Links ein Baum, rechts ein Blog und dazwischen, huch: ein Buch

Im Prinzip ist dieser Beitrag ein Literaturtipp, eine Blogempfehlung und auch ein Aufruf dazu, einfach mal einen Baum zu pflanzen.

Die Reisterrassen der Ifugao auf den Philippinen: eine 2000 Jahre alte Allmende? – Bild gefunden auf Wikimedia Commons

Gleich zuerst möchte ich auf das Thema mit den Bäumen zu sprechen kommen:

Pflanze hin und wieder mal einen Baum!

So und jetzt zum „Rest“ dieses Postings:

Angefangen hat es damit, dass ich mich gestern abend mit einem Freund in der VoKü über das Ende des Planeten Erde unterhalten habe und wir uns ausmalten, wie das wohl aussehen könnte. Wir fragten uns, ob sich dieses Ende, von dem wir natürlich annehmen, dass es anthropogen ist, also auf die Kappe der Menschen geht, irgendwie chillig gestalten lässt, oder ob es für viele Leute einfach nur schrecklich sein wird.

Anlass unseres Gespräches waren Berichte über die steigenden Meeresspiegel, die Klimaerwärmung, die Verknappung von Lebensräumen und meinerseits auch ein subjektiv empfundenes Unwohlsein über ein weit um sich greifendes Verschwinden nicht-marktfähiger Werte. Nun ja, man kennt das ja.
So fragten wir uns, ob wir am Ende alle im Stile von Mad Max mit übelsten Kanonen durch die Gegend laufen würden, um uns im Kampf um immer knapper werdende Ressourcen gegenseitig niederzumetzeln. Meine Theorie dazu war, dass sich das vermeiden lässt, wenn eine globale Ökodiktatur installiert wird, die zumindest für eine bestimmte Zeit dafür sorgt, dass nicht jeder ständig die Umwelt verpestet und alle Ressourcen verbraucht. Benzin wird in dieser Diktatur verboten, der individuelle Energieverbrauch wird streng begrenzt und pro Familie darf nur noch ein Kind gezeugt werden. Der Chef des Ladens (i.e. der Diktator) wird wahrscheinlich einen chinesischen Nachnamen tragen.

In eine ähnliche Richtung liefen die Vorschläge des Biologen Garret Hardin vor mehr als 40 Jahren auch schon, als er in seinem wohl bekanntesten Aufsatz The Tragedy of the Commons vor den Folgen eines unkontrollierten Zuganges zu Gemeingütern und einer Übervölkerung warnte. (Im Original hier im Volltext lesbar)

Laut Hardins Argumentation führt die Nutzung von Gemeingütern (z.B. Meeren, Wäldern) nämlich dazu, dass sich jeder soviel davon nimmt, wie er kriegen kann. Oft ist das mehr als benötigt und die Gemeingüter gehen so binnen kurzer Zeit vor die Hunde. Das bekannteste Beispiel ist in diesem Zusammenhang die Allmende, auf die Bauern ihre Kühe zum Grasen treiben können. Da die Nutzung dieser Allmende kostenlos sei und man als Bauer je mehr Profit macht, je mehr seiner Kühe man zum Sich-dick-Fressen auf die Allmende schickte, würde jeder Bauer versuchen so viele seiner Kühe wie möglich auf die Allmende zu treiben. Das führe dann laut Hardin dazu, dass sich saftige Allmendewiesen binnen kürzester Zeit in übergraste und nutzlose Wüsten verwandeln. Dieses Bild von der Tragik der Allmende wird häufig benutzt um einer Privatisierung von Gemeingütern den Steigbügel zu halten.

Adieu, VEB! – Bild gefunden auf Wikimedia Commons

Der Zusammenhang zwischen der gemeinschaftlichen Nutzung einer Ressource und ihrem schlechten Zustand klingt erstmal ganz vernünftig und scheint auch irgendwie common sense zu sein. Ich kenne aus der DDR-Endzeit z.B. noch das Urteil, dass Volkseigentum deswegen den Bach runterginge, weil es allen gehörte und sich eben genau deswegen niemand persönlich für dessen Pflege zuständig fühlte. Dort scheint Garret Hardins „Tragik der Allmende“ voll zugeschlagen zu haben.

Das Verrückte ist nur, dass ein großer Teil der für die Menschen lebensnotwendigen Ressourcen (Regenwälder, Meere, der Boden) Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende lang Gemeingut waren und nicht übernutzt wurden. Stattdessen wurden diese Ressourcen nachhaltig genutzt, also so, dass die Ressource auch noch viele Generationen später intakt und gleichermaßen nutzbar wie nützlich war. Noch seltsamer ist, dass viele solcher Gemeingüter mit der Ausbreitung des Kapitalismus privatisiert wurden und binnen relativ kurzer Zeit völlig runtergewirtschaftet wurden.

