Eigentümliches Eigentum

Zwei poppige Beiträge, welche die Kritik am bürgerlichen Eigentumsbegriff für mich nochmal ganz gut begreifbar machen:

  1. Sabine Nuss, die Autorin von „Copyright und Copyriot“, umreist den Begriff des bürgerlichen Eigentums und kritisiert die Vorstellung, Eigentum sei etwas Natürliches:


  2. Das aus dem 17. Jahrhundert stammende englische Gedicht „The Enclosure Movement“ über die Einhegung gemeinschaftlich genutzter Landflächen im neuzeitlichen England gibt es Dank Silke Helfrich und Musikdieb jetzt auch auf deutsch:

Das Gesetz bestraft Männer und Frau‘n,
die der Allmende Gänse klau‘n.
Doch dem größ‘ren Schurken es erlaubt,
Dass der Gans er die Allmende raubt.

Sühne das Gesetz befiehlt,
Für den, der and‘ren etwas stiehlt.
Doch es verschont die Herrn und Damen,
die uns allen die Allmende nahmen.

Das arme Volk wird eingesperrt,
wenn zum Gesetzesbruch es sich verschwört.
Dies sei so recht; doch duldet man,
die Verschwörung, die das Gesetz ersann.

Das Gesetz bestraft Männer und Frau‘n,
die der Allmende Gänse klau‘n.
Und Gänse werden um so mehr gestohlen,
bis die Allmende sie zurück sich holen.

coloradio weg …

Die Zeiten in denen linke Chaoten (im Bild zwei Coloradio-Moderatoren mit einem Karl-Marx-Gedächtnis-Propagandaapparat) die sächsischen Haushalte mit falschen Botschaften schikanierten, sind erstmal vorbei!

… und mit Radio T aus Chemnitz und Radio Blau aus Leipzig wurden die anderen beiden sächsischen Bürgerradios auch gleich noch vom Sender genommen. Autsch!

Wie das passieren konnte nachdem Coloradio erst kürzlich von der Stadt Dresden finanzielle Mittel zugesagt bekam, kann man vielleicht am besten auf dem Blog von Coloradio rausbekommen. Vielleicht auch nicht, aber auf alle Fälle ist das großer Murks. Nicht nur, weil ich vor längerer Zeit auf Coloradio mit einem Kollegen selber Sendungen über frei lizenzierte Musik gemacht habe, sondern auch weil ich gerne Coloradio gehört habe, z.B. wegen des albernen Frühstücks/x/ks(?)sradios oder wegen solch wunderbarer Musiksendungen wie der The Sold Out Show und Cuts & Mouse.

Was kann man da machen?

Gibt es weitere Blogs, Webseiten oder Medien, die über die aktuelle Entwicklung bei den drei sächsischen Bürgerradios berichten? Würde mich interessieren, falls jemand was weiß, wäre ich für einen Kommentar dankbar.

Foto: Eugen Nosko – Gefunden auf: Wikimedia Commons – Lizensiert unter: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany

Über öffentliche Güter, private Übel, Straßen und Soziale Arbeit

Über den Jahreswechsel habe ich mit dem Bus ein paar Ausflüge in und um Dresden gemacht. Dabei fielen mir auf der Grundstraße – der stark befahrenen sächsischen Staatsstraße 167 im Dresdner Osten – dutzende von Plakaten auf, mit denen Anwohner gegen Gebühren protestieren, die sie für den Ausbau der Straße bezahlen sollten. Ich stieg aus und sah mir die Sache mal von Näherem an. Folgendes Plakat hat dabei als erstes meinen Blick gefangen:

Global denken, lokal protestieren

Global denken, lokal protestieren

Da vor dem Haus gerade ein Mann auf dem Bürgersteig Schnee schippte, habe ich ihn gefragt, … Continue reading

Gibt es öffentliche Güter jenseits von Glauben, Wünschen und Hoffen?

Meine neulich geäußerte Verärgerung über das Fehlen der Reflexion der Methoden, mit denen die frisch gekürte Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften Elinor Ostrom ihre Arbeiten verfasst hat, hat mich auf die Frage aufmerksam gemacht, ob die Wirtschaftswissenschaftler, die ja den Anspruch haben aufgrund ihrer empirischen Forschungsergebnisse Manager oder Politiker zu beraten, überhaupt mal darüber nachdenken, dass ihre Forschungsergebnisse ganz anders aussehen könnten, wenn ihre Forschungsmethoden ganz anders wären.

