Gegessen wird, was auf den Müll kommt!

Anfang Mai habe ich im Rahmen meiner teilnehmenden Beobachtungen an zwei Tagen in einer Suppenküche mitgearbeitet. Die meiste Zeit stand ich mit an der Essensausgabe und habe geholfen das Essen aus den Essenskübeln auf die Teller zu befördern, hin und wieder habe ich aber auch mal in der Küche ausgeholfen.

Mein Thema ist ja doch eigentlich die Volxküche, warum also sollte ich mir überhaupt Suppenküchen angucken? Nun, wenn ich, was hin und wieder vorkommt, Leuten erzähle, worüber ich meine Diplomarbeit schreibe – über Volxküchen nämlich -, denken die meisten, dass es sich dabei um Suppenküchen handelt und ich beginne dann immer aus dem Bauch raus zu erklären (das mit dem „aus dem Bauch raus erklären“ hier bitte nicht allzu wörtlich nehmen ;), dass Suppenküchen eher so eine Art Armenspeisung sind, wohingegen Volxküchen Orte sind, an denen sich junge Menschen treffen um sich miteinander zu unterhalten bzw. Spaß zu haben.
Auch wenn ich eigentlich gar nicht so recht an ein objektiv vorhandenes „System Suppenküche“ und noch weniger an ein objektiv vorhandenes „System Volxküche“ glaube, erhoffe ich mir von einer teilnehmenden Beobachtung in einer Suppenküche doch eine Erkenntnis darüber, was eine Suppenküche von einer Volxküche unterscheidet. Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich dabei Kategorien entwickle (arm vs. reich, jung vs. alt …), was bei objektiv nicht vorhandenen Systemen dazu führt, dass ich zu objektiv nicht vorhandenen Kategorien komme, aber irgendwo muss man doch mal anfangen, oder? ;)

Was habe ich in der Suppenküche also beobachtet?

