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Über öffentliche Güter, private Übel, Straßen und Soziale Arbeit

Über den Jahreswechsel habe ich mit dem Bus ein paar Ausflüge in und um Dresden gemacht. Dabei fielen mir auf der Grundstraße – der stark befahrenen sächsischen Staatsstraße 167 im Dresdner Osten – dutzende von Plakaten auf, mit denen Anwohner gegen Gebühren protestieren, die sie für den Ausbau der Straße bezahlen sollten. Ich stieg aus und sah mir die Sache mal von Näherem an. Folgendes Plakat hat dabei als erstes meinen Blick gefangen:

Global denken, lokal protestieren

Global denken, lokal protestieren

Da vor dem Haus gerade ein Mann auf dem Bürgersteig Schnee schippte, habe ich ihn gefragt, … Continue reading ‘Über öffentliche Güter, private Übel, Straßen und Soziale Arbeit’

VoKüs als Antwort auf die Krise des Wohlfahrtsstaates?

Resümee des ersten Kapitels meiner Diplomarbeit zum Thema “Kollektives Handeln in VoKüs”:

What the fridge sind VoKüs?

In ihrem Wirken könnten Volxküchen auf den ersten Blick eine etwas chaotische Ergänzung oder Konkurrenz zu den Suppenküchen darstellen, einer Einrichtung der Wohlfahrt, in denen sogenannte Bedürftige für wenig Geld eine warme Mahlzeit bekommen können.
Auch zu den meist in pulsierenden Stadtvierteln großer Städte gelegenen Suppenbars, welche Suppe für etwa 3 bis 5 Euro verkaufen, ließe sich über die Suppenküchen eine Verbindung zu den Volxküchen herstellen.
Während Suppenküchen jedoch in der Regel von klassischen Institutionen der Wohlfahrt wie der „Volkssolidarität“, der „Caritas“, der „Arbeiterwohlfahrt“ oder kleineren Institutionen, wie Klöstern, Kirch- oder Stadtgemeinden betrieben werden und somit von staatlichen, kirchlichen oder kommunalen Förderungen abhängig sind und Suppenbars marktwirtschaftlich arbeitende Privatunternehmen darstellen, scheinen Volxküchen – geschrieben mit „x“ – weder von staatlichen noch marktwirtschaftlichen Einflüssen und Prinzipien geleitet zu sein.
Vielmehr scheint es das freiwillige Engagement und der Spaß junger Leute einer bestimmten Szene oder Subkultur zu sein, denen die Existenz und die Form dieser Nahrungsversorgung zu verdanken ist.
Mit den warmen Mahlzeiten, die in Volxküchen für ein geringes Entgelt verkauft werden, gelingt es somit scheinbar unabhängig von staatlichen, kirchlichen oder privaten Fördergeldern etwas herzustellen, das zumindest vom Aspekt des Nährwertes und Preises betrachtet mit Produkten der Wohlfahrt vergleichbar ist.

Was hat Sozialpädagogik damit zu tun?

Der Staat scheint sich seit einiger Zeit verstärkt aus der Organisation des Sozialen und der Wohlfahrt zurückzuziehen. Die freiwerdenden Räume werden scheinbar zunehmend von Anbietern gefüllt, die privatwirtschaftlich organisiert sind, oder von öffentlichen Einrichtungen, die sich nach mehr und mehr marktwirtschaftlichen Werten und Prinzipien orientieren. Dabei wird Soziale Arbeit zunehmend verwickelt in eine zunehmend an Kraft gewinnende Kommodifizierung (d.h. in ein zur Ware-Machen von bisher nicht Warenförmigem) des Sozialen. Effizienz, Qualitätsmanagement, Kostensenkung etc. sind Begriffe die in diesem Rahmen in der Sozialen Arbeit an Bedeutung zu gewinnen scheinen.

Einige der in Praxis und der Theorie der Sozialen Arbeit beschäftigten Menschen beklagen diese Entwicklung, die aus ihrer Perspektive zu einer Privatisierung und Re-Familiarisierung gesellschaftlicher Probleme,1 einer Spaltung der Gesellschaft und einem damit verbundenen Ausschluss von Menschen führt, die den Zugang zu Arbeit, Ressourcen und Partizipation verlieren.2 Soziale Arbeit und Pädagogik scheinen sich dabei immer stärker an organisatorischen Anforderungen und Interessen zu orientieren, als an denen von Menschen3 sowie “zu einem Erfüllungsgehilfen konkurrierender Wachstumsphantasien individueller Lebensläufe” zu werden.4 Ebenso scheint Soziale Arbeit ihrem Anspruch nicht mehr gerecht zu werden, aus dem kapitalistischen System Herausgefallene zu unterstützen5 und sogar, ihre grundlegenden Aufgaben wie Schutz und Ausbau der Menschenrechte aufzugeben und dabei ihre Fähigkeit zu opfern, sich mit ihren zentralen Fragen zu beschäftigen.6 Teilweise trägt Soziale Arbeit in diesem Prozess sogar zur Verdrängung von so genannten Randgruppen aus bisher öffentlichen und zunehmend privatisierten Räumen bei.7

So what?

