Diplomarbeit “Volxküchen als Common Pool Ressource” - Gliederung 0.1
0 Comments Published Juni 9th, 2009 in Open Source, collective action, VoKü, Diplomarbeit, Methoden der Sozialforschung, EssenVielleicht sollte man die vorläufigen Gliederungen seiner Diplomarbeiten nicht an die große Glocke hängen, aber warum eigentlich nicht? Oder um Michel Foucault und Open Source mal zusammenzubringen: “Wen kümmert’s, wer spricht, hat jemand gesagt, wen kümmert’s wer spricht. - Release early, release often!”
So, here we go:
Volxküchen als Common Pool Ressource
Leitfragen:
- Wie werden Voküs regiert, gemanagt? Anders gefragt: How do they do what they do?
- Welche Ressourcen nutzen Voküs, welche Regeln stellen sie dabei auf und wie stellen sie diese Regeln auf?
I. geschichtliche Stränge
- Symposien
- Syssitien
- Rote Hilfe
- frühchristliche Mahlfeiern → Bildung von Gemeinschaften
II. Abgrenzungen
- Clubs (Buch: “Clubräume - Freiräume” - Sabine Vogt)
- Szenekneipen (Buch: “Kommunikationsraum Szenekneipe” - Starzinger, Anneli)
- Szenetreffpunkt (Buch: “Berliner Szenetreffpunkt Bahnhof Zoo” - Stefan Thomas)
- Suppenküche (eigene Beobachtungen)
- peruanische Volksküche (Buch: “Überleben und verändern” - Sabine Vogt)
- Angebote der offenen Kinder- und Jugendarbeit (eigene Beobachtungen?)
- Salons (literarische/musikalische/politische)
III. Gemeingüter und Öffentlichkeit
- Arten und Definitionen von Gemeingütern
- Phänomene kollektiven Handelns (Trittbrettfahren, Heuchlerische Kooperation etc.)
- Gemeingüter und junge Menschen in Dresden
- Lebenswelten junger Menschen
- Lebenswelten und Gentrifizierung
- selbstorganisierter Kampf um den Erhalt der Lebenswelten
- sozialarbeiterisch organisierter Kampf um den Erhalt der Lebenswelten (z.B. Forderungen aus: “Soziale Kommunalpolitik für lebenswerte Wohnquartiere” - Konrad Maier [Hrsg.])
- “Berliner Szenetreffpunkt Bahnhof Zoo” Kapitel zu “Wiederaneignung der Öffentlichkeit” - S. 224ff
IV. Voküs und Ressourcen
- welche Ressourcen nutzen VoKüs
- wie gehen sie damit um
- welche Bindungen entstehen zwischen den Vokü-Leuten
- wie binden sich die Leute an die Vokü
- wie formen voküs die identität der Leute, die sie betreiben? (Aufsatz:“The Samba Project: Transformation of Self through Open Source Software Development” - Nicolaas Charles Earnshaw
- welche sozialen Normen werden aufgestellt? wie?
V. Zusammenfassung
- Was ist eine Vokü
- Wie entsteht sie?
That’s it.
Gegessen wird, was auf den Müll kommt!
1 Comment Published Juni 2nd, 2009 in VoKü, Methoden der Sozialforschung, Kritik der Hilfe, Tafeln, Essen, Wohlfahrt, SuppenkücheAnfang Mai habe ich im Rahmen meiner teilnehmenden Beobachtungen an zwei Tagen in einer Suppenküche mitgearbeitet. Die meiste Zeit stand ich mit an der Essensausgabe und habe geholfen das Essen aus den Essenskübeln auf die Teller zu befördern, hin und wieder habe ich aber auch mal in der Küche ausgeholfen.
Mein Thema ist ja doch eigentlich die Volxküche, warum also sollte ich mir überhaupt Suppenküchen angucken? Nun, wenn ich, was hin und wieder vorkommt, Leuten erzähle, worüber ich meine Diplomarbeit schreibe - über Volxküchen nämlich -, denken die meisten, dass es sich dabei um Suppenküchen handelt und ich beginne dann immer aus dem Bauch raus zu erklären (das mit dem “aus dem Bauch raus erklären” hier bitte nicht allzu wörtlich nehmen ;), dass Suppenküchen eher so eine Art Armenspeisung sind, wohingegen Volxküchen Orte sind, an denen sich junge Menschen treffen um sich miteinander zu unterhalten bzw. Spaß zu haben.
Auch wenn ich eigentlich gar nicht so recht an ein objektiv vorhandenes “System Suppenküche” und noch weniger an ein objektiv vorhandenes “System Volxküche” glaube, erhoffe ich mir von einer teilnehmenden Beobachtung in einer Suppenküche doch eine Erkenntnis darüber, was eine Suppenküche von einer Volxküche unterscheidet. Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich dabei Kategorien entwickle (arm vs. reich, jung vs. alt …), was bei objektiv nicht vorhandenen Systemen dazu führt, dass ich zu objektiv nicht vorhandenen Kategorien komme, aber irgendwo muss man doch mal anfangen, oder? ;)
Was habe ich in der Suppenküche also beobachtet?
- Als erstes hat mich erstaunt, dass bei der Essensausgabe kein Nachweis über die Bedürftigkeit verlangt wird. Auf meine Nachfrage stellte sich allerdings heraus, dass die Kontrolle der Bedürftigkeit im Prinzip schon durchgeführt wird, aber im Ermessen der Person liegt, die das Essen ausgibt. Mein Eindruck war, dass es dieser Person in dem von mir beobachteten Fall einerseits zu peinlich und zu aufwändig war, die Bedürftigkeit der Essensempfänger zu kontrollieren und sie andererseits schon viele der Suppenempfänger als bedürftige Dauerkunden einzuschätzen wußte.
- Ebenso verwundert hat mich, dass im Prinzip keine ehrenamtlich beschäftigten Menschen in der Suppenküche arbeiteten. Es gab eine voll festangestellte Kraft: das war der Chef und einen halbtags angestellen Koch. Die restlichen Leute, die in der von mir beobachteten Suppenküche arbeiteten, waren sogenannte Strafstündler und Ein-Euro-Jobber. Das deckt sich mit der Aussage der Chefin einer anderen Suppenküche, die mir das Mithelfen in ihrer Suppenküche verweigerte, da sie mit “Strafstunden und Ein-Euro-Jobbern voll” sei.
- Das Elend hat mich wirklich umgehauen. Dabei war es nicht das materielle Elend, welches mir zugesetzt hat. Das gab es zwar auch, z.B. in Form verwahrlost wirkender Menschen. Daneben gab es aber auch Leute, die bedeutend mehr Style hatten als ich und die meisten meiner Freunde. Eine relative konstante Form des Elends war aber eine, mmmh… wie soll ich sagen? Vielleicht sozial-kommunikative Verelendung? Viele der Leute, die zum Essen in die Suppenküche kamen, hatten es offenbar verlernt miteinander zu reden. Sie setzten sich erstmal möglichst alleine an einen Tisch. Wenn sie trotzdem an einem Tisch saßen, so sprachen sie nicht miteinander. Wenn Sie miteinander sprachen, so waren es Familien. Man könnte sagen, dass die meisten der Menschen, die ich hier beobachtet habe, alleine sind und diesen Zustand offenbar nicht ändern können oder wollen.
- Manche Menschen verbringen den ganzen Tag hier. Sie essen eine Portion Mittag, holen sich anschließend eine zweite Portion des selben Essens, verbringen am Tisch sitzend einige Stunden in stummer Agonie um sich dann zum Kaffeetrinken einen Pfefferminztee und ein Stück Kuchen zu holen.