Könnte es z.B. sein, dass die in vielen wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchungen vorgenommene Unterteilung von Gütern ganz wesentlich vom Forscher abhängt, der aufgrund seiner Vorannahmen darüber entscheidet, ob ein Leuchtturm oder ein Deich nun ein öffentliches, ein privates Gut, ein Klubgut oder gar ein Allmendegut ist?

Gibt es öffentliche Güter "in der Realität"?

Wie lassen sich Dinge diesen Kategorien zuordnen? Und zählen Mauszeiger wirklich zu den Allmendegütern? Bildquelle:Wikipedia

Leuchttürme werden zusammen mit der Landesverteidigung oft als DAS Standardbeispiel für öffentliche Güter verwendet. Doch m.E. ist es gar nicht so eindeutig zu sagen, ob ein Leuchtturm oder die Landesverteidigung nun ein öffentliches Gut ist.

Was genau ist an diesem Leuchtturm öffentlich?

Was genau ist an diesem Leuchtturm in Travemünde öffentlich? Bildquelle:Wikimedia Commons

Welcher Leuchtturm ist überhaupt gemeint und woran kann man erkennen, ob der Leuchtturm öffentlich oder privat ist? – Aha, da muss man schon unterscheiden: das Gebäude ist keineswegs öffentlich, d.h. da kann nicht jeder rein. Nur das vor Klippen oder Untiefen warnende Licht ist öffentlich in dem Sinne, das kaum ein Schiff, welches in den Einzugsbereich des Leuchtturmes gelangt, technisch davon ausgeschlossen werden kann.

Der Fall von Warschau - rechts im Vordergrund ein öffentliches Gut

Der Fall von Warschau 1939 - rechts im Vordergrund ein öffentliches Gut. Bildquelle:Wikimedia Commons

Und welche Landesverteidigung meint man, wenn man davon spricht, dass sie ein öffentliches Gut ist? Nehmen wir zum Beispiel die Landesverteidigung Deutschlands von 1933 bis 1945, die Wehrmacht. Kam deren Nutzen denn auch den deutschen Juden oder Kommunisten zu gute? Öffentliches Gut heißt doch, dass niemand von dessen Nutzung ausgeschlossen werden kann. Aber nicht nur, dass eine Menge von Leuten von dem Nutzen ausgeschlossen wurden, den die Wehrmacht schuf, viele waren sogar negativ davon betroffen. War die Wehrmacht also soetwas wie die Umweltverschmutzung – ein öffentliches Übel?

Wenn sich Leuchttürme und die Landesverteidigung, die beiden Standardbeispiele für öffentliche Güter, einer Einordnung in obige Kategorien schon entziehen, was ist dann mit anderen Phänomenen? Um in der Geschichte zu bleiben: wie sieht es eigentlich mit Konzentrationslagern aus? Waren die ein öffentliches Übel? Oder – weil sie ja nicht jeden vernichtet haben – nur ein Klubübel? Die Staatssicherheit der DDR, der deutsche Verfassungsschutz, die Berliner Mauer? Wer legt auf Grund welcher Kriterien fest, ob etwas als ein öffentliches Gut oder als öffentliches Übel bezeichnet wird? Lässt sich das überhaupt empirisch erfassen?

Okay, man könnte jetzt darüber streiten, ob und inwiefern jener Leuchtturm oder diese Landesverteidigung öffentliche Güter sind oder waren und ob meine Beispiele nicht überhaupt viel zu überspitzt, unrealistisch und ideologisch sind. Ich könnte damit kontern, dass es durchaus reale Beispiele sind und dass Wirtschaftswissenschaftler, die den Anspruch haben, sich mit realen Phänomenen zu beschäftigen, mal darüber Gedanken machen sollten, ob es vielleicht sie sind, die einer Ideologie folgen, wenn sie so tun als ob es ganz einfach wäre, einen Leuchtturm oder die Landesverteidigung als öffentliches Gut zu bezeichnen.