  • Als erstes hat mich erstaunt, dass bei der Essensausgabe kein Nachweis über die Bedürftigkeit verlangt wird. Auf meine Nachfrage stellte sich allerdings heraus, dass die Kontrolle der Bedürftigkeit im Prinzip schon durchgeführt wird, aber im Ermessen der Person liegt, die das Essen ausgibt. Mein Eindruck war, dass es dieser Person in dem von mir beobachteten Fall einerseits zu peinlich und zu aufwändig war, die Bedürftigkeit der Essensempfänger zu kontrollieren und sie andererseits schon viele der Suppenempfänger als bedürftige Dauerkunden einzuschätzen wußte.
  • Ebenso verwundert hat mich, dass im Prinzip keine ehrenamtlich beschäftigten Menschen in der Suppenküche arbeiteten. Es gab eine voll festangestellte Kraft: das war der Chef und einen halbtags angestellen Koch. Die restlichen Leute, die in der von mir beobachteten Suppenküche arbeiteten, waren sogenannte Strafstündler und Ein-Euro-Jobber. Das deckt sich mit der Aussage der Chefin einer anderen Suppenküche, die mir das Mithelfen in ihrer Suppenküche verweigerte, da sie mit „Strafstunden und Ein-Euro-Jobbern voll“ sei.
  • Das Elend hat mich wirklich umgehauen. Dabei war es nicht das materielle Elend, welches mir zugesetzt hat. Das gab es zwar auch, z.B. in Form verwahrlost wirkender Menschen. Daneben gab es aber auch Leute, die bedeutend mehr Style hatten als ich und die meisten meiner Freunde. Eine relative konstante Form des Elends war aber eine, mmmh… wie soll ich sagen? Vielleicht sozial-kommunikative Verelendung? Viele der Leute, die zum Essen in die Suppenküche kamen, hatten es offenbar verlernt miteinander zu reden. Sie setzten sich erstmal möglichst alleine an einen Tisch. Wenn sie trotzdem an einem Tisch saßen, so sprachen sie nicht miteinander. Wenn Sie miteinander sprachen, so waren es Familien. Man könnte sagen, dass die meisten der Menschen, die ich hier beobachtet habe, alleine sind und diesen Zustand offenbar nicht ändern können oder wollen.
  • Manche Menschen verbringen den ganzen Tag hier. Sie essen eine Portion Mittag, holen sich anschließend eine zweite Portion des selben Essens, verbringen am Tisch sitzend einige Stunden in stummer Agonie um sich dann zum Kaffeetrinken einen Pfefferminztee und ein Stück Kuchen zu holen.
  • Ich empfand die Stimmung als irgendwas zwischen geknickt und surreal: die schweigenden Menschen, die nichts mit sich und ihrer Umwelt anzufangen wissen und die Unmengen an billigem Essen, die manche dieser Menschen essen, passen irgendwie nicht zusammen. Aus meiner Sicht werden viele dieser Menschen mit einer Menge von Ressourcen unterversorgt. Freundschaften, Gesundheit, Freude, Sicherheit beispielsweise. Diese Unterversorgung scheinen einige durch eine Überversorgung einer Ressource, die sie hier leicht bekommen können wettmachen zu wollen: Essen.
  • Der Chef der Suppenküche war der einzige, der keinen geknickten Eindruck machte. Schon vom Auftreten her unterschied er sich in seinem weißen Kittel beträchtlich von den „Angestellten“ der Suppenküche, die alle mit roten T-Shirts und Schürzen rumliefen. Dann war er oft recht laut, was nicht bedeutet, dass er unfreundlich war, aber er sprach als einziger so laut, dass man ihn durch den ganzen Speisesaal hören konnte. Und er genoss es den Gönner zu spielen: Einmal standen zwei aufgeweckte etwa 12-jährige Kinder – die übrigens auch einen „ungeknickten“ Eindruck machten – vor der Essensausgabe und suchten sich etwas aus der Speisekarte aus, als der Chef hinzutrat und sie laut aber freundlich von oben herab fragte, was sie denn zu Essen haben möchten. Als der Junge meinte, dass sie das noch nicht wüssten, spielte der Chef weiter den guten Onkel und fragte ob sie lieber das eine oder das andere Essen haben wollten. Dass er die Wahl der beiden damit eher störte, schien im nicht aufzufallen.
    Ein andermal nötigte er mit lautem Trara einer Frau eine zusätzliche Schale Kompott für ihren Mann auf- „Ach kommen Sie. Hier haben Sie noch mehr Kompott“. Die Frau wehrte sich mit Worten, der Chef platzierte die Schale trotzdem vor ihr auf dem Tisch – ich fand das wirklich furchtbar und würdelos.
    Ich wurde den Verdacht nicht los, dass er das tat um mir zu zeigen, wie toll es in seiner Suppenküche zugeht.
  • Es scheint durchaus keine Seltenheit zu sein, dass überlagerte Lebensmittel verkocht werden. Am zweiten Tag meiner teilnehmenden Beobachtung machte ein Angestellter einer Pizza-Kette auf seinem Weg zur örtlichen Mülldeponie Halt in der Suppenküche um sechs große Packungen rohe Eier abzuliefern, deren Verfallsdatum seit einem Tag abgelaufen war. Diese wurden den Essensempfängern am nächsten Tag als Spiegeleier zusammen mit Kartoffelsalat für Einsfuffzisch angeboten.
    Auf meine Anfrage, woher die Sachen kommen, die die Kollegen in der Küche zu Essen machen, wurde mir gesagt, dass ein Größteil von den Tafeln stammt. Da diese die Sachen auch für lau an die Suppenküchen weitergeben und die in der Suppenküche Beschäftigten dann für 1 Euro pro Stunde arbeiten, scheint mir 1,50 Euro pro Essen mehr zu sein, als man verlanden müsste um zum Selbstkostenpreis zu wirtschaften.
  • Der Chef wies mich am Anfang an, meine Haare mit einer Haube zu bedecken, die ich von der Küchenchefin bekommen würde. Bei dieser Gelegenheit ermahnte er auch die Haupt-Essensausgeberin, da sie keine solche Haube trug. Als ich die Küchenchefin vor Dienstbeginn auf eine Haube hin ansprach, schüttelte sie nur mit dem Kopf – offenbar hatte hier schon lange niemand mehr eine solche Haube gesehen. Wann immer der Chef an der Essensausgabe vorbeikam, wartete ich auf einen Anranzer, aber er duldete unsere Haubenlosigkeit stillschweigend.