- Ich empfand die Stimmung als irgendwas zwischen geknickt und surreal: die schweigenden Menschen, die nichts mit sich und ihrer Umwelt anzufangen wissen und die Unmengen an billigem Essen, die manche dieser Menschen essen, passen irgendwie nicht zusammen. Aus meiner Sicht werden viele dieser Menschen mit einer Menge von Ressourcen unterversorgt. Freundschaften, Gesundheit, Freude, Sicherheit beispielsweise. Diese Unterversorgung scheinen einige durch eine Überversorgung einer Ressource, die sie hier leicht bekommen können wettmachen zu wollen: Essen.
- Der Chef der Suppenküche war der einzige, der keinen geknickten Eindruck machte. Schon vom Auftreten her unterschied er sich in seinem weißen Kittel beträchtlich von den “Angestellten” der Suppenküche, die alle mit roten T-Shirts und Schürzen rumliefen. Dann war er oft recht laut, was nicht bedeutet, dass er unfreundlich war, aber er sprach als einziger so laut, dass man ihn durch den ganzen Speisesaal hören konnte. Und er genoss es den Gönner zu spielen: Einmal standen zwei aufgeweckte etwa 12-jährige Kinder - die übrigens auch einen “ungeknickten” Eindruck machten - vor der Essensausgabe und suchten sich etwas aus der Speisekarte aus, als der Chef hinzutrat und sie laut aber freundlich von oben herab fragte, was sie denn zu Essen haben möchten. Als der Junge meinte, dass sie das noch nicht wüssten, spielte der Chef weiter den guten Onkel und fragte ob sie lieber das eine oder das andere Essen haben wollten. Dass er die Wahl der beiden damit eher störte, schien im nicht aufzufallen.
Ein andermal nötigte er mit lautem Trara einer Frau eine zusätzliche Schale Kompott für ihren Mann auf- “Ach kommen Sie. Hier haben Sie noch mehr Kompott”. Die Frau wehrte sich mit Worten, der Chef platzierte die Schale trotzdem vor ihr auf dem Tisch - ich fand das wirklich furchtbar und würdelos.
Ich wurde den Verdacht nicht los, dass er das tat um mir zu zeigen, wie toll es in seiner Suppenküche zugeht. - Es scheint durchaus keine Seltenheit zu sein, dass überlagerte Lebensmittel verkocht werden. Am zweiten Tag meiner teilnehmenden Beobachtung machte ein Angestellter einer Pizza-Kette
auf seinem Weg zur örtlichen MülldeponieHalt in der Suppenküche um sechs große Packungen rohe Eier abzuliefern, deren Verfallsdatum seit einem Tag abgelaufen war. Diese wurden den Essensempfängern am nächsten Tag als Spiegeleier zusammen mit Kartoffelsalat für Einsfuffzisch angeboten.
Auf meine Anfrage, woher die Sachen kommen, die die Kollegen in der Küche zu Essen machen, wurde mir gesagt, dass ein Größteil von den Tafeln stammt. Da diese die Sachen auch für lau an die Suppenküchen weitergeben und die in der Suppenküche Beschäftigten dann für 1 Euro pro Stunde arbeiten, scheint mir 1,50 Euro pro Essen mehr zu sein, als man verlanden müsste um zum Selbstkostenpreis zu wirtschaften. - Der Chef wies mich am Anfang an, meine Haare mit einer Haube zu bedecken, die ich von der Küchenchefin bekommen würde. Bei dieser Gelegenheit ermahnte er auch die Haupt-Essensausgeberin, da sie keine solche Haube trug. Als ich die Küchenchefin vor Dienstbeginn auf eine Haube hin ansprach, schüttelte sie nur mit dem Kopf - offenbar hatte hier schon lange niemand mehr eine solche Haube gesehen. Wann immer der Chef an der Essensausgabe vorbeikam, wartete ich auf einen Anranzer, aber er duldete unsere Haubenlosigkeit stillschweigend.
“Gegessen wird, was auf den Müll kommt!” - Auch wenn das nicht die Suppenküche ist, in der ich mitgearbeitet habe, so erweckte diese doch einen ähnlich hoffnungsvollen Eindruck wie es auf diesem Foto aus den 30er oder 40er Jahren des 20. Jahrhunderts eine Suppenküche der Winterhilfe Schweiz tut. - gefunden auf Wikimedia Commons
Ich schätze, dass ich mit meiner Arbeit die ich in den beiden Tagen in der Suppenküche geleistet habe, eher dazu beigetragen habe Armut zu verstetigen als sie zu verringern. Weit und breit habe ich nichts erkannt, was darauf hindeutete, dass irgendetwas in dieser Suppenküche diese Menschen dabei unterstützt, von dieser entwürdigenden Versorgung loszukommen. Man speist die Leute eben mal kurz mit was Nahrhaftem ab, wie es den Leuten dabei geht, ist egal. Stattdessen bringt noch jeder seine eigene Armut mitbringt und nimmt die Armut der anderen zusätzlich zu seiner eigenen noch mit nach Hause.
Das nennt sich negatives Sozialkapital: Genauso wie sich positives Sozialkapital bilden kann, wenn sich Menschen kennenlernen, die sich mit bestimmtem Qualifikationen gegenseitig unterstützen können, kann sich negatives Sozialkapital bilden, wenn sich Menschen kennenlernen, die sich mit bestimmten Mängeln gegenseitig runterziehen. Wobei es schon die Ausnahme zu sein scheint, dass sich in Suppenküchen Menschen überhaupt kennenlernen.
Mein Eindruck kann natürlich täuschen, schließlich war ich insgesamt nur sechs Stunden lang als teilnehmender Beobachter anwesend. Vielleicht bilden sich ja hier tatsächlich Netzwerke mit deren Hilfe sich Menschen gegenseitig unterstützen. Vielleicht empfinden die Menschen, die hier essen, das Angebot als eine wichtige Unterstützung bei ihrer Lebensführung, auch wenn man sich für 1,50 € wahrscheinlich besser versorgen kann, wenn man selber kocht. Für mich wirkte das was ich hier miterlebte und mitmachte wie ein Alptraum, in dem ein Teil der Gesellschaft aus stummen Zombies besteht, die in einem Schlaraffenland für Arme solange mit süßem Brei gefüttert werden, bis sie platzen.
Zum Unterschied zwischen Suppenküchen und Volxküchen
In den von mir beobachteten Volxküchen (und das sind bisher sechs Stück)
- braucht man nicht bedürftig zu sein um billiges Essen zu bekommen
- darf man Rauchen
- gibt es keinen Chef, möglicherweise wird hier sogar versucht jegliche Hierarchien zu vermeiden. Ob das gelingt, werde ich im Laufe meiner weiteren Forschungen herausbekommen
- schwatzt jeder mit jedem, jedenfalls ist es eher die Ausnahme, dass jemand ohne einen Gesprächspartner dasitzt. Oft geht es dabei um Politik und um momentane Lebensumstände
- kostet das Essen auch maximal 1,50 Euro ist m.E. aber frischer als die überlagerten Sachen, die in den Suppenküchen verteilt werden
- ist es relativ cool - yoh man! B-)
So, jetzt habe ich erstmal genug von Volxküchen geschwärmt, man könnte ja fast meinen mir fehle die wissenschaftliche Distanz ;)
Marcel Mauss: “Die Gabe” vs. Al Wilson: “The Snake”
0 Comments Published Mai 15th, 2009 in collective action, collective goods, Solidarität, Soziale Bewegung, Literaturempfehlung, Traditionen, Geschichte kollektiven Handelns, peer economy, Wohlfahrt, GeschenkeUm zu verstehen, was Marcel Mauss meint, wenn er schreibt, dass die Moral und die Ökonomie des Tausches, die sich in archaischen Gesellschaften (z.B. der Indianer, der Germanen) gebildet hat, auch in unseren Gesellschaften wirkt,1 ist es vielleicht am einfachsten, wenn ich mich daran erinnere, was mit mir passierte, als mich ein guter und langjähriger Freund neulich zu seiner Hochzeitsfeier einlud. Es soll eine richtig große Fatsche werden, mit Band, DJ, Feuerwerk, einer großen und reich gedeckten Essenstafel und allen Freunden, Nachbarn und Bekannten. Die Annahme der Einladung wird natürlich vorausgesetzt und mein Kommen damit auch.