Das dürfte ja laut Hardins These eigentlich aber nicht passieren, sondern es hätte genau umgedreht sein müssen. Die Gemeingüter, welche über Jahrtausende in einem erbärmlichen Zustand hätten sein müssen, hätten durch die Einhegung der Gemeingüter plötzlich erblühen und gedeihen müssen.

Wieso ist gerade das Gegenteil der Fall? Was Hardin nicht bedacht hat, ist, dass viele Gemeingüter seit Jahrhunderten lokal verwaltet und genutzt werden und die Leute, die von den Früchten des Waldes, Baches oder Meeres leben, an und mit dem sie leben, ein großes Interesse daran haben, dieses Gemeingut zu erhalten.
Sobald diese Gemeinschaft aber enteignet wird, d.h. die Rechte zur Nutzung und Verwaltung der Ressource verliert, weil sie privatisiert oder an jemand Dritten übertragen werden, fällt das Interesse an der langfristigen Existenz der Ressource weg. Folglich geht man nicht mehr schonend mit der Ressource um, sondern nutzt sie, was das Zeug hält, da man an dem kurzfristtigen Gewinn interessiert ist, der sich aus der Ressource (lies: Wald, Meer, Atmosphäre, See …) schöpfen lässt. Ergo kommt es zur Vernichtung der Arten, Überfischung der Meere, Abholzung der Regenwälder, zum Ansteigen der Meeresspiegel, zur Überbevölkerung – am Ende gar zu Mad Max oder zur Ökodiktatur. Alles recht unerfreuliche Aussichten.

Aber wir wollen mal nicht so schwarz sehen, denn zum Glück herrscht ja nicht überall auf der Welt Kapitalismus. Damit meine ich jetzt nicht Kuba, China oder Nord-Korea, sondern die Existenz einer Vielzahl von Formen der gemeinsamen, nichtmarktförmigen Verwaltung von Gemeingütern.

Einige der in Europa existierenden Formen nicht-kapitalistischen Wirtschaftens werden in Friederike Habermanns neuestem Buch „Halbinseln gegen den Strom – Anders leben und wirtschaften im Alltag“ vorgestellt, das ich mir gestern gekauft habe. Die Autorin wurde zu diesem Buch vom Freitag interviewt und die Palette der von ihr geschilderten Beispiele reicht von Nichtkommerzieller Landwirtschaft, über Guerilla Gardening, Wikipedia, Umsonstläden bis hin zu Gastgebernetzwerken, die von Leuten genutzt werden um in fremden Städten bei anderen Menschen zu übernachten.

Auch wenn mir (als altem Gemeingüter-Hasen ;) das Buch etwas zu oberflächlich und aufzählend bleibt, kann ich es jedem empfehlen, der sich für Beispiele nicht-marktförmiger Wirtschaftsformen interessiert oder schlechte Laune hat, weil der böse, böse Kapitalismus alles auffrisst.

Ebenso möchte ich an dieser Stelle auf den Commonsblog von Silke Helfrich aus Jena hinweisen, der in gut verständlichem Deutsch aus der Welt der Gemeingüter berichtet.

Wer sich für fundiertere Studien zur Geschichte und Gegenwart aller möglichen Formen der Gemeingüter interessiert, dem sei die Digital Library Of The Commons empfohlen, die superinteressante Studien zu Gemeingütern enthält. Alles schön im Volltext lesbar und auch wenn es in Englisch und wissenschaftlich anspruchsvoll ist, so wird man hin und wieder durch übelst erstaunliche Erkenntnisse entlohnt.

Wer hätte beispielsweise gedacht, dass die Reisterrassen der Ifugao auf den Philippinen seit mehr als 2000 Jahren gemeinschaftlich verwaltet werden und den Menschen dieser Region seit dieser Zeit das Überleben sichern?

Bauern pflanzen Reis auf den steingestützten Terrassen der Provinz Ifugao– gefunden auf Wikimedia Commons

So, und schließlich nochmal zur Erinnerung:

Baum pflanzen! Baum pflanzen! Baum pflanzen!

Sozialpädagogik und Öffentliche Güter I: Berliner Szenetreffpunkt Bahnhof Zoo

Wie ich bereits kritisiert habe, gibt es nur sehr wenige Berührungspunkte zwischen Theorien der Sozialpädagogik/Sozialarbeit und Theorien der öffentlichen Güter.

