VoKüs – auch irgendwie „fast ganz unten“?

Warum habe ich mich überhaupt mit Selkes Buch „Fast ganz unten – Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird“ auseinandergesetzt? Da es nicht viel Literatur über VoKüs gibt (um ehrlich zu sein: bisher habe ich keine gefunden), dachte ich mir, ich les erstmal über was, das so ähnlich ist wie VoKüs. Und tatsächlich: durch dieses Buch haben sich mir einige Parallelen aber auch Unterschiede zwischen Tafeln und VoKüs (wie ich sie bis jetzt verstehe) offenbart:

So denke ich, dass sowohl Tafeln als auch VoKüs eine Reaktion auf soziale Probleme sind. Allerdings vermute ich, dass Tafeln den Versuch darstellen, sozialen Problemen mit konservativen Methoden zu begegnen, die eher auf eine Verstetigung von Problemlagen abzielen. Sowohl die „Denke“ der Lebensmittelverteilung durch Tafeln, als auch die Art und Weise und die Wirkung der Verteilung funktioniert m.E. nach Mustern, welche das gegenwärtige System1 stabilisieren. Das schreibt ja Selke, der die Tafeln in seiner Untersuchung mehr als ein Jahr lang begleitete, an einigen Stellen seines Buches auch immer wieder selber. Wie er weiterhin feststellt, befindet sich ein Großteil der freiwilligen Helfer von Tafeln im Rentenalter. Gerade diese Gruppe hat von Ihrer Mithilfe bei Tafeln einen zusätzlichen Eigennutz, den Selke in seinem Buch nicht erwähnt. Zwar vermutet Selke, dass „durch ein gutorganisiertes Tafelwesen … ein ‚Aufstand der Armen‘ erfolgreich verhindert [wird]“2, er erkennt aber nicht, dass es nicht zuletzt die Gruppe der jetzigen Hochrenten-Bezieher ist, welche durch einen wie auch immer gearteten Aufstand möglicherweise am meisten zu verlieren hätte.

Auch die VoKüs (zumindest einige), scheinen sich sozialer Probleme anzunehmen. Hier gibt es z.B. warmes Essen für kleines Geld, ein Aspekt, der gerade Studenten oder Azubis nicht ganz egal sein wird. Im Unterschied zu Tafeln scheinen die Aktionen von VoKüs aber nicht auf das Abspeisen von möglichst vielen Menschen beschränkt zu sein. Meiner Meinung nach verfolgen einige VoKüs (wie ich sie bis jetzt verstehe) sowohl in ihrer Arbeitsweise als auch in ihren Wirkungen innovative und deviante Strategien. Was kein Wunder wäre, da nach meinen Erfahrungen sowohl Besucher als auch Betreiber von VoKüs oft weit unter 30 sind – ein Alter in dem abweichendes Verhalten generell häufiger vorkommt als mit 70. Ich weiß: das ist noch keine kausale Erklärung, schon gar kein Beweis, nur eine Gedankenstütze.

Was ist an VoKüs nun so innovativ und deviant? Scheinbar sind VoKüs generell in einer Szene angesiedelt, die eine kritische bis ablehnende Haltung gegenüber dem Staat bzw. Staatskonstruktionen hat. Viele mobile VoKüs kochen z.B. auf Demos gegen Atommüll-Transport oder Startbahn-Ausbau, weitere VoKüs finden parallel zu Vorträgen und/oder Diskussionen zu politischen Themen statt. Hier schaffen VoKüs Räume zur Reflexion von Gesellschaft. Ob diese Räume öffentlich sind, kann ich (noch) nicht sagen, jedoch könnte diese Kopplung von VoKüs an politische Aktionen durchaus als Versuch gedeutet werden (eine zumindest Teilöffentlichkeit) auf soziale Probleme aufmerksam zu machen.
Weiterhin wird vermutet, dass zumindest einige VoKüs mit subversiven Aktionen versuchen soziale Probleme zu überwinden. Als Beispiel sei hier eine Aktion genannt, bei der Asylbewerber von den örtlichen Behörden einer großen ostdeutschen Stadt zu ihrer Verpflegung kein Bargeld sondern nur einen Karton mit Lebensmitteln bekommen haben. Diese Praxis wurde von Leuten einer engagierten VoKü als diskriminierend und umständlich erkannt und benannt. Sie tauschten also diese Lebensmittelkartons mit den Asylbewerbern gegen Bargeld. Die Lebensmittel wurden anschließend in der VoKü zubereitet und an Besucher weiterverkauft. Letztlich machte es für die örtliche Behörde keinen Sinn mehr, die Asylbewerber nur mit Lebensmittelpaketen zu versorgen, so dass sich die Behörde endlich entschloss, den Asylbewerbern für Ihre Verpflegung Bargeld auszuzahlen.
Indem für Asylbewerber hier ein Zugang zu Bargeld statt zu Naturalien geschaffen wurde, konnte ein als problematisch empfundener Zustand überwunden werden. Zwar versuchen auch Tafeln problematische Zustände zu überwinden, allerdings ändert dieses Verteilen von kostenlosen Lebensmitteln nichts an den gegebenen Zuständen der Armut, wohingegen obige VoKü-Aktion die von ihr kritisierten Zustände sinnlos machte.

