Das Ende eines Krieges erkennen

Im Kinderfilm „Jorinde und Joringel“ habe ich gelernt, dass am Ende des Krieges überall im ganzen Land die Friedensglocken läuten. Der Himmel ist blau und die Lärchen singen. Ein erschöpfter und nun arbeitsloser Soldat zündet sich am Brunnen vor dem Tore eine Zigarette an.
Mir ist noch immer unklar, warum mich Syrien in den letzten zwei Jahren so sehr beschäftigt hat. Ich wollte mal hin, hatte auch schon ein Visum, doch dann ist die Mitfahrgelegenheit geplatzt. Mein Motiv könnte also auf romantische Sehnsucht hinauslaufen.
Was ich sagen oder fragen wollte: In Homs und Aleppo, den beiden zweitgrößten Städten des Landes und jetzigen Rest-Posten der Rebellen, liefern sich Rebellen und Armee heftige Kämpfe. In den staatlichen syrischen Medien klingt in den letzten Tagen so etwas wie Siegesstimmung an. In den deutschen Medien wird seit Tagen nicht mehr über Syrien berichtet1 – ist der Krieg vorbei? Woran kann man das Ende eines Bürgerkrieges erkennen, der sich langsam entwickelt hat, also auch keinen offiziellen Anfang hatte? Gibt es eine Friedenserklärung? Wird es durch nonverbale Handlungen dokumentiert?

  1. Ich betrachte das Nicht-mehr-Berichten der westlichen Medien, die den Konflikt in den letzten 2 Jahren gut angeheizt haben, als verlegenes Vermeiden des eigenen Gesichtsverlustes im Angesicht einer militärischen Niederlage, die zur eigenen journalistischen Niederlage geworden ist. []

War is over?*

Seit Tagen lese ich kaum noch etwas über Kampfhandlungen in Syrien. Sind die alle im Urlaub? Bin ich des Lesens müde? Sind es die Kämpfer auch?
Wäre schön, wenn der Krieg endete, wie er (vielleicht) begonnen hat. Mit lokalen Initiativen wie in Tal Kalakh: Dieser Ort war wohl einer der ersten, in dem Proteste gegen Assad artikuliert wurden und auch einer der, in dem das am heftigsten geschah. Bis vor kurzem galt er noch als Rebellenhochburg, Anfang des Monats haben lokale Würdenträger (sagt man das so, wenn man nicht weiß, welche Funktion die erfüllen?) mit Offizieren der FSA und der Syrischen Armee einen Friedensvertrag für ihre Stadt ausgehandelt: „Tal Kalakh: Syria’s rebel town that forged its own peace deal

* Ich weiß, das ist naive und romantische Hippie-Scheiße. Deswegen und weil kein Weihnachten ist, läuft der Hase so:

Das ganze Interview der FAZ mit Assad

… findet sich heute übrigens bei SANA, der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur: „President al-Assad gives interview to the German Frankfurter Allgemeine Zeitung newspaper„.
Ich war etwas überrascht, dort ein ausführlicheres Interview mit Assad als bei der FAZ zu finden, deren Redakteur Rainer Hermann das Interview ja geführt hat. Die FAZ-Überschrift lautet übrigens: Syriens Machthaber Assad im F.A.Z.-Gespräch „Europa wird den Preis für Waffenlieferungen zahlen (Was sagt die Abweichung der beiden Überschriften über Deutschland aus? Was sagt sie über die Qualität der Berichterstattung in Deutschland? Was sagt sie über die Unabhängigkeit der deutschen Medien?)

Abgesehen von kleineren inhaltlichen Abweichungen, die bei der Übersetzung des Interviews vom Englischen Arabischen ins Deutsche und vom Arabischen ins Englische offenbar entstanden sind,1 sowie einigen Verkürzungen (z.B. erwähnt Assad bei SANA tatsächlich die CDU), sind weitere Themen des Interviews, die dort im Ggs. zu FAZ veröffentlicht wurden:

  • der Wiederaufbau des Landes
  • ausführlicher über den Arabischen Frühling
  • das Interesse Saudi-Arabiens und Quatars an der Unterstützung der Al-Nusri-Brigaden

und kurz am Ende:

  • die Unterstützung für Assad in Syrien
  • die Präsidentschaftswahlen in Syrien im nächsten Jahr 2014
  • Assads Vorstellungen für Syrien in den nächsten fünf Jahren
  1. Ich sehe gerade, dass das Interview auf Arabisch geführt wurde. Möglicherweise sogar von Rainer Herrmann selbst, der das jedenfalls studiert hat. []

Diskrepanz

Woher kommt die Diskrepanz zwischen der Berichterstattung  und der öffentlichen Meinung zum Syrienkonflikt?

In den Nachrichten von Zeit- oder Spiegel-Online wird oft auf die diktatorische, verbrecherische Amtsführung Assads abgehoben. In der Anfangszeit des Krieges woben die Journalisten den Rebellen dabei häufig noch einen schönen Freiheitsflor (Stichwort: „Arabischer Frühling“). Letzteres lassen sie heute zwar bleiben, dennoch schreibt ein Großteil der Journalisten Berichte, die eine westliche Intervention und einen Rücktritt Assads als notwendig erscheinen lassen.

