee, dann haben wir auch noch Stundenleister, wir sind praktisch schon übervoll“

Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer sein kann in einer Suppenküche gemeinnützige Arbeit zu leisten. Eine Suppenküche ist ja jetzt nicht die UNO oder eine Weltklasse-Werbeagentur, wo die Praktikanten Schlangestehen und sonstwas drum geben um sich mal etwas ausbeuten lassen zu dürfen. Oder?

Was hätte die Chefin gesagt, wenn ich Superman oder eine gute Fee gewesen wäre und gefragt hätte, ob ich irgendwie helfen kann? Vielleicht: „Ach nee, bei uns machen gerade zwei indische Magierinnen im Rahmen einer Integrationsmaßnahme ein Praktikum, die zaubern uns jeden Tag drei mal eine neue Inneneinrichtung und mehr Wunder brauchen wir momentan nicht.“
Irgendwie ist das doch komisch, oder? Da gibt es Armut und wenn ehrenamtlich engagierte Menschen helfen wollen diese zu lindern, merken sie, dass der Staat ohne diese Armut gar nicht wüsste, was er mit den anderen armen, den 1-Euro-Jobbern nämlich, machen soll. Was wären wir nur ohne unsere armen Armen?

Habe nur ich den Eindruck, dass hier indische Magierinnen, 1-Euro-Jobber (von denen garantiert auch einige zaubern könnten, wenn man sie liese) und Supermänner in ihren Entfaltungsmöglichkeiten und in ihrer Kreativität künstlich auf Sparflamme gehalten werden, damit die primären Bedürfnisse anderer Leute, die strukturell bedingt am Existenzminimum rumhangeln, ihr Essen bekommen? Was ist das für eine Art des Umganges mit Armut? Warum zaubern die indischen Magierinnen nicht gleich für jeden der hungrig in die Suppenküche kommt einen Zaubertopf aus dem Märchen „Der süße Brei„, der von alleine soviel Essen kocht, wie man will?

Jedenfalls bin ich zur zweiten Suppenküche geradelt. Irgendwie muss man doch in so eine Suppenküche reinkommen. Selber Spruch:

„Ich studiere Sozialpädagogik und würde im Rahmen meiner Diplomarbeit über soziale Essenseinrichtungen gerne in ihrer Suppenküchen mithelfen und mir das alles ein bisschen ansehen.“
„Okay, wie oft können Sie kommen?“
„Na, drei, vier mal die Woche“
„Gut, dann kommen Sie ab nächstem Montag immer um halb elf, da können Sie an der Essensausgabe mitmachen, das sind drei Stunden und dort kriegen Sie alles mit. Eine Schürze bekommen Sie von uns.“



Auch griechische Kunst-Studentinnen sind dem Klassentourismus nicht abgeneigt.

Pulp – Common People (1995/6)

Der Chef wirkte etwas im Stress, aber Wow! Sehr nett, dass er mich gleich in der Mitte platziert, wo ich aus seiner Sicht vermutlich einen guten Überblick habe und viel mitbekommen werde. Yippie! Ich bin dabei. Nächsten Montag geht’s los.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass mich der Chef nur „genommen“ hat, weil ich ein wissenschaftliches Interesse an der Suppenküche habe und er mich dabe irgendwie unterstützen will. Nur zum Helfen hätte er mich wahrscheinlich auch nicht gebraucht. Ich verwandle mich also vom Forscher in einen Class-Tourist, der mit seinem tollen Laptop (made in China – wahrscheinlich unter Missachtung sämtlicher sozialer und umweltbezogener Standards) versucht, hier einen irgendwie hippen Blog und eine Diplomarbeit hinzuzaubern. Zynisch, oder?

