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Laika vs. Volxküche

Am Wochenende war ich im Laika, einem kleinen, nicht zu schicken (und gerade deswegen besonders schicken) Café mit Barbetrieb in der Dresdner Neustadt. Die guten Betreiber haben den zweiten Geburtstag des Etablissements gefeiert und alle Leute dazu eingeladen.

Will eat for food

"WILL EAT FOR FOOD" by Altemark, CC-BY

Es gab Freibier, einen DJ, große und kleine Menschen. Also habe ich getrunken, getanzt, geraucht, mir Tabak geschnorrt, auf den Fußboden geascht und eine gute Zeit gehabt. Und ich habe mich gefragt, was eigentlich der Unterschied zwischen dem Laika und einer Volxüche ist. Denn all das hätte ich in einer Vokü so oder so ähnlich auch gemacht. Bisher dachte ich immer, … Continue reading ‘Laika vs. Volxküche’

VoKüs als Antwort auf die Krise des Wohlfahrtsstaates?

Resümee des ersten Kapitels meiner Diplomarbeit zum Thema “Kollektives Handeln in VoKüs”:

What the fridge sind VoKüs?

In ihrem Wirken könnten Volxküchen auf den ersten Blick eine etwas chaotische Ergänzung oder Konkurrenz zu den Suppenküchen darstellen, einer Einrichtung der Wohlfahrt, in denen sogenannte Bedürftige für wenig Geld eine warme Mahlzeit bekommen können.
Auch zu den meist in pulsierenden Stadtvierteln großer Städte gelegenen Suppenbars, welche Suppe für etwa 3 bis 5 Euro verkaufen, ließe sich über die Suppenküchen eine Verbindung zu den Volxküchen herstellen.
Während Suppenküchen jedoch in der Regel von klassischen Institutionen der Wohlfahrt wie der „Volkssolidarität“, der „Caritas“, der „Arbeiterwohlfahrt“ oder kleineren Institutionen, wie Klöstern, Kirch- oder Stadtgemeinden betrieben werden und somit von staatlichen, kirchlichen oder kommunalen Förderungen abhängig sind und Suppenbars marktwirtschaftlich arbeitende Privatunternehmen darstellen, scheinen Volxküchen – geschrieben mit „x“ – weder von staatlichen noch marktwirtschaftlichen Einflüssen und Prinzipien geleitet zu sein.
Vielmehr scheint es das freiwillige Engagement und der Spaß junger Leute einer bestimmten Szene oder Subkultur zu sein, denen die Existenz und die Form dieser Nahrungsversorgung zu verdanken ist.
Mit den warmen Mahlzeiten, die in Volxküchen für ein geringes Entgelt verkauft werden, gelingt es somit scheinbar unabhängig von staatlichen, kirchlichen oder privaten Fördergeldern etwas herzustellen, das zumindest vom Aspekt des Nährwertes und Preises betrachtet mit Produkten der Wohlfahrt vergleichbar ist.

Was hat Sozialpädagogik damit zu tun?

Der Staat scheint sich seit einiger Zeit verstärkt aus der Organisation des Sozialen und der Wohlfahrt zurückzuziehen. Die freiwerdenden Räume werden scheinbar zunehmend von Anbietern gefüllt, die privatwirtschaftlich organisiert sind, oder von öffentlichen Einrichtungen, die sich nach mehr und mehr marktwirtschaftlichen Werten und Prinzipien orientieren. Dabei wird Soziale Arbeit zunehmend verwickelt in eine zunehmend an Kraft gewinnende Kommodifizierung (d.h. in ein zur Ware-Machen von bisher nicht Warenförmigem) des Sozialen. Effizienz, Qualitätsmanagement, Kostensenkung etc. sind Begriffe die in diesem Rahmen in der Sozialen Arbeit an Bedeutung zu gewinnen scheinen.

