Wissenschaft im Mixer

In der DDR hieß es ja mal eine Zeit lang „Wissenschaft in die Produktion!“ (Oder irre ich mich da? Kann gerade keinen Nachweis finden. Ist das nur mein kleines Hirngespinst?) Das ist jedoch schon lange her und heute geht es hier um das Thema „Wissenschaft im Mixer“.

"Zum Schluss fügen Sie noch eine Baggerspitze klein geraspelten Bourdieu hinzu." Aus: Kochen in VoKüs - satt und froh mit Foucault und Co.)

In einer Einführungsveranstaltung zur Politikwissenschaft, die ich vor drei Jahren hier an der Uni besuchte, wurde mir als bis dato ahnungslosem Studenten gleich auf einer der ersten Powerpoint-Folien erklärt: … Continue reading

Wem bin ich als Wissenschaftler etwas schuldig?

Das ist die Frage, mit der ich mich gerade herumschlage. Darf ich als Diplomand meinem Betreuer und den Lesern meiner Diplomarbeit etwas vorlügen, um Schaden von denen, über die ich forsche abzuwenden und ihnen neue Freiräume zu schaffen? Wenn nein, wem dient mein wissenschaftliches Tun dann? Wem soll es dienen, wenn nicht denen, über die ich forsche?

Eine Wissenschaft, die sich völlig entfernt hat, von denen über die sie forscht, hat Rassismus wissenschaftlich gestützt, war in den Konzentrationslagern zu Hause und trägt in der Psychiatrie nach wie vor zu großem Leid bei, von den Auswirkungen neo-klassischer Ökonomie, wie sie in den Universitäten gelehrt und gelernt wird, auf die Menschen ganz zu schweigen.

Ich erinnere mich gerade an … Continue reading

Gibt es öffentliche Güter jenseits von Glauben, Wünschen und Hoffen?

Meine neulich geäußerte Verärgerung über das Fehlen der Reflexion der Methoden, mit denen die frisch gekürte Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften Elinor Ostrom ihre Arbeiten verfasst hat, hat mich auf die Frage aufmerksam gemacht, ob die Wirtschaftswissenschaftler, die ja den Anspruch haben aufgrund ihrer empirischen Forschungsergebnisse Manager oder Politiker zu beraten, überhaupt mal darüber nachdenken, dass ihre Forschungsergebnisse ganz anders aussehen könnten, wenn ihre Forschungsmethoden ganz anders wären.

Könnte es z.B. sein, dass die in vielen wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchungen vorgenommene Unterteilung von Gütern ganz wesentlich vom Forscher abhängt, der aufgrund seiner Vorannahmen darüber entscheidet, ob ein Leuchtturm oder ein Deich nun ein öffentliches, ein privates Gut, ein Klubgut oder gar ein Allmendegut ist?

Gibt es öffentliche Güter "in der Realität"?

Wie lassen sich Dinge diesen Kategorien zuordnen? Und zählen Mauszeiger wirklich zu den Allmendegütern? Bildquelle:Wikipedia

Leuchttürme werden zusammen mit der Landesverteidigung oft als DAS Standardbeispiel für öffentliche Güter verwendet. Doch m.E. ist es gar nicht so eindeutig zu sagen, ob ein Leuchtturm oder die Landesverteidigung nun ein öffentliches Gut ist.

Was genau ist an diesem Leuchtturm öffentlich?

Was genau ist an diesem Leuchtturm in Travemünde öffentlich? Bildquelle:Wikimedia Commons

Welcher Leuchtturm ist überhaupt gemeint und woran kann man erkennen, ob der Leuchtturm öffentlich oder privat ist? – Aha, da muss man schon unterscheiden: das Gebäude ist keineswegs öffentlich, d.h. da kann nicht jeder rein. Nur das vor Klippen oder Untiefen warnende Licht ist öffentlich in dem Sinne, das kaum ein Schiff, welches in den Einzugsbereich des Leuchtturmes gelangt, technisch davon ausgeschlossen werden kann.

Der Fall von Warschau - rechts im Vordergrund ein öffentliches Gut

Der Fall von Warschau 1939 - rechts im Vordergrund ein öffentliches Gut. Bildquelle:Wikimedia Commons

Und welche Landesverteidigung meint man, wenn man davon spricht, dass sie ein öffentliches Gut ist? Nehmen wir zum Beispiel die Landesverteidigung Deutschlands von 1933 bis 1945, die Wehrmacht. Kam deren Nutzen denn auch den deutschen Juden oder Kommunisten zu gute? Öffentliches Gut heißt doch, dass niemand von dessen Nutzung ausgeschlossen werden kann. Aber nicht nur, dass eine Menge von Leuten von dem Nutzen ausgeschlossen wurden, den die Wehrmacht schuf, viele waren sogar negativ davon betroffen. War die Wehrmacht also soetwas wie die Umweltverschmutzung – ein öffentliches Übel?

