Sozialarbeiterin Ostrom

Ja ich weiß, ich erwecke den Anschein ein Ostromianer zu sein. Egal, denn ich fühle mich gut dabei.

Gerade hatte ich einen kleinen Endorphinausstoß, als ich nämlich beim Schreiben meiner Diplomarbeit die Nobelpreisträgerin Ostrom mit ins Spiel brachte. Natürlich habe ich deren Verwicklung in meine Arbeit schon von langer Hand geplant, denn die grobe These meiner Diplomarbeit ist ja, dass Allmenden diverse Funktionen in der ökonomischen und sozialen Versorgung ihrer Nutznießer haben und daher in einem konkurrierenden oder ergänzenden Verhältnis zu Sozialer Arbeit stehen, die sich ja bekanntlich auch damit beschäftigt soziale Probleme zu lösen, zu lindern oder zu verhindern.
Und da die feine These meiner Arbeit ist, dass VoKüs eine Form der urbanen Allmende darstellen, beginne ich soeben gerade VoKüs mit den Augen von Elinor Ostrom zu begucken – was ziemlichen Spaß macht.

Warum tue ich das überhaupt? Das Ziel meiner Arbeit ist es, einerseits sowas wie Wissen über VoKüs zu produzieren – die von Ostrom geprägte Allmendeforschung scheint mir da geeignete Werkzeuge zu liefern – und dieses Wissen andererseits mit Ansätzen aus der feministischen Allmendeforschung (gibt es die überhaupt?) zu kombinieren und somit um die Perspektive der Subjekte bereichern (geht das überhaupt?).

Wer ist Elinor Ostrom?

Wer sich dafür interessiert, wer die frisch gekürte Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften eigentlich ist und was sie mit ihren Arbeiten herausgefunden hat, der kann in der aktuellen Zeit ein Interview mit ihr lesen.

Ein kurzer Auszug:

ZEIT ONLINE: Die Ökonomie wird ja schon ein mal als „trostlose Wissenschaft“ bezeichnet, Ihre Forschungsergebnisse wecken hingegen große Hoffnungen. Menschen können offenbar viel erfolgreicher miteinander kooperieren als bislang angenommen. Bekommen wir doch noch die großen Menschheitsfragen in den Griff, allen voran das Klimaproblem?

Elinor Ostrom (lacht): Wir werden es wohl müssen …

Frau Ostrom zusammen mit den Angestellten vom Sender WFIU. „Und wer ist Frau Ostrom?“ – Kleiner Tipp: Über einen Nobelpreis kann man sich ziemlich dolle freuen. Photo von Adam P Schweiger/WFIU -gefunden auf FlickR

ZEIT ONLINE: Bislang haben Ökonomen und Politikwissenschaftler auf solche Fragen Antworten gegeben, denen ein recht pessimistisches Menschenbild zugrunde liegt: Öffentliche Güter sollte man privatisieren oder staatlich beaufsichtigen. Alles andere seien Fantasien von Latzhosenträgern.

Ostrom: Die Wirtschafts- und Politikwissenschaftler sind mit diesem Glauben nicht allein. Der Schlüsselartikel von der The Tragedy of the Commons

ZEIT ONLINE: … der zu dem Schluss kam, gemeinsam genutzte Güter würden am Ende stets ausgebeutet und zerstört …

Ostrom: … wurde von Garrett Hardin geschrieben, einem Biologen. Es ist wichtig, diesen Pessimismus infrage zu stellen. Falsch ist allerdings auch, dass solche Probleme ganz von alleine verschwinden würden. Erfahrungsgemäß lösen sich vieler solcher Dilemmata – und viele tun es nicht.

Das vollständige Interview mit Ostrom gibt’s in der Zeit.

In Ihrem Buch, die „Verfassung der Allmende : Jenseits von Markt und Staat“ kann man nachlesen, wie es Gruppen von Menschen gelingt, gemeinsam genutzte Güter zu produzieren und zu erhalten und wie es ihnen gelingt, Probleme auf die sie dabei zusteuern, durch kollektives Handeln zu lösen – jenseits von Markt und Staat.

Eine Zusammenfassung dieses Buches findet sich hier.

Money for nothing – Allmenden als bedingungsloses Grundeinkommen

Ein weiterer Versuch eine Verbindung zwischen sozialpädagogischen Theorien und Theorien öffentlicher Güter herzustellen:

Allmenden, wie sie einmal existierten, hatten und haben – dort wo sie heute noch existieren1 – für die nutzungsberechtigten Bürger die Funktion eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Das ist eine schöne These, bleiben nur noch zwei Sachen zu klären:

  1. Was ist ein bedingungsloses Grundeinkommen?
  2. Was ist eine Allmende?
  3. Gut. Also dann:

1. Was ist ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Auf der Seite der Initiative Grundeinkommen (deutschlandweite Plattform von Grundeinkommensbefürwortern) heißt es dazu:

Ein Grundeinkommen ist ein Einkommen, das bedingungslos jedem Mitglied einer politischen Gemeinschaft gewährt wird. Es soll

* die Existenz sichern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen,
* einen individuellen Rechtsanspruch darstellen,
* ohne Bedürftigkeitsprüfung ausgezahlt werden,
* keinen Zwang zur Arbeit bedeuten.2

Der springende Punkt ist, dass jedem Bürger ein bestimmter monatlicher Betrag aufs Konto überwiesen wird, von dem er grundlegende Sachen wie Wohnen und Essen bezahlen kann und zwar ohne dass er dafür eine Gegenleistung (wie Arbeiten gehen) zu erbringen hat.
Wer mehr dazu wissen möchte, kann ja mal einen Blick auf den Artikel zum bedingungslosen Grundeinkommen bei Wikipedia riskieren.

