Um zu verstehen, was Marcel Mauss meint, wenn er schreibt, dass die Moral und die Ökonomie des Tausches, die sich in archaischen Gesellschaften (z.B. der Indianer, der Germanen) gebildet hat, auch in unseren Gesellschaften wirkt,1 ist es vielleicht am einfachsten, wenn ich mich daran erinnere, was mit mir passierte, als mich ein guter und langjähriger Freund neulich zu seiner Hochzeitsfeier einlud. Es soll eine richtig große Fatsche werden, mit Band, DJ, Feuerwerk, einer großen und reich gedeckten Essenstafel und allen Freunden, Nachbarn und Bekannten. Die Annahme der Einladung wird natürlich vorausgesetzt und mein Kommen damit auch.
Wobei: Ich überlege mir, dass ich der Hochzeitsfeier theoretisch auch fernbleiben könnte, allerdings bräuchte ich in diesem Fall schon eine (gute) Begründung. Beispielsweise eine schon seit langem geplante Reise oder eine (zumindest mittel-) schwere Krankheit. Einfach so zu Hause zu bleiben und nicht auf der Hochzeit zu erscheinen, wäre eine Variante, die mir meine Trägheit anbietet, die sich aber irgendwie seltsam anfühlen würde.

Je näher der Termin rückt, desto konkreter frage ich mich nun: “Was schenke ich dem Hochzeitspaar eigentlich?” Da ich Glück habe, hat mir mein Freund zusammen mit der Einladung einen kleinen und unauffälligen Hinweis der Art gegeben, dass er und seine Frau sich über Geldspenden für die anschließende Reise in die Flitterwochen freuen würden.
Bleibt noch nur die Frage “Wieviel?” – Hundert Euro? Oh mein Gott, das sind ja fast Zweihundert Mark!!! Eindeutig zu viel für einen Studenten wie mich. – Fünfzig Euro, also? Mmm….das ist nur ein halber Hunderter und wirkt dann doch irgendwie knausrig, oder? Ich kämpfe also mit mir und werde mich im Vorfeld der Feier noch mit einigen anderen eingeladenen “Leidesgenossen” darüber austauschen, was ein angemessener Betrag wäre. Auch hier hätte ich natürlich die Option nur einen oder zehn Euro zu schenken, immerhin macht Kleinvieh auch Mist, aber auch dabei wäre mir nicht wohl.
Um Mauss zu verstehen, könnte ich mich auch an Weihnachten erinnern und daran, dass ich und meine Eltern uns irgendwann versprachen – ich war wohl gerade aus dem Alter raus, in dem man an den Weihnachtsmann glaubt – jedenfalls versprachen wir uns, dass es zu Weihnachten ab jetzt keine Geschenke mehr geben würde. Der Einkaufs-Aufwand, die überfüllten Geschäfte, der Kaufzwang u.s.w. das waren alles Gründe, die uns davon abhielten, uns an der kollektiven Geschenkekauferei beteiligen zu wollen.
Tatsächlich war es dann jedoch eine ziemliche Katastrophe, als, wie abgemacht, am 24. Dezember keine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum lagen. Irgendwie war das Fest leer, man konnte die “Hohlheit” fast sehen und körperlich empfinden.
Im Jahr darauf gab es dann wieder Geschenke und alles war wieder okay. Nach ein paar Jahren müssen wir das desaströse geschenkfreie Weihnachtsfest wohl wieder vergessen haben, so dass wir erneut auf die Idee kamen uns zu versprechen, dass es diesmal keine Geschenke geben werde. Als meine Eltern dann entgegen der Abmachung doch ein paar Geschenke für mich besorgt hatten, ich selber jedoch mit leeren Händen da stand, machte sich in mir eine ziemlich unangenehme Mischung aus Scham, Enttäuschung und Wertlosigkeit breit.
Warum ist es so schwer keine Geschenke zu machen?