Wenn sich Leuchttürme und die Landesverteidigung, die beiden Standardbeispiele für öffentliche Güter, einer Einordnung in obige Kategorien schon entziehen, was ist dann mit anderen Phänomenen? Um in der Geschichte zu bleiben: wie sieht es eigentlich mit Konzentrationslagern aus? Waren die ein öffentliches Übel? Oder – weil sie ja nicht jeden vernichtet haben – nur ein Klubübel? Die Staatssicherheit der DDR, der deutsche Verfassungsschutz, die Berliner Mauer? Wer legt auf Grund welcher Kriterien fest, ob etwas als ein öffentliches Gut oder als öffentliches Übel bezeichnet wird? Lässt sich das überhaupt empirisch erfassen?

Okay, man könnte jetzt darüber streiten, ob und inwiefern jener Leuchtturm oder diese Landesverteidigung öffentliche Güter sind oder waren und ob meine Beispiele nicht überhaupt viel zu überspitzt, unrealistisch und ideologisch sind. Ich könnte damit kontern, dass es durchaus reale Beispiele sind und dass Wirtschaftswissenschaftler, die den Anspruch haben, sich mit realen Phänomenen zu beschäftigen, mal darüber Gedanken machen sollten, ob es vielleicht sie sind, die einer Ideologie folgen, wenn sie so tun als ob es ganz einfach wäre, einen Leuchtturm oder die Landesverteidigung als öffentliches Gut zu bezeichnen.

Was bleibt, ist die Frage auf welche Art und Weise man zu empirischen (d.h. auf Erfahrungen basierenden) Aussagen über öffentliche Güter kommen kann. Ostrom, die schon mal als diejenige Feldforscherin der Wirtschaftswissenschaftler dargestellt wird, welche die Realität in die Wirtschaftswissenschaften zurückgeholt hat,1 hat da leider, wie in meinem letzten Posting bemeckert, auch nicht so viel zu bieten.

Gibt es in den Wirtschaftswissenschaften überhaupt sowas wie Empirie – also auf Erfahrungen basierende Aussagen? Ich wage zu behaupten: nein. Das einzige „Werk“ zu diesem Thema, das ich in der Sächsichen Landes- und Universitätsbibliothek zu Dresden finden konnte, trägt den Titel „Empirische Forschung in den Wirtschaftswissenschaften : Ein Überblick“2 und hat sage und schreibe 36 Seiten.

Wenn ein Überblick über die empirische Forschung der Wirtschaftswissenschaften 36 Seiten hat, worauf basieren die Modelle und Theorien der Wirtschaftswissenschaften dann? Was bedeutet es, wenn sich die Methodendiskussion der Dissertation der aktuellen Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften auf den folgenden einen Satz beschränkt?

„The study was based primarily upon the use of documentary materials.“3

Wie, wenn nicht über Erfahrungen und die Reflexion der Methoden mit denen sie zu diesen Erfahrungen gelangen, gewinnen Wirtschaftswissenschaftler also Erkenntnisse über die Gegenstände ihres Faches? Mmm….mir fällt momentan nur Glauben ein. Sind Wirtschaftswissenschaftler also nicht mehr und nicht weniger als die Astrologen des 21. Jahrhunderts? Dann stellt sich mir die Frage: Gibt es öffentliche Güter an sich oder ist die Kategorisierung von Phänomenen in öffentlich und nicht-öffentlich nicht eher Ausdruck menschlichen Glaubens, Wünschens und Hoffens?

  1. Elinor Ostrom and a Nobel Reality Check for the Economics Field []
  2. Gebhard Kirchgässner and Marcel Savioz (1997) Empirische Forschung in den Wirtschaftswissenschaften: Ein Überblick []
  3. Ostrom, Elinor. 1965. Public Entrepreneurship: A Case Study in Ground Water Basin Management. Ph.D. thesis, University of California, Los Angeles. S.17 []

Gibt es empirische Allmendeforschung?

Obwohl der Begriff „Feldforschung“ sicher kein geschütztes Markenzeichen ist, war ich doch etwas enttäuscht, als ich in der Dissertation von Elinor Ostrom, die ja in letzter Zeit sehr für ihre Feldforschungen zu Allmenden gelobt und mit dem Nobelpreis geehrt wurde,1 danach suchte, wie sie ihre Feldforschung durchgeführt hat.
Ich habe bisher nicht viel über empirische Methoden in den Wirtschaftswissenschaften gehört und da ich in meiner Diplomarbeit zu kollektivem Handeln in VoKüs selber empirisch forschen möchte, dachte ich mir, dass mir die Dissertation einer feldforschenden Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften, bei der Planung meiner Untersuchung helfen kann.

Seltsamerweise konnte ich in der ganzen 628-seitigen Dissertation – einer Fallstudie zur Rolle öffentlicher Unternehmen bei der Verwaltung von Grundwasserbecken im südkalifornischen West Coast Groundwater Basin – nur einen einzigen Satz finden, der sich damit auseinandersetzt, worin ihre Feldforschungen bestehen und wie sie diese durchführt.