Einige der in Praxis und der Theorie der Sozialen Arbeit beschäftigten Menschen beklagen diese Entwicklung, die aus ihrer Perspektive zu einer Privatisierung und Re-Familiarisierung gesellschaftlicher Probleme,1 einer Spaltung der Gesellschaft und einem damit verbundenen Ausschluss von Menschen führt, die den Zugang zu Arbeit, Ressourcen und Partizipation verlieren.2 Soziale Arbeit und Pädagogik scheinen sich dabei immer stärker an organisatorischen Anforderungen und Interessen zu orientieren, als an denen von Menschen3 sowie “zu einem Erfüllungsgehilfen konkurrierender Wachstumsphantasien individueller Lebensläufe” zu werden.4 Ebenso scheint Soziale Arbeit ihrem Anspruch nicht mehr gerecht zu werden, aus dem kapitalistischen System Herausgefallene zu unterstützen5 und sogar, ihre grundlegenden Aufgaben wie Schutz und Ausbau der Menschenrechte aufzugeben und dabei ihre Fähigkeit zu opfern, sich mit ihren zentralen Fragen zu beschäftigen.6 Teilweise trägt Soziale Arbeit in diesem Prozess sogar zur Verdrängung von so genannten Randgruppen aus bisher öffentlichen und zunehmend privatisierten Räumen bei.7

So what?

Da sich der Staat aus der Schaffung von Wohlfahrt und Sozialer Arbeit also zurückzuziehen scheint und nur noch lenkt, wie andere Wohlfahrt und Soziale Arbeit organisieren (man spricht davon, dass der Staat nicht mehr rudert, sondern nur noch am Steuer steht) und einige Autoren die zunehmende Ausrichtung von Wohlfahrt und Sozialer Arbeit an marktwirtschaftlichen Prinzipien als problematisch empfinden, gibt es Überlegungen Soziale Arbeit und Wohlfahrt unabhängig von Staat und Markt zu organisieren.

Interessant!

Ein Resultat dieser Überlegungen ist das Nachdenken über und Schaffen von Wirtschafts- und Lebensformen, die unabhängig vom Staat und nicht nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionieren. Genannt werden diese Ansätze u.a. solidarische Ökonomie,8 Gemeinwesenökonomie,9 alternative Ökonomie,10 oder lokale Ökonomie11.
Die Autoren erhoffen sich von diese Ansätzen, dass Wirtschaften in anderem Maße zu einer anderen Art von Wohlstand beitragen kann, als das im Rahmen der Marktwirtschaft möglich zu sein scheint. Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie die von Markt und Staat produzierten Mängel und Schwächen in der Sicherung des Sozialen zu bewältigen versuchen, indem sie nach nicht vom Staat vorgegebenen und nicht-marktwirtschaftlichen Prinzipien zu funktionieren trachten.
Für Kunstreich z.B. stellen Sozialgenossenschaften eine Möglichkeit dar, „das Ökonomische vom Sozialen her zu denken“,12 d.h., von der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen individuelle und kollektive Verfügungsmacht über Ressourcen zugänglich zu machen, die ihren Ausschluss aufheben und zwar auf eine Art und Weise, die „nicht mit dem Zwang zu hegemonialer ’Normalität’ verbunden sind, sondern die soziale Eigensinnigkeit dieser Menschen und ihre Teilhabe an den universellen Rechten sichern.“13
Weitere Beispiele solcher nicht-staatlich und nicht-marktwirtschaftlich organisierter Lebens- und Wirtschaftsformen sehen die Autoren in Genossenschaften, wie z.B. in der Trierer “Wohnungsgenossenschaft Am Beutelweg” oder der weltgrößten Genossenschaft Mondragon.

