Einars und Ingibjörgs Wunschzettel

In Reykjavík versammelten sich am letzten Wochenende (14.11.2009) an die 1500 Isländer_Innen um „die grundlegenden Werte der isländischen Nation und die Visionen für die Zukunft zu diskutieren“.1
Hintergrund der Veranstaltung ist die tiefe Scheiße schwere wirtschaftliche Krise, in der sich Island nach dem Kollaps seiner Banken vor etwa einem Jahr zu befinden scheint, und in deren Angesicht man sich nun fragt, wie es weitergehen soll mit Island.

Diese Versammlung wurde von einer Gruppe von NGOs organisiert, die sich „The Anthill“ nennt (m.E. ist bisher allerdings etwas unklar, was das für NGO’s sind und welche Intentionen sie mit diesem Treffen haben) und welche 1200 ganz normale Isländer zufällig aus dem Melderegister auswählte und zu dieser Veranstaltung einlud. Die restlichen 300 Teilnehmer waren offenbar Repräsentanten des öffentlichen Lebens. Teilnehmer von außerhalb Reykjavíks wurden kostenlos zum Ort dieser Konferenz geflogen, welche von einigen Isländern schon mal ganz stolz als „Þjóðfundur„, als Nationalversammlung bezeichnet wird.

Wie ich das verstanden habe, saßen diese 1500 Leute in einer riesigen Turnhalle zu jeweils neunt an einem Tisch und überlegten sich angeleitet durch einen Moderator in Gruppenarbeit, welche Werte die wichtigsten für Island sein sollten und wie es jetzt mit Island weitergehen könnte. Am Ende des Tages war eine prima Tagcloud zu den als wichtig empfundenen Werten entstanden, mit dem Wort „Heiðarleiki“ in ganz groß. Heiðarleiki heißt soviel wie Integrität oder Ehrlichkeit und die nächstkleineren Werte/Worte waren Gleichheit, Respekt und Gerechtigkeit. Bei den Visionen für die Zukunft Islands war den Teilnehmern die Forderung nach mehr Transparenz am wichtigsten.

1500 Isländer_Innen diskutieren und entwickeln Ideen zur Zukunft ihres Landes – Bild gefunden auf The Iceland Weather Report

Eine große Zahl der Medien scheint recht euphorisch über die „Isländische Nationalversammlung von 2009“ zu sein: Da ist schonmal von „Government 3.0“ die Rede,2 oder von einem „verwegenen Experiment in direkter Demokratie“.3 So schön es ist, dass fast 0,5% der isländischen Bevölkerung zusammenkommen um miteinander über die Zukunft des Landes zu diskutieren, so fraglich ist es doch, ob sie dabei tatsächlich ihre eigene Politik machen und ihre Interessen vertreten können oder nicht vielmehr zur Legitimation der Politik der Eliten oder irgendwelcher dubiosen NGOs beitragen.

Das ist er – der Wunschzettel von 1500 Isländern – Bild gefunden auf The Iceland Weather Report

Ich kenne ähnliche Veranstaltungen aus der Schule: Mit dem Konzept der demokratischen Schule im Kopf macht der Lehrer am Beginn des Schuljahres mit seinen Schülern ein Brainstorming um herauszufinden, für welche Themen sie sich besonders interessieren und was sie im Unterricht gerne behandeln würden. Die Ideen der Schüler werden mit großen Buchstaben auf bunte Karten geschrieben und thematisch sortiert an ein Flipchart gepinnt, so dass sie jeder sehen kann. Der ganze Prozess wird dokumentiert und die Klebezettel am Flipchart, welches übrigens mit einer Tagcloud große Ähnlichkeit hat, werden am Ende fotografiert. Ab der nächsten Schulstunde wird dann das behandelt, was der Lehrplan vorsieht.

Ich bin gespannt, wie der Unterricht in Island weiterläuft.