„Gegessen wird, was auf den Müll kommt!“ – Auch wenn das nicht die Suppenküche ist, in der ich mitgearbeitet habe, so erweckte diese doch einen ähnlich hoffnungsvollen Eindruck wie es auf diesem Foto aus den 30er oder 40er Jahren des 20. Jahrhunderts eine Suppenküche der Winterhilfe Schweiz tut. – gefunden auf Wikimedia Commons

Ich schätze, dass ich mit meiner Arbeit die ich in den beiden Tagen in der Suppenküche geleistet habe, eher dazu beigetragen habe Armut zu verstetigen als sie zu verringern. Weit und breit habe ich nichts erkannt, was darauf hindeutete, dass irgendetwas in dieser Suppenküche diese Menschen dabei unterstützt, von dieser entwürdigenden Versorgung loszukommen. Man speist die Leute eben mal kurz mit was Nahrhaftem ab, wie es den Leuten dabei geht, ist egal. Stattdessen bringt noch jeder seine eigene Armut mitbringt und nimmt die Armut der anderen zusätzlich zu seiner eigenen noch mit nach Hause.
Das nennt sich negatives Sozialkapital: Genauso wie sich positives Sozialkapital bilden kann, wenn sich Menschen kennenlernen, die sich mit bestimmtem Qualifikationen gegenseitig unterstützen können, kann sich negatives Sozialkapital bilden, wenn sich Menschen kennenlernen, die sich mit bestimmten Mängeln gegenseitig runterziehen. Wobei es schon die Ausnahme zu sein scheint, dass sich in Suppenküchen Menschen überhaupt kennenlernen.
Mein Eindruck kann natürlich täuschen, schließlich war ich insgesamt nur sechs Stunden lang als teilnehmender Beobachter anwesend. Vielleicht bilden sich ja hier tatsächlich Netzwerke mit deren Hilfe sich Menschen gegenseitig unterstützen. Vielleicht empfinden die Menschen, die hier essen, das Angebot als eine wichtige Unterstützung bei ihrer Lebensführung, auch wenn man sich für 1,50 € wahrscheinlich besser versorgen kann, wenn man selber kocht. Für mich wirkte das was ich hier miterlebte und mitmachte wie ein Alptraum, in dem ein Teil der Gesellschaft aus stummen Zombies besteht, die in einem Schlaraffenland für Arme solange mit süßem Brei gefüttert werden, bis sie platzen.

Zum Unterschied zwischen Suppenküchen und Volxküchen

In den von mir beobachteten Volxküchen (und das sind bisher sechs Stück)

  1. braucht man nicht bedürftig zu sein um billiges Essen zu bekommen
  2. darf man Rauchen
  3. gibt es keinen Chef, möglicherweise wird hier sogar versucht jegliche Hierarchien zu vermeiden. Ob das gelingt, werde ich im Laufe meiner weiteren Forschungen herausbekommen
  4. schwatzt jeder mit jedem, jedenfalls ist es eher die Ausnahme, dass jemand ohne einen Gesprächspartner dasitzt. Oft geht es dabei um Politik und um momentane Lebensumstände
  5. kostet das Essen auch maximal 1,50 Euro ist m.E. aber frischer als die überlagerten Sachen, die in den Suppenküchen verteilt werden
  6. ist es relativ cool – yoh man! B-)

So, jetzt habe ich erstmal genug von Volxküchen geschwärmt, man könnte ja fast meinen mir fehle die wissenschaftliche Distanz ;)