Ich sollte zu diesem Thema ein neues Posting schreiben, aber jetzt werde ich erstmal in der Mensa Abendessen. Es gibt:

  • Rindergeschnetzeltes Stroganoff mit Butterbohnen, dazu Reis für 2,10 €
  • Broccoli-Kartoffelauflauf für 1,70 €

Vom Privat- zum Vereinsmahl – eine Frage der Organisation

Klinghardt erklärt zwar nicht, warum sich die Leute in der hellenistisch-römischen Epoche ausgerechnet zum gemeinschaftlichen Essen und nicht zum gemeinschaftlichen Am-Ohr-Kratzen, Bergsteigen, Pimpern, Singen oder Tanzen zusammengefunden haben. Er beschreibt aber (auch wenn er dabei recht kurz bleibt) zwei Formen des gemeinschaftlichen Essens, nämlich das Privatmahl und das Vereinsmahl, und erklärt unter welchen Umständen sich Privatmähler zu Vereinsmählern entwickelten.1

  • Ein Privatmahl ist nicht etwa ein allein oder im Familienkreis eingenommenes Mittag- oder Abendessen – Einzelesser sind in der Antike verpönt – sondern ein Gemeinschaftsessen, welches privat finanziert und organisiert wird. Der Organisator ist ein Individuum und die einfachste Form dieses Gemeinschaftsmahls ist es jemanden zu sich nach Hause zum Essen einzuladen. Dabei hat der Gastgeber für Speisen, Getränke und den Koch zu sorgen. Damit er dabei nicht verarmt, kann er von den Teilnehmern auch Beiträge für die Kosten des Mahls erbitten.2
    Mit Mancur Olsons Augen betrachtet würde es sich bei der Gruppe um eine kleine Gruppe bzw. bei dem Gemeinschaftsmahl um ein Gut handeln, an dem eine der teilnehmenden Personen ein so großes Interesse hat, dass sie alleine bereit ist, sämtliche zur Produktion des Gutes anfallenden Kosten zu tragen. Zumindest aber würde sie die gesamte Organisation der Produktion des Mahls übernehmen.
  • Ein Vereinsmahl hingegen ist ein gemeinsam organisiertes Gemeinschaftsmahl. Den Begriff „Verein“ darf man dabei nicht in unserem heutigen juristischen Sinn, also als „eingetragener Verein“ verstehen, sondern eher als Gemeinschaft oder Vereinigung mit einem bestimmten Zweck.
    Zwar können, wie bereits bemerkt, auch für Privatmähler Beiträge von den Mitgliedern der Gruppe erhoben werden. Laut Klinghardt liegt der wesentliche Unterschied von einem Vereinsmahl zu einem Privatmahl aber darin, dass für die Herstellung eines Vereinsmahles eine gewisse Organisationsstruktur nötig ist. Diese kann entweder aus einem lockeren Kreis von Freunden bestehen oder aber in der Form eines Vereins institutionalisiert sein.3
    Bei einem Vereinsmahl wird also nicht nur gemeinsam konsumiert, wie das beim Privatmahl geschieht, sondern auch gemeinsam produziert. Eine antike Form der Peer-Production also.

Sowohl Privatmahl als auch Vereinsmahl waren also Mahle, die gemeinsam … tja wie heißt es: gegessen, eingenommen oder begangen ? … wurden; sie unterschieden sich lediglich in der Art der Produktion.
Klinghardt weist darauf hin, dass die Grenze zwischen Privat- und Vereinsmahl fließend ist. Je höher der Organisationsaufwand, also je mehr Leute benötigt werden um das Gut zu erbringen, desto weniger kann von einem Privatmahl gesprochen werden.4

Ich denke, dass diese Unterteilung in Privat- und Vereinsmahl so auch auf VoKüs zutreffen könnte: Es gibt sicher einige VoKüs, die hauptsächlich im Freundeskreis angefangen haben. Man kennt sich und kocht zusammen und jedeR, der am Essen teilnehmen möchte, bringt was mit. Vielleicht funktioniert das dann so ähnlich wie es Gerhard Schöne im Lied „Das Festmahl“ beschrieben hat.

Lieber Freund, komm zu Tisch, // hier ist Platz noch für dich.
Was du geben kannst, leg‘ in die Runde.
Sei es Wein, sei es Schmalz, // es ist gut zu gegebener Stunde.