  1. Iceland Review Online vom 16.11.2009: Integrity Named Iceland’s Most Important Value []
  2. Oh My Gov! vom 13.11.2009: In Iceland, Trying to Reprogram Government –
    A ‚Ministry of Ideas‘ aims to open source new core values
    []
  3. The Reykjavík Grapevine vom 16.11.2009: National Assembly Sees Decent Turn-out []

Kreppa …

… ist isländisch und bedeutet, dass Island, einst das Land mit dem höchsten Bildunsstandart, den höchsten Lebens- und Sozialstandarts, den trotz – hohen Selbstmordraten – glücklichsten und schönsten Frauen und Männern ever, seit etwa einem Jahr ziemlich abkackt. Die isländische Finanzkrise hat zu einer starken Entwertung der isländischen Krone, zur Verschuldung privater Haushalte (jeder Isländer ist momentan mit 200.000$ verschuldet)1 und einem Ausbluten der öffentlichen Hand geführt.

Küchengeschirr-Revolution – so nannten die Isländer ihre Proteste in Folge des Zusammenbruches des isländischen Bankensystems. – gefunden auf Wikimedia Commons

Die Konsequenzen der Krise sind u.a.: die Schließung von Museen, die Kürzung von Stipendien, die Verdreifachung der Arbeitslosigkeit auf 4% und am Schlimmsten: der Beitritt Islands zur EU. Ich kann mir vorstellen, dass einige Isländer gerade nicht mehr sehr glücklich sind.

Interessant ist, dass 24 Jahre vor der Krise der liberale Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Milton Friedman in Island zu Besuch war, dort einen Vortrag an der Uni Reykjavík gehalten hat (der in einem sehr interessanten Video auf Youtube dokumentiert ist) und dem späteren Regierungschef David Oddsson ein paar Tipps gegeben hat, wie man zu noch mehr Wohlstand gelangen könne. Diese wurden dann ab 1991 unter Davids Regierung auch brav umgesetzt (Privatisierung, Steuersenkungen für Firmen um 30%, Freihandel, Unabhängigkeit der Zentralbank – das ganze liberale Programm halt) und es gibt Stimmen, die das krasse Abkacken Islands genau darauf zurückführen.2

Letzte Woche, also 25 Jahre nach Friedman, war nun der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz in Island und hat (wie für Wirtschaftswissenschaftler üblich) an der Uni einen Vortrag gehalten und mit Vertretern der isländischen Regierung gesprochen. Nun ist Stiglitz ja eher dafür bekannt auf Re-regulierung und Gemeinwesen zu setzen und ich frage mich, ob und wie Island auf Stiglitz‘ Beiträge reagieren wird, auch wenn man auf Ergebnisse vielleicht noch 24 Jahre warten muss.

Ich schreibe das, weil ich persönlich sehr mit Island verbunden bin, ich war schon einige Male da, u.A. zum Bäumepflanzen und verfolge den isländischen Weg der Krise auf den folgenden Blogs, die ich an dieser Stelle einfach mal weiterempfehlen will:

    The Iceland Weatherreport – Sehr schöner Blog über das Leben in „Niceland“. Momentan berichtet Alda dort fast täglich über die Kreppa, es gibt aber auch Restaurant-Reviews und Beiträge über Beerensammeln, Trolle, Schulvorbereitungen, naive Outdoor-Kunst, die russische Mafia – kurz über das ganze Spektrum des isländischen Lebens und jeder Beitrag endet mit einem kurzen Bericht über das aktuelle Wetter in Reykjavík.

    Economic Disaster Area – Hintergrundberichte über geschrottete Autos von Ex-Bankiers und andere Phänomene der isländischen Krise.

Die Proteste in Island sind übrigens nicht vorbei. Gerade heute finden in Reykjavík wieder Proteste statt, die sich gegen den Verkauf und die Privatisierung von Gebieten richten, die reich an geothermischer Energie sind.

  1. http://www.progressive-economics.ca/2008/10/14/milton-and-the-meltdown-in-iceland/ []
  2. ebd. []