Wobei: Ich überlege mir, dass ich der Hochzeitsfeier theoretisch auch fernbleiben könnte, allerdings bräuchte ich in diesem Fall schon eine (gute) Begründung. Beispielsweise eine schon seit langem geplante Reise oder eine (zumindest mittel-) schwere Krankheit. Einfach so zu Hause zu bleiben und nicht auf der Hochzeit zu erscheinen, wäre eine Variante, die mir meine Trägheit anbietet, die sich aber irgendwie seltsam anfühlen würde.

Je näher der Termin rückt, desto konkreter frage ich mich nun: “Was schenke ich dem Hochzeitspaar eigentlich?” Da ich Glück habe, hat mir mein Freund zusammen mit der Einladung einen kleinen und unauffälligen Hinweis der Art gegeben, dass er und seine Frau sich über Geldspenden für die anschließende Reise in die Flitterwochen freuen würden.
Bleibt noch nur die Frage “Wieviel?” - Hundert Euro? Oh mein Gott, das sind ja fast Zweihundert Mark!!! Eindeutig zu viel für einen Studenten wie mich. - Fünfzig Euro, also? Mmm….das ist nur ein halber Hunderter und wirkt dann doch irgendwie knausrig, oder? Ich kämpfe also mit mir und werde mich im Vorfeld der Feier noch mit einigen anderen eingeladenen “Leidesgenossen” darüber austauschen, was ein angemessener Betrag wäre. Auch hier hätte ich natürlich die Option nur einen oder zehn Euro zu schenken, immerhin macht Kleinvieh auch Mist, aber auch dabei wäre mir nicht wohl.
Um Mauss zu verstehen, könnte ich mich auch an Weihnachten erinnern und daran, dass ich und meine Eltern uns irgendwann versprachen - ich war wohl gerade aus dem Alter raus, in dem man an den Weihnachtsmann glaubt - jedenfalls versprachen wir uns, dass es zu Weihnachten ab jetzt keine Geschenke mehr geben würde. Der Einkaufs-Aufwand, die überfüllten Geschäfte, der Kaufzwang u.s.w. das waren alles Gründe, die uns davon abhielten, uns an der kollektiven Geschenkekauferei beteiligen zu wollen.
Tatsächlich war es dann jedoch eine ziemliche Katastrophe, als, wie abgemacht, am 24. Dezember keine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum lagen. Irgendwie war das Fest leer, man konnte die “Hohlheit” fast sehen und körperlich empfinden.
Im Jahr darauf gab es dann wieder Geschenke und alles war wieder okay. Nach ein paar Jahren müssen wir das desaströse geschenkfreie Weihnachtsfest wohl wieder vergessen haben, so dass wir erneut auf die Idee kamen uns zu versprechen, dass es diesmal keine Geschenke geben werde. Als meine Eltern dann entgegen der Abmachung doch ein paar Geschenke für mich besorgt hatten, ich selber jedoch mit leeren Händen da stand, machte sich in mir eine ziemlich unangenehme Mischung aus Scham, Enttäuschung und Wertlosigkeit breit.
Warum ist es so schwer keine Geschenke zu machen?
Das und noch viel mehr versucht der Ethnologe Marcel Mauss in seinem Buch “Die Gabe” zu erklären, welches 1950 unter dem Titel “Essai sur le don” zum ersten Mal erschien. So wie ich Mauss verstehe, geht er davon aus, dass der Austausch von Geschenken2 ein wesentliches, wenn nicht sogar das konstitutive Element vieler archaischer Gesellschaften ist. Dieser Austausch ist theoretisch freiwillig, hat praktisch jedoch Zwangscharakter d.h. ein Geschenk zwingt den Beschenkten dazu dem Schenker auch ein Gegen-Geschenk zu machen. Es besteht dabei nicht nur die Pflicht Geschenke zu machen, sondern auch Geschenke anzunehmen und Geschenke zu erwidern. Mauss führt diesen Gedanken weiter und schreibt, dass durch diesen Tausch eine friedliche Beziehung zwischen Menschen, Familien, Clans, Stämmen u.s.w. entsteht, sich eine Gesellschaft konstituiert.
Sich weigern, etwas zu geben, es versäumen, jemand einzuladen, sowie es ablehnen, etwas anzunehmen, kommt einer Kriegserklärung gleich; es bedeutet, die Freundschaft und die Gemeinschaft verweigern.
Solange der Ball also im Spiel ist, der Austausch von Geschenken praktiziert wird, solange bilden die Teilnehmer also Gesellschaft.
Die Frage die sich Mauss stellt, ist, was es für eine Kraft ist, die einem Geschenk innewohnt, die macht, dass der Beschenkte das Geschenk erwidern wird. Mauss betrachtet und vergleicht solche Institutionen wie den Potlatsch nordwestamerikanischer Indianer und den Kula-Tausch der Trobriander und stellt dabei fest, dass in den Vorstellungen der Menschen vieler Ethnien ein Geschenk immer ein Stück des Schenkers enthält. Das kann zum Beispiel ein Geist sein, der zum Schenker zurück möchte, das Gefühl des Schenkers oder ein Stück seiner Seele. Ein Nicht-Erwidern des Geschenkes kann je nach dem auf vielfältige Art und Weise sanktioniert werden: Verhexung, Ausschluss aus der Gemeinschaft, Verachtung, Verlust des Gesichtes oder des Namens. Im Umkehrschluss ist mit dem Schenken und Wieder-Schenken der Erwerb von Status, einem sozialen Netzwerk etc. verbunden.
Gaben heute
Mauss bezweifelt, dass das Prinzip des homo oeconomicus ausreicht um den Menschen der Industriegesellschaft zu beschreiben. Er glaubt daran, dass der wirtschaftlich nutzlose Tausch auch heute noch ein gestaltendes Element vieler Beziehungen ist. Am Ende seines Buches spannt er nämlich den Bogen von den archaischen Gesellschaften, in denen der Tausch die zentrale oder totale (d.h. ökonomische, moralische, juristische, ästhetische Phänomene einschließende) Tätigkeit ist, zu unserer industriellen Gesellschaft, deren Moral immer noch unter der Atmosphäre des Tausches steht, in der jedoch “ein großer Teil des industriellen und kommerziellen Rechts mit der Moral in Konflikt steht.”3
Die nicht erwiderte Gabe erniedrigt auch heute noch denjenigen, der sie angenommen hat, vor allem wenn er sie ohne den Gedanken an eine Erwiderung annimmt. … Milde Gaben verletzen den, der sie empfängt, und all unsere moralischen Bemühungen zielen darauf ab, die unbewußte schimpfliche Gönnerhaftigkeit des reichen ‘Almosengebers’ zu vermeiden.4
Noch vor knapp fünfzig Jahren (in einigen Teilen Deutschlands oder Frankreichs vielleicht vor noch kürzerer Zeit) pflegte das ganze Dorf am Hochzeitsmahl teilzunehmen; hielt sich irgendjemand abseits, so was dies ein schlechtes Zeichen, ein Beweis der Mißgunst, ein verhängnisvolles Omen.5
Neben den Implikationen die sich ergeben wenn man dieser Argumentation folgt (die Verletzung der Besucher einer Suppenküche durch Almosen, die schimpfliche Gönnerhaftigkeit der Sponsoren sozialer Einrichtungen), plädiert Mauss in den Schlußfolgerungen seiner Betrachtungen dafür, die Prinzipien des Tausches wieder auszugraben.