Das und noch viel mehr versucht der Ethnologe Marcel Mauss in seinem Buch “Die Gabe” zu erklären, welches 1950 unter dem Titel “Essai sur le don” zum ersten Mal erschien. So wie ich Mauss verstehe, geht er davon aus, dass der Austausch von Geschenken2 ein wesentliches, wenn nicht sogar das konstitutive Element vieler archaischer Gesellschaften ist. Dieser Austausch ist theoretisch freiwillig, hat praktisch jedoch Zwangscharakter d.h. ein Geschenk zwingt den Beschenkten dazu dem Schenker auch ein Gegen-Geschenk zu machen. Es besteht dabei nicht nur die Pflicht Geschenke zu machen, sondern auch Geschenke anzunehmen und Geschenke zu erwidern. Mauss führt diesen Gedanken weiter und schreibt, dass durch diesen Tausch eine friedliche Beziehung zwischen Menschen, Familien, Clans, Stämmen u.s.w. entsteht, sich eine Gesellschaft konstituiert.
Sich weigern, etwas zu geben, es versäumen, jemand einzuladen, sowie es ablehnen, etwas anzunehmen, kommt einer Kriegserklärung gleich; es bedeutet, die Freundschaft und die Gemeinschaft verweigern.
Solange der Ball also im Spiel ist, der Austausch von Geschenken praktiziert wird, solange bilden die Teilnehmer also Gesellschaft.
Die Frage die sich Mauss stellt, ist, was es für eine Kraft ist, die einem Geschenk innewohnt, die macht, dass der Beschenkte das Geschenk erwidern wird. Mauss betrachtet und vergleicht solche Institutionen wie den Potlatsch nordwestamerikanischer Indianer und den Kula-Tausch der Trobriander und stellt dabei fest, dass in den Vorstellungen der Menschen vieler Ethnien ein Geschenk immer ein Stück des Schenkers enthält. Das kann zum Beispiel ein Geist sein, der zum Schenker zurück möchte, das Gefühl des Schenkers oder ein Stück seiner Seele. Ein Nicht-Erwidern des Geschenkes kann je nach dem auf vielfältige Art und Weise sanktioniert werden: Verhexung, Ausschluss aus der Gemeinschaft, Verachtung, Verlust des Gesichtes oder des Namens. Im Umkehrschluss ist mit dem Schenken und Wieder-Schenken der Erwerb von Status, einem sozialen Netzwerk etc. verbunden.
Gaben heute
Mauss bezweifelt, dass das Prinzip des homo oeconomicus ausreicht um den Menschen der Industriegesellschaft zu beschreiben. Er glaubt daran, dass der wirtschaftlich nutzlose Tausch auch heute noch ein gestaltendes Element vieler Beziehungen ist. Am Ende seines Buches spannt er nämlich den Bogen von den archaischen Gesellschaften, in denen der Tausch die zentrale oder totale (d.h. ökonomische, moralische, juristische, ästhetische Phänomene einschließende) Tätigkeit ist, zu unserer industriellen Gesellschaft, deren Moral immer noch unter der Atmosphäre des Tausches steht, in der jedoch “ein großer Teil des industriellen und kommerziellen Rechts mit der Moral in Konflikt steht.”3
Die nicht erwiderte Gabe erniedrigt auch heute noch denjenigen, der sie angenommen hat, vor allem wenn er sie ohne den Gedanken an eine Erwiderung annimmt. … Milde Gaben verletzen den, der sie empfängt, und all unsere moralischen Bemühungen zielen darauf ab, die unbewußte schimpfliche Gönnerhaftigkeit des reichen ‘Almosengebers’ zu vermeiden.4
Noch vor knapp fünfzig Jahren (in einigen Teilen Deutschlands oder Frankreichs vielleicht vor noch kürzerer Zeit) pflegte das ganze Dorf am Hochzeitsmahl teilzunehmen; hielt sich irgendjemand abseits, so was dies ein schlechtes Zeichen, ein Beweis der Mißgunst, ein verhängnisvolles Omen.5
Neben den Implikationen die sich ergeben wenn man dieser Argumentation folgt (die Verletzung der Besucher einer Suppenküche durch Almosen, die schimpfliche Gönnerhaftigkeit der Sponsoren sozialer Einrichtungen), plädiert Mauss in den Schlußfolgerungen seiner Betrachtungen dafür, die Prinzipien des Tausches wieder auszugraben.