Von der ungeahnten Schwierigkeit einer Suppenküche zu helfen

Weil ich mit meiner Arbeit über VoKüs gerade nicht so recht vorankomme – ich kann momentan nur 1x pro Monat an einer VoKü teilnehmen, was sehr wenig ist, wenn die Arbeit auf teilnehmender Beobachtung basiert – und auch um den Fokus ein wenig von den VoKüs weg und mehr auf die sozialen, ökonomischen und organisatorischen Fragen von Sozialer Arbeit bzw. „Sozialer Arbeit von unten“ zu legen, habe ich mich entschlossen auch in Suppenküchen als teilnehmender Beobachter tätig zu werden. Ich möchte Suppenküchen untersuchen um herauszufinden, wie sie funktionieren, wie sie organisiert sind, wo sie ihr Geld herbekommen und welche Funktionen sie erfüllen. Ich denke, auch wenn Suppenküchen eher so ein Klassiker der Armenversorgung sind und ich ihnen erstmal instinktiv Armutserhaltung unterstelle, könnte mir dieses Wissen über Suppenküchen helfen herauszufinden was VoKüs sind, bzw. was sie nicht sind.

Gestern Vormittag bin ich also mal zu einer Suppenküche hier in der Stadt geradelt und habe nachgefragt ob ich mithelfen kann. Die Chefin meinte:

„Ohh, nee! Wir haben hier so viele 1-Euro-Jobber, die sind in der Küche und überall und da sind wir echt voll mit Leuten.“
„Da lässt sich gar nichts machen?“
„Nee, dann haben wir auch noch Stundenleister, wir sind praktisch schon übervoll“

Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer sein kann in einer Suppenküche gemeinnützige Arbeit zu leisten. Eine Suppenküche ist ja jetzt nicht die UNO oder eine Weltklasse-Werbeagentur, wo die Praktikanten Schlangestehen und sonstwas drum geben um sich mal etwas ausbeuten lassen zu dürfen. Oder?

Was hätte die Chefin gesagt, wenn ich Superman oder eine gute Fee gewesen wäre und gefragt hätte, ob ich irgendwie helfen kann? Vielleicht: „Ach nee, bei uns machen gerade zwei indische Magierinnen im Rahmen einer Integrationsmaßnahme ein Praktikum, die zaubern uns jeden Tag drei mal eine neue Inneneinrichtung und mehr Wunder brauchen wir momentan nicht.“
Irgendwie ist das doch komisch, oder? Da gibt es Armut und wenn ehrenamtlich engagierte Menschen helfen wollen diese zu lindern, merken sie, dass der Staat ohne diese Armut gar nicht wüsste, was er mit den anderen armen, den 1-Euro-Jobbern nämlich, machen soll. Was wären wir nur ohne unsere armen Armen?

Habe nur ich den Eindruck, dass hier indische Magierinnen, 1-Euro-Jobber (von denen garantiert auch einige zaubern könnten, wenn man sie liese) und Supermänner in ihren Entfaltungsmöglichkeiten und in ihrer Kreativität künstlich auf Sparflamme gehalten werden, damit die primären Bedürfnisse anderer Leute, die strukturell bedingt am Existenzminimum rumhangeln, ihr Essen bekommen? Was ist das für eine Art des Umganges mit Armut? Warum zaubern die indischen Magierinnen nicht gleich für jeden der hungrig in die Suppenküche kommt einen Zaubertopf aus dem Märchen „Der süße Brei„, der von alleine soviel Essen kocht, wie man will?

Jedenfalls bin ich zur zweiten Suppenküche geradelt. Irgendwie muss man doch in so eine Suppenküche reinkommen. Selber Spruch:

„Ich studiere Sozialpädagogik und würde im Rahmen meiner Diplomarbeit über soziale Essenseinrichtungen gerne in ihrer Suppenküchen mithelfen und mir das alles ein bisschen ansehen.“
„Okay, wie oft können Sie kommen?“
„Na, drei, vier mal die Woche“
„Gut, dann kommen Sie ab nächstem Montag immer um halb elf, da können Sie an der Essensausgabe mitmachen, das sind drei Stunden und dort kriegen Sie alles mit. Eine Schürze bekommen Sie von uns.“



Auch griechische Kunst-Studentinnen sind dem Klassentourismus nicht abgeneigt.

