Obacht

Nur kurz: „Beobachtung verändert das Ergebnis“, diese These ist mir zum ersten Mal in einem Bericht zur Quantenphysik begegnet1. Sie trifft auch auf psychologische und soziale Phänomene zu und mit Sicherheit auch auf Kriege.

Anyway, zu Beginn „der Syrien-Krise“ hatte ich gefragt, wie man eine Revolution beobachtet und wo man Berichte über die Vorfälle herbekommt. Im Laufe der Zeit habe ich einige Quellen gefunden, die ich für ihre, aus meiner Sicht, durchdachte oder glaubwürdige Berichterstattung loben möchte. Von anderen Quellen, die ich bisher nutzte, um mich zu informieren, bin ich dagegen sehr enttäuscht worden.

Damit hier mal wieder was Neues steht, gibt’s ’n kurzes Ranking. Je weiter oben, desto ernster fühlte ich mich als Leser genommen, der sich für die Lage in Syrien interessiert:

  • Eine Informationsliga für sich und daher weit oberhalb des Rankings steht Adam Curtis, auch wenn er nur einen Artikel zum Syrienkonflikt geschrieben hat: „The Baby and The Baath Water“ ist sau-spannend, multimedial und gibt Antworten aus einer Perspektive, die jenseits von Gut und Böse liegt.
  • Freitag.de – konstant zur Zurückhaltung mahnende redaktionelle Berichterstattung zu Syrien (vor allem Lutz Herden möchte ich hervorheben) und akribische Leser-Berichte (hier hat sich vor allem Hans Springstein verdient gemacht, der auf Artikel hinweißt, die ich sonst nicht lesen würde)
  • Syrien-Blog von Joshua Landis, Director des Center for Middle East Studies – ausführlichste politische Analysen von Joshua Landis, University of Oklahoma, und GastkommentatorInnen
  • Twitter Account von Joshua Landis – dazu gehörige wilde Gerüchteküche
  • #syria auf joindiaspora.com – ungefiltertes Geblubber aus „der Community“; führt einem die Plethora an Meinungen vor Augen
  • Qifa Nabki – anfangs sehr Assad-kritische, teilweise persönlich gefärbte, nicht um Objektivität bemühte, mitlerweile jedoch eher meta-politische Kommentare eines libanesischen Literatur-Professors aus Providence, Rhode Island
  • EA WorldView hipper sehr gut aufgemachter Gemeinschaftsblog aus Birmingham stammender PolitikwissenschaftlerInnen; der Syrienkonflikt wird durch viele (teilweise schockierende) qualitativ erschreckend hochwertige Videos und Fotos lebendig; sehr fokussiert auf die Beziehungen Syrien-USA
  • Zeit-Online – platte Kriegspropaganda; bedient das Schwarz/Weiß-Schema; sehr erschrocken haben mich die Artikel von Herrm Jan Ross und Herrm Gil Yaron; einzig die vielen, zur Zurückhaltung mahnenden, Leserkommentare waren mir ein Trost
  • Spiegel-Online – im Prinzip: siehe Zeit-Online

Was hat mir das viele Lesen bisher gebracht? Die Meinung, dass Assad, hätte man ihn gelassen, lieber Augenarzt geblieben wäre. Die Meinung, dass Assad als innen- und außenpolitisch schwacher Präsident in die Krise gegangen ist und die anmaßende Prognose, dass er durch die Krise zum starken Souverän wird. Die Meinung, dass es in Syrien auf beiden Seiten weit mehr als zwei Seiten gibt. Und jede Menge Beobachter. Und: irgendwie sind das alles Ossis (Merkel, Springstein, Herden, ich).

  1. z.B. in einem populärwissenschaftlichen Bericht über das Doppelspaltexperiment []

Was ist blos mit Rafik los?

Ich bin etwas enttäuscht von dem Kommentar „Verblendung gepaart mit Eitelkeit – Ein Selbstgespräch„, den Rafik Schami in der aktuellen taz zum Thema Syrien abgibt.
In den 90ern besuchte ich einen Freund, der im schrecklich biederen und betonierten baden-württembergischen Un-Kaff Bietigheim-Bissingen wohnte. Auf einem dortigen Flohmarkt, der in einer kuschligen Tiefgarage stattfand, kaufte ich Schamis Buch „Erzähler der Nacht“. Seine Worte erweckten damals das in mir, was ich bis heute meine „arabische Sehnsucht“ nenne. Neben der Trostlosigkeit des Städtchens und meinem Wunsch, mich so schnell wie möglich von dort zu verpissen, wurde diese Sehnsucht vor allem von der klaren und warmen Sprache des Romans zum Blühen gebracht.

In der taz greift Rafik Schami nun die Publizisten Scholl-Latour und Todenhöfer an, deren Worte zur Lage in Syrien in den letzten Wochen meine Hoffnung genährt haben, dass die journalistische Beschreibung der Vorgänge in Syrien von Interesse und Skepsis geprägt sein kann und nicht von (verständlichen aber unprofessionellen) Gefühlen wie Abscheu, Mitleid und Furcht. … Continue reading

Journalismus verursacht Fettleibigkeit!

Weil fast schon Wochenende ist und sich die halbe Welt nach ein paar aufklärenden Illusionen verzehrt, gibt’s hier mal wieder ein großartiges Stückchen Medienkritik von Meta-Verschwörungstheoretiker Adam Curtis.

Und aus Anlass der Kritik, die der Sächsischen Zeitung gerade für diesen Artikel aus Blogs und Facebook entgegenweht (z.B. von hier), reiche ich folgende Kurzdoku von Adam Curtis noch nach. Curtis versucht in „The rise of „Oh Dear“-ism“ die historische Entwicklung des westlichen Journalismus der letzten 30 Jahre nachzuzeichnen.

Angesichts der persönlichen Verwicklungen und Verletzungen, die – wie obiges SäZ-Beispiel zeigt – durch Journalismus entstehen können, hoffe ich, dass sich das von Curtis beschriebene (Miß-)Verständnis von Journalismus dadurch lösen wird, dass Blogger und professionelle Journalisten in Zukunft durch gegenseitige „Angriffe“ auf der Sachebene (nach dem Schema „Es war so!“ – „Nein, es war so!“) das Konzept jener Realität transzendieren und ad absurdum führen, welches sowohl im professionellen Journalismus als auch im Bereich des Hobbyjournalismus nach wie vor die Basis für sogenannte Berichterstattung darzustellen scheint.