So muss ein Festmahl sein // Jeder bringt etwas ein.
Jeder nimmt etwas mit: Ein Törtchen, ein Wörtchen, ein Lied. …

Je mehr Leute kommen, desto größer wird allerdings der Organisationsaufwand. Weil die Runde immer unübersichtlicher wird und nicht mehr nachzuvollziehen ist, wer was mitgebracht hat und wer nicht, kann es passieren, dass freeriding zu einem Problem zu werden beginnt. Um die durch freeriding entstehenden Probleme (z.B. der Unterversorgung mit einem Gut) zu lösen, muss man sich etwas einfallen lassen: Ein paar Leute setzen sich also zusammen und überlegen, wie man das Mahl mal anders organisieren kann. Möglicherweise überlegen sie sich, welche Sanktionen man Leuten gegenüber anwendet, die etwas oder nichts zum gemeinsamen Mahl beitragen. Und schwups!, ist es keine Privatveranstaltung mehr sondern eine Vereinsgeschichte.

  1. Klinghardt, M. (1996) Gemeinschaftsmahl und Mahlgemeinschaft : Soziologie und Liturgie frühchristlicher Mahlfeiern. Tübingen, Francke []
  2. ebd. S.29 ff. []
  3. ebd. S.32 f. []
  4. ebd. S.30 []

Essen und Gemeinschaft

In Harald Lemkes Buch „Ethik des Essens“1 habe ich einige Hinweise darauf gefunden, wie die Einnahme von Mahlzeiten und die Bildung von Gemeinschaft miteinander zusammenhängen.
Lemke zeigt nämlich, dass in der hellenistisch-römischen Epoche (etwa 350 v.u.Z. bis 350 u.Z.) mit den Tischgemeinschaften und Vereinsmählern „die einzige subkulturelle Form einer außerfamiliären und nichtstaatlichen, freien Vergemeinschaftung von Gleichgesinnten“ bestand.2. Das bedeutet, dass in dieser Epoche jede Form der nichtstaatlichen und nichtfamiliären Gemeinschaft über die gemeinsame Einnahme des Essens organisiert wurde. So waren auch die Leute, die Jesus um sich scharte, über die Einnahme gemeinsamer Mahlzeiten miteinander verbunden.

Um die angemessene Verwendung des Bestecks gab es auch in den ersten VoKüs schon einige Verwirrung: so nutzten die Apostel das Brotmesser fälschlich zum Tranchieren von Fleisch. Ein Umstand der Jesus sichtlich in Verlegenheit brachte. – Bassa, Jacopo: „Last Supper“ 1549, Öl auf Leinwand“ – gefunden auf Wikimedia Commons

Man fragt sich ja immer so, wie es Menschen schaffen miteinander zu interagieren und sich zu Gruppen formen. Da ist die Erklärung mit dem Essen eine für mich sehr beeindruckende Erkenntnis. Es scheint nämlich so, als ob das Essen eine Art Magnet wäre, der die Menschen zusammenbringt oder ein Kitt, der sie zusammenhält. Und weil ich diese Erkenntnis so wunderbar finde, noch ein Zitat aus dem Buch in dem die Verwandlung Einzelner zu einer Gruppen, bezogen auf die Tischgemeinschaft um Jesus, von Lemke so beschrieben wird:

„Das Essen, das Zustandekommen der Mahlsituation verwandelt die beteiligten Menschen in eine Gemeinschaft im Geiste Gottes. Die Anwesenden erfahren also eine reale Wesensverwandlung, indem sie im Mahlritual zu Christen werden und ihr Christsein im Mahlhalten kundtun.“3

Natürlich bleiben viele Fragen offen:

  • Warum war es das Essen und nicht das Kartenspielen, das diese Gemeinschaften stiftete?
  • Hätten die Leute nicht einfach alle für sich oder in ihren Familien Kochen und Essen können?
  • Hatten diese hellenistischen VoKüs auch ökonomische Hintergründe?
  • Waren diese gemeinschaftlichen Mahlzeiten Teil einer größeren Bewegung, wie z.B. DIY oder sind sie eine Art der Selbsthilfe zur Nahrungsversorgung, wie die peruanischen Volksküchen oder wie oder was?

Und damit gibt es wieder mehr als genügend Stoff, der erforscht werden will. Jetzt gehe ich aber erstmal was essen.

  1. Lemke, H. (2007) Ethik des Essens: Eine Einführung in die Gastrosophie. Berlin, Akademie Verlag []
  2. ebd. S.109 []
  3. ebd. S.110 []