Ich werde in einigen der folgenden Beiträge versuchen, ein paar dieser wenigen Berührungspunkte zu beleuchten:

Stefan Thomas: Berliner Szenetreffpunkt Bahnhof Zoo – Alltag junger Menschen auf der Straße

Der Autor hat die “Szene” am Bahnhof Zoo in Berlin einige Monate lang beobachtet und Interviews mit den dort lebenden Jugendlichen durchgeführt.

In seinem Beitrag kann ich Ansätze für ein Denken entdecken, das eine Beziehung zwischen öffentlichen Gütern und sozialen Problemen herstellt.
So z.B. wenn der Autor schreibt, dass sich neben der Armutsproblematik der Jugendlichen „eine weitere Herausforderung aus der Verknappung des öffentlichen Raums in den Innenstädten [ergibt]“1 und ergänzt:

Die Menschen können sich auf den privatisierten Stadtflächen nicht nach Belieben aufhalten, indem sie über die vorgegebenen Nutzungskonzepte hinaus diese Räume zu einem Teil ihrer Lebenswelt machen. Damit werden in der städtischen Öffentlichkeit der individuelle Entfaltungsraum auf eine konforme Normalität hin verengt.
Gerade junge Menschen haben darunter zu leiden, dass der öffentliche Raum einer zunehmenden Verknappung unterworfen ist.2

An und für sich finde ich den Hinweis auf die Probleme, die sich aus einer zunehmenden Verknappung des öffentlichen Raumes für junge Menschen ergeben schonmal ganz wertvoll. Mir fehlt hier allerdings eine Ausweitung des Problembewusstseins auf die zunehmende künstliche Verknappung bzw. die unzureichende Versorgung mit anderen öffentlichen Güter, wie Informationen, Wasser, wissenschaftlichen Errungenschaften (Stichwort: Generika), Saatgut, Gene, Landschaften u.s.w.

Demzufolge sind auch die Konsequenzen die der Autor aus der von ihm beobachteten Armut zweigleisig:

Einerseits fordert er zu einer Wiederaneignung der Öffentlichkeit auf und weißt auf die Probleme hin, die mit der Einführung von Hartz IV für die Jugendlichen verbunden sind, bzw. sein werden (das Buch ist von 2005 – Erfahrungen mit Hartz IV konnten deshalb nicht in die Studie eingehen).
Dabei ruft der Autor die Sozialarbeiter auf, ihre „Funktion als Interessenvertreter der jungen Menschen auch auf politischer Ebene auszuüben, um die Öffentlichkeit über die Folgen der prekären Lebenslage und die Bedeutung des sozialen Treffpunkts aufzuklären3“, was ich nicht schlecht finde. Allerdings frage ich mich ob die Sozialarbeiter, die ja (nicht nur finanziell) oft selber von der Existenz prekärer Lebenslagen abhängen, wirklich die Richtigen dafür sind.
Auch die Einführung einer sozialen Grundsicherung hält der Autor für sinnvoll um die prekäre Lebenssituation der betroffenen Menschen zu entschärfen.4

Andererseits fordert er die Armen auf, sich um verbesserte Integration in die Gesellschaft zu bemühen. Die Lebenssituation der am Bahnhof Zoo lebenden jungen Menschen könne dabei für ihn durch Ansätze der psychosozialen Intervention (Drogenberatung, Schulungs- und Bildungsmaßnahmen, Therapieangebote) verbessert werden, der er ein ganzes Unterkapitel seines Buches widmet. Das enttäuscht mich ganz schön. Zwar mögen diese Mittel hier und da ein paar Probleme zu lösen, aber solche Vorschläge sind Wasser auf die Mühlen derer, die gesellschaftliche Probleme durch Pathologisierung und Therapie von Individuen zu lösen versuchen. Therapie und Beratung sind denkbar ungeeignete Mittel um die Verdrängung junger Menschen aus sich immer weiter schließenden öffentlichen Räumen zu beenden.

Ein Blick auf historische oder zeitgenössische Ideen und Bewegungen des (selbst-)organisierten Widerstandes gegen Privatisierung und Einschließung öffentlicher Räume und Güter, wie die der Levellers und Diggers oder wie sie mitunter von sozialen Bewegungen, wie Attac praktiziert werden, hätte der Aufzählung von Lösungsvorschlägen an dieser Stelle gut gestanden. Andererseits ist der Autor Diplom-Psychologe und da finde ich es schon bewundernswert, dass er bei dem Thema „Berliner Treffpunkt Bahnhof Zoo – Alltag junger Menschen auf der Straße“ nicht nur nach der totalen Therapie für die Betroffenen ruft.