Pulp – Common People (1995/6)

Der Chef wirkte etwas im Stress, aber Wow! Sehr nett, dass er mich gleich in der Mitte platziert, wo ich aus seiner Sicht vermutlich einen guten Überblick habe und viel mitbekommen werde. Yippie! Ich bin dabei. Nächsten Montag geht’s los.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass mich der Chef nur „genommen“ hat, weil ich ein wissenschaftliches Interesse an der Suppenküche habe und er mich dabe irgendwie unterstützen will. Nur zum Helfen hätte er mich wahrscheinlich auch nicht gebraucht. Ich verwandle mich also vom Forscher in einen Class-Tourist, der mit seinem tollen Laptop (made in China – wahrscheinlich unter Missachtung sämtlicher sozialer und umweltbezogener Standards) versucht, hier einen irgendwie hippen Blog und eine Diplomarbeit hinzuzaubern. Zynisch, oder?

Ich sollte zu diesem Thema ein neues Posting schreiben, aber jetzt werde ich erstmal in der Mensa Abendessen. Es gibt:

  • Rindergeschnetzeltes Stroganoff mit Butterbohnen, dazu Reis für 2,10 €
  • Broccoli-Kartoffelauflauf für 1,70 €

Forsch kochen

Vor fünf Tagen habe ich zum ersten Mal bei einer VoKü mitmachen und hinter die Kulissen schauen dürfen. Und seit vier Tagen schreibe ich an einem Protokoll, mit dem ich zu dokumentieren versuche, was ich an diesem Abend erlebt und beobachtet habe. Oder vielmehr: was davon noch aus meiner Erinnerung abrufbar ist. Dabei erstaunt mich Folgendes:

  • Teilnehmende Beobachtung ist ein Riesenaufwand: auf eine Stunde des Erlebens kommen bei mir etwa vier bis fünf Stunden des Aufschreibens; nachdem ich nun Alles, an was ich mich von diesen sieben erlebten Stunden erinnern kann, aufgeschrieben habe, sind 35 A4-Seiten gefüllt (1,5 – facher Zeilenabstand)
  • Mein Gedächtnis ist ziemlich gut: Ich kann mich auch nach fünf Tagen (solange schreibe ich jetzt schon) noch an Details erinnern, die mir während des Erlebens nicht aufgefallen sind und auf die ich überhaupt nicht geachtet habe.
  • Teilnehmende Beobachtung ist von der Verfassung des Beobachters zum Zeitpunkt der Beobachtung abhängig: Es gab im Laufe meiner Teilnahme ein paar Zeitpunkte, zu denen ich sehr aufgeregt war (z.B. als ich die eigentliche Küche zum ersten Mal betrat oder als ich selber Essen ausgab). Von diesen Erlebnissen habe ich nur noch sehr wenig in Erinnerung. Möglicherweise arbeitet die Wahrnehmung sehr fokussiert, wenn man aufgeregt ist?

Während meiner Vorbereitungen auf diesen Abend habe ich mich immer gefragt, ob es denn nicht besser wäre, das Erlebte direkt während der Teilnahme zu protokollieren und nicht erst danach. So, dachte ich, könnte man das Risiko des Vergessens minimieren. Nach meinen ersten Erfahrungen denke ich nun, dass ich wahrscheinlich ein viel weniger umfangreiches Protokoll erhalten hätte, wenn ich so verfahren wäre. Abgesehen davon hätte mich das sofortige Protokollieren in eine noch distanziertere Position versetzt und sowohl vom Kochen als auch vom Beobachten abgehalten.

Dazu fällt mir gerade ein Bild aus dem Film Kitchen Stories von Bent Hamer ein, in dem ein schwedischer Küchenforscher im Rahmen eines Programms zur Küchennutzungsoptimierung in der Küche eines norwegischen Junggesellen auf einem Hochsitz hockt und alles protokolliert, was dieser tut. Der Film endet nach einer wilden Tour de Force skuriler Szenen schließlich damit, dass die wissenschaftliche Distanz aufgegeben wird und Beobachter und Beobachteter Freundschaft miteinander schließen. Mmmhh…eigentlich ein schönes Bild zum Sieg der Freundschaft über eine Wissenschaft, die ihre Aufgabe in der Optimierung um ihrer selbst willen sieht und dabei die so genannten „menschlichen Werte“ vergisst.