Das Leben eines Mönchs muß ebenso vermieden werden wie das eines Shylock. Diese neue Moral wird eine glückliche Mischung von Wirklichkeit und Ideal sein. So kann und soll man zu archaischen und elementaren Prinzipien zurückkehren; man wird dann Handlungsmotive entdecken, die zahlreiche Gesellschaften und Klassen noch kennen: die Freude am öffentlichen Geben; das Gefallen an ästhetischem Luxus; das Vergnügen der Gastfreundschaft und des privaten und öffentlichen Festes. Die Sozialversicherung, die gemeinsame oder gegenseitige Fürsorge der Berufsgruppen und all jener moralischen Personen, denen das englische Recht den Namen ‘Friendly Societies’ verleiht, sind mehr wert als die bloße persönliche Sicherheit, die der Adlige seinem Lehnsmann gibt, mehr als das karge Leben, das der vom Arbeitgeber ausgehändigte tägliche Lohn gewährt, mehr sogar als kapitalistische Ersparnisse, die nur auf einem schwankenden Kredit gründen.6
VoKü als Gabe?
Das ist natürlich hier die Frage. Lässt sich das Engagement der VoKü-Macher als Gabe im dem Sinne denken, in dem es Mauss für die archaischen Gesellschaft beschreibt? Welchen Zweck hat sie dann für diese großzügigen Menschen, die eine VoKü machen und die dafür nötigen Ressourcen zur Verfügung stellen? Was bekommen diese zurück, bzw. was erwarten diese von ihrem Engagement? Was geschieht mit Leuten die nichts zurück-”schenken”? Werden diese sanktioniert? Wie?
Schlangen sind einfach nicht dafür gemacht, jemandes Freund zu sein.
Johnny Rivers - The Snake
Eine Geschichte über die dysfunktionalen Folgen altruistischen Verhaltens wird in Al Wilsons Lied “The Snake” erzählt, dass im obigen Video von Johnny River geschmettert wird: Eine Frau findet bei ihrem Morgenspaziergang eine halberfrorene Schlange im Gras. Sie nimmt das Tierchen mit zu sich nach Hause, legt es ins Warme und gibt ihm Milch und Honig zu fressen. Als sich die Schlange nach ein paar Stunden erholt hat, lässt sie sich von der Frau streicheln und liebkosen, um sie anschließend mit ihrem tödlichen Biss ins Jenseits zu befördern. Schon im Delirium fragt die Frau die Schlange noch, warum sie ihr, der Retterin, einen so schlechten Dank erweist. Die Schlange meint daraufhin, dass sie eben eine Schlange sei und dass die Frau jetzt nicht so ein Tra-ra machen solle; schließlich habe sie ja von Anfang an gewusst, dass sie da eine Schlange mit nach Hause genommen habe.
Was ist die Moral dieser Geschichte?
- Mauss, M. (1990) Die Gabe : Form und Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften. Frankfurt/Main, Suhrkamp. S.19 [↩]
- ”… das was ausgetauscht wird, [ist] nicht ausschließlich Güter und Reichtümer, bewegliche und unbewegliche Habe, wirtschaftliche Dinge. Es sind vor allem Höflichkeiten, Festessen, Rituale, Militärdienste, Frauen, Kinder, Tänze, Feste, Märkte …” - ebd. S.22 [↩]
- ebd. S.159 [↩]
- ebd. S.157 [↩]
- ebd. S.158 [↩]
- ebd. S.162.f. [↩]
Lineale und Ideale
3 Comments Published April 29th, 2009 in VoKü, Diplomarbeit, Methoden der SozialforschungUm das Phänomen VoKü beschreiben zu können wurde mir im Rahmen des Diplomandenkolloquiums empfohlen, es in Dimensionen zu zerlegen, wie z.B. “Sozialkapital”, “Freundschaft”, “Netzwerke”, “Soziale Sicherheit”, “Überwindung der Trennung zwischen privat und öffentlich”, “persönliche Entwicklung der Besucher”, “Motive der Macher” u.s.w.
Diese Zerlegung in Dimensionen führt dazu, dass ich eine VoKü operationalisieren, d.h. mit einem Werkzeug messen kann. Das wiederum hat zur Folge, dass ich intersubjektiv überprüfbare Aussagen über VoKüs machen kann. Wissenschaft also. Yeah!
Um beim Beispiel des Sozialkapitals als Dimension der VoKü zu bleiben: Sozialkapital lässt sich mit dem “Namensgenerator”, dem “Positionsgenerator” oder dem “Ressourcengenerator” messen. Der Namensgenerator (tatsächlich generiert er nur ein Messergebnis, nicht tatsächlich Namen) kann beispielsweise helfen herauszufinden, wie viele Kontakte ein regelmäßiger Besucher einer VoKü vor seinen Besuchen und nach seinen VoKü-Besuchen hat, d.h. wieviele Kontakte er durch seine VoKü-Besuche dazugewonnen hat. Wenn ich diesen Namensgenerator auf mehrere VoKü-Besucher anwende um zu messen, wie sehr eine VoKü zur Erhöhung des Sozialkapitals ihrer Besucher beiträgt, könnte ich möglicherweise irgendwann sagen, dass VoKüs das Sozialkapital ihrer Besucher um durchschnittlich 10 Prozent erhöhen.
Die Frage ist allerdings: Will ich das? Denn verbunden mit diesem Messen ist eine Aussage darüber, was VoKüs sollen und jeglichem Messen liegt eine Idealvorstellung zugrunde: Ein Weitspringer, dessen Weite gemessen wird, soll möglichst weit springen, weil dies dem Ideal des Weitspringens entspricht. Ein Mensch, dessen Puls gemessen wird, soll möglichst gesund sein, weil dies dem Ideal des Zustandes von Menschen entspricht.
“Je länger, je lieber.” - Eine Aussage, der sich in diesem Fall wohl die wenigsten Menschen anschließen würden. - Horseshoe Whip Snake, drawing and lithography by Karl Joseph Brodtmann, “Naturgeschichte und Abbildungen der Reptilien” by Heinrich Rudolf Schinz (1777-1861) and Karl Joseph Brodtmann (1787-1862) - gefunden auf Wikimedia Commons
Diese Ideale sind aber keine gottgegebenen Gesetze, sondern sie sind menschengemacht. Sie sind von den Werten einer Gesellschaft und ihrer Mitglieder geprägt und wie diese Werte verändern sie sich mit der Zeit.
Eine VoKü deren Beitrag zur Erhöhung des Sozialkapitals gemessen wird, soll möglichst viel Sozialkapital generieren. Das ist ein Ideal, welches ich als Erziehungswissenschaftler habe, aber können, wollen und sollen VoKüs nach meinen Idealen funktionieren? Natürlich nicht und so muss ich mal rausfinden, welche Werte in VoKüs herrschen. Diese Werte könnten dann Basis für die Dimensionen sein, die ich zur “Vermessung” einer VoKü benutze.