Was bleibt, ist die Frage auf welche Art und Weise man zu empirischen (d.h. auf Erfahrungen basierenden) Aussagen über öffentliche Güter kommen kann. Ostrom, die schon mal als diejenige Feldforscherin der Wirtschaftswissenschaftler dargestellt wird, welche die Realität in die Wirtschaftswissenschaften zurückgeholt hat,1 hat da leider, wie in meinem letzten Posting bemeckert, auch nicht so viel zu bieten.

Gibt es in den Wirtschaftswissenschaften überhaupt sowas wie Empirie – also auf Erfahrungen basierende Aussagen? Ich wage zu behaupten: nein. Das einzige „Werk“ zu diesem Thema, das ich in der Sächsichen Landes- und Universitätsbibliothek zu Dresden finden konnte, trägt den Titel „Empirische Forschung in den Wirtschaftswissenschaften : Ein Überblick“2 und hat sage und schreibe 36 Seiten.

Wenn ein Überblick über die empirische Forschung der Wirtschaftswissenschaften 36 Seiten hat, worauf basieren die Modelle und Theorien der Wirtschaftswissenschaften dann? Was bedeutet es, wenn sich die Methodendiskussion der Dissertation der aktuellen Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften auf den folgenden einen Satz beschränkt?

„The study was based primarily upon the use of documentary materials.“3

Wie, wenn nicht über Erfahrungen und die Reflexion der Methoden mit denen sie zu diesen Erfahrungen gelangen, gewinnen Wirtschaftswissenschaftler also Erkenntnisse über die Gegenstände ihres Faches? Mmm….mir fällt momentan nur Glauben ein. Sind Wirtschaftswissenschaftler also nicht mehr und nicht weniger als die Astrologen des 21. Jahrhunderts? Dann stellt sich mir die Frage: Gibt es öffentliche Güter an sich oder ist die Kategorisierung von Phänomenen in öffentlich und nicht-öffentlich nicht eher Ausdruck menschlichen Glaubens, Wünschens und Hoffens?

  1. Elinor Ostrom and a Nobel Reality Check for the Economics Field []
  2. Gebhard Kirchgässner and Marcel Savioz (1997) Empirische Forschung in den Wirtschaftswissenschaften: Ein Überblick []
  3. Ostrom, Elinor. 1965. Public Entrepreneurship: A Case Study in Ground Water Basin Management. Ph.D. thesis, University of California, Los Angeles. S.17 []

Die Blindheit der Sozialpädagogen für öffentliche Güter

Angesichts von Untersuchungen, die davon ausgehen, dass Allmenden – eine spezielle Form der öffentlichen Güter – zur Linderung sozialer Probleme beitragen, ja dass es mit ihrer Hilfe sogar möglich sei, die komplette soziale Frage zu lösen, ist es mir völlig schleierhaft, dass sich Sozialpädagogik/Sozialarbeit, die sich ja explizit mit sozialen Problemen auseinandersetzt, bisher nicht mit Allmendegütern im Speziellen bzw. mit öffentlichen Gütern im Allgemeinen beschäftigt hat, sondern immer nur nach Lösungen auf der individuellen Ebene sucht. Scheinbar schert sich diese helfende Disziplin einen feuchten Kehricht darum, inwiefern die Einhegung öffentlicher Gütern die Ursache sozialer Probleme ist oder inwiefern die Schaffung neuer öffentlicher Güter (z.B. durch die FLOSS– oder die „Freie Kultur„-Bewegung) zur Lösung sozialer Probleme beitragen kann.

Einfühlsame Gerontopädagogin mit männlichem Klienten – Im Original heißt das Bild „Blind Leading the Blind“ und stammt von Lee Mclaughlin – gefunden auf Wikimedia Commons

Warum ist die Soziale Arbeit so?

Warum beschäftigt sie sich nicht mit öffentlichen Gütern? Eine eindrucksvolle Antwort liefern Jamrozik und Nocella in ihrem Buch „The Sociology of social problems“.1

Sie vertreten die These, dass jede Gesellschaft, indem sie nach dominierenden Werte und Interessen funktioniert, so genannte negative Rückstände produziere, die die Gesellschaft potentiell bedrohen und Soziale Arbeit die Aufgabe hat, diese Bedrohung zu beseitigen, indem sie diese Rückstände aus dem Verantwortungsbereich der Gesellschaft in den Verantwortungsbereich des Individuums konvertiert.2