Die ZENTRALE Frage

(Trommelwirbel) Die zentrale Frage die sich mit diesen nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaflichen Wirtschaftsformen verbindet, ist: Was lässt sie gelingen und was lässt sie scheitern? Die empirischen Untersuchungen dazu sind recht dünn, bzw. nicht vorhanden.14 Was schade ist, da es für ein paar Leute vielleicht interessant wäre zu wissen, warum denn jetzt dieses oder jenes Projekt an den Baum gegangen ist.
Für mich heißt das: VoKüs als eine Form der selbstorganisierten, nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Ökonomie zu betrachten und versuchen herauszufinden, was VoKüs gelingen lässt und unter welchen Bedingungen sie scheitern.

Wie soll das gehen?

Um herauszufinden wie und warum solche Formen der selbstorganisierten, nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Ökonomien scheitern bzw. gelingen, sollen VoKüs

  1. unter dem Gesichtspunkt von Mancur Olsons “Logik des kollektiven Handelns”15 und
  2. unter dem Aspekt der Analyse von Allmenderessourcen wie sie von Elinor Ostrom diskutiert wird16

betrachtet werden.

Mit anderen Worten

Um herauszufinden wie VoKüs in Zeiten eines sich zurückziehenden Wohlfahrtsstaates als eine Form der selbstorganisierten nicht-staatlichen und nicht-marktwirtschaftlichen Form sozialer Sicherung funktionieren, betrachte ich VoKüs als Resultat kollektiven Handelns und als Allmende. Mit den Modellen dieser beiden Ansätze hoffe ich das Scheitern bzw. Gelingen von VoKüs und damit auch von unabhängig von Markt und Staat funktionierenden Wirtschaftsformen erklären zu können. Wäre toll, wenn dabei was rauskäme, was auch für Leute die VoKüs machen oder machen wollen interessant ist.

  1. vgl. Notz, Gisela. 2009. Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen. In: Kessl, Fabian und Otto, Hans-Uwe (Hrsg.), Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven. Weinheim und München: Juventa Verlag. []
  2. Thiersch, Hans. 2002. Positionsbestimmungen der Sozialen Arbeit : Gesellschaftspolitik, Theorie und Ausbildung. Edition Soziale Arbeit. Weinheim: Juventa-Verlag. S.22 []
  3. vgl. Herrmann, Peter. 2005. Social Services under economic threat. Pages 215–225 of: et. al. [Hrsg.] Thole, Werner (Hrsg.), Soziale Arbeit im öffentlichen Raum : Soziale Gerechtigkeit in der Gestaltung des Sozialen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.215 []
  4. Böhnisch, Lothar, & Schröer, Wolfgang. 2001. Pädagogik und Arbeitsgesellschaft : Historische Grundlagen und theoretische Ansätze für eine sozialpolitisch reflexive Pädagogik. Weinheim und München: Juventa Verlag. S.173 []
  5. vgl. Notz (2009) S.207 []
  6. Elsen, Susanne. 2007. Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag, Weinheim und München. S.11 []
  7. Simon, Titus. 2006. Öffentlichkeit und öffentliche Räume – wem gehört die Stadt? []
  8. Notz, Gisela. 2009. Solidarische Ökonomien statt Ökonomisierung des Sozialen. In: Kessl, Fabian und Otto, Hans-Uwe (Hrsg.), Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven. Weinheim und München: Juventa Verlag. []
  9. Elsen, Susanne. 2007. Die Ökonomie des Gemeinwesens : Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag, Weinheim und München. []
  10. Daviter, Jürgen. 1995. Alternative Ökonomien und Kollektivgüter. In: Flieger, Burghard (Hrsg.), Gemeinsam mehr erreichen : Kooperation und Vernetzung alternativökonomischer Betriebe und Projekte. Beiträge zur Demokratieentwicklung von unten ; Materialien der AGSPAK ; 123. München: AG-SPAK-Bücher. []
  11. Sahle, Rita (Hrsg.). 2001. Lokale Ökonomie : Aufgaben und Chancen für die soziale Arbeit. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit ; 8. Freiburg i. Br.: Lambertus. []
  12. Kunstreich, Timm. 2006. Klientin – Kundin – Nutzerin – Genossin?!
    Pages 241–259 of: Böllert, Karin [Hrsg.] (Hrsg.), Die Produktivität des Sozialen – den sozialen Staat aktivieren : Sechster Bundeskongress Soziale Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.250 []
  13. ebd. []
  14. vgl. Notz S.218f. []
  15. Olson, Mancur. 1998. Die Logik des kollektiven Handelns – Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen. Tübingen: Mohr Siebeck. []
  16. Ostrom, Elinor. 1999. Die Verfassung der Allmende : jenseits von Staat und Markt. Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften ; 104. Tübingen: Mohr Siebeck. []