Von der ungeahnten Schwierigkeit einer Suppenküche zu helfen
0 Comments Published April 28th, 2009 in Bürgerengagement, Diplomarbeit, Methoden der Sozialforschung, Kritik der Hilfe, Wissenschaftskritik, Essen, Wohlfahrt, SuppenkücheWeil ich mit meiner Arbeit über VoKüs gerade nicht so recht vorankomme - ich kann momentan nur 1x pro Monat an einer VoKü teilnehmen, was sehr wenig ist, wenn die Arbeit auf teilnehmender Beobachtung basiert - und auch um den Fokus ein wenig von den VoKüs weg und mehr auf die sozialen, ökonomischen und organisatorischen Fragen von Sozialer Arbeit bzw. “Sozialer Arbeit von unten” zu legen, habe ich mich entschlossen auch in Suppenküchen als teilnehmender Beobachter tätig zu werden. Ich möchte Suppenküchen untersuchen um herauszufinden, wie sie funktionieren, wie sie organisiert sind, wo sie ihr Geld herbekommen und welche Funktionen sie erfüllen. Ich denke, auch wenn Suppenküchen eher so ein Klassiker der Armenversorgung sind und ich ihnen erstmal instinktiv Armutserhaltung unterstelle, könnte mir dieses Wissen über Suppenküchen helfen herauszufinden was VoKüs sind, bzw. was sie nicht sind.
Gestern Vormittag bin ich also mal zu einer Suppenküche hier in der Stadt geradelt und habe nachgefragt ob ich mithelfen kann. Die Chefin meinte:
“Ohh, nee! Wir haben hier so viele 1-Euro-Jobber, die sind in der Küche und überall und da sind wir echt voll mit Leuten.”
“Da lässt sich gar nichts machen?”
“Nee, dann haben wir auch noch Stundenleister, wir sind praktisch schon übervoll”
Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer sein kann in einer Suppenküche gemeinnützige Arbeit zu leisten. Eine Suppenküche ist ja jetzt nicht die UNO oder eine Weltklasse-Werbeagentur, wo die Praktikanten Schlangestehen und sonstwas drum geben um sich mal etwas ausbeuten lassen zu dürfen. Oder?
Was hätte die Chefin gesagt, wenn ich Superman oder eine gute Fee gewesen wäre und gefragt hätte, ob ich irgendwie helfen kann? Vielleicht: “Ach nee, bei uns machen gerade zwei indische Magierinnen im Rahmen einer Integrationsmaßnahme ein Praktikum, die zaubern uns jeden Tag drei mal eine neue Inneneinrichtung und mehr Wunder brauchen wir momentan nicht.”
Irgendwie ist das doch komisch, oder? Da gibt es Armut und wenn ehrenamtlich engagierte Menschen helfen wollen diese zu lindern, merken sie, dass der Staat ohne diese Armut gar nicht wüsste, was er mit den anderen armen, den 1-Euro-Jobbern nämlich, machen soll. Was wären wir nur ohne unsere armen Armen?
Habe nur ich den Eindruck, dass hier indische Magierinnen, 1-Euro-Jobber (von denen garantiert auch einige zaubern könnten, wenn man sie liese) und Supermänner in ihren Entfaltungsmöglichkeiten und in ihrer Kreativität künstlich auf Sparflamme gehalten werden, damit die primären Bedürfnisse anderer Leute, die strukturell bedingt am Existenzminimum rumhangeln, ihr Essen bekommen? Was ist das für eine Art des Umganges mit Armut? Warum zaubern die indischen Magierinnen nicht gleich für jeden der hungrig in die Suppenküche kommt einen Zaubertopf aus dem Märchen “Der süße Brei“, der von alleine soviel Essen kocht, wie man will?
Jedenfalls bin ich zur zweiten Suppenküche geradelt. Irgendwie muss man doch in so eine Suppenküche reinkommen. Selber Spruch:
“Ich studiere Sozialpädagogik und würde im Rahmen meiner Diplomarbeit über soziale Essenseinrichtungen gerne in ihrer Suppenküchen mithelfen und mir das alles ein bisschen ansehen.”
“Okay, wie oft können Sie kommen?”
“Na, drei, vier mal die Woche”
“Gut, dann kommen Sie ab nächstem Montag immer um halb elf, da können Sie an der Essensausgabe mitmachen, das sind drei Stunden und dort kriegen Sie alles mit. Eine Schürze bekommen Sie von uns.”
Auch griechische Kunst-Studentinnen sind dem Klassentourismus nicht abgeneigt.
Pulp - Common People (1995/6)
Der Chef wirkte etwas im Stress, aber Wow! Sehr nett, dass er mich gleich in der Mitte platziert, wo ich aus seiner Sicht vermutlich einen guten Überblick habe und viel mitbekommen werde. Yippie! Ich bin dabei. Nächsten Montag geht’s los.
Allerdings habe ich den Eindruck, dass mich der Chef nur “genommen” hat, weil ich ein wissenschaftliches Interesse an der Suppenküche habe und er mich dabe irgendwie unterstützen will. Nur zum Helfen hätte er mich wahrscheinlich auch nicht gebraucht. Ich verwandle mich also vom Forscher in einen Class-Tourist, der mit seinem tollen Laptop (made in China - wahrscheinlich unter Missachtung sämtlicher sozialer und umweltbezogener Standards) versucht, hier einen irgendwie hippen Blog und eine Diplomarbeit hinzuzaubern. Zynisch, oder?
Ich sollte zu diesem Thema ein neues Posting schreiben, aber jetzt werde ich erstmal in der Mensa Abendessen. Es gibt:
- Rindergeschnetzeltes Stroganoff mit Butterbohnen, dazu Reis für 2,10 €
- Broccoli-Kartoffelauflauf für 1,70 €
Vom Privat- zum Vereinsmahl - eine Frage der Organisation
0 Comments Published April 20th, 2009 in collective action, Bürgerengagement, VoKü, collective goods, Diplomarbeit, Traditionen, Geschichte kollektiven Handelns, Kochen, Essen, peer economyKlinghardt erklärt zwar nicht, warum sich die Leute in der hellenistisch-römischen Epoche ausgerechnet zum gemeinschaftlichen Essen und nicht zum gemeinschaftlichen Am-Ohr-Kratzen, Bergsteigen, Pimpern, Singen oder Tanzen zusammengefunden haben. Er beschreibt aber (auch wenn er dabei recht kurz bleibt) zwei Formen des gemeinschaftlichen Essens, nämlich das Privatmahl und das Vereinsmahl, und erklärt unter welchen Umständen sich Privatmähler zu Vereinsmählern entwickelten.1
- Ein Privatmahl ist nicht etwa ein allein oder im Familienkreis eingenommenes Mittag- oder Abendessen - Einzelesser sind in der Antike verpönt - sondern ein Gemeinschaftsessen, welches privat finanziert und organisiert wird. Der Organisator ist ein Individuum und die einfachste Form dieses Gemeinschaftsmahls ist es jemanden zu sich nach Hause zum Essen einzuladen. Dabei hat der Gastgeber für Speisen, Getränke und den Koch zu sorgen. Damit er dabei nicht verarmt, kann er von den Teilnehmern auch Beiträge für die Kosten des Mahls erbitten.2
Mit Mancur Olsons Augen betrachtet würde es sich bei der Gruppe um eine kleine Gruppe bzw. bei dem Gemeinschaftsmahl um ein Gut handeln, an dem eine der teilnehmenden Personen ein so großes Interesse hat, dass sie alleine bereit ist, sämtliche zur Produktion des Gutes anfallenden Kosten zu tragen. Zumindest aber würde sie die gesamte Organisation der Produktion des Mahls übernehmen. - Ein Vereinsmahl hingegen ist ein gemeinsam organisiertes Gemeinschaftsmahl. Den Begriff “Verein” darf man dabei nicht in unserem heutigen juristischen Sinn, also als “eingetragener Verein” verstehen, sondern eher als Gemeinschaft oder Vereinigung mit einem bestimmten Zweck.