2. Was ist eine Allmende?

Ich möchte dazu zwei Definitionen anbieten und miteinander verknüpfen. Die erste Definition stammt aus der Zeit in der Allmenden in der Landwirtschaft Deutschlands noch recht verbreitet waren und die zweite ist aus der Zeit in der WirtschaftswissenschaftlerInnen begannen Allmenden als Modell für eine Art der gemeinsamen Produktion von Gütern zu entdecken:

  • Aus der Vielzahl der alten Quellen (1898 – 1955), die ich in den letzten Tagen zum Thema „Allmende“ gelesen habe, möchte ich die folgende Definition als kleinsten gemeinsamer Nenner bzw. als Quintessenz der Definitionen hervorheben:
    Nämlich dass solcher Grund und Boden als Allmende bezeichnet wird, der im Eigentum der Gemeinde steht, dessen Nutzen aber den Bürgern zusteht. Mit anderen Worten: Allmenden sind Ländereien, Wälder, Gewässer oder Moore, die an sich einer Gemeinde gehören aber deren Nutzen und Produkte den Bürgern zugute kommen.
  • Etwas theoretischer formuliert es im Jahr 1990 Elinor Ostrom, DIE zeitgenössische Allmendeforscherin schlechthin:

    Der Terminus „Allmenderessource“ (common-pool resource) bezeichnet ein natürliches oder von Menschen geschaffenes Ressourcensystem, das hinlänglich groß ist, so daß es kostspielig (aber nicht unmöglich) ist, potentielle Aneigner von seiner Nutzung auszuschließen.3

    Durch die Bezeichnung Ressourcensystem bei E. Ostrom wird klar, dass es dabei nicht um eine einzelne Ressource geht, wie z.B. das Gras einer Bergalm, sondern dass sie eine Vielzahl von genutzten und verwalteten Ressourcen im Blick hat um Probleme kollektiven Handelns theoretisch zu beschreiben und lösbar zu machen.

    Um die Prozesse der Organisation und Verwaltung von ARs zu verstehen, ist es notwendig, zwischen Ressourcensystem selbst und dem von ihm erzeugten Fluß von Ressourceneinheiten zu unterscheiden.4

    Das Ressourcensystem ist also z.B. das Weideland und die Ressourceneinheiten sind dann die von den Tieren verdrückten Gräser bzw. die Milch oder das Fleisch der Tiere.

Zusammengefasst: Allmenden sind Ressourcensysteme, die Eigentum einer Gemeinde/Gemeinschaft sind und deren Ressourceneinheiten den einzelnen Bürgern/Nutzungsberechtigten zustehen.

3. Prima! Und was ist jetzt an Allmenden so „bedingungsloses Grundeinkommen“?

Ähnlich wie ein bedingungsloses Grundeinkommen:

  • stehen Allmenden nur den Mitgliedern bestimmter politischer Gemeinschaften zu. Die Vergabe von Nutzungsrechten wird entweder implizit – also stillschweigend geregelt (z.B. alle Fremden haben keinen Anspruch auf die Allmende) – oder wird in Allmendeverfassungen/-satzungen festgehalten.
  • wirken Allmenden existenzsichernd. Es gibt ausreichend Belege dafür, dass Allmenden extreme Armut lindern bzw. den Unterschied zwischen Armen und Reichen verringern5,6, dass Allmenden die Abhängigkeiten der Arbeiter vom Markt und von Wirtschaftskrisen verringern7 und dass Allmenden als Altersrente fungieren können.8,9
  • ermöglichen sie gesellschaftliche Teilhabe, indem sie „ein kräftiges Gemeindeleben […] sichern und durch Teilnahme der Bürger an der Verwaltung des Gesamteigentums eine Schule für das politische Leben […] bilden“10
  • hat jeder nutzungsberechtigte Bürger einer Gemeinde einen Rechtsanspruch auf ein Stück der Allmende und deren Erträge,
  • werden Allmendeanteile auch an Nicht-Bedürftige vergeben. Diese entscheiden ggf. darüber, ob sie ihren Anteil zurück an die Allmende geben, welche ihn wiederum unter den Bedürftigen aufteilen kann,
  • ob Allmenden einen Zwang zur Arbeit darstellen, darüber lässt sich streiten, jedoch sei hier darauf hingewiesen, dass Allmenden von den Nutzungsberechtigten auch verpachtet werden können, wodurch sich manch Nutzungsberechtigter ohne sein Zutun ein kleines Zugeld sichern kann11 und dass es Allmenden gibt, deren Nutzer Anspruch auf eine Holzzuteilung oder sogar eine Barauszahlung der Holzzuteilung haben.12

Nun wird klar, dass Allmenden ganz ähnliche Wirkungen wie das bedingungslose Grundeinkommen haben, ja sogar, dass Allmenden in bestimmten Gegenden bereits als prä-industrielles bedingungsloses Grundeinkommen funktioniert haben.