Dass ist natürlich ein ganz schöner Vorschlaghammer. Um das Ganze mal ein bisschen verdaulich zu machen, folgen ein paar illustrierende Beispiele:

Ich verstehe diese Aussage mit den negativen Rückständen, die entstehen indem eine Gesellschaft nach dominierenden Werten funktioniert, so, dass z.B. eine Gesellschaft in der viele Funktionen auf der Norm der heterosexuellen Zweierbeziehung aufbauen (z.B. Heiraten, Kindererziehung, Erben), erstmal einer Menge von Leuten (nämlich allen „normalen Heteros“) ein halbwegs geordnetes, sinnvolles und gutes Leben ermöglicht. Andererseits konfrontiert eine Gesellschaft, in der die heterosexuelle Zweierbeziehung ein dominierender Wert ist, auch ein paar Leute, die nicht nach diesen Werten „funktionieren“, mit Problemen. Als Beispiel fällt mir die Ausgrenzung von Homosexuellen vom Heiraten und die Tabuisierung homosexueller Praktiken in der Öffentlichkeit ein.

Ein anderes, von den Autoren gewähltes, Beispiel für die Beseitigung eines sozialen Problems aus dem Zuständigkeitsbereich des Staates ist Arbeitslosigkeit: Einmal wird sie durch unfairen Wettbewerb anderer Länder erklärt. Dann wird Arbeitslosigkeit aber auch damit erklärt, dass sie durch den Einfluss von Filmen und Moden ausgelöst wird, die junge Menschen zerstörerisch und arbeitsunwillig machen.3 Im ersten Fall wird das Problem nach Außen in den Zuständigkeitsbereich anderer Länder gedrängt und im zweiten Fall wird es den Individuen in die Schuhe geschoben.

Beim Schulausflug – Optimistisch präsentiert die Grundschullehrerin Ihren SchülerInnen ein relativ großes soziales Problem: „Zusammen schaffen wir das!“ – aufgenommen von Frank C. Müller und gefunden auf Wikimedia Commons

SozialarbeiterInnen als In-die-Schuhe-SchieberInnen?

Da solche Rückstände eine Bedrohung für die dominierenden Werte einer Gesellschaft und somit für die Gesellschaft an sich darstellen, entwickelt die Gesellschaft und ihre Regierung Interventionsmethoden, mit denen diese Rückstände so abgeschwächt, beseitigt oder aufgelöst werden können, dass die Legitimität der Gesellschaft und ihrer Werte aufrecht erhalten bleibt oder sogar noch verstärkt wird.4 Mit anderen Worten: die „negativen Rückstände“ müssen irgendwie aus dem Teil der Gesellschaft gebracht werden, für den die Regierung/der Staat zuständig ist und zwar so, dass die Legitimität der Gesellschaft und der Regierung/des Staates nicht in Frage gestellt wird.
Das kann z.B. dadurch erreicht werden, dass ein soziales Problem durch Erklärungen oder Aktionen in einen Bereich verlegt wird, in dem es der Kontrolle des Staates nicht mehr unterliegt. Oder dadurch, dass ein Problem was auf der Ebene der Gesellschaft existiert (z.B. Homophobie), auf die Ebene der Individuen verlagert wird.5
Pathologisierung und Kriminalisierung sind zwei Möglichkeiten und um beim Problem der Homosexualität in einer nach heterosexuellen Werten „tickenden“ Gesellschaft zu bleiben, sei hier erwähnt, dass sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts in Deutschland noch bis 1994 unter Strafe standen und dass es nach wie vor Diskussionen darüber gibt, wie Homosexualität zu heilen ist.

Die Autoren behaupten nun, dass Soziale Arbeit ein Mittel ist um Probleme aus der sozialen Sphäre in die private Sphäre zu verschieben. Soziale Arbeit habe nicht die Aufgabe, die sozialen Probleme zu lösen, d.h. die Ursachen für die Entstehung der negativen Rückstände zu finden und zu beseitigen – die Ursache dieser Probleme liegt ja, wie die Autoren erwähnen, in den die Gesellschaft dominierenden Werten – sondern Soziale Arbeit habe die Aufgabe diese soziale Probleme, diese Rückstände aus der gesellschaftlichen Sphäre zu entfernen und in ein persönliches Problem der betroffenen Bevölkerung zu verwandeln.6