All in all finde ich es großartig, dass mal jemand aus der „Psycho-Ecke“ auf die Idee kommt, einen Zusammenhang zwischen der Einhegung von Gemeingütern und der Entstehung und Verstetigung individueller Armutslagen herzustellen.

  1. Thomas, S. (2005) Berliner Szenetreffpunkt Bahnhof Zoo : Alltag junger Menschen auf der Straße. Wiesbaden, VS Verl. für Sozialwissenschaften S.224 []
  2. ebd. S.225 []
  3. ebd. S.226 []
  4. ebd. S.222 []

Marcel Mauss: „Die Gabe“ vs. Al Wilson: „The Snake“

Um zu verstehen, was Marcel Mauss meint, wenn er schreibt, dass die Moral und die Ökonomie des Tausches, die sich in archaischen Gesellschaften (z.B. der Indianer, der Germanen) gebildet hat, auch in unseren Gesellschaften wirkt,1 ist es vielleicht am einfachsten, wenn ich mich daran erinnere, was mit mir passierte, als mich ein guter und langjähriger Freund neulich zu seiner Hochzeitsfeier einlud. Es soll eine richtig große Fatsche werden, mit Band, DJ, Feuerwerk, einer großen und reich gedeckten Essenstafel und allen Freunden, Nachbarn und Bekannten. Die Annahme der Einladung wird natürlich vorausgesetzt und mein Kommen damit auch.
Wobei: Ich überlege mir, dass ich der Hochzeitsfeier theoretisch auch fernbleiben könnte, allerdings bräuchte ich in diesem Fall schon eine (gute) Begründung. Beispielsweise eine schon seit langem geplante Reise oder eine (zumindest mittel-) schwere Krankheit. Einfach so zu Hause zu bleiben und nicht auf der Hochzeit zu erscheinen, wäre eine Variante, die mir meine Trägheit anbietet, die sich aber irgendwie seltsam anfühlen würde.

Je näher der Termin rückt, desto konkreter frage ich mich nun: „Was schenke ich dem Hochzeitspaar eigentlich?“ Da ich Glück habe, hat mir mein Freund zusammen mit der Einladung einen kleinen und unauffälligen Hinweis der Art gegeben, dass er und seine Frau sich über Geldspenden für die anschließende Reise in die Flitterwochen freuen würden.

Bleibt noch nur die Frage „Wieviel?“ – Hundert Euro? Oh mein Gott, das sind ja fast Zweihundert Mark!!! Eindeutig zu viel für einen Studenten wie mich. – Fünfzig Euro, also? Mmm….das ist nur ein halber Hunderter und wirkt dann doch irgendwie knausrig, oder? Ich kämpfe also mit mir und werde mich im Vorfeld der Feier noch mit einigen anderen eingeladenen „Leidesgenossen“ darüber austauschen, was ein angemessener Betrag wäre. Auch hier hätte ich natürlich die Option nur einen oder zehn Euro zu schenken, immerhin macht Kleinvieh auch Mist, aber auch dabei wäre mir nicht wohl.

Um Mauss zu verstehen, könnte ich mich auch an Weihnachten erinnern und daran, dass ich und meine Eltern uns irgendwann versprachen – ich war wohl gerade aus dem Alter raus, in dem man an den Weihnachtsmann glaubt – jedenfalls versprachen wir uns, dass es zu Weihnachten ab jetzt keine Geschenke mehr geben würde. Der Einkaufs-Aufwand, die überfüllten Geschäfte, der Kaufzwang u.s.w. das waren alles Gründe, die uns davon abhielten, uns an der kollektiven Geschenkekauferei beteiligen zu wollen.
Tatsächlich war es dann jedoch eine ziemliche Katastrophe, als, wie abgemacht, am 24. Dezember keine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum lagen. Irgendwie war das Fest leer, man konnte die „Hohlheit“ fast sehen und körperlich empfinden.
Im Jahr darauf gab es dann wieder Geschenke und alles war wieder okay. Nach ein paar Jahren müssen wir das desaströse geschenkfreie Weihnachtsfest wohl wieder vergessen haben, so dass wir erneut auf die Idee kamen uns zu versprechen, dass es diesmal keine Geschenke geben werde. Als meine Eltern dann entgegen der Abmachung doch ein paar Geschenke für mich besorgt hatten, ich selber jedoch mit leeren Händen da stand, machte sich in mir eine ziemlich unangenehme Mischung aus Scham, Enttäuschung und Wertlosigkeit breit.