„The study was based primarily upon the use of documentary materials.“2

Was mit „documentary materials“ gemeint ist, bleibt dabei ziemlich unklar. Ich kann nur vermuten, dass sie Interviews, Zeitungsartikel, Gesetztestexte und teilweise von anderen Autoren verfasste Berichte über das West Coast Groundwater Basin meint. Ebenso mysteriös bleibt, wie sie dieses Material erhoben hat und wie sie damit umgeht. – Mein Prof. würde mich mit so einer winzigen Bemerkung zur Forschungsmethode wahrscheinlich durch die Diplomprüfung durchfallen lassen.

Ihre „Fallstudie“ besteht darin, diese „documentary materials“ widerzugeben, statistisch aufzubereiten, sowie in Untersuchungsanordnungen umzuformen in deren Rahmen dann weitere Experimente durchgeführt und statistisch ausgewertet werden.
Sie verliert kein Wort zum Problem der sozialen Erwünschtheit von Aussagen der von ihr interviewten Personen. Kein Wort zur Rolle des Forschers bei der Interaktion mit Zu-Erforschenden. Keine Reflexion darüber, ob und wie die Ergebnisse ihrer Arbeit durch die Art der Datenerhebung beeinflusst wurden.

Ein ähnliches Bild bot sich mir nach der Lektüre ihres fast schon zum Klassiker gelobten Buches „Die Verfassung der Allmende“. Ich konnte absolut keine Angaben dazu finden, wie sie die von ihr interpretierten Daten erhebt oder warum sie diese Daten auf diese und nicht auf jene Weise interpretiert.

In dem Buch „Soziologische Handlungstheorie: Eine Einführung Von Bernhard Miebach“ wird die von Ostrom durchgeführte „Methode“ sogar mit einem eigenen Namen geehrt – „Methode der empirischen Fallbeispiele“ – allerdings ist damit weniger eine Methode gemeint, mit der man als Forscher Daten erhebt und analysiert, sondern eine Methode mit Daten in ein Modell eingefügt werden. Finde ich sehr problematisch, weil man dabei so tut, als ob Prozesse menschlichen Handelns vom Forscher völlig unbeeinflusst blieben.

Feldforscher mit denen ich mich bisher bekannt gemacht habe, setzen sich recht intensiv mit den Methoden auseinander, mit denen sie sich das Feld zugänglich gemacht und Daten erhoben haben (z.B. Munch, Chantal: Die Effektivitätsfalle. Bürgerschaftliches Engagement und Gemeinwesenarbeit zwischen Ergebnisorientierung und Lebensbewältigung).

Nicht dass ich Ostroms Arbeit klein reden will. Aber mir scheint, dass sich Feldforscher, die das Handeln von Menschen verstehen und erklären wollen – und ich denke mal, das ist Ostroms Anspruch als Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin -, auch mit diesen Menschen und deren Handeln und mit ihrer Rolle als Forscher, in der sie Menschen und Handeln beeinflussen, auseinandersetzen sollten. Schade, dass ausgerechnet eine Nobelpreisträgerin, die auch für ihre Feldforschungen ausgezeichnet wurde, auf dem Gebiet der Feldforschung so dünne Bretter gebohrt hat.

Falls ich da was übersehen habe, bitte in den Kommentaren ergänzen.

  1. man sprach sogar davon, dass sie die Realität in die Ökonomie zurückgeholt hätte: Elinor Ostrom and a Nobel Reality Check for the Economics Field []
  2. Ostrom, Elinor. 1965. Public Entrepreneurship: A Case Study in Ground Water Basin Management. Ph.D. thesis, University of California, Los Angeles. S.17 []

Sozialarbeiterin Ostrom

Ja ich weiß, ich erwecke den Anschein ein Ostromianer zu sein. Egal, denn ich fühle mich gut dabei.

Gerade hatte ich einen kleinen Endorphinausstoß, als ich nämlich beim Schreiben meiner Diplomarbeit die Nobelpreisträgerin Ostrom mit ins Spiel brachte. Natürlich habe ich deren Verwicklung in meine Arbeit schon von langer Hand geplant, denn die grobe These meiner Diplomarbeit ist ja, dass Allmenden diverse Funktionen in der ökonomischen und sozialen Versorgung ihrer Nutznießer haben und daher in einem konkurrierenden oder ergänzenden Verhältnis zu Sozialer Arbeit stehen, die sich ja bekanntlich auch damit beschäftigt soziale Probleme zu lösen, zu lindern oder zu verhindern.
Und da die feine These meiner Arbeit ist, dass VoKüs eine Form der urbanen Allmende darstellen, beginne ich soeben gerade VoKüs mit den Augen von Elinor Ostrom zu begucken – was ziemlichen Spaß macht.

Warum tue ich das überhaupt? Das Ziel meiner Arbeit ist es, einerseits sowas wie Wissen über VoKüs zu produzieren – die von Ostrom geprägte Allmendeforschung scheint mir da geeignete Werkzeuge zu liefern – und dieses Wissen andererseits mit Ansätzen aus der feministischen Allmendeforschung (gibt es die überhaupt?) zu kombinieren und somit um die Perspektive der Subjekte bereichern (geht das überhaupt?).