Foucault und Commons?

Nachdem ich als Sozpäd in spe in meiner wirtschaftswissenschaftlichen WG neulich damit punkten konnte, mich schon lange Zeit vor der Verleihung des Wirtschaftsnobel-Preises an Frau Ostrom mit ihren Arbeiten beschäftigt zu haben, kann man mich in letzter Zeit des öfteren in der WG-Küche dabei belauschen, wie ich die Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises des Jahres 2012 an Michel Foucault vorhersage.
In seinen Vorlesungen zur Governementalität beschäftigt er sich ja damit wie die Konzepte der Regierung, Macht und der Subjektivierung in Zusammenhang gebracht werden können bzw. in Zusammenhang gebracht wurden sein könnten. Der zweite Band in dem diese Vorlesungen veröffentlicht wurde, trägt den Titel “Geschichte der Gouvernementalität II. Die Geburt der Biopolitik” und erlaubt einen Einblick in Foucaults Denken über das Wichtig-werden der Ökonomie als Bestandteil von Regierung im 17. und 18. Jahrhundert und die Entstehung des (Neo-)Liberalismus und seiner Mechanismen (Rationalität, Homo oeconomicus) im 19. und 20. Jahrhundert.

Für meine Diplomarbeit heißt das Folgendes:

In meiner Diplomarbeit versuche ich, die Entstehung und das Funktionieren des Kollektivgutes VoKü mit Theorien der Ökonomie zu verstehen und zu erklären. Mir kommt es dabei darauf an, die Mikroökonomie einer VoKü zu beschreiben um dabei Prozesse des Scheiterns oder Gelingens der Produktion von Kollektivgütern zu erfassen.
Bei diesem Prozess des Verstehens und Erklärens der Mikroökonomie einer VoKü spielen u.a. die Logik des kollektiven Handelns von Mancur Olson, die Institutionenanalyse von Elinor Ostrom, sowie die Erforschung kollektiven Handelns in Kibbutzim wichtige Rollen.
Wenn, wie Foucault sagt, diese von mir verwendeten ökonomischen Theorien und Modelle nicht Naturgesetzen folgend entstanden, sondern Resultat diskursiver Prozesse oder bestimmter Formen von Regierung sind dann heißt das:

  1. dass diese ökonomischen Theorien nicht Naturgesetze beschreiben und erklären, sondern Rückschlüsse auf ihre eigene Entstehung zulassen und
  2. dass ich bei meinem Prozess der Beschreibung von VoKüs ganz klar innerhalb eines ökonomischen Rahmens bleibe, der das Resultat vorangegangener diskursiver Prozesse bzw. Regierungen ist

Was mich an der ganzen Geschichte beunruhigt ist Folgendes:

Wenn VoKüs Resultat eines Handelns sein sollten, welches sich im Wesentlichen weitgehend oder teilweise unbeeindruckt von Formen der Regierung zeigt oder sich den Verstrickungsversuchen von Regierung gegenüber sogar widerständig oder ausweichend verhält, dann werde ich dieses Handeln nicht mit den Theorien von Mancur Olson oder Elinor Ostrom erfassen können. Irgendwie hätte ich dann das Thema verfehlt.