Warum ist es so schwer keine Geschenke zu machen?

Das und noch viel mehr versucht der Ethnologe Marcel Mauss in seinem Buch „Die Gabe“ zu erklären, welches 1950 unter dem Titel „Essai sur le don“ zum ersten Mal erschien. So wie ich Mauss verstehe, geht er davon aus, dass der Austausch von Geschenken2 ein wesentliches, wenn nicht sogar das konstitutive Element vieler archaischer Gesellschaften ist. Dieser Austausch ist theoretisch freiwillig, hat praktisch jedoch Zwangscharakter d.h. ein Geschenk zwingt den Beschenkten dazu dem Schenker auch ein Gegen-Geschenk zu machen. Es besteht dabei nicht nur die Pflicht Geschenke zu machen, sondern auch Geschenke anzunehmen und Geschenke zu erwidern. Mauss führt diesen Gedanken weiter und schreibt, dass durch diesen Tausch eine friedliche Beziehung zwischen Menschen, Familien, Clans, Stämmen u.s.w. entsteht, sich eine Gesellschaft konstituiert.

Sich weigern, etwas zu geben, es versäumen, jemand einzuladen, sowie es ablehnen, etwas anzunehmen, kommt einer Kriegserklärung gleich; es bedeutet, die Freundschaft und die Gemeinschaft verweigern.

Solange der Ball also im Spiel ist, der Austausch von Geschenken praktiziert wird, solange bilden die Teilnehmer also Gesellschaft.
Die Frage die sich Mauss stellt, ist, was es für eine Kraft ist, die einem Geschenk innewohnt, die macht, dass der Beschenkte das Geschenk erwidern wird. Mauss betrachtet und vergleicht solche Institutionen wie den Potlatsch nordwestamerikanischer Indianer und den Kula-Tausch der Trobriander und stellt dabei fest, dass in den Vorstellungen der Menschen vieler Ethnien ein Geschenk immer ein Stück des Schenkers enthält. Das kann zum Beispiel ein Geist sein, der zum Schenker zurück möchte, das Gefühl des Schenkers oder ein Stück seiner Seele. Ein Nicht-Erwidern des Geschenkes kann je nach dem auf vielfältige Art und Weise sanktioniert werden: Verhexung, Ausschluss aus der Gemeinschaft, Verachtung, Verlust des Gesichtes oder des Namens. Im Umkehrschluss ist mit dem Schenken und Wieder-Schenken der Erwerb von Status, einem sozialen Netzwerk etc. verbunden.

Gaben heute

Mauss bezweifelt, dass das Prinzip des homo oeconomicus ausreicht um den Menschen der Industriegesellschaft zu beschreiben. Er glaubt daran, dass der wirtschaftlich nutzlose Tausch auch heute noch ein gestaltendes Element vieler Beziehungen ist. Am Ende seines Buches spannt er nämlich den Bogen von den archaischen Gesellschaften, in denen der Tausch die zentrale oder totale (d.h. ökonomische, moralische, juristische, ästhetische Phänomene einschließende) Tätigkeit ist, zu unserer industriellen Gesellschaft, deren Moral immer noch unter der Atmosphäre des Tausches steht, in der jedoch „ein großer Teil des industriellen und kommerziellen Rechts mit der Moral in Konflikt steht.“3

Die nicht erwiderte Gabe erniedrigt auch heute noch denjenigen, der sie angenommen hat, vor allem wenn er sie ohne den Gedanken an eine Erwiderung annimmt. … Milde Gaben verletzen den, der sie empfängt, und all unsere moralischen Bemühungen zielen darauf ab, die unbewußte schimpfliche Gönnerhaftigkeit des reichen ‚Almosengebers‘ zu vermeiden.4

Noch vor knapp fünfzig Jahren (in einigen Teilen Deutschlands oder Frankreichs vielleicht vor noch kürzerer Zeit) pflegte das ganze Dorf am Hochzeitsmahl teilzunehmen; hielt sich irgendjemand abseits, so was dies ein schlechtes Zeichen, ein Beweis der Mißgunst, ein verhängnisvolles Omen.5

Neben den Implikationen die sich ergeben wenn man dieser Argumentation folgt (die Verletzung der Besucher einer Suppenküche durch Almosen, die schimpfliche Gönnerhaftigkeit der Sponsoren sozialer Einrichtungen), plädiert Mauss in den Schlußfolgerungen seiner Betrachtungen dafür, die Prinzipien des Tausches wieder auszugraben.