Zwar können, wie bereits bemerkt, auch für Privatmähler Beiträge von den Mitgliedern der Gruppe erhoben werden. Laut Klinkhardt liegt der wesentliche Unterschied von einem Vereinsmahl zu einem Privatmahl aber darin, dass für die Herstellung eines Vereinsmahles eine gewisse Organisationsstruktur nötig ist. Diese kann entweder aus einem lockeren Kreis von Freunden bestehen oder aber in der Form eines Vereins institutionalisiert sein.3
Bei einem Vereinsmahl wird also nicht nur gemeinsam konsumiert, wie das beim Privatmahl geschieht, sondern auch gemeinsam produziert. Eine antike Form der Peer-Production also.
Sowohl Privatmahl als auch Vereinsmahl waren also Mahle, die gemeinsam … tja wie heißt es: gegessen, eingenommen oder begangen ? … wurden; sie unterschieden sich lediglich in der Art der Produktion.
Klinkhardt weist darauf hin, dass die Grenze zwischen Privat- und Vereinsmahl fließend ist. Je höher der Organisationsaufwand, also je mehr Leute benötigt werden um das Gut zu erbringen, desto weniger kann von einem Privatmahl gesprochen werden.4
Ich denke, dass diese Unterteilung in Privat- und Vereinsmahl so auch auf VoKüs zutreffen könnte: Es gibt sicher einige VoKüs, die hauptsächlich im Freundeskreis angefangen haben. Man kennt sich und kocht zusammen und jedeR, der am Essen teilnehmen möchte, bringt was mit. Vielleicht funktioniert das dann so ähnlich wie es Gerhard Schöne im Lied “Das Festmahl” beschrieben hat.
Lieber Freund, komm zu Tisch, // hier ist Platz noch für dich.
Was du geben kannst, leg’ in die Runde.
Sei es Wein, sei es Schmalz, // es ist gut zu gegebener Stunde.So muss ein Festmahl sein // Jeder bringt etwas ein.
Jeder nimmt etwas mit: Ein Törtchen, ein Wörtchen, ein Lied. …
Je mehr Leute kommen, desto größer wird allerdings der Organisationsaufwand. Weil die Runde immer unübersichtlicher wird und nicht mehr nachzuvollziehen ist, wer was mitgebracht hat und wer nicht, kann es passieren, dass freeriding zu einem Problem zu werden beginnt. Um die durch freeriding entstehenden Probleme (z.B. der Unterversorgung mit einem Gut) zu lösen, muss man sich etwas einfallen lassen: Ein paar Leute setzen sich also zusammen und überlegen, wie man das Mahl mal anders organisieren kann. Möglicherweise überlegen sie sich, welche Sanktionen man Leuten gegenüber anwendet, die etwas oder nichts zum gemeinsamen Mahl beitragen. Und schwups!, ist es keine Privatveranstaltung mehr sondern eine Vereinsgeschichte.
- Klinghardt, M. (1996) Gemeinschaftsmahl und Mahlgemeinschaft : Soziologie und Liturgie frühchristlicher Mahlfeiern. Tübingen, Francke [↩]
- ebd. S.29 ff. [↩]
- ebd. S.32 f. [↩]
- ebd. S.30 [↩]
Essen und Gemeinschaft
0 Comments Published April 20th, 2009 in Diplomarbeit, Literaturempfehlung, Traditionen, Geschichte kollektiven Handelns, Kochen, Christentum, Essen, SelbsthilfeIn Harald Lemkes Buch “Ethik des Essens”1 habe ich einige Hinweise darauf gefunden, wie die Einnahme von Mahlzeiten und die Bildung von Gemeinschaft miteinander zusammenhängen.
Lemke zeigt nämlich, dass in der hellenistisch-römischen Epoche (etwa 350 v.u.Z. bis 350 u.Z.) mit den Tischgemeinschaften und Vereinsmählern “die einzige subkulturelle Form einer außerfamiliären und nichtstaatlichen, freien Vergemeinschaftung von Gleichgesinnten” bestand.2. Das bedeutet, dass in dieser Epoche jede Form der nichtstaatlichen und nichtfamiliären Gemeinschaft über die gemeinsame Einnahme des Essens organisiert wurde. So waren auch die Leute, die Jesus um sich scharte, über die Einnahme gemeinsamer Mahlzeiten miteinander verbunden.
Um die angemessene Verwendung des Bestecks gab es auch in den ersten VoKüs schon einige Verwirrung: so nutzten die Apostel das Brotmesser fälschlich zum Tranchieren von Fleisch. Ein Umstand der Jesus sichtlich in Verlegenheit brachte. - Bassa, Jacopo: “Last Supper” 1549, Öl auf Leinwand” - gefunden auf Wikimedia Commons
Man fragt sich ja immer so, wie es Menschen schaffen miteinander zu interagieren und sich zu Gruppen formen. Da ist die Erklärung mit dem Essen eine für mich sehr beeindruckende Erkenntnis. Es scheint nämlich so, als ob das Essen eine Art Magnet wäre, der die Menschen zusammenbringt oder ein Kitt, der sie zusammenhält. Und weil ich diese Erkenntnis so wunderbar finde, noch ein Zitat aus dem Buch in dem die Verwandlung Einzelner zu einer Gruppen, bezogen auf die Tischgemeinschaft um Jesus, von Lemke so beschrieben wird:
“Das Essen, das Zustandekommen der Mahlsituation verwandelt die beteiligten Menschen in eine Gemeinschaft im Geiste Gottes. Die Anwesenden erfahren also eine reale Wesensverwandlung, indem sie im Mahlritual zu Christen werden und ihr Christsein im Mahlhalten kundtun.”3
Natürlich bleiben viele Fragen offen:
- Warum war es das Essen und nicht das Kartenspielen, das diese Gemeinschaften stiftete?
- Hätten die Leute nicht einfach alle für sich oder in ihren Familien Kochen und Essen können?
- Hatten diese hellenistischen VoKüs auch ökonomische Hintergründe?
- Waren diese gemeinschaftlichen Mahlzeiten Teil einer größeren Bewegung, wie z.B. DIY oder sind sie eine Art der Selbsthilfe zur Nahrungsversorgung, wie die peruanischen Volksküchen oder wie oder was?
Und damit gibt es wieder mehr als genügend Stoff, der erforscht werden will. Jetzt gehe ich aber erstmal was essen.
- Lemke, H. (2007) Ethik des Essens: Eine Einführung in die Gastrosophie. Berlin, Akademie Verlag [↩]
- ebd. S.109 [↩]
- ebd. S.110 [↩]
Widerspenstige Untersuchungsgegenstände
0 Comments Published April 15th, 2009 in VoKü, Diplomarbeit, Methoden der Sozialforschung, Wissenschaftskritik“Habe ich als Forscher eine Verantwortung für das was ich untersuche? Wie gehe ich mit meinem Forschungsgegenstand um?”
Welchem Biologen stellen sich diese Fragen wenn er bei der Entdeckung eines Käfers einer neuen Art darüber entscheidet, wie er diesen behandelt? (Einfrieren? Einkochen? Einsperren? Infizieren?) Und welchem Psychologen stellen sich solche Fragen, wenn er bei der Therapie eines Rauchers erkennt, dass die Gesundheitsstandards der Krankenkassen etwas anderes sind als das Wohl des Patienten? (”Rauchen Sie, wenn es Ihnen gefällt.” vs. “Wenn Sie aufhören, bekommen Sie einen Bonus der Krankenkasse. [Und ich mein Gehalt.]”)
Es scheint als ob Wissenschaft für die so Untersuchten ziemlich gefährlich ist. Denn diese scheinen einem Forscher ausgesetzt zu sein, der primär seine Interessen vertritt.
Woher kommt in der Wissenschaft die Gefahr für den Untersuchten?