Da sich der Staat aus der Schaffung von Wohlfahrt und Sozialer Arbeit also zurückzuziehen scheint und nur noch lenkt, wie andere Wohlfahrt und Soziale Arbeit organisieren (man spricht davon, dass der Staat nicht mehr rudert, sondern nur noch am Steuer steht) und einige Autoren die zunehmende Ausrichtung von Wohlfahrt und Sozialer Arbeit an marktwirtschaftlichen Prinzipien als problematisch empfinden, gibt es Überlegungen Soziale Arbeit und Wohlfahrt unabhängig von Staat und Markt zu organisieren.

Interessant!

Ein Resultat dieser Überlegungen ist das Nachdenken über und Schaffen von Wirtschafts- und Lebensformen, die unabhängig vom Staat und nicht nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionieren. Genannt werden diese Ansätze u.a. solidarische Ökonomie,8 Gemeinwesenökonomie,9 alternative Ökonomie,10 oder lokale Ökonomie11.
Die Autoren erhoffen sich von diese Ansätzen, dass Wirtschaften in anderem Maße zu einer anderen Art von Wohlstand beitragen kann, als das im Rahmen der Marktwirtschaft möglich zu sein scheint. Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie die von Markt und Staat produzierten Mängel und Schwächen in der Sicherung des Sozialen zu bewältigen versuchen, indem sie nach nicht vom Staat vorgegebenen und nicht-marktwirtschaftlichen Prinzipien zu funktionieren trachten.
Für Kunstreich z.B. stellen Sozialgenossenschaften eine Möglichkeit dar, „das Ökonomische vom Sozialen her zu denken“,12 d.h., von der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen individuelle und kollektive Verfügungsmacht über Ressourcen zugänglich zu machen, die ihren Ausschluss aufheben und zwar auf eine Art und Weise, die „nicht mit dem Zwang zu hegemonialer ’Normalität’ verbunden sind, sondern die soziale Eigensinnigkeit dieser Menschen und ihre Teilhabe an den universellen Rechten sichern.“13
Weitere Beispiele solcher nicht-staatlich und nicht-marktwirtschaftlich organisierter Lebens- und Wirtschaftsformen sehen die Autoren in Genossenschaften, wie z.B. in der Trierer “Wohnungsgenossenschaft Am Beutelweg” oder der weltgrößten Genossenschaft Mondragon.

Die ZENTRALE Frage

(Trommelwirbel) Die zentrale Frage die sich mit diesen nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaflichen Wirtschaftsformen verbindet, ist: Was lässt sie gelingen und was lässt sie scheitern? Die empirischen Untersuchungen dazu sind recht dünn, bzw. nicht vorhanden.14 Was schade ist, da es für ein paar Leute vielleicht interessant wäre zu wissen, warum denn jetzt dieses oder jenes Projekt an den Baum gegangen ist.
Für mich heißt das: VoKüs als eine Form der selbstorganisierten, nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Ökonomie zu betrachten und versuchen herauszufinden, was VoKüs gelingen lässt und unter welchen Bedingungen sie scheitern.

Wie soll das gehen?

Um herauszufinden wie und warum solche Formen der selbstorganisierten, nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Ökonomien scheitern bzw. gelingen, sollen VoKüs

  1. unter dem Gesichtspunkt von Mancur Olsons “Logik des kollektiven Handelns”15 und
  2. unter dem Aspekt der Analyse von Allmenderessourcen wie sie von Elinor Ostrom diskutiert wird16

betrachtet werden.

Mit anderen Worten

Um herauszufinden wie VoKüs in Zeiten eines sich zurückziehenden Wohlfahrtsstaates als eine Form der selbstorganisierten nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Form sozialer Sicherung funktionieren, betrachte ich VoKüs als Resultat kollektiven Handelns und als Allmende. Mit den Modellen dieser beiden Ansätze hoffe ich das Scheitern bzw. Gelingen von VoKüs und damit auch von unabhängig von Markt und Staat funktionierenden Wirtschaftsformen erklären zu können. Wäre toll, wenn dabei was rauskäme, was auch für Leute die VoKüs machen oder machen wollen interessant ist.