Ich möchte dabei VoKüs jetzt gar nicht irgendwo in die Ecke von sozialen Bewegungen, von passivem Widerstand oder von revolutionären Kreisen stellen, wollte den Gedanken zu Tafeln und VoKüs nur mal festhalten.

  1. damit meine ich nicht explizit den Kapitalismus, die Marktwirtschaft, sondern mehr so „kleine“ Dinge wie Überproduktion von Lebensmitteln, Importzölle, Exportsubventionen, Armutsbegriffe … []
  2. Selke, S. (2008) Fast ganz unten : Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird. Münster, Westfälisches Dampfboot. S.216 []

Stefan Selke – Fast ganz unten

Wiedermal erinnerte mich das wunderbare Tool slubmagic daran, dass ein Medium in die Bibliothek zurückzugeben ist. Das Buch „Fast ganz unten“ von Stefan Selke hat mir vor zwei Monaten ein Kumpel mit dem Kommentar empfohlen, schon lange kein so praktisches und verständliches Soziologie-Buch gelesen zu haben. 1

Soziologieprofessor Stefan Selke setzt sich in dem Werk „Fast ganz unten“ kritisch mit den sog. Tafeln auseinander. Der Autor hat einige Monate lang den Alltag der Tafeln verfolgt, indem er als teilnehmender Beobachter bei Tafeln mitgearbeitet, an deren Vereinssitzungen teilgenommen und dabei mit den Helfern und Kunden der Tafeln gesprochen hat.

Indem er zunächst versucht individuelle Gründe für die Nutzung von und die Mitarbeit in Tafeln zu finden, gewinnt er genaue Erkenntnisse über die Lebenswelten der Tafelmitarbeiter und -Kunden. Das Wissen über die Motive der Tafelkunden bündelt er zu dem Begriff des „fast ganz unten“-Seins. Dieser Status wird durch momentan wirkende gesellschaftliche Zustände ermöglicht und ist scheinbar sogar die zwingende Folge dieser Zustände. So sei das Aufblühen der Tafeln, laut Selke, vor allem der Einführung von Hartz-IV im Jahr 2005 geschuldet. Denn der Hartz-IV Bedarfssatz für Lebensmittel sei mit 127 Euro pro Monat zu niedrig gestaltet, so dass für jeden Hartz-IV-Empfänger jeden Monat eine Versorgungslücke von etwa 10 Tagen entstünde. Diese zu überbrücken sei nun nicht mehr Sache des Staates sondern der Tafeln und damit eben privater Helfer.

Bei den Helfern macht Selke für die Mitarbeit bei einer Tafel u.a. folgende Motive aus: den Wunsch zu Helfen, die Sehnsucht nach einem Strukturgeber und den Wunsch eine sinnvolle Aufgabe zu haben. Der Autor vermeidet eine psychologische Analyse dieser Motive, beschreibt aber ohne Scheu die Strategien des Helfens (u.a. „Lobverzicht und Dauersehnsucht nach Anerkennung“) genauso wie die oft weitreichenden Folgen der Tafelmitarbeit für die Helfer: Überlastung, Professionalisierungsdruck, Selbstausbeutung, Ermüdung.