Zuerst scheinen viele Wissenschaften einen Moment des Eindringens zu kennen. Es gibt die unterschiedlichsten Instrumente dafür: Mikroskope, Scheren, Interviews, Fragebögen, therapeutische Gespräche. Der Wissenschaftler der Menschen untersucht dringt dabei oft in ein Gebiet und gleichzeitig in einen Lebensraum ein. Ein solches Eindringen ist für die dort Einheimischen sicher nicht sehr angenehm, bedroht es doch auch ihren Status.
Außerdem glaube ich, dass die Gefahr für den Untersuchten durch die erhöhte Position des Wissenschaftlers gegenüber seinem Forschungsgegenstand entsteht. Diese Position kommt, wenn man es mal linguistisch betrachtet, schon in solchen Formulierungen wie “über etwas Bescheid wissen…”, “den Gegenstand untersuchen” und “Daten erheben” zum Vorschein.
Dass ein “Wissen über…” für den “Untersuchten” potentiell gefährlich ist, ergibt sich also vielleicht gar nicht aus dem Wissen an sich, sondern bereits aus der erhöhten Position, die der Wissenschaftler einnimmt, wenn er “seinen” Forschungsgegenstand untersucht. Etwas über jemanden zu wissen riecht in meiner Nase schon sehr nach Manipulation.
Was wäre die Position eines Wissenschaftlers, der nichts über andere weiß, sein Wissen aber mit anderen teilt? Er würde neben dem Untersuchungsgegenstand stehen, der dann aufhört Untersuchungsgegenstand zu sein, und zum Mitsuchungsgegenstand wird. Dann ist die Frage: “Wonach suchen wir eigentlich?”
Widerspenstige Untersuchungsgegenstände
Die Sache ist die, dass es momentan nicht sooo super läuft mit meiner Diplomarbeit über VoKüs. Okay, okay - ich stehe ganz am Anfang: also “Don’t panic” und so; dennoch flimmert auf dem langen waagerechten Horizont vor mir etwas, das so aussieht wie ein Problem und gleichzeitig auch eine Chance und ich gehe langsam darauf zu.
“”Native habitation” from Volume 1 of John Lort Stokes’ 1846 book Discoveries in Australia.” - gefunden auf Wikimedia Commons
Es scheint mir als ob VoKüs gegenüber dem gemeinen Wissenschaftler widerspenstig, wenn nicht gar widerständig sind. Widerstand gegenüber Forschern tritt sicher auch bei anderen Untersuchungen auf, wenn ich auch durch googeln nach “Widerstand gegen Wissenschaftler” keine Treffer finden konnte. Trotzdem stelle ich mir vor, dass Leute oft einfach keine Lust haben, sich auf die intimen Fragen des Interviewers einzulassen oder dass sich Tiere durch Zerren und Beißen gegen ihre Verwendung in schmerzhaften Tierversuchen wehren. Aber was sollte eine VoKü gegen ihre Untersuchung haben?
Zunächst den Umstand dass ich, wie oben schon angedeutet, als Forscher in ein Gebiet eindringe, welches den VoKülerInnen gehört und dabei Grenzen auf eine Art überschreite, die so von sonst niemandem überschritten werden. Die Gäste der VoKü dürfen schließlich nicht einfach so in der Küche rumlatschen oder in den Töpfen rumrühren.
Ein Freund gab mir den Hinweis, dass VoKüs außerdem auf eine “Aufhebung getrennter Lebenswelten” abzielen. Diese Aufhebung mache ich aber in dem Moment wieder zunichte, in dem ich mich als Wissenschaftler in die VoKü stelle und sage: “So hier bin ich, jetzt macht mal was, damit ich Euch beobachten und darüber meine Diplomarbeit schreiben kann.”
Ich glaube, diese Widerständigkeit der VoKü gegenüber dem Wissenschaftler als großem Von-Einander-Scheider1 bestätigen zu können - und darin sehe ich ein Problem für meine Arbeit-, denn nachdem ich meine erste teilnehmende Beobachtung in einer VoKü protokolliert hatte, kam es mir rückblickend plötzlich so vor, als ob ich nur von Außen durch das Bullauge eines U-Bootes geschaut hätte. Dabei bin ich doch eigentlich drin gewesen und habe sogar ein paar Knöpfe gedrückt und Schalter bewegt. Dieses Gefühl des Da-Gewesen-Seins-und-Doch-nicht-Da-Gewesen-Seins ist etwa so als ob ich mich bei meiner teilnehmenden Beobachtung in einer großen Seifenblase durch die VoKü bewegt hätte. Habe ich meine teilnehmende Beobachtung am Ende nur geträumt? Und das Protokoll gar auch nur über einen Traum geführt? Oder wurde ich gar verzaubert?
- vgl. die Etymologie des Wortes “Science” bei Etymonline.com: probably originally “to separate one thing from another, to distinguish,” related to scindere “to cut, divide,” from PIE base *skei- (cf. Gk. skhizein “to split, rend, cleave,” Goth. skaidan, O.E. sceadan “to divide, separate [↩]
Forsch kochen
0 Comments Published April 6th, 2009 in collective action, VoKü, collective goods, Methoden der Sozialforschung, KochenVor fünf Tagen habe ich zum ersten Mal bei einer VoKü mitmachen und hinter die Kulissen schauen dürfen. Und seit vier Tagen schreibe ich an einem Protokoll, mit dem ich zu dokumentieren versuche, was ich an diesem Abend erlebt und beobachtet habe. Oder vielmehr: was davon noch aus meiner Erinnerung abrufbar ist. Dabei erstaunt mich Folgendes:
- Teilnehmende Beobachtung ist ein Riesenaufwand: auf eine Stunde des Erlebens kommen bei mir etwa vier bis fünf Stunden des Aufschreibens; nachdem ich nun Alles, an was ich mich von diesen sieben erlebten Stunden erinnern kann, aufgeschrieben habe, sind 35 A4-Seiten gefüllt (1,5 - facher Zeilenabstand)
- Mein Gedächtnis ist ziemlich gut: Ich kann mich auch nach fünf Tagen (solange schreibe ich jetzt schon) noch an Details erinnern, die mir während des Erlebens nicht aufgefallen sind und auf die ich überhaupt nicht geachtet habe.
- Teilnehmende Beobachtung ist von der Verfassung des Beobachters zum Zeitpunkt der Beobachtung abhängig: Es gab im Laufe meiner Teilnahme ein paar Zeitpunkte, zu denen ich sehr aufgeregt war (z.B. als ich die eigentliche Küche zum ersten Mal betrat oder als ich selber Essen ausgab). Von diesen Erlebnissen habe ich nur noch sehr wenig in Erinnerung. Möglicherweise arbeitet die Wahrnehmung sehr fokussiert, wenn man aufgeregt ist?
Während meiner Vorbereitungen auf diesen Abend habe ich mich immer gefragt, ob es denn nicht besser wäre, das Erlebte direkt während der Teilnahme zu protokollieren und nicht erst danach. So, dachte ich, könnte man das Risiko des Vergessens minimieren. Nach meinen ersten Erfahrungen denke ich nun, dass ich wahrscheinlich ein viel weniger umfangreiches Protokoll erhalten hätte, wenn ich so verfahren wäre. Abgesehen davon hätte mich das sofortige Protokollieren in eine noch distanziertere Position versetzt und sowohl vom Kochen als auch vom Beobachten abgehalten.