  1. vgl. Notz, Gisela. 2009. Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen. In: Kessl, Fabian und Otto, Hans-Uwe (Hrsg.), Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven. Weinheim und München: Juventa Verlag. []
  2. Thiersch, Hans. 2002. Positionsbestimmungen der Sozialen Arbeit : Gesellschaftspolitik, Theorie und Ausbildung. Edition Soziale Arbeit. Weinheim: Juventa-Verlag. S.22 []
  3. vgl. Herrmann, Peter. 2005. Social Services under economic threat. Pages 215–225 of: et. al. [Hrsg.] Thole, Werner (Hrsg.), Soziale Arbeit im öffentlichen Raum : Soziale Gerechtigkeit in der Gestaltung des Sozialen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.215 []
  4. Böhnisch, Lothar, & Schröer, Wolfgang. 2001. Pädagogik und Arbeitsgesellschaft : Historische Grundlagen und theoretische Ansätze für eine sozialpolitisch reflexive Pädagogik. Weinheim und München: Juventa Verlag. S.173 []
  5. vgl. Notz (2009) S.207 []
  6. Elsen, Susanne. 2007. Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag, Weinheim und München. S.11 []
  7. Simon, Titus. 2006. Öffentlichkeit und öffentliche Räume – wem gehört die Stadt? []
  8. Notz, Gisela. 2009. Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen. In: Kessl, Fabian und Otto, Hans-Uwe (Hrsg.), Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven. Weinheim und München: Juventa Verlag. []
  9. Elsen, Susanne. 2007. Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag, Weinheim und München. []
  10. Daviter, Jürgen. 1995. Alternative Ökonomien und Kollektivgüter. In: Flieger, Burghard (Hrsg.), Gemeinsam mehr erreichen : Kooperation und Vernetzung alternativökonomischer Betriebe und Projekte. Beiträge zur Demokratieentwicklung von unten ; Materialien der AGSPAK ; 123. München: AG-SPAK-Bücher. []
  11. Sahle, Rita (Hrsg.). 2001. Lokale Ökonomie : Aufgaben und Chancen für die soziale Arbeit. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit ; 8. Freiburg i. Br.: Lambertus. []
  12. Kunstreich, Timm. 2006. Klientin – Kundin – Nutzerin – Genossin?!
    Pages 241–259 of: Böllert, Karin [Hrsg.] (Hrsg.), Die Produktivität des Sozialen – den sozialen Staat aktivieren : Sechster Bundeskongress Soziale Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.250 []
  13. ebd. []
  14. vgl. Notz S.218f. []
  15. Olson, Mancur. 1998. Die Logik des kollektiven Handelns – Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen. Tübingen: Mohr Siebeck. []
  16. Ostrom, Elinor. 1999. Die Verfassung der Allmende : jenseits von Staat und Markt. Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften ; 104. Tübingen: Mohr Siebeck. []

Sozialarbeiterin Ostrom

Ja ich weiß, ich erwecke den Anschein ein Ostromianer zu sein. Egal, denn ich fühle mich gut dabei.

Gerade hatte ich einen kleinen Endorphinausstoß, als ich nämlich beim Schreiben meiner Diplomarbeit die Nobelpreisträgerin Ostrom mit ins Spiel brachte. Natürlich habe ich deren Verwicklung in meine Arbeit schon von langer Hand geplant, denn die grobe These meiner Diplomarbeit ist ja, dass Allmenden diverse Funktionen in der ökonomischen und sozialen Versorgung ihrer Nutznießer haben und daher in einem konkurrierenden oder ergänzenden Verhältnis zu Sozialer Arbeit stehen, die sich ja bekanntlich auch damit beschäftigt soziale Probleme zu lösen, zu lindern oder zu verhindern.
Und da die feine These meiner Arbeit ist, dass VoKüs eine Form der urbanen Allmende darstellen, beginne ich soeben gerade VoKüs mit den Augen von Elinor Ostrom zu begucken – was ziemlichen Spaß macht.

Warum tue ich das überhaupt? Das Ziel meiner Arbeit ist es, einerseits sowas wie Wissen über VoKüs zu produzieren – die von Ostrom geprägte Allmendeforschung scheint mir da geeignete Werkzeuge zu liefern – und dieses Wissen andererseits mit Ansätzen aus der feministischen Allmendeforschung (gibt es die überhaupt?) zu kombinieren und somit um die Perspektive der Subjekte bereichern (geht das überhaupt?).

Über Susanne Elsens “Ökonomie des Gemeinwesens”

In Ergänzung zu einer bereits vorhandenen Rezension zu Susanne Elsens im Jahr 2007 bei Juventa erschienenem Buch “Die Ökonomie des Gemeinwesens. Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung” soll hier vor allem auf die entbettete Ökonomie und Susanne Elsens Versuch der Rückbettung durch die Förderung und Schaffung von Ökonomien der Gemeinwesen eingegangen werden. Außerdem soll, ausgehend von der Kritik der Autorin an den klassischen Wohlfahrtsorganisationen, eine Erweiterung der sozialpädagogischen Perspektive um Theorien des kollektiven Handelns und der Gemeingüter vorgeschlagen werden.

Ich möchte die Autorin als eine Art Pionierin der deutschsprachigen Gemeinwesenökonomie bezeichnen und bin ihr recht dankbar dafür, dass sie mit ihrer Arbeit eine (wenn auch noch etwas wacklige) Brücke zwischen den Theorien der öffentlichen Güter und Theorien der Sozialen Arbeit schlägt.

Kurz zur Struktur des Buches: Dieses nimmt seinen Ausgang in der Beschreibung eines umfassenden Problems, mit dem sich die Autorin im ersten Teil zunächst theoretisch auseinandersetzt und für welches sie im Zweiten Teil konkrete praktische Lösungen nennt und sich kritisch mit diesen Lösungen auseinandersetzt. So möchte ich auch die Kritik zu Susanne Elsens Buch in zwei Teile teilen:

Zu Teil 1 – Makro

Das Problem mit dem sich die Autorin im ersten Teil des Buches beschäftigt, wird von ihr, in Anlehnung an den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi, entgrenzte Ökonomie genannt. Mit entgrenzter oder “entbetteter” Ökonomie wird ein von seinen sozialen Funktionen und Zusammenhängen losgelöstes Funktionieren eines Wirtschaftssystems bezeichnet. Ein solches System selbst und auch seine Produkte dienen, laut Kritkern wie Polanyi, Bordieu oder Negt nicht mehr der Gesellschaft, die es entwickelt hat, sondern lasse im Gegenteil die Gesellschaft ihre Werte dem Automatismus dieses Wirtschaftssystems unterordnen und zwinge dazu, dass sich immer mehr Vorgänge des gesellschaftlichen Lebens nach den Logiken dieses Wirtschaftssystems organisieren. Dabei attestiert Elsen – man ahnt es schon – dem gegenwärtige dominierenden Wirtschaftssystem genau diese Merkmale: das real-existierende marktwirtschaftliche System unterwerfe mehr und mehr Lebensvorgänge der Logik des Wettbewerbes, des Profits und des monetären Gewinns und definiere Begriffe wie Vernunft, Rationalität, Zweckmäßigkeit und Nutzen dabei ausnahmslos auf der Basis dieser Logik.