Das Leben eines Mönchs muß ebenso vermieden werden wie das eines Shylock. Diese neue Moral wird eine glückliche Mischung von Wirklichkeit und Ideal sein. So kann und soll man zu archaischen und elementaren Prinzipien zurückkehren; man wird dann Handlungsmotive entdecken, die zahlreiche Gesellschaften und Klassen noch kennen: die Freude am öffentlichen Geben; das Gefallen an ästhetischem Luxus; das Vergnügen der Gastfreundschaft und des privaten und öffentlichen Festes. Die Sozialversicherung, die gemeinsame oder gegenseitige Fürsorge der Berufsgruppen und all jener moralischen Personen, denen das englische Recht den Namen ‚Friendly Societies‘ verleiht, sind mehr wert als die bloße persönliche Sicherheit, die der Adlige seinem Lehnsmann gibt, mehr als das karge Leben, das der vom Arbeitgeber ausgehändigte tägliche Lohn gewährt, mehr sogar als kapitalistische Ersparnisse, die nur auf einem schwankenden Kredit gründen.6

VoKü als Gabe?

Das ist natürlich hier die Frage. Lässt sich das Engagement der VoKü-Macher als Gabe im dem Sinne denken, in dem es Mauss für die archaischen Gesellschaft beschreibt? Welchen Zweck hat sie dann für diese großzügigen Menschen, die eine VoKü machen und die dafür nötigen Ressourcen zur Verfügung stellen? Was bekommen diese zurück, bzw. was erwarten diese von ihrem Engagement? Was geschieht mit Leuten die nichts zurück-„schenken“? Werden diese sanktioniert? Wie?

Schlangen sind einfach nicht dafür gemacht, jemandes Freund zu sein.
Johnny Rivers – The Snake

Eine Geschichte über die dysfunktionalen Folgen altruistischen Verhaltens wird in Al Wilsons Lied „The Snake“ erzählt, dass im obigen Video von Johnny River geschmettert wird: Eine Frau findet bei ihrem Morgenspaziergang eine halberfrorene Schlange im Gras. Sie nimmt das Tierchen mit zu sich nach Hause, legt es ins Warme und gibt ihm Milch und Honig zu fressen. Als sich die Schlange nach ein paar Stunden erholt hat, lässt sie sich von der Frau streicheln und liebkosen, um sie anschließend mit ihrem tödlichen Biss ins Jenseits zu befördern. Schon im Delirium fragt die Frau die Schlange noch, warum sie ihr, der Retterin, einen so schlechten Dank erweist. Die Schlange meint daraufhin, dass sie eben eine Schlange sei und dass die Frau jetzt nicht so ein Tra-ra machen solle; schließlich habe sie ja von Anfang an gewusst, dass sie da eine Schlange mit nach Hause genommen habe.

Was ist die Moral dieser Geschichte?

  1. Mauss, M. (1990) Die Gabe : Form und Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften. Frankfurt/Main, Suhrkamp. S.19 []
  2. „… das was ausgetauscht wird, [ist] nicht ausschließlich Güter und Reichtümer, bewegliche und unbewegliche Habe, wirtschaftliche Dinge. Es sind vor allem Höflichkeiten, Festessen, Rituale, Militärdienste, Frauen, Kinder, Tänze, Feste, Märkte …“ – ebd. S.22 []
  3. ebd. S.159 []
  4. ebd. S.157 []
  5. ebd. S.158 []
  6. ebd. S.162.f. []

Essen und Gemeinschaft

In Harald Lemkes Buch „Ethik des Essens“1 habe ich einige Hinweise darauf gefunden, wie die Einnahme von Mahlzeiten und die Bildung von Gemeinschaft miteinander zusammenhängen.
Lemke zeigt nämlich, dass in der hellenistisch-römischen Epoche (etwa 350 v.u.Z. bis 350 u.Z.) mit den Tischgemeinschaften und Vereinsmählern „die einzige subkulturelle Form einer außerfamiliären und nichtstaatlichen, freien Vergemeinschaftung von Gleichgesinnten“ bestand.2. Das bedeutet, dass in dieser Epoche jede Form der nichtstaatlichen und nichtfamiliären Gemeinschaft über die gemeinsame Einnahme des Essens organisiert wurde. So waren auch die Leute, die Jesus um sich scharte, über die Einnahme gemeinsamer Mahlzeiten miteinander verbunden.