Dazu fällt mir gerade ein Bild aus dem Film Kitchen Stories von Bent Hamer ein, in dem ein schwedischer Küchenforscher im Rahmen eines Programms zur Küchennutzungsoptimierung in der Küche eines norwegischen Junggesellen auf einem Hochsitz hockt und alles protokolliert, was dieser tut. Der Film endet nach einer wilden Tour de Force skuriler Szenen schließlich damit, dass die wissenschaftliche Distanz aufgegeben wird und Beobachter und Beobachteter Freundschaft miteinander schließen. Mmmhh…eigentlich ein schönes Bild zum Sieg der Freundschaft über eine Wissenschaft, die ihre Aufgabe in der Optimierung um ihrer selbst willen sieht und dabei die so genannten “menschlichen Werte” vergisst.
Volksküchen in Peru & Traditionen kollektiven Handelns
0 Comments Published März 25th, 2009 in collective action, politics, Bürgerengagement, VoKü, Solidarität, Diplomarbeit, Soziale Bewegung, Literaturempfehlung, Peru, Traditionen, Geschichte kollektiven HandelnsEine andere Art der Volksküchen als die VoKüs, die es hier in Deutschland gibt, stellt Cornelia Schweppe in Ihrer Dissertation “Überleben und verändern: Volksküchen in Lima, Frauen der Armutsviertel organisieren sich” aus dem Jahr 1991 vor.
“Qichwa-Indianer aus Conchucos (Ancash), Peru” - gefunden auf Wikimedia Commons
Die Autorin hat in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts mehrere Jahre in Peru gelebt - einem im Vergleich zu Deutschland recht armen Land - und eine Volksküche in der Hauptstadt Lima über mehrere Jahre beobachtet sowie deren Betreiberinnen interviewt. Dabei untersucht sie auch die Voraussetzungen und die Bedingungen unter denen die Volksküchen in Peru entstanden sind. In einem recht gut lesbaren Stil beschreibt die Autorin die Geschichte und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sehr detailliert. Dabei fielen mir an der peruanischen Gesellschaft folgende Besonderheiten auf:
- die krassen sozialen Unterschiede zwischen Arm und Reich sowie Stadt und Land
- der rasante Wirtschaftsabschwung - inklusive Inflation von bis zu 7000% und Arbeitslosigkeit von bis zu 80% - den Peru in den Jahren zwischen 1960 und 1990 durchgemacht hat
- (infolge dessen?) die hohe Anzahl der Leute, die im informellen Sektor arbeiteten. Informeller Sektor “heißt, daß man sich selbst einen Arbeitsplatz schafft, man wird also ’selbständig’, ohne dies jedoch offiziell anzumelden oder dafür Steuern zu bezahlen.”1
- seit der Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts eine Parteinahme der katholischen Kirche für die Belange der Armen, (Stichwort “Befreiungstheologie“) in deren Folge die katholische Kirche für arme Bevölkerungsteile zu einer vertrauenswürdigen Institution wurde
- häufige Landbesetzungen (bei denen es auch zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt) durch Familien und Gruppen. Aus diesen Landbesetzungen sind die Armenviertel der Großstädte entstanden.
Die Autorin zeigt, dass die Geschichte Perus zwei Arten von Volksküchen hervorgebracht hat. Die comedores populares (Volksmensa) und die cocinas del pueblo (Küchen des Volkes). Erstere sind von Frauen organisierte Basisorganisationen, deren Ziel es ist Essen preisgünstiger zuzubereiten, als dies alleine zu Hause möglich ist. Die Entstehung dieser comedores populares lässt sich bis in das Jahr 1978 zurückdatieren.
Zweitere sind Mitte der achtizger Jahre im Rahmen der beiden Regierungsprogramme Programa de Empleo Temporal und Programa de Asistencia Directa entstanden. Ziel dieser Regierungsprogramme war es Armut zu lindern und Arbeitsplätze zu schaffen. Von verschiedenen Seiten wurden diese Programme jedoch dafür kritisiert, Einfluss auf das politische (Wahl-) Verhalten der Hilfeempfänger zu nehmen, sowie die Autonomie von Basisorganisationen zu beschneiden.2
Sehr interessant im Zusammenhang mit der Entstehung von Volksküchen in Peru sind die von der Autorin beschriebenen Institutionen der faela, der ayni und der minka, die sie auf alte inkaische Traditionen der Gemeinschaftsarbeit zurückführt. Bei der faela erledigen die Bewohner eines Dorfes in gemeinschaftlicher Arbeit eine bestimmte Sache, die allen Bewohnern zugute kommt, wie z.B. das Säubern einer Straße oder eines Flusslaufes. Die faela dient somit offenbar der Herstellung öffentlicher Güter. Solche faelas, die ein bis mehrere Male pro Jahr stattzufinden scheinen, verlaufen nach der Beschreibung der Autorin hoch ritualisiert. Da werden z.B. geschmückte Kreuze aufgestellt, eine lange Pause gemacht in der miteinander diskutiert wird, zusammen Alkohol getrunken wird, etc. Die Teilnahme der Dorfbewohner an einer faela scheint recht verbindlich zu sein. Die Nichtteilnahme wird negativ sanktioniert, zumindest muss man Rechenschaft darüber ablegen:
Jetzt ist der Zeitpunkt, wo der eine erklärt, warum er in der letzten Faena nicht erschienen ist…3
Mit der sog. ayni beschreibt die Autorin eine weitere traditionelle Form der gemeinschaftlichen Aktion - die ayni scheint dabei die kleine Schwester der faela zu sein. Diese ayni wird demzufolge bei der Herstellung nichtöffentlicher Güter praktiziert, zum Beispiel wenn eine Familie ein Haus baut und die anderen Dorfbewohner dabei helfen. Die Teilnahme ist zwar freiwillig, aber wer nicht mitmacht, kann dann eben auch nicht darauf hoffen, dass man ihm/ihr beim Hausbau hilft. Die ayni scheint soetwas wie Nachbarschaftshilfe zu sein.
Die minka schließlich scheint eine Form der gegenseitigen Hilfe zwischen nur zwei Personen zu sein. Dabei wird z.B. ein bestimmter Dienst wie der eines Heilpraktikers durch ein bestimmtes Gut, z.B. eine Mahlzeit vergolten.4
Im weiteren Verlauf des Buches führt die Autorin die Existenz der peruanischen Volksküchen auf diese alten inkaischen und immernoch praktizierten Formen kollektiven Handelns zurück. Genausowas interessiert mich bei den VoKüs auch: was sind die Traditionen an die VoKüs anknüpfen und durch welche Riten wird kollektives Handeln erreicht?
“Suchaktion des Kartoffelkäfers in Mecklenburg-Vorpommern - Die Schuljugend wird zum Absuchen der Pflanzen eingesetzt (eine angenehme Pflicht).” - gefunden auf Wikimedia Commons
Bei meinen ersten Recherchen zum Thema Voküs habe ich irgendwo gelesen, dass sich diese aus der Westberliner Hausbesetzerszene über Ostberlin vor allem nach Ostdeutschland ausgebreitet haben. Leider finde ich die entsprechenden Quellen gerade nicht mehr. Dennoch finde ich es eine spannende These die Existenz von VoKüs speziell in Ostdeutschland auf Formen kollektiven Handelns zurückgehen zu lassen, welche in der sozialistischen DDR praktiziert wurden. Da fällt mir beispielsweise der Subbotnik ein.
- Schweppe, C. (1992) Überleben und verändern : Volksküchen in Lima, Frauen der Armutsviertel organisieren sich. Frankfurt am Main, Peter Lang. S.78 [↩]
- vgl. ebd. S.160 [↩]
- Aus der Schilderung eines Dorfbewohners. in: Schweppe, C. (1992) Überleben und verändern : Volksküchen in Lima, Frauen der Armutsviertel organisieren sich. Frankfurt am Main, Peter Lang. S.110 [↩]
- vgl.: Schweppe, S. 111 ff [↩]
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