Und schauen wir mal was die Quellen noch so zu den sozialen Folgen von Allmenden zu sagen haben:

  • Allmenden entlasten die lokalen Institutionen der Armenunterstützung13 und tragen damit zur Volkswohlfahrt bei14
  • Allmenden bieten dem Armen die Möglichkeit „die brachliegenden Arbeitskräfte in seiner Familie nutzbringend zu verwerten. Er wird so wenigstens etwas der Stumpfheit entrissen, welche sonst die Armut mit sich bringt, er hat für etwas zu arbeiten, was für ihn gleichbedeutend mit Eigentum ist.“15
  • Allmenden tragen zu einer niedrigen Kriminalitätsrate bei, wenn sie selbst bzw. die Erträge der Allmende unpfändbar sind.16 Ist auch irgendwie logisch: wer ein Stück Land nutzen kann, auf dem er Gemüse und Obst anbauen kann, der muss kein Essen stehlen.
  • Allmenden sind ein Hilfsmittel zur Lösung der Arbeiterfrage, zur Schaffung von Heimstätten zur Regelung der Armenunterstützung und Altersversorgung17

Wohl gemerkt: dass sind keine Visionen darüber, was Allmenden für Wirkungen haben könnten, sondern wissenschaftliche Untersuchungen von Zeitgenossen über die sozialen Bedeutungen der Allmenden und ihre Auswirkungen auf das Gemeinwohl.

Da möchte man nur sagen: Gründet Allmenden und verteilt deren Ressourceneinheiten als bedingungsloses Grundeinkommen!

Geld für nix und Chicks für lau! Aus der Perspektive des Proletariats bekommen Musiker offenbar schon lange ein bedingungsloses Grundeinkommen. MTV sei Dank!

Dire-Straits – Money for Nothing (1985).

  1. was sie laut Nicholas Hildyard, Larry Lohmann, Sarah Sexton and Simon Fairlie (1995): „Reclaiming the Commons“ für den Großteil der Menschheit noch tun []
  2. Netzwerk Grundeinkommen -> die Idee []
  3. Ostrom, E. (1999) Die Verfassung der Allmende : Jenseits von Markt und Staat. Tübingen, Mohr Siebeck. [Englisch: 1990] S.38 []
  4. ebd. []
  5. Cristoph, F. (1906) Die ländlichen Gemeingüter (Allmenden) in Preußen. Jena, Gustav Fischer Verlag, Dissertation der philosophischen Fakultät an der Universität Jena S.27 []
  6. Boulanger, Eugen (1914) Die Entwicklung des Weinheimer Allmendwesens mit einem Ausblick auf eine industrielle und städtebauliche Verwertung. Weinheim, Dissertation an der Technischen Hochschule Karlsruhe. S.9 []
  7. Cristoph, F. (1906) Die ländlichen Gemeingüter (Allmenden) in Preußen. S.27 []
  8. ebd. S.30 []
  9. Nolda, Helmut (1955) Gegenwartsfragen der Allmendnutzung in Baden-Württemberg. Stuttgart, Dissertation zur Erlangung eines Doktors der Landwirtschaft. S.57 []
  10. Boulanger, Eugen (1914) Die Entwicklung des Weinheimer Allmendwesens mit einem Ausblick auf eine industrielle und städtebauliche Verwertung. S.9 []
  11. Nolda, Helmut (1955) Gegenwartsfragen der Allmendnutzung in Baden-Württemberg. S.88 []
  12. ebd. S.72 []
  13. Braunagel, Emil (1898) Zwei Dörfer der badischen Rheinebene unter besonderer Berücksichtigung ihrer Allmendverhältnisse. Leipzig, Verlag von Duncker & Humblot. S.41 – Dieses Werk kann hier im Volltext begutachtet werden []
  14. Herrmann, Aug. (1914) Die Allmenden im Bezirk Unter-Elsass. Straßburg i.E., Straßburger Druckerei und Verlagsanstalt. S.166 []
  15. Braunagel, Emil (1898) Zwei Dörfer der badischen Rheinebene unter besonderer Berücksichtigung ihrer Allmendverhältnisse. S.41 []
  16. Braunagel, Emil (1898) Zwei Dörfer der badischen Rheinebene unter besonderer Berücksichtigung ihrer Allmendverhältnisse. S.34 []
  17. Cristoph, F. (1906) Die ländlichen Gemeingüter (Allmenden) in Preußen. S.32 []