Das Leben eines Mönchs muß ebenso vermieden werden wie das eines Shylock. Diese neue Moral wird eine glückliche Mischung von Wirklichkeit und Ideal sein. So kann und soll man zu archaischen und elementaren Prinzipien zurückkehren; man wird dann Handlungsmotive entdecken, die zahlreiche Gesellschaften und Klassen noch kennen: die Freude am öffentlichen Geben; das Gefallen an ästhetischem Luxus; das Vergnügen der Gastfreundschaft und des privaten und öffentlichen Festes. Die Sozialversicherung, die gemeinsame oder gegenseitige Fürsorge der Berufsgruppen und all jener moralischen Personen, denen das englische Recht den Namen ‘Friendly Societies’ verleiht, sind mehr wert als die bloße persönliche Sicherheit, die der Adlige seinem Lehnsmann gibt, mehr als das karge Leben, das der vom Arbeitgeber ausgehändigte tägliche Lohn gewährt, mehr sogar als kapitalistische Ersparnisse, die nur auf einem schwankenden Kredit gründen.6
VoKü als Gabe?
Das ist natürlich hier die Frage. Lässt sich das Engagement der VoKü-Macher als Gabe im dem Sinne denken, in dem es Mauss für die archaischen Gesellschaft beschreibt? Welchen Zweck hat sie dann für diese großzügigen Menschen, die eine VoKü machen und die dafür nötigen Ressourcen zur Verfügung stellen? Was bekommen diese zurück, bzw. was erwarten diese von ihrem Engagement? Was geschieht mit Leuten die nichts zurück-”schenken”? Werden diese sanktioniert? Wie?
Schlangen sind einfach nicht dafür gemacht, jemandes Freund zu sein.
Johnny Rivers – The Snake
Eine Geschichte über die dysfunktionalen Folgen altruistischen Verhaltens wird in Al Wilsons Lied “The Snake” erzählt, dass im obigen Video von Johnny River geschmettert wird: Eine Frau findet bei ihrem Morgenspaziergang eine halberfrorene Schlange im Gras. Sie nimmt das Tierchen mit zu sich nach Hause, legt es ins Warme und gibt ihm Milch und Honig zu fressen. Als sich die Schlange nach ein paar Stunden erholt hat, lässt sie sich von der Frau streicheln und liebkosen, um sie anschließend mit ihrem tödlichen Biss ins Jenseits zu befördern. Schon im Delirium fragt die Frau die Schlange noch, warum sie ihr, der Retterin, einen so schlechten Dank erweist. Die Schlange meint daraufhin, dass sie eben eine Schlange sei und dass die Frau jetzt nicht so ein Tra-ra machen solle; schließlich habe sie ja von Anfang an gewusst, dass sie da eine Schlange mit nach Hause genommen habe.
Was ist die Moral dieser Geschichte?
- Mauss, M. (1990) Die Gabe : Form und Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften. Frankfurt/Main, Suhrkamp. S.19 [↩]
- “… das was ausgetauscht wird, [ist] nicht ausschließlich Güter und Reichtümer, bewegliche und unbewegliche Habe, wirtschaftliche Dinge. Es sind vor allem Höflichkeiten, Festessen, Rituale, Militärdienste, Frauen, Kinder, Tänze, Feste, Märkte …” – ebd. S.22 [↩]
- ebd. S.159 [↩]
- ebd. S.157 [↩]
- ebd. S.158 [↩]
- ebd. S.162.f. [↩]
Um die angemessene Verwendung des Bestecks gab es auch in den ersten VoKüs schon einige Verwirrung: so nutzten die Apostel das Brotmesser fälschlich zum Tranchieren von Fleisch. Ein Umstand der Jesus sichtlich in Verlegenheit brachte. – Bassa, Jacopo: “Last Supper” 1549, Öl auf Leinwand” – gefunden auf
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