Um die angemessene Verwendung des Bestecks gab es auch in den ersten VoKüs schon einige Verwirrung: so nutzten die Apostel das Brotmesser fälschlich zum Tranchieren von Fleisch. Ein Umstand der Jesus sichtlich in Verlegenheit brachte. – Bassa, Jacopo: „Last Supper“ 1549, Öl auf Leinwand“ – gefunden auf Wikimedia Commons

Man fragt sich ja immer so, wie es Menschen schaffen miteinander zu interagieren und sich zu Gruppen formen. Da ist die Erklärung mit dem Essen eine für mich sehr beeindruckende Erkenntnis. Es scheint nämlich so, als ob das Essen eine Art Magnet wäre, der die Menschen zusammenbringt oder ein Kitt, der sie zusammenhält. Und weil ich diese Erkenntnis so wunderbar finde, noch ein Zitat aus dem Buch in dem die Verwandlung Einzelner zu einer Gruppen, bezogen auf die Tischgemeinschaft um Jesus, von Lemke so beschrieben wird:

„Das Essen, das Zustandekommen der Mahlsituation verwandelt die beteiligten Menschen in eine Gemeinschaft im Geiste Gottes. Die Anwesenden erfahren also eine reale Wesensverwandlung, indem sie im Mahlritual zu Christen werden und ihr Christsein im Mahlhalten kundtun.“3

Natürlich bleiben viele Fragen offen:

  • Warum war es das Essen und nicht das Kartenspielen, das diese Gemeinschaften stiftete?
  • Hätten die Leute nicht einfach alle für sich oder in ihren Familien Kochen und Essen können?
  • Hatten diese hellenistischen VoKüs auch ökonomische Hintergründe?
  • Waren diese gemeinschaftlichen Mahlzeiten Teil einer größeren Bewegung, wie z.B. DIY oder sind sie eine Art der Selbsthilfe zur Nahrungsversorgung, wie die peruanischen Volksküchen oder wie oder was?

Und damit gibt es wieder mehr als genügend Stoff, der erforscht werden will. Jetzt gehe ich aber erstmal was essen.

  1. Lemke, H. (2007) Ethik des Essens: Eine Einführung in die Gastrosophie. Berlin, Akademie Verlag []
  2. ebd. S.109 []
  3. ebd. S.110 []

Volksküchen in Peru & Traditionen kollektiven Handelns

Eine andere Art der Volksküchen als die VoKüs, die es hier in Deutschland gibt, stellt Cornelia Schweppe in Ihrer Dissertation „Überleben und verändern: Volksküchen in Lima, Frauen der Armutsviertel organisieren sich“ aus dem Jahr 1991 vor.

„Qichwa-Indianer aus Conchucos (Ancash), Peru“ – gefunden auf Wikimedia Commons

Die Autorin hat in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts mehrere Jahre in Peru gelebt – einem im Vergleich zu Deutschland recht armen Land – und eine Volksküche in der Hauptstadt Lima über mehrere Jahre beobachtet sowie deren Betreiberinnen interviewt. Dabei untersucht sie auch die Voraussetzungen und die Bedingungen unter denen die Volksküchen in Peru entstanden sind. In einem recht gut lesbaren Stil beschreibt die Autorin die Geschichte und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sehr detailliert. Dabei fielen mir an der peruanischen Gesellschaft folgende Besonderheiten auf:

  • die krassen sozialen Unterschiede zwischen Arm und Reich sowie Stadt und Land
  • der rasante Wirtschaftsabschwung – inklusive Inflation von bis zu 7000% und Arbeitslosigkeit von bis zu 80% – den Peru in den Jahren zwischen 1960 und 1990 durchgemacht hat
  • (infolge dessen?) die hohe Anzahl der Leute, die im informellen Sektor arbeiteten. Informeller Sektor „heißt, daß man sich selbst einen Arbeitsplatz schafft, man wird also ’selbständig‘, ohne dies jedoch offiziell anzumelden oder dafür Steuern zu bezahlen.“1
  • seit der Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts eine Parteinahme der katholischen Kirche für die Belange der Armen, (Stichwort „Befreiungstheologie„) in deren Folge die katholische Kirche für arme Bevölkerungsteile zu einer vertrauenswürdigen Institution wurde
  • häufige Landbesetzungen (bei denen es auch zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt) durch Familien und Gruppen. Aus diesen Landbesetzungen sind die Armenviertel der Großstädte entstanden.

Die Autorin zeigt, dass die Geschichte Perus zwei Arten von Volksküchen hervorgebracht hat. Die comedores populares (Volksmensa) und die cocinas del pueblo (Küchen des Volkes). Erstere sind von Frauen organisierte Basisorganisationen, deren Ziel es ist Essen preisgünstiger zuzubereiten, als dies alleine zu Hause möglich ist. Die Entstehung dieser comedores populares lässt sich bis in das Jahr 1978 zurückdatieren.