Das würde auch bedeuten, dass das Verschwinden der Allmenden nicht nur Resultat der ursprünglichen Akkumulation ist, sondern auch eines Denkentwurfes, der im 19. Jahrhundert dominant wurde. Das wiederum würde die Beschreibungsversuche von Allmenden mit Hilfe wirtschaftswissenschaftlicher Theorien zu einem Kind unserer Zeit machen, aber nichts darüber aussagen, warum es Allmenden gab/gibt und wie sie funktionier(t)en.

Es wäre toll, wenn es neben den Wirtschaftswissenschaften mehr Disziplinen gäbe, die sich mit Commons beschäftigten. Mmm… vielleicht passiert das ja gerade auf einer Ebene von Experten, die außerhalb von Wirtschafts- und Wissenschaftsbetrieb tätig sind? z.B. Peer2Peer Foundation, Commonsblog, Digitale Allmend ?

Why do they do what they do (to me)?

Wenn ich in eine VoKü komme, so bin ich nach wie vor erstaunt darüber, dass sich dort wieder Menschen an den Herd gestellt und hinter die Theke geklemmt haben um anderen einen wunderbaren Abend zu ermöglichen. Und ich frage mich immer noch, warum sie das eigentlich tun.

In einem ersten organisationstheoretischen Anlauf habe ich behauptet, dass die Aneignung von Ressourcen und die Gewährung eines aus diesen Ressourcen entstehenden Nutzens ein zentraler Punkt des Gutes VoKü sind. Nachdem ich mir nun diese erste Theorie über VoKüs gebildet habe, möchte ich dieses “Warum” nun zur Hauptfrage meiner Diplomarbeit machen. Warum tun die VoKü-MacherInnen das eigentlich?

Mein Eindruck ist, dass bisherige Theorien kollektiven Handelns – wie z.B. Garret Hardins Tragik der Allmende, Mancur Olsons Logik des Kollektiven Handelns oder Elinor Ostroms Verfassung der Allmende eine Vielzahl von spieltheoretischen, sozialpsychologischen oder rational entscheidungstheoretischen Erklärungen für Probleme anbieten, die bei der Erstellung und Erhaltung von Gemeingütern entstehen. Diese Erklärungen unterstellen den Handelnden dabei oft ganz selbstverständlich ein bestimmtes Handlungsmuster – das des Homo oeconomicus nämlich.

Ich gehe aber mal davon aus, dass sich die Motive zur Schaffung von Gemeingütern aus eine Unmenge persönlicher Erklärungen, Handlungsmotive und Sinnzusammenhänge speisen, die über eigennutzmaximierendes Verhalten weit hinausgehen.
Mich interessiert dabei, was diese persönlichen Erklärungen, Handlungsmotive und Sinnzusammenhänge sind. Wie begründen es VoKü-MacherInnen vor sich selbst und vor anderen, dass sie das tun, was sie da tun, wenn sie heute Abend wieder “VoKü machen”? Welcher Sinn und Gewinn entsteht für die VoKü-MacherInnen dadurch, dass sie es tun? Welche Selbstkonzepte haben sie, die ihnen das Leisten von Beiträgen in VoKüs erlauben? Und unter welchen Umständen hat es für die VoKü-MacherInnen keinen Sinn mehr sich in einer VoKü zu engagieren?

Interessant finde ich auch herauszufinden, welche sozialen Praktiken und Vorstellungen eine VoKü hervorbringt. Wie verändern sich diese Vorstellungen und Praktiken? Wie verändern sich die Erklärungen und die Selbstkonzepte der VoKü-MacherInnen im Laufe der Zeit?

Diese Fragen lassen sich möglicherweise durch das Konzept der Subjektiven Theorien beantworten. Da ich mich schon eine Weile mit Problemen kollektiven Handelns beschäftigt habe, interessiert mich natürlich am meisten, ob und wie diese Probleme auch in den subjektiven Theorien kollektiv Handelnder wahrgenommen werden und wie subjektive Theorien der kollektiv Handelnden zur Lösung von Problemen kollektiven Handelns beitragen.