Sie kritisiert eine solche Art des Wirtschaftens, dessen Ziel nicht mehr die Erwirtschaftung des menschlichen Lebensunterhaltes sei, sondern das Wachstum von Geld um des Wachstums des Geldes willen und weißt darauf hin, dass diese Art der Ökonomie die Folgekosten, die für die Systeme Gesellschaft und Ökologie entstehen, ignoriere und diese Systeme damit entwerte.

Sie stellt dar, dass die Ökonomie (Wirtschaft) als solche und die momentan dominante, entbettete Ökonomie (Wirtschaftssystem) zwei unterschiedliche Sachen sind: – erstere meint die Gesamtheit der Handlungen, die zur Deckung des menschlichen Lebensunterhaltes nötig sind, während letzteres ein Konstrukt darstellt, das Realität wurde, als man Modelle der Neoklassik mit der Realität gleichsetzte, die man eigentlich mit Hilfe der Modelle zu erklären versuchte.1

Hin und wieder würzt sie ihre Argumentation mit dem Verweis auf Probleme, die sie als Folge des gegenwärtig dominanten, von den Sozialbeziehungen entbetteten Wirtschaftssystems sieht: Die Zerstörung sozialer, ökonomischer, kultureller und ökologischer Vielfalt durch die Unterdrückung gemeiner Rechte, das Verschwinden und die Entwertung alternativer, nicht-marktförmiger Formen von Produktion und Konsumtion, Raubbau an globalen Gemeingütern, etc. pp.
Erfreulicherweise kommt sie dabei ohne Schuldzuweisungen aus, verfällt nur hin und wieder etwas ins Plädoyer-Hafte:

Die Erhaltung und Erschließung der Pluralität ökonomischer Tätigkeiten auch jenseits marktvermittelter Erwerbsarbeit und eine bewusste Stärkung der Vielfalt der Ökonomien, die der sozialen Integration, Bedarfsdeckung und Existenzsicherung der lokalen Bevölkerung und der Zukunftsfähigkeit der Gemeinwesen dienen, ist eine vorrangige gesellschaftspolitische Aufgabe. 2

Ausgehend von der Annahme, “dass das westliche Wachstumsmodell aufgrund der physischen Grenzen der Ausbeutbarkeit und Belastbarkeit des Planeten keine Zukunft hat”3 und einem allgemeinen Misstrauen in die ganzheitlichen Selbstregulierungskräfte des Marktes versucht sie Alternativen zu den Denkfiguren der Neoklassik, zum Primat der Ökonomie und damit zum System einer entgrenzten Ökonomie zu beschreiben und mit Leben zu füllen.
Dabei geht sie auf die Modelle des homo cooperativus und homo oecologicus ein und erklärt die Ansichten und Theorien von Wirtschaftswissenschaftlern, die das Paradigma des homo oeconomicus kritisieren, wie dem Wirtschaftsnobelpreisträger und Chefökonom der Weltbank Joseph Stieglitz, (der in Re-regulierung zugunsten eines selbstorganisierten kollektiven Handelns statt Deregulierung die Lösung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme sieht) , Herman Daly (einem Ökonom, der meint, dass steigender Wohlstand auch mit einem sinkenden BIP vereinbar sein kann) oder “Mikrokrediterfinder” Muhammad Yunus.

Zu Teil Zwei – Mikro

Nachdem die Autorin im ersten Teil des Buches die Funktionen und die Folgen des gegenwärtig dominanten, entbetteten Wirtschaftssystems schildert, damit das Bild einer allgegenwärtigen und alles durchdringenden dysfunktionalen Wirtschaft zeichnet und sich mit Alternativen auf der Makro-Ebene beschäftigt, pickt sie sich im zweiten Teil kleinere Aspekte dieses Wirtschaftssystems heraus und versucht Alternativen für diese zu finden und zu beschreiben.