Im Gegensatz dazu gehen mehr als 3/4 der Leser-KommentatorInnen bei Zeit- und Spiegel-Online differenziert mit dem Krieg und sehr kritisch mit der Berichterstattung um. Dabei nutzen Sie eine Vielzahl von Quellen, um ein recht vielschichtiges Bild des Konfliktes zu zeichnen.

Ein gutes Beispiel ist der Artikel „Endlich handeln die USA in Syrien“ von Gil Yaron auf Zeit-Online (14.06.2013) über die Absicht der USA, die Rebellen angesichts der Giftgas-Beweise verstärkt zu bewaffnen. (Am besten den Artikel bei Zeit-Online mal kurz selbst abchecken; es ist wirklich erstaunlich, mit welch schwachen Argumenten der Journalist eine Intervention der USA befürwortet  – die Überschrift verspricht ja schon nichts Gutes – und wie elaboriert sich viele der KommentatorInnen gegen den Artikel und dessen Forderung verwehren.)

Man hätte fast jeden anderen aktuellen Artikel von Zeit-Online oder Spiegel-Online über den Syrienkonflikt nehmen können, das Ergebnis wäre ähnlich gewesen, nämlich (ich paraphrasiere):

Artikel:Assad = Diktator und Massakrierer. Rebellen und Westen = Gut und Freiheit und Demokratie und Frieden“ – Anschließend werden von den Journalisten Berichte über kriminelle Taten Assads und seiner Armee, die Wut des Volkes auf den verhassten Diktator u.s.w. angeführt. Mir kommt es dabei immer so vor, als wöllten die Journalisten keinen Frieden.

Kommentare:Was soll denn das? Es ist doch viel komplizierter. Zum Beispiel…“ – Und dann werden von den KommentatorInnen Berichte über kriminelle Taten der Rebellen, die Zustimmung der syrischen Bevölkerung zu Assad u.s.w. angeführt. Wobei auch oft Kritik an Assad geäußert wird. Ausdruck der Kommentare ist oft der Wunsch nach Frieden in Syrien.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen:

Wieso ist die Berichterstattung in den großen deutschen Medien so, ich sag es jetzt einfach mal, plump? Wieso wird darin alles so schwarz-weiß dargestellt? Warum werden Widersprüche mit hohlen Parolen zugekleistert? Warum finden die Assad-freundlichen Standpunkte Russlands und Chinas und die Argumente der anderen drei BRICS-Staaten darin so wenig Erwähnung? – Sind die Journalisten nicht mehr in der Lage, eine komplexe politische Situation zu analysieren, zu bewerten und zu erläutern?

Warum bezeichnet ein Großteil der Leser-KommentatorInnen die Berichte der großen deutschen Medien über den Syrienkonflikt als unwahr und einseitig?1 Woher, wenn nicht aus den Mainstream-Medien, beziehen diese Kommentatoren das Wissen für ihre Kritik? – Hat die Propaganda der vergangenen Kriege (für die exemplarisch die Brutkastenlüge steht) misstrauisch gemacht? Können Mediennutzer heute mehr und divergierendere Quellen nutzen, als vor 10 Jahren? Können sich die großen Medien heute keine gute Berichterstattung mehr leisten?

 

  1. Häufig bezeichnen KommentatorInnen die Berichte offen als Propagand oder Kriegshetze. []

Was bedeutet Krieg?

Diverse Regierungen geizen momentan nicht gerade mit ihrer Unterstützung für private, teilweise paramilitärisch organisierte, gewaltbereite Personen. Diese Unterstützung erfolgt u.a. in Form von Waffen und militärischer Ausbildung.1 Auch hier in Dresden wird die Verwendung von High-End Waffen für Privatpersonen immer erschwinglicher.2 Daher hab ich mal versucht, mir als Privat-Rebell eine kleine Drohne zuzulegen, mit der ich hier vor Ort ein bisschen stänkern kann.
So richtig durchschlagenden Erfolg hatte ich dabei nicht, denn leider haben die Drohnen, die ich bezahlen würde, (200 Euro) nur eine Reichweite von 1 Km. Schießen können sie zwar, aber nur Fotos. Okay, so’n Spielzeug kann ich nicht gebrauchen. Da bastele ich mir lieber selbst eine bewaffnete Drohne zusammen. Bausätze dafür gibt es im Netz zur Genüge. Vielleicht kann ich ja zusammen mit Freunden eine kleine Drohnen-Armee aufbauen?

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  1. Wenn ich sowas lese, wird mir übel. Ich meine das wörtlich. []
  2. z.B. mit solchen: Marc Frauenfelder auf boingboing.net am 12.12.2012: „Man arms DIY drone with paintball handgun and shoots human cardboard cutouts“ []