Bei den so genannten Tafelkunden auf der anderen Seite des Tresens macht der Autor folgende Gründe für die Nutzung der Tafeln aus: Entlastung der Haushaltskasse, Teil der persönlichen Überlebensstrategie, Anspruchshaltung, Aufbessern des sonst mageren Essens. Selke vernichtet dabei so manchen Mythos, z.B. den vom reichen Tafelkunden, der nur zur Tafel geht, weil es dort etwas kostenlos gibt. Stattdessen wird erklärt, dass Tafelkunden einen Berechtigungsschein brauchen, den sie nur erhalten, wenn Sie ein geringes Einkommen nachweisen können.
Selke beobachtet die Interaktionen zwischen freiwilligen Helfern, unfreiwilligen Kunden und Lebensmittelspendern und stellt dabei fest, dass die Tafeln nicht nur Nahrungsmittel an Bedürftige verteilen, sondern die Tafelkunden auch mit Würde versorgen.

Neben diesen beiden Funktionen (Versorgung mit Nahrungsmitteln und mit Würde) macht der Autor überraschenderweise noch zwei weitere Funktionen der Tafeln aus: Die eine sieht er in der Befriedigung der Bedürfnisse der Helfer und zwar trotz der Überlastung, der die Helfer ausgesetzt sind. Diese würden oft eine Aufgabe benötigen um eine Leerstelle im eigenen Leben zu füllen. Bei einer Tafel hätten viele dieser Helfer das Gefühl der Gesellschaft etwas zurückzugeben, Schuld abzubauen, Buse zu tun und Opfer bringen zu können. Glaubwürdig wirken solche Analysen vor allem dadurch, dass sie durch Zitate betroffener und engagierter Personen erhellt werden, z.B. im Fall der Sekretärin, die gekündigt wurde und nach einem folgenden sozialen Absturz einen Artikel über die Tafeln in der Zeitung las, der Sie anspornte sich als Helferin bei einer Tafel zu engagieren: „Ich wusste, ich muss wieder irgendetwas tun. Ich wusste, nur rum sitzen, das pack‘ ich nicht…Dienstags erschien der Artikel. Ich hab‘ dann freitags gleich angefangen.“ (S.95 f.)

Die zweite zusätzliche Funktion der Tafeln sieht Selke in der einfachen Möglichkeit für Supermärkte, Ihre fast verdorbenen Lebensmittel durch eine Spende an die Tafel billiger entsorgen zu können als durch eine kostenpflichtige Vernichtung. Originalton Supermarktleiter: „Wir spenden eben aus Kostengründen, … wir sind ein Großunternehmen. Und da zählt nur der Gewinn.“ (S.74)

Die Tafeln stellen in ihrer Funktionsvielfalt eine „vollkommene Symbiose aus Bedürfnissen“ (S. 219) dar. Selke, dem man seine Sympathien für die Tafeln anmerkt, vertritt dennoch die These, dass die Tafeln dazu beitragen, die gesellschaftlichen Zustände zu erhalten und zu stabilisieren, die sie eigentlich abschaffen wollen. Durch die Arbeit der Tafeln werde Elend kanalisiert und diszipliniert und eine eventueller Aufstand der Massen verhindert.

Der Autor erzählt an vielen Stellen immer wieder das Gleiche mit anderen Worten. Das hat mich etwas gelangweilt und spätestens ab dem letzten Viertel zum großzügigen Überblättern mehrerer Seiten verleitet. Weniger störend als respektlos wirken die vielen Rechtschreibfehler, die bei mir einige Zweifel an der Sorgfalt des Verlages „Westfälisches Dampfboot“ aufkommen ließen. All in all: ein gutes Buch, eine interessante Studie, ein mutiger Soziologe.

P.S. Auf Grundlage seiner Beobachtung und seines Buches sollte der Autor auf der Seite der Gesellschafter.de (Ex-„Aktion Sorgenkind“) einen kritischen Kommentar über die Tafeln abgeben. Dieser war wohl zu kritisch worauf der Autor bei den Gesellschaftern in Ungnade fiel und zensiert wurde.

  1. Selke, S. (2008) Fast ganz unten : Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird. Münster, Westfälisches Dampfboot []