Dabei geht sie insbesondere auf Tauschringe, Lokalgeld und Komplementärwährungen, Genossenschaften und die Schwierigkeiten des Genossenschaftswesens in Deutschland sowie auf Alternativen zur Erwerbsarbeit, Mikrokredite und auf die Entstehung neuer sozialer Bewegungen (insbesondere in Lateinamerika) ein, die sie mit vielen Beispielen illustriert. Oft gelingt es ihr, die Geschichte und die Gegenwart dieser Institutionen recht spannend zu schildern und obwohl sie dabei hin und wieder ein bisschen ins Schwärmen gerät und manchmal den Eindruck erweckt, diese Beispiele einer Alternativökonomie ein wenig zu rosig und enthusiastisch zu sehen, weißt sie immer wieder auf Widersprüche und dunkle Seiten dieser Alternativen hin. So meint sie z.B. zu den Mikrokrediten der vom bengalischen Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus gegründeten genossenschaftlichen Grameen-Bank, die sie als eine von vielen möglichen Lösungen für die Verschuldung armer Menschen der sog. Dritten Welt sieht:

Neben allen positiven Effekten müssen potenzielle Gefahren berücksichtigt werden, die mit diesem Lösungsansatz verbunden sind. Es besteht z.B. die Gefahr, dass traditionelle gemeinschaftszentrierte Formen des Wirtschaftens und noch bestehende Subsistenzstrukturen zugunsten der Produktion für den Markt vernachlässigt und zerstört werden. Das Programm bietet die Möglichkeit, sich als Kleinkapitalistin zu bewähren und dies zieht naturgemäß Wettbewerb, Verdrängung, Marktengpässe und Preiszusammenbrüche nach sich.4

Sehr gut gefällt mir, dass die Autorin immer wieder auf die zweifelhafte und systemstützende Rolle der Sozialen Arbeit und der klassischen Wohlfahrtsorganisationen hinweist. Diese seien mitverantwortlich für die Verhinderung kooperativer Selbstorganisation:

Die Selbstorganisation im Sozialbereich und damit die Emanzipation der AdressatInnen stehen dem Interesse der Vertreter der organisierten Lobby der Benachteiligten entgegen – eine scheinbar absurde Situatuion. Bis heute gibt es keine Voraussetzungen für kooperative Selbsthilfe im Sozialbereich, z.B. in Form von Sozialgenossenschaften als eigenständige Alternativen zu den Angeboten der Wohlfahrtsverbände.5

Eine große Leistung der Autorin ist es an dieser Stelle, auf Sozialgenossenschaften hinzuweisen und damit etwas zu zeigen, das es nicht gibt und es damit überhaupt erstmal denkbar zu machen.

Doch – weil man sowas nicht allzu oft liest – nochmal zurück zu ihrer Kritik an den bestehenden Formen der westlichen Wohlfahrt:

Die zumeist individualisierenden Diagnosen und Bearbeitungsweisen gesellschaftlicher Exklusionsfolgen, die Soziale Arbeit auf den Plan rufen, degradieren AdressatInnen zu Objekten, ohne dass [...] Ziele und Lösungswege entwickelt werden können. Mit dieser professionellen Haltung verstärkt Soziale Arbeit die Folgen systembedingter Exklusionseffekte.6

Sie erklärt unter Verweis auf die individualisierenden “Lösungsansätze” von Wohnungslosigkeit vieler v.a. kirchlich getragener Hilfesysteme, dass soziale Einrichtungen vom Elend derjenigen leben, welches von dem gegenwärtig dominierenden Wirtschaftssystem produziert wird, dass sich klassische Wohlfahrtsorganisationen in diesem System eingerichtet haben und dass man daher von klassischen Wohlfahrtsorganisationen keinen Beitrag zu sozialpolitischer Innovation erwarten könne.7

Das ist starker Tobak, mit dem sich die Autorin bei den VertreterInnen der Sozialen Arbeit und der Wohlfahrtsträger nicht unbedingt Freunde machen wird, aber das ist wahrscheinlich auch nicht ihr Anliegen.

Die Autorin weist jedoch darauf hin, dass es auch im Bereich der Sozialen Arbeit Möglichkeiten gibt, Prozesse der Selbstorganisation zu unterstützen: Im Rahmen der Gemeinwesenarbeit, insbesondere in den Formen des community organizing, die Saul Alinsky formte und aufbaute und der “Pädagogik der Unterdrückten”, wie sie von Paolo Freire proklamiert und gelehrt wurde, sieht sie Möglichkeiten für sozialarbeiterisch Interessierte als Professionelle Community-Organizer Benachteilige dazu mobilisieren, sich wieder für eigene Belange zu interessieren und sich zu organisieren um ihre Interessen zu vertreten. Professionelle Community-Organizer können zu Empowerment und Emanzipation derjenigen Menschen beitragen, die von einem global agierenden System der ungerechten Umverteilung von Ressourcen, Macht und Einflussnahme hilflos gemacht wurden.

Damit gibt die Autorin den SozialpädagogInnen durchaus die Chance “auch in den Industriestaaten auf der Basis der Analyse der veränderten sozialökonomischen Bedingungen zukunftsfähige Alternativen zu finden und Residuen [Reste - d.A.] sozial eingebundenen Wirtschaftens im lokalen Raum als Zukunftsmodelle zu erkennen.”8 und darauf aufbauend „Ansätze der Arbeit in und mit Gemeinwesen, die in den letzten Jahrzehnten und in vielen Weltregionen entwickelt wurden, […] für die Suche nach einer zeitgemäßen Handlungstheorie zu adaptieren.“9

Dass mehr als eine Handvoll der sozialarbeiterisch Beschäftigten diese Hoffnungen in der Praxis erfüllen können und wollen, wage ich zu bezweifeln. Zu stark scheint mir ihr Streben nach dem Wohlstand der bürgerlichen Mitte zu sein, um sich für alternative Ökonomien zu engagieren. Dank Susanne Elsens Buch können sie nun aber nicht mehr sagen, sie hätten nicht gewusst, Funktionäre eines Systems zu sein, welches nach neoklassischen und neoliberalen Prinzipien arbeite und dafür den Verfall von Gemeinwesen, die Behinderung von Selbstorganisation und die Zerstörung der Vielfalt sozialer, ökonomischer, ökologischer und kultureller Formen in Kauf nehme.