Bleibt noch die Frage, warum sich SozialarbeiterInnen, denn nun nicht gegen diese Vereinnahmung wehren? Die Antwort ist einfach: weil sie für diese Vereinnahmung bezahlt werden. Jamrozek und Nocella schreiben dazu:

Eine häufig genutzte Methode der Intervention bei sozialen Problemen, die als bedrohlich für dominierende Werte und Interessen angesehen werden (das heißt, für die Machtstruktur), ist staatlich geförderte Forschung, entweder durch die Einrichtung spezieller Forschungsinstitute und/oder die Bereitstellung von Fonds für Forschungsprojekte, die der Kontrolle und Billigung der Träger unterworfen sind. Die Organisation der Trägerschaft solcher Forschungen zielt darauf ab, dass die geförderten Auftragsforschungen nützliche Ergebnisse erreichen, ohne die Legitimität dominanter Werte und Interessen zu hinterfragen.7

Das klingt zugegebenermaßen schon ein bisschen nach ’ner Verschwörungstheorie. Allerdings: Wenn ich mich gerade daran erinnere, wie viele Vorlesungen und Seminare ich in meinem 14-semestrigen Studium belegt habe, in denen die grundsätzlichen dominierenden Werte der Gesellschaft thematisiert wurden, kann ich die an einer Hand abzählen.

Laut Jamrozeck und Nocella wird die politische Natur sozialer Probleme durch solche Forschung in ein technisches Problem verwandelt um sie dann im nächsten Schritt in ein persönliches Problem zu verwandeln.8
So wird m.E. das Problem der strukturellen Arbeitslosigkeit in die Frage verwandelt: „Wie muss man Arbeitslose am besten erziehen, damit sie wieder arbeiten?“
Bei diesem letzten Schritt assistieren dann, laut den Autoren, die Sozialpädagogen. Sie machen den Betroffenen durch Intervention (Beratung, Therapie) klar, dass die Lösung des Problems in ihrem Verantwortungsbereich liegt.

Dieser Punkt illustriert das ‚Dilemma des Helfens‘, insofern, dass die professionelle Intervention, während sie versucht negative Effekte oder ’negative Rückstände‘ zu beseitigen, auch dazu dient diese Politik zu legitimieren.9

Ich finde das als künftiger Sozialpädagoge ganz schön gruslig und plötzlich ist auch klar, warum sich Sozialpädagogen in Theorie und Praxis nicht für öffentliche Güter interessieren: Über deren Einhegung, Schaffung oder Abschaffung wird häufig politisch in der Sphäre der Gesellschaft entschieden. Die Probleme mit denen sich Soziale Arbeit beschäftigt liegen aber im Bereich der Individuen. Sozialpädagogen helfen Individuen und haben dabei kaum Zeit, mal danach zu schauen, ob Ursachen der Probleme ihrer Klienten eventuell gesellschaftlich bedingt sind.

Natürlich gibt es Ausnahmen, die sich mit Auswirkungen öffentlicher Güter auf soziale Probleme und persönliches Wohlergehen beschäftigen, wie ich in den Beiträgen über Stefan Thomas‘ Untersuchung zum Berliner Szenetreffpunkt Bahnhof Zoo, Gisela Notz‘ Solidarische Ökonomien oder Mancur Olsons Logik des kollektiven Handelns zu zeigen versuche. Auch kenne ich einige Sozialpädagogen, die sich in ihrer Freizeit (!) politisch in großem Maßstab engagieren. Nur sind das meines Erachtens zu wenige Beiträge um soziale Probleme nachhaltig zu lösen. Was ich niemandem vorwerfen kann, denn auch ich werde als Sozialpädagoge in spe nach meiner Arbeit als staatlich geförderter Probleme-in-die-Schuhe-Schieber gerne mal Feierabend haben.

  1. Jamrozik, Adam. & Nocella, Luisa (1998) The sociology of social problems : theoretical perspectives and methods of intervention. Cambridge University Press []
  2. ebd. S.103 ff. []
  3. ebd. S.103 []
  4. ebd. S.105 []
  5. ebd. S.103 []
  6. ebd. S.106 []
  7. ebd. S.105 – Übers. aus dem Englischen: der Autor []
  8. ebd. S.106 []
  9. ebd. S.107 []