In der subjektiven Theorie, die ich zum Schreiben meiner Diplomarbeit gebildet ;) habe heißt das: Literatur zum Forschungsfeld der subjektiven Theorien ausfindig machen und lesen.

Wem gehören die VoKüs?

Es wird wieder einmal Zeit für ein grafisches Zwischenspiel. Dazu gibt es noch soetwas wie eine Erklärung, mit der ich zu beschreiben versuche, welche Besitzrechte ich in VoKüs erkenne.
Dabei werde ich vor allem Begriffe und Modelle verwenden, die Elinor Ostrom prägte um die Nutzung und Verwaltung von Allmenden zu erklären. Auch wenn VoKüs nach meinem bisherigen Verständnis keine reinen Allmendegüter sind, sondern – da Menschen auf mehreren Ebenen von deren Nutzung ausgeschlossen werden können – eine Mischung aus Allmende- und Klubgut, will ich Ostroms Begriffe und Modelle zunächst einmal verwenden, da sie helfen zu bestimmen, wo VoKüs wie Allmenden funktionieren und wo VoKüs eher wie Klubs funktionieren. Dabei werde ich die VoKü zunächst einmal als eine Ressource betrachten, welche sich aus einer Vorratsvariablen, also dem zu erhaltenden Bestand, und einer Flussvariablen, also den aufbrauchbaren Nutzungseinheiten, zusammensetzt.1,2

Doch zunächst:

Zur Typologie von MacherInnen, MitmacherInnen, Gästen und Aussenstehenden:

VoKü-Schema 0.1 – erstellt mit Hilfe von Inkscape

  • Die Aussenstehenden, das sind alle, die nicht in VoKüs gehen. Entweder weil sie noch nie etwas von VoKüs gehört haben, nicht wissen, wo welche sind, keine Lust darauf haben VoKüs zu besuchen oder es nicht dürfen.
    Sie können daher weder die Vorratsvariablen, d.h. den Bestand der VoKü (Räumlichkeiten, Inventar, Kochtöpfe) selbst, noch die Flussvariablen, d.h. die aufbrauchbaren Nutzungseinheiten der VoKü (Essen, Bier, Konversationen, Kultur) nutzen.
  • Die Gäste sind diejenigen, die gelegentlich oder regelmäßig in VoKüs gehen um sich zu unterhalten, ein oder zwei Bier zu trinken und/oder etwas zu essen, zu diskutieren oder Kultur zu konsumieren. Sie haben also Zugang zu den Flussvariablen der VoKü, welche sie – teilweise gegen geringe Bezahlung (1€ pro Bier und 1,50€ pro Essen) – komplett verbrauchen dürfen. Sie haben auch Zugang zu Vorratsvariablen (Toiletten, Aufenthaltsräume, Geschirr) welche sie jedoch nicht aufbrauchen sollten.
    Da es in manchen VoKüs Usus ist, dass Gäste ihre Teller nach dem Essen selber abwaschen, wofür Ihnen von den VoKü-MacherInnen oder -MitmacherInnen entsprechendes Equipment (Abwaschbecken gefüllt mit heißem Wasser, Lappen) zur Verfügung gestellt wird, unterscheiden sie sich in Gäste mit Abwaschpflicht und privilegierte Gäste. Erstere tragen damit zur Erneuerung von Ressourcen (nutzbares Geschirr) innerhalb der Ressource VoKü bei.
  • Die MitmacherInnen sind eine Gruppe, die es nur in einigen VoKüs gibt. Sie dürfen für die Gäste kochen bzw. andere Aufgaben übernehmen, wie z.B. die Theke führen und – innerhalb der Richtlinien der MacherInnen – auch darüber entscheiden, was gekocht und welche Musik in den Räumlichkeiten oder an der Theke gespielt wird. Der Ausdruck “innerhalb der Richtlinien” deutet schon darauf hin, dass MitmacherInnen sich an diätische3 Vorgaben halten müssen. So werden die MitmacherInnen in einer VoKü, deren MacherInnen entschieden haben, dass nur veganes Essen gekocht wird, wahrscheinlich Probleme mit den MacherInnen und (wahrscheinlich auch einigen Gästen) bekommen, wenn sie einen Rinderrollbraten bereiten. Auch bei der Auswahl der Musik, die MitmacherInnen abspielen dürfen, so sie Thekendienst haben, kann es (nach meinen Beobachtungen implizite) Vorgaben der MacherInnen an die MitmacherInnen geben. MitmacherInnen dürfen für Ihre Verdienste mitunter kostenlos essen und Biertrinken.
    Sie können damit sowohl Vorratsvariablen, (also den Bestand) der VoKü nutzen (Kochtöpfe, Ofen, Gewürze, Wasser, Zutaten), die den Gästen i.d.R. verwehrt bleiben, als auch erschöpfliche Flussvariablen (Essen, Bier) zu besonderen Konditionen bekommen.
  • Die MacherInnen sind meist miteinander befreundet bzw. konstituieren ein enges soziales Netzwerk, wie etwa einen Freundeskreis oder ein Hausprojekt.
    Entweder mieten oder pachten die MacherInnen die Immobilie, in der die VoKü stattfindet und erwerben dadurch das Recht auf den Zugang zu einer der kritischsten Vorratsvariablen in VoKüs nämlich dem Haus in dem alles stattfindet. Dies berechtigt sie weiterhin zur Entnahme von Flussvariablen (z.B. dort wohnen, Inventar und Infrastruktur nutzen und ggf. Veranstaltungen durchführen) und zur Verwaltung. D.h. sie dürfen interne Nutzungsmuster regeln (z.B. indem sie entscheiden, ob es MitMacherInnen gibt, was diese kochen dürfen, ob diese an der Theke Musik spielen dürfen) und die Ressource verbessern (Verschönerungen, Wartungen am VoKü-Gebäude).
    Falls die VoKü-MacherInnen das Gebäude, in dem die VoKü stattfindet, nicht selber mieten oder pachten, dann werden ihnen die Rechte auf Zugang und Entnahme von anderen, ihnen gesonnenen Menschen (meist Leute aus dem Freundes-/Bekanntenkreis), gestattet, die das Recht haben die Immobilie zu verwalten oder diese gar besitzen oder eignen.
    Oder sie nehmen – im Falle von besetzten Häusern, deren Nutzung und Verwaltung ihnen vom jeweiligen Besitzer und/oder Eigentümer nicht zugestanden wird – die Risiken in Kauf, die mit einer illegalen/illegalisierten Nutzung verbunden sind (Räumung und damit den Verlust weiterer Fluss- und Vorratsvariablen, wie Kochuntensilien, Bereitschaft zu weiterem Engagement …). Diese Konstellation an Rechten ermöglicht es ihnen natürlich auch selber zu kochen, sowie ein paar ausgefallene Sachen zu machen, wie Konzerte, Diskussionsabende, Vorträge, Filmabende u.s.w. zu organisieren.
  • Dann gibt es auch noch den theoretischen Fall, dass die VoKü-MacherInnen die Eigentümer sämtlicher Vorratsvariablen (d.h. des Bestandes) sind, die zum Betrieb einer VoKü nötig sind, d.h. dass sie auch Eigentümer der Immobilie sind, in der die VoKü stattfindet und diese Vorratsvariable (z.B. das Haus) auch verkaufen/vermieten können. Sowas konnte ich bisher allerdings noch nicht beobachten, das Maximum meiner Beobachtungen ist eine VoKü, die einen Erbpachtvertrag mit der Gemeinde geschlossen hat und die Immobilie in der u.a. eine VoKü stattfindet, für ein paar Jahrzehnte nutzen kann.