Was ich vermisse

Gerade angesichts des Gedanken, dass es zur weiteren Gemeinwesenentwicklung nötig sei, Ansätze zu adaptieren, die in und mit bestehenden Gemeinwesen entwickelt wurden, fehlt mir die Auseinandersetzung mit Jahrhunderte alten und immer noch existierenden (Resten von) Gemeinwesenökonomien, wie z.B. den Allmenden oder den Gemeinschaftswäldern. Außerdem hätte ich mir die Berücksichtigung von Gemeinwesenökonomien die abseits des sozialpädagogischen Mainstreams liegen gewünscht, wie z.B. Open Source/Freie Software oder die Wissensallmende. Insbesondere die Arbeiten von Ursula Holtgrewe und Charlotte Hess über die Praktiken dieser gut funktionierenden Formen der Gemeinwesenökonomie sind m.E. von unschätzbarem Wert bei der Beantwortung der Frage, ob und wie sich das gegenwärtig dominierende Wirtschaftssystem in seine sozialen und ökologischen Beziehungen rückbetten lässt.

Beachtung hätten meiner Meinung nach auch Mancur Olsons “Logik des kollektiven Handelns” und Elinor Ostroms Arbeiten über die Selbstverwaltung von Allmenderessourcen finden sollen. Während olle Mancur zu erklären versucht, warum es für manche Gruppen schwierig, ja nahezu unmöglich sein kann, ein angestrebtes Ziel zu erreichen, zeigt sich in Ostroms Arbeiten, wie die internen Problemen der Institutionen gelöst werden könnten, die für Susanne Elsen eine so wichtige Alternative zur globalen Marktwirtschaft schaffen können: die selbstverwalteten und lokalen Betriebe, Gemeinden und Subsistenzsysteme.

Noch zwei eher technische Kritikpunkte:

  1. Ein Sach- und Personenregister würde den LeserInnen des Buches ungemein helfen, spannende Textstellen wiederzufinden und Lust machen, im Buch nach neuen und interessanten Begriffen zu stöbern.
  2. Autoren, die es Ernst meinen mit ihrer Kritik an einem System, welches nur nach der Logik des Marktes funktioniert, sollten Ihre Bücher unter eine freie Lizenz stellen und (z.B. im Rahmen der Open Access-Bewegung) als Volltext im Internet veröffentlichen. Das spart einerseits materielle Ressourcen im Sinne einer nachhaltigen und umweltschonenden Wirtschaftsweise und erleichtert im Sinne von Emanzipierung und Empowerment andererseits vielen Menschen den Zugang und die Teilhabe an nicht materiellen Ressourcen.

Schlussbetrachtung

Susanne Elsen, die sich in ihrem Buch für eine Vielfalt wirtschaftlichen Handelns ausspricht und nach Möglichkeiten sucht alternative Ökonomien zu denken, zu erhalten und auszubauen, bündelt hier Theorien der Sozialpolitik, der Wirtschaftstheorie und des Gemeinwesens und ist somit recht breit angelegt. Für ein “Wirtschaftsbuch” ist es erstaunlich untheoretisch, für ein “Sozialpädagogikbuch” sehr Ökonomie-lastig und beides ist an dieser Stelle als Kompliment gemeint.

Dabei bleibt das Werk nicht immer systematisch, ist voller Wiederholungen und mit seinen fast schon dogmatischen Plädoyers für mehr Vielfalt der Wirtschafts-, Organisations- und Lebensformen eigentlich ziemlich unwissenschaftlich (wenn man davon ausgeht, dass Wissenschaft wertfrei ist, was man nicht tun muss).

Ich bin Susanne Elsen für dieses Buch dankbar. Es ist ein gewagter und wichtiger sozialpädagogischer Schritt in das, für die professionellen Helfer bisher scheinbar uninteressante, Feld der Gemeingüter und des kollektiven Handelns.
Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der sich fragt, wie Alternativen zum gegenwärtig dominierenden Wirtschaftssystem gedacht werden und aussehen können. Dem sozialarbeiterisch interessierten Leser zeigt Frau Elsen, dass Sozialpädagogik mehr sein kann, als die Krankenschwester/der Krankenpfleger des Kapitalismus.
Aber auch die kritische Wirtschaftswissenschaftlerin, der interessierte Geograph oder vielleicht sogar der frustrierte Hartz-IV Case-Manager wird in diesem Buch wertvolle Anregungen zu einem Wirtschaftsbegriff finden, der ein Denken und Handeln jenseits von Shareholder-Value, Corporate Social Responsibility, städtebaulicher Aufwertung und Eingliederungsvereinbarung möglich macht.