Zweitere sind Mitte der achtizger Jahre im Rahmen der beiden Regierungsprogramme Programa de Empleo Temporal und Programa de Asistencia Directa entstanden. Ziel dieser Regierungsprogramme war es Armut zu lindern und Arbeitsplätze zu schaffen. Von verschiedenen Seiten wurden diese Programme jedoch dafür kritisiert, Einfluss auf das politische (Wahl-) Verhalten der Hilfeempfänger zu nehmen, sowie die Autonomie von Basisorganisationen zu beschneiden.2

Sehr interessant im Zusammenhang mit der Entstehung von Volksküchen in Peru sind die von der Autorin beschriebenen Institutionen der faena, der ayni und der minka, die sie auf alte inkaische Traditionen der Gemeinschaftsarbeit zurückführt. Bei der faena erledigen die Bewohner eines Dorfes in gemeinschaftlicher Arbeit eine bestimmte Sache, die allen Bewohnern zugute kommt, wie z.B. das Säubern einer Straße oder eines Flusslaufes. Die faena dient somit offenbar der Herstellung öffentlicher Güter. Solche faenas, die ein bis mehrere Male pro Jahr stattzufinden scheinen, verlaufen nach der Beschreibung der Autorin hoch ritualisiert. Da werden z.B. geschmückte Kreuze aufgestellt, eine lange Pause gemacht in der miteinander diskutiert wird, zusammen Alkohol getrunken wird, etc. Die Teilnahme der Dorfbewohner an einer faena scheint recht verbindlich zu sein. Die Nichtteilnahme wird negativ sanktioniert, zumindest muss man Rechenschaft darüber ablegen:

Jetzt ist der Zeitpunkt, wo der eine erklärt, warum er in der letzten Faena nicht erschienen ist…3

Mit der sog. ayni beschreibt die Autorin eine weitere traditionelle Form der gemeinschaftlichen Aktion – die ayni scheint dabei die kleine Schwester der faena zu sein. Diese ayni wird demzufolge bei der Herstellung nichtöffentlicher Güter praktiziert, zum Beispiel wenn eine Familie ein Haus baut und die anderen Dorfbewohner dabei helfen. Die Teilnahme ist zwar freiwillig, aber wer nicht mitmacht, kann dann eben auch nicht darauf hoffen, dass man ihm/ihr beim Hausbau hilft. Die ayni scheint soetwas wie Nachbarschaftshilfe zu sein.
Die minka schließlich scheint eine Form der gegenseitigen Hilfe zwischen nur zwei Personen zu sein. Dabei wird z.B. ein bestimmter Dienst wie der eines Heilpraktikers durch ein bestimmtes Gut, z.B. eine Mahlzeit vergolten.4

Im weiteren Verlauf des Buches führt die Autorin die Existenz der peruanischen Volksküchen auf diese alten inkaischen und immernoch praktizierten Formen kollektiven Handelns zurück. Genausowas interessiert mich bei den VoKüs auch: was sind die Traditionen an die VoKüs anknüpfen und durch welche Riten wird kollektives Handeln erreicht?

„Suchaktion des Kartoffelkäfers in Mecklenburg-Vorpommern – Die Schuljugend wird zum Absuchen der Pflanzen eingesetzt (eine angenehme Pflicht).“ – gefunden auf Wikimedia Commons

Bei meinen ersten Recherchen zum Thema Voküs habe ich irgendwo gelesen, dass sich diese aus der Westberliner Hausbesetzerszene über Ostberlin vor allem nach Ostdeutschland ausgebreitet haben. Leider finde ich die entsprechenden Quellen gerade nicht mehr. Dennoch finde ich es eine spannende These die Existenz von VoKüs speziell in Ostdeutschland auf Formen kollektiven Handelns zurückgehen zu lassen, welche in der sozialistischen DDR praktiziert wurden. Da fällt mir beispielsweise der Subbotnik ein.

  1. Schweppe, C. (1992) Überleben und verändern : Volksküchen in Lima, Frauen der Armutsviertel organisieren sich. Frankfurt am Main, Peter Lang. S.78 []
  2. vgl. ebd. S.160 []
  3. Aus der Schilderung eines Dorfbewohners. in: Schweppe, C. (1992) Überleben und verändern : Volksküchen in Lima, Frauen der Armutsviertel organisieren sich. Frankfurt am Main, Peter Lang. S.110 []
  4. vgl.: Schweppe, S. 111 ff []