VoKü-MacherInnen, -MitmacherInnen, (privilegierte) VoKü-Gäste und Aussenstehende unterscheiden sich also durch die Besitzrechte an solchen Ressourcen, die es in VoKüs gibt, bzw. die durch VoKüs produziert werden. Gäste dürfen z.B. nicht darüber entscheiden, wer wann in der VoKü was kocht oder welche Musiken gespielt bzw. welche Filme gezeigt werden. Dass dürfen, sofern sie existieren nur MitmacherInnen, gegen die sich allerdings auch die VoKü-MacherInnen durchsetzen können. Diese entscheiden übrigens auch darüber, ob es überhaupt VoKü-MitmacherInnen gibt.
MacherInnen unterscheiden sich von MitmacherInnen weiterhin darin, dass erstere über die Verwendung der VoKü-Einnahmen entscheiden und die Nutzung der Räumlichkeiten und des Inventars gestatten/verwehren können.
Je weiter drinnen man ist (“inner circle”) desto mehr Nutzungsrechte an der Ressource hat man einerseits, desto mehr ist man allerdings auch für den Erhalt des Bestandes – also der Vorratsvariablen – zuständig, all dessen also, was unbedingt benötigt wird um eine VoKü am Laufen zu halten. Je weiter man draußen ist, desto geringere Besitzrechte hat man, was oft auf das Recht am privaten Genuss der Flussvariablen Bier, Gemüse-Gusgus und Unterhaltung hinausläuft.

VoKüs scheinen somit ein komplexes System der Verwaltung und Aushandlung von Besitz- und Nutzungsrechten zwischen VoKü-MacherInnen, Eigentümern der für VoKüs kritischen Ressourcen (den Hauseigentümern), VoKü-MitmacherInnen und VoKü-Gästen zu sein. Wem VoKüs gehören lässt sich da natürlich schwer sagen. Sicher niemandem in Gänze und sicher sind auch keine zwei VoKüs gleich, so dass sich jede VoKü durch die ganz speziellen Verwaltungs- und Aushandlungsprozesse und -fähigkeiten ihrer BesitzerInnen, MacherInnen, MitmacherInnen und Gäste auszeichnet.

  1. Ostrom, E. (1999) Die Verfassung der Allmende : Jenseits von Markt und Staat. Tübingen, Mohr Siebeck. S.38 []
  2. Die Unterscheidung in Vorratsvariablen und Flussvariablen trifft Ostrom und meint folgendes:

    Man stellt sich ein Ressourcensystem am besten als Vorratsvariable vor, die unter günstigen Bedingungen in der Lage ist, ein maximales Quantum einer Flußvariablen zu erzeugen, ohne daß die Bestände oder das Ressourcensystem selbst beeinträchtigt werden. Beispiele solcher Ressourcensysteme sind Fischgründe, Grundwasserbecken, Weideland, Bewässerungskanäle Brücken, Parkhäuser, zentrale Rechenanlagen … aber auch Flüsse, Seen, Ozeane und andere Gewässer. Ressourceneinheiten sind das, was sich die Individuen aus dem Ressourcensystem aneignen oder nutzen. Typische Ressourceneinheiten sind die in einem Fischgrund gefangenen Tonnen Fisch, die aus einem Grundwasserbecken oder Bewässerungskanal entnommenen Kubikmeter Wasser, die von Tieren auf einer Weidefläche verzehrten Tonnen Futter …

    (Ostrom, E. (1999) Die Verfassung der Allmende : Jenseits von Markt und Staat. Tübingen, Mohr Siebeck. S.38) []

  3. zur Etymologie des Wortes “Diät” “from L. diaeta “prescribed way of life,” from Gk. diaita, originally “way of life, regimen, dwelling,” from diaitasthai “lead one’s life,” and from diaitan, originally “separate, select” (food and drink)” siehe: Etymonline []