  1. Vgl. Elsen, Susanne (2007) Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Weinheim und München, Juventa. S.15 []
  2. ebd. S.26 []
  3. ebd. []
  4. ebd. S.253 []
  5. ebd. S.190 []
  6. ebd. S.125 []
  7. Vgl. ebd. S.192 []
  8. ebd. S.315 []
  9. ebd. []

Die Blindheit der Sozialpädagogen für öffentliche Güter

Angesichts von Untersuchungen, die davon ausgehen, dass Allmenden – eine spezielle Form der öffentlichen Güter – zur Linderung sozialer Probleme beitragen, ja dass es mit ihrer Hilfe sogar möglich sei, die komplette soziale Frage zu lösen, ist es mir völlig schleierhaft, dass sich Sozialpädagogik/Sozialarbeit, die sich ja explizit mit sozialen Problemen auseinandersetzt, bisher nicht mit Allmendegütern im Speziellen bzw. mit öffentlichen Gütern im Allgemeinen beschäftigt hat, sondern immer nur nach Lösungen auf der individuellen Ebene sucht. Scheinbar schert sich diese helfende Disziplin einen feuchten Kehricht darum, inwiefern die Einhegung öffentlicher Gütern die Ursache sozialer Probleme ist oder inwiefern die Schaffung neuer öffentlicher Güter (z.B. durch die FLOSS- oder die “Freie Kultur“-Bewegung) zur Lösung sozialer Probleme beitragen kann.

Einfühlsame Gerontopädagogin mit männlichem Klienten – Im Original heißt das Bild “Blind Leading the Blind” und stammt von Lee Mclaughlin – gefunden auf Wikimedia Commons

Warum ist die Soziale Arbeit so?

Warum beschäftigt sie sich nicht mit öffentlichen Gütern? Eine eindrucksvolle Antwort liefern Jamrozik und Nocella in ihrem Buch “The Sociology of social problems”.1

Sie vertreten die These, dass jede Gesellschaft, indem sie nach dominierenden Werte und Interessen funktioniert, so genannte negative Rückstände produziere, die die Gesellschaft potentiell bedrohen und Soziale Arbeit die Aufgabe hat, diese Bedrohung zu beseitigen, indem sie diese Rückstände aus dem Verantwortungsbereich der Gesellschaft in den Verantwortungsbereich des Individuums konvertiert.2

Dass ist natürlich ein ganz schöner Vorschlaghammer. Um das Ganze mal ein bisschen verdaulich zu machen, folgen ein paar illustrierende Beispiele:

Ich verstehe diese Aussage mit den negativen Rückständen, die entstehen indem eine Gesellschaft nach dominierenden Werten funktioniert, so, dass z.B. eine Gesellschaft in der viele Funktionen auf der Norm der heterosexuellen Zweierbeziehung aufbauen (z.B. Heiraten, Kindererziehung, Erben), erstmal einer Menge von Leuten (nämlich allen “normalen Heteros”) ein halbwegs geordnetes, sinnvolles und gutes Leben ermöglicht. Andererseits konfrontiert eine Gesellschaft, in der die heterosexuelle Zweierbeziehung ein dominierender Wert ist, auch ein paar Leute, die nicht nach diesen Werten “funktionieren”, mit Problemen. Als Beispiel fällt mir die Ausgrenzung von Homosexuellen vom Heiraten und die Tabuisierung homosexueller Praktiken in der Öffentlichkeit ein.

Ein anderes, von den Autoren gewähltes, Beispiel für die Beseitigung eines sozialen Problems aus dem Zuständigkeitsbereich des Staates ist Arbeitslosigkeit: Einmal wird sie durch unfairen Wettbewerb anderer Länder erklärt. Dann wird Arbeitslosigkeit aber auch damit erklärt, dass sie durch den Einfluss von Filmen und Moden ausgelöst wird, die junge Menschen zerstörerisch und arbeitsunwillig machen.3 Im ersten Fall wird das Problem nach Außen in den Zuständigkeitsbereich anderer Länder gedrängt und im zweiten Fall wird es den Individuen in die Schuhe geschoben.

Beim Schulausflug – Optimistisch präsentiert die Grundschullehrerin Ihren SchülerInnen ein relativ großes soziales Problem: “Zusammen schaffen wir das!” – aufgenommen von Frank C. Müller und gefunden auf Wikimedia Commons

SozialarbeiterInnen als In-die-Schuhe-SchieberInnen?

Da solche Rückstände eine Bedrohung für die dominierenden Werte einer Gesellschaft und somit für die Gesellschaft an sich darstellen, entwickelt die Gesellschaft und ihre Regierung Interventionsmethoden, mit denen diese Rückstände so abgeschwächt, beseitigt oder aufgelöst werden können, dass die Legitimität der Gesellschaft und ihrer Werte aufrecht erhalten bleibt oder sogar noch verstärkt wird.4 Mit anderen Worten: die “negativen Rückstände” müssen irgendwie aus dem Teil der Gesellschaft gebracht werden, für den die Regierung/der Staat zuständig ist und zwar so, dass die Legitimität der Gesellschaft und der Regierung/des Staates nicht in Frage gestellt wird.
Das kann z.B. dadurch erreicht werden, dass ein soziales Problem durch Erklärungen oder Aktionen in einen Bereich verlegt wird, in dem es der Kontrolle des Staates nicht mehr unterliegt. Oder dadurch, dass ein Problem was auf der Ebene der Gesellschaft existiert (z.B. Homophobie), auf die Ebene der Individuen verlagert wird.5
Pathologisierung und Kriminalisierung sind zwei Möglichkeiten und um beim Problem der Homosexualität in einer nach heterosexuellen Werten “tickenden” Gesellschaft zu bleiben, sei hier erwähnt, dass sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts in Deutschland noch bis 1994 unter Strafe standen und dass es nach wie vor Diskussionen darüber gibt, wie Homosexualität zu heilen ist.

Die Autoren behaupten nun, dass Soziale Arbeit ein Mittel ist um Probleme aus der sozialen Sphäre in die private Sphäre zu verschieben. Soziale Arbeit habe nicht die Aufgabe, die sozialen Probleme zu lösen, d.h. die Ursachen für die Entstehung der negativen Rückstände zu finden und zu beseitigen – die Ursache dieser Probleme liegt ja, wie die Autoren erwähnen, in den die Gesellschaft dominierenden Werten – sondern Soziale Arbeit habe die Aufgabe diese soziale Probleme, diese Rückstände aus der gesellschaftlichen Sphäre zu entfernen und in ein persönliches Problem der betroffenen Bevölkerung zu verwandeln.6

Bleibt noch die Frage, warum sich SozialarbeiterInnen, denn nun nicht gegen diese Vereinnahmung wehren? Die Antwort ist einfach: weil sie für diese Vereinnahmung bezahlt werden. Jamrozek und Nocella schreiben dazu:

Eine häufig genutzte Methode der Intervention bei sozialen Problemen, die als bedrohlich für dominierende Werte und Interessen angesehen werden (das heißt, für die Machtstruktur), ist staatlich geförderte Forschung, entweder durch die Einrichtung spezieller Forschungsinstitute und/oder die Bereitstellung von Fonds für Forschungsprojekte, die der Kontrolle und Billigung der Träger unterworfen sind. Die Organisation der Trägerschaft solcher Forschungen zielt darauf ab, dass die geförderten Auftragsforschungen nützliche Ergebnisse erreichen, ohne die Legitimität dominanter Werte und Interessen zu hinterfragen.7

Das klingt zugegebenermaßen schon ein bisschen nach ‘ner Verschwörungstheorie. Allerdings: Wenn ich mich gerade daran erinnere, wie viele Vorlesungen und Seminare ich in meinem 14-semestrigen Studium belegt habe, in denen die grundsätzlichen dominierenden Werte der Gesellschaft thematisiert wurden, kann ich die an einer Hand abzählen.

Laut Jamrozeck und Nocella wird die politische Natur sozialer Probleme durch solche Forschung in ein technisches Problem verwandelt um sie dann im nächsten Schritt in ein persönliches Problem zu verwandeln.8
So wird m.E. das Problem der strukturellen Arbeitslosigkeit in die Frage verwandelt: “Wie muss man Arbeitslose am besten erziehen, damit sie wieder arbeiten?”
Bei diesem letzten Schritt assistieren dann, laut den Autoren, die Sozialpädagogen. Sie machen den Betroffenen durch Intervention (Beratung, Therapie) klar, dass die Lösung des Problems in ihrem Verantwortungsbereich liegt.

Dieser Punkt illustriert das ‘Dilemma des Helfens’, insofern, dass die professionelle Intervention, während sie versucht negative Effekte oder ‘negative Rückstände’ zu beseitigen, auch dazu dient diese Politik zu legitimieren.9

Ich finde das als künftiger Sozialpädagoge ganz schön gruslig und plötzlich ist auch klar, warum sich Sozialpädagogen in Theorie und Praxis nicht für öffentliche Güter interessieren: Über deren Einhegung, Schaffung oder Abschaffung wird häufig politisch in der Sphäre der Gesellschaft entschieden. Die Probleme mit denen sich Soziale Arbeit beschäftigt liegen aber im Bereich der Individuen. Sozialpädagogen helfen Individuen und haben dabei kaum Zeit, mal danach zu schauen, ob Ursachen der Probleme ihrer Klienten eventuell gesellschaftlich bedingt sind.

Natürlich gibt es Ausnahmen, die sich mit Auswirkungen öffentlicher Güter auf soziale Probleme und persönliches Wohlergehen beschäftigen, wie ich in den Beiträgen über Stefan Thomas’ Untersuchung zum Berliner Szenetreffpunkt Bahnhof Zoo, Gisela Notz’ Solidarische Ökonomien oder Mancur Olsons Logik des kollektiven Handelns zu zeigen versuche. Auch kenne ich einige Sozialpädagogen, die sich in ihrer Freizeit (!) politisch in großem Maßstab engagieren. Nur sind das meines Erachtens zu wenige Beiträge um soziale Probleme nachhaltig zu lösen. Was ich niemandem vorwerfen kann, denn auch ich werde als Sozialpädagoge in spe nach meiner Arbeit als staatlich geförderter Probleme-in-die-Schuhe-Schieber gerne mal Feierabend haben.

  1. Jamrozik, Adam. & Nocella, Luisa (1998) The sociology of social problems : theoretical perspectives and methods of intervention. Cambridge University Press []
  2. ebd. S.103 ff. []
  3. ebd. S.103 []
  4. ebd. S.105 []
  5. ebd. S.103 []
  6. ebd. S.106 []
  7. ebd. S.105 – Übers. aus dem Englischen: der Autor []
  8. ebd. S.106 []